Der Maler der Masken, James Sidney Ensor, der 1860 in Ostende zur Welt kam und dort nicht nur 1949 starb, sondern sein langes Leben hauptsächlich in dem westflandrischen Seebad verbrachte, war eine streitbare Persönlichkeit. Johannes Winter hat die Spuren des belgischen Künstlers in dessen Heimatstadt aufgesucht.

Reportage

Der Maler, das Meer, die Masken

James Ensor, ein Leben in Ostende

Von Johannes Winter

Wenn James Ensor von seiner Stele im Leopold-Park aufblickte, fiele sein Blick auf einen grasigen Hügel, dem eine Blumen-Uhr mit Riesenzeigern eingepflanzt ist. Die sich drehen, wie es sich gehört. Der Maler hätte sie als Zumutung empfunden, denn Zeitangaben brauchte er schon lange nicht mehr. Zumal in seinem Rücken, durch eine Drehung des Kopfes leicht erkennbar, ein großes gelbes Plakat den Höhepunkt der Karnevalsaison pünktlich für das Wochenende ankündigte, den „Bal Rat Mort“, den „Ball der toten Ratte“. Ein städtisches Ereignis seit über einhundert Jahren. Der eigenwillige Name war ein Mitbringsel aus Paris, das ein paar feierlustige Karnevalisten einst vom Montmartre nach Ostende an die Nordsee mitgebracht hatten.

Erinnerte Ensor sich daran, so würde sich ihm ein tiefer Seufzer entrungen haben, denn gleich um die Ecke, im Kulturpalast „Casino-Kursaal“ ging der Ball seit eh und je über die Bühne. Oft hatte er in der Jury gesessen, die die schönste Maskerade prämierte.

Wie es zu seiner Zeit zuging, als der Festausschuss vom Komitee der „Toten Ratte“ ihn einlud, an einer Sitzung teilzunehmen – Lachen und Begeisterung laut Statuten vorgeschrieben -, teilte er einmal einer Freundin brieflich mit: „Bei meiner Ankunft im Hotel packen mich ein Henker und ein Teufel, zerren mich in einen Raum, entreißen mir Mantel und Hut und stecken mich in das üppige Gewand eines antikes Priesters. Dann schieben sie mich in einen großen Saal, in dem dreißig Mitglieder des ,Rat Mort‘ sitzen, prächtig als Teufel, Ungeheuer, Griechen, Seeräuber, feine Herren, Ritter usw. gewandet. Diese seltsame Gruppe zierte eine Estrade. Ich nehme unter ihnen Platz und mache mit. Man stellt der Gesellschaft ein paar Fragen und erlegt ihr einige nicht gerade appetitliche Aufgaben auf. Dann haben wir fröhlich soupiert.

Danach hat man als Schattenbilder Figuren aus meinen Arbeiten vorgestellt. Sie wurden von einer Kantate begleitet, die alle Mitglieder im Chor wiederholten. Und so habe ich alle Gestalten meiner Bilder vorbeiziehen sehen: Pennbrüder, Skelette, Masken, Spinnen, Käfer, Veteranen, Zivilgarden, Eunuchen, schwangere Frauen, Hahnreie, Polizisten, seltene Tiere, Bettler, Einarmige, Schweine, Säufer, Fischer, Kühe. Und schließlich mich selber, ungefähr wie wenn ich aus einer Kathedrale käme.“

Unverdrossen: der „Ball der toten Ratte”

Beim 117. Ratten-Ball wäre er ernüchtert gewesen. Neugierig auf den Einmarsch der Karnevalisten hatten wir uns im Foyer postiert, um mitzubekommen, ob die Kostümierung des bunten Völkchens auf Bewährtes zurückgriff. Und siehe da, Närrinnen und Narren trugen farbige Strickmütze über schwarzer Zopfperücke – das Motto von Nr. 117 war „Jamaica“ -, Ordensbrust über Bierbauch, Abendkleid über roten Strümpfen, weißen Smoking mit Fliege. Humbahumbatäterä. Die Globalisierung von karnevalistischer Heiterkeit und Verkleidung. Kaum drei kostümierte Damen waren, mit Larven versehen, aus der Nordseekühle in den Tanzsaal des gewaltigen Kursaal-Gebäudes geschlüpft. Von Ensors Welt, von seiner Masken-Vielfalt keine Spur. Die Hoffnung, seiner Leidenschaft für verborgene Visagen zu begegnen, erwies sich als Trugschluss.

Am nächsten Morgen war der Spuk vorbei. Zeit zum Auslüften auf dem Strand oder besser auf der Strandpromenade, einst der Deich, nun Laufsteg für Feiernde und Asketen, für Jogger, Skater, Rad-, Roller-, Tretauto-Fahrer, für Flaneure und Promeneurs, endloser Raum, um hoch- und niedrigbeinige Hunde auszuführen oder die eben erworbene Garderobe. Der Prachtboulevard, der sich um den gewölbten Bug des Kursaals in fast ungehöriger Breite hinzog, Strand und Meer auf Tuchfühlung, seit den Zeiten, als die belgischen Könige hier ihrer Sommerfrische nachgingen, in der Belle Époque, als Ostende die Krone der „Königin der Seebäder“ beanspruchte.

Blick auf die Strandpromenade, Ostende, 2007. Foto: Hans Hillewaert / Wikimedia Commons

Es war von jener Architektur an der König-Albert-Promenade, in und an der wir uns im Gefolge von Ensor ergingen, nicht allzu viel übrig geblieben. Der große Wandel von der Pracht zum Zweck, vom Stil zum Nutzen, vom Lebensgefühl zur Investition, von der mit Türmchen geschmückten Maison Floréal, in der einst Stefan Zweig logierte, zum gesichtslosen Appartementhaus. Dazwischen die goldverzierte Jugendstil-Fassade der „Villa Maritza“, ein Solitär – der Versuch, untergegangene Zeiten zu bewahren. So wanderten wir denn mit leiser Betrübnis die Fassaden entlang. Hatten uns drein zu schicken.

Ensor war anders gewesen. Er schrieb sich seinen Zorn in Tischreden, Vorträgen, Pamphleten und Aphorismen von der Seele. Wurde zum Wüterich, als das Vorhaben ruchbar wurde, auf den Deich ein Denkmal zu setzen. Geradezu hemmungslos griff er die Stadtväter an, die sich zu Derartigem erdreisteten, „ohne an die unberechenbare See zu denken, an Wellenstöße, tote Quallen, äolische Fürze, frische Brisen, Sand- und Muschelregen, Blähungen der Seehunde, Orkane, herabstürzende Haufenwolken, Wasserhosen und Zyklone, stehenden Wind, Zugwinde, heimtückische Böen, Purzelbäume übermütiger Tümmler, Späße sich amüsierender Schalentiere, Möwenschiss, Luftsprünge von Krabben, Heulen von Seehunden, Angstschweiß von zurückschwimmenden Kabeljaus, Meerjungfernlaich, Undinenschleim, Völlerei von Thunfischen, Prügeleien unter Merlanen und das Heulen von Walfischen.“

War dem noch etwas hinzuzufügen? Vielleicht sollten wir an der Balustrade innezuhalten. Aufs Geländer gestützt wie einst der Maler hatten wir ein Strandleben vor uns, das geprägt war von Vorsicht und Verhüllung, dem erwachenden Frühling geschuldet. Hübscher Kontrast zu Ensors „Badenden von Ostende“, dem Wimmelbild unter grinsender Sonne, das er ausgestattet hat mit Wasserratten und Sonnenanbetern, mit Badekarren, Körpern in gestreiften Badeanzügen, kotzenden Mädchen, kopulierenden Hunden, einer furzenden Frau, einem fummelnden Bademeister, einem Voyeur mit Fernrohr: der Maler selbst.

Ein Beispiel seiner Vorliebe für Karikatur und Comic. Wenn er sich nicht impressionistischen Neigungen überließ, die er auslebte in Bildern wie „Marine“ oder „Glänzende See“. Land, Meer und Himmel standen ihm genug zur Verfügung. Er nahm sich die Elemente, vermischte, verquirlte oder schichtete eins mit dem anderen, in verlaufenden Farben. Nach Laune und Eingebung streichelte er sie auf die Leinwand, bis er zufrieden war.

Ein Blick nach rückwärts, auf die Fassade der Promenade, und wir hatten die Folgen der Bauwut seit den fernen zwanziger Jahre vor Augen, die schon Ensor auf die Barrikaden getrieben hatte. Ihn empörte die Zerstörung der Landschaft, von der Stadt nicht reden, zu einer Zeit, als Umweltschutz noch so fern wie der Mond war. Leidenschaftlich attackierte er immer wieder seine Lieblingsfeinde, die Architekten. Auf einer Ruhebank genehmigten wir uns die Fortsetzung der vergnüglichen Lektüre:

„Warum diese herrliche, respektheischende Gegend plündern, kahlschlagen, absperren, umbrechen, verstacheldrahten, wegschaffen, wässern, umzäunen, verschandeln, zerstückeln, verspießen und verstänkern. Ihr barbarischen Architekten, ihr wildgewordenen Holzhacker, ihr schamlosen Zerstörer. Man muss unverzüglich die letzten großen Schönheiten der belgischen Landschaft verteidigen; bald wird die Hässlichkeit das alles mit ihrem trüben Schleier zudecken, und die Tage des Lichtes werden traurig vor einer besudelten Natur fliehen, die für unsere Freuden gestorben ist. Vor allem in Ostende bieten unsere Hafenbecken bei der Einfahrt in die Stadt ein herrliches Bild von eindringlicher maritimer Schönheit, ohne eine Spur Banalität, aber unsere Restauratoren, Steinkratzer, scheeläugigen Gipser und eilfertigen Abreisser liegen bereits auf der Lauer.“ Diesen verhassten Zerstörern Einhalt zu gebieten, forderte Ensor mit Verve, „das Wasser in den Hafenbecken erdbeer-, pfefferminz-, zitronade- und pernodfarbig zu tönen“.

Ungeliebt: die Architekten

Kein Zweifel, die Zunft der Gebäudeentwerfer hatte der Maler derart auf dem Kieker, dass die Berufsbezeichnung „Architekt“ sein Lieblingsschimpfwort wurde. Es schien, als nutze er jede Gelegenheit, ihnen in ihrer Eigenschaft als Umweltfrevler die Leviten zu lesen. Ensors Wortkaskaden begannen, einen suchtförmigen Nachgeschmack zu verströmen, und so mussten wir uns, am Saum des Meeres spazierend und das Profil von Ostende im Blick, auch jene Sottise gönnen, die er über „Technokraten“ geschrieben hat: „Geschwätzige, stotternde, schachernde, bleichgesichtige, schwankende, aphone, kakophone und kakochyme Technokraten, pupillenlose, blinde, sehschwache Netzhautknacker! Ihr produziert massenhaft ungestalte Projekte! Ihr heißhungrigen Zerstörer unserer unberührten Landschaft! Ihr missgestalteten und klobigen Erdvermesser! Ihr Architekten ohne Maulkorb, eure veralteten Kästen kotzen uns an. Ihr kurzsichtigen Backsteinbeißer, auf euren sandgoldenen azurnen Wappenschildern wird in unauslöschlichen Lettern stehen: Hafenbecken von Ostende. Und ich rufe abschließend und aus voller Lunge: Nieder mit den Vandalen! Nieder mit den technischen Stubenhockern! Nieder! Nieder mit den Zerstörern der großartigen Schönheit unseres Flandern!“ Eine wahrhaft heftige Abneigung, die er sich bis zum Tod bewahrte. Dort, wo Ensor begraben war, wollten wir ihn aufsuchen und verließen die Promenade. Stießen auf einen Haufen riesiger knallroter Skulpturen, die wie Schuhkartons mit Dellen den Zugang zur Seebrücke säumten. Als hätte ein Riese mit ihnen Fußball gespielt. Verpackungsmüll, so der erste Eindruck. Noch dazu nachts angestrahlt. Wir nahmen die Küsten-Trambahn, die die belgische Küste zwischen Knokke und De Panne hoch und runter fährt, und gelangten nach Mariakerke. Noch behauptete sich das Marien-Kirchlein neben den Ausläufern der jüngsten Appartementhäuserwelle von Ostende, die dabei war, das Gotteshaus zu bedrängen. Auf der Wiese des Kirchhofs fanden wir Ensors Grab. Eine beschnittene Pyramide für den „Baron“, zwischen blühenden Krokussen und Osterglocken. In Verehrung ein Strauß roter Rosen, der schon hinüber war.

War es sein Wunsch gewesen? War es die dankbare Gemeinde, die ihm seinen letzten Ort weit draußen, jenseits der Stadtgrenze eingeräumt hatte? Für ein Verdienst, das wie ein Abgesang klang: „Vor dem Zugriff verrückter Baumeister hat er die ehrwürdige kleine Kirche von Mariakerke retten können, die vor den Dünen hockt wie eine kranke Möwe.“

Noch einmal zurück zur Stele im Park, von der, schien uns, Ensor mit seinem Oscar-Wilde-Scheitel in die kleine Welt seiner Heimatstadt blickte. Wir stellten uns vor, er würde seinen Kopf nach rechts wenden, nach Westen, wo die Sonne dabei war, in die Nordsee zu sinken. Wie er die Abend-Dämmerung mit ihrem unwiderstehlichen Spiel der Farben einsog, sie auskostete. Seine Sehnsucht, ihr nahe zu sein, ihren Stimmungen nachzuspüren. Was er liebte, was er fürchtete. Gefühle von Wehmut, von Behagen, von Einsamkeit heimzutragen vor die Staffelei.

Die letzten Strahlen übergossen den Himmel mit Blut, Purpur, Feuer. Wie im Wettstreit tauchte die aufsteigende Dunkelheit dahinjagende Wolken in Weiß und Grau. Von einem kräftigen Wind aufgemischt, steigerte das Schauspiel die Farbenpracht ins Dramatische, bis die Nacht den Vorhang zog und das Firmament in ihre Schwärze eintauchte. Bühne frei für den riesigen Vollmond, der seine Bahn aufnahm, umspielt vom Funkeln der Sterne, hoch über den unsichtbaren Wassermassen des düster bewegten Meeres. „Ruf des Lebens und Einladung zum Tod“, so widersprüchlich war, was Albert Camus bei seinem Anblick verspürte. Der Satz hätte Ensor gefallen, bei all der Hemmungslosigkeit, mit der er sich seiner eigenen Farbenlehre hingab:

„Übersättigt vom britischen Purpur präsentiere ich meine Farbtöne. Taubenbrüstchen, Rehbauch, Lunge, störrischer Maulesel, rötlicher Malakken-Hintern, Lapis und Malachit, Schenkel ergriffener Nymphen, Blutwurstsaft, Stoppeln wildernder Masthähnchen, Igel-Aspik, Kalfaterer-Kaldaunen, würdiges Rosa, weichliche Malve, truthahnernes Weiß, Violett verklemmter Duckmäuserei, Papst-Pantoffel, Quelle unbefleckter Klarissen, unbeschreibliches Rot, Ensor-Azur, theatralisches Gelb, mumienhafter Totenkopf, Erzbetongrau, gebräuntes Seladon, verblichene Schnecke“. Gut möglich, dass es die Feier der Farben war, das Fest des Lichts, das James Ensor lebenslang an Ostende fesselte. Der Steinmetz hatte es bekräftigt, als er des Malers Motto in die Stele meißelte: „Pro luce nobilis sum – Für das Licht bin ich geadelt worden“. Den Spruch hatte er sich anlässlich seiner Erhebung in den Adelsstand durch Belgiens König erwählt. Da war der Sonderling längst populär geworden. Bei Gelegenheit stellte er, der Sprachspieler, der Klang-Gourmet, seiner Farbenliste eine fantastische Litanei ausgefallener Vokabeln zur Seite:

„Ah, wie gerne male ich mir die schönen Worte von schmetterndem Licht aus, Worte, die ihr unseren Schmerz empfangt, ich liebe euch, ihr roten und wie Spaniens Zitronen gelben Worte. Worte wie eleganter Fliegen stählernes Blau, wohlriechend wie die fließend Seide, Worte so zart wie duftende Rosen und Algen, stechende Worte azurnen Getiers, Worte gewaltiger Rachen, Worte unbefleckten Hermelins, von Sand und Meer ausgeworfene Worte, grüner als der Sirene Gewand, verschwiegene Worte wie Muschelgeflüster, Worte von Glocken und Kristallen, peitschende Worte, eisige Worte, kühle Worte des weißen Marmors, bittere Worte, Worte von Frankreichs Lilien und flämischen Kornblumen, Worte des Schmerzes, Worte der Stürme und Orkane, Worte des Schilfes, weise Worte der Kinder, Worte des Regens und weinende Worte, ihr Worte ohne Reim und Räson, ich liebe euch, ich liebe euch.“

„Dikke Mathille“
„Dikke Mathille“

Ein letzter Besuch im Park. Verweilen an seiner Büste mit der kleinen Hoffnung, er würde seinen Kopf nach links drehen. Ensors Blick wäre über die „Dikke Mathille“ geschweift, eine ziemlich mollige nackte Dame, Liebling der Stadt, die sich in einem Brunnen mit dem Titel „Das Meer“ fläzte. Hängengeblieben wäre er jenseits des Boulevards an dem von le Corbusier inspirierten kubischen Gebäude der Hauptpost, einem eindrucksvollen Beispiel modernistischer Baukunst der Nachkriegszeit, das gerade noch zu seinen Lebzeiten – er starb anno 1949 im Alter von fast 90 Jahren – fertig geworden war.

Posthum erst hätte ihn die Nachricht erreicht, dass daraus einmal ein Kulturzentrum werden würde, die Schalter recycelt für den Verkauf von Tickets für Ausstellungen, Theater und Tanz. Eine Umwidmung, die im Sinne Ensors gewesen wäre, der dort noch Briefumschläge und -marken erworben hatte, um ihnen mit Spucke zur ewigen Verbindung zu verhelfen. Der große Saal war nun genutzt als Café, das Gäste anzog statt Kunden. Wir hatten die Wahl zwischen etlichen Blumen und Blüten aus dem reichhaltigen, bunten, belgischen Bier-Bukett.

Unbedingt: das Haus in der Flandernstraße

Ein Besuch bei James Ensor zuhause, in der Flandernstraße, keine zwei Minuten von der Strandpromenade entfernt. Das Wohnhaus, so niedrig wie schmal, stand wie eingequetscht zwischen den doppelt so hohen Ferienwohnungsbauten, die die Straßenfassade ausmachten. Eintritt in den Andenkenladen seiner Mutter, in eine museale Kopie. Hinterm Tresen die wandfüllende Vitrine, der Versuch, das historische Angebot zu imaginieren. Ein Sammelsurium aus Souvenirs, Muscheln, Masken, Tralala, Postkarten und Museumskatalogen. Verzichtet war auf Chinoiserien und Cotillons, Papiergebilde, die man sich zu Ensors Lebzeiten bei Walzer oder Polka artig überreichte. In der Ecke ein Garderobeständer mit Hut und Mantel. Alles „original“, so die Wächterin, und es staunten die Kinder einer Schulklasse, während sie geduldig auf das „Weiter!“ der Lehrerin warteten.

Kurz vor Beginn des 1. Weltkriegs, in der Sommerfrische von Ostende, hatte Stefan Zweig dem Maler hier seine Aufwartung gemacht, war durch die Zimmer des Hauses gewandelt. Der Besuch blieb Zweig unvergesslich. Bis in „Die Welt von Gestern“. Mit seinen „merkwürdigen Schrullen“ hätte „dieser geniale Harpagon“ – Molières fleischgewordener Geizhals – die Besucher erheitert: „Er hing mit derselben Gier am Gelde wie an jedem seiner Werke.“

Wir waren in Ensors Familienleben angekommen. Er hat es einmal dargestellt, das Gemälde trägt den unzweideutigen Titel „Die Intrige“. Darauf versammelt er eine Gruppe von Figuren, auf den ersten Blick eine heitere Maskengarde: die Großmutter, Mutter Catherine, Schwester Mietje, sein erstes Modell, ihren chinesischen Mann, Tante Mimi. Auf den zweiten eine Ansammlung erstarrter Mimik, bösartiger Grimassen, missgünstiger Blicke.

Der Tod fehlt nicht, der Vater schon. Ensor hatte ihn geliebt, mit großer Zuneigung gemalt. Frédéric-James Ensor stammte aus England, war weitgereist, hatte in Ostende geheiratet. Der Fehler seines Lebens, er scheiterte, verfiel dem Alkohol, starb früh. Ensor: „Ich habe meine Kindheit inmitten von glänzenden perlmuttfarbigen Muscheln mit tanzenden, schillernden Reflexen und den bizarren Skeletten von Meeresungeheuern und pflanzen verbracht. Diese herrliche Welt voll Farben, diese Überfülle von Spiegelungen und Strahlen hat aus mir einen Maler gemacht, der in die Farbe verliebt und von der blendenden Glut des Lichtes entzückt ist. Auch und fast noch mehr ein düsterer, Schrecken erregender Speicher voller Spinnweben, Raritäten, Muscheln, Pflanzen und Tieren aus fernen Meeren, schönem Porzellan, rost- und blutfarbigem Trödel, roten und weißen Korallen, Affen, Schildkröten, getrockneten Seesternen und ausgestopften Chinesen.“

Die schmale Treppe über einen roten Läufer hinauf in den ersten Stock, ins Kuriositätenkabinett , in den Blauen Salon. Ensors Atelier. Sein Bild vom „Lieblingszimmer“ – mit Kamin, Klavier und Anrichte – im Sinn, wirkte das Interieur wie ein Zitat. Dem Raum, gemustert mit bunten Tapeten, Teppichen und Tischtüchern, fehlte eigentlich nur der schlafende Hund. Des Malers Zuhause, sein Reich war sorgfältig komponiert und gebaut, die eigenen Bilder an den eigenen vier Wänden angebracht, in einer Ordnung, so selbstgewiss wie darum besorgt, nichts in fremde Hände zu geben, die Gemälde bei sich zu haben, sie sich zu erhalten. Was schon Stefan Zweig bemerkt hatte. An der Wand eine Reproduktion des berühmten Riesen-Werks „Christi Einzug in Brüssel“. Ensor als leidendes Genie, Christus´ Alter Ego, auf einem spitzohrigen Esel reitend, inmitten einer dichtgedrängten Manifestation, die Masse Mensch, ob uniformiert oder zivil, unter Masken. Ein Totentanz.

Ensor, dessen Spitzname „Pierrot la Mort“ lautete, malte seine Mitmenschen in ihrer Schminke, als Charakter-Masken, er arbeitete sich ab an Lug und Trug, am Bedrohlichen, das er ihnen entzog, in den zugekleisterten, zur Fratze erstarrten Gesichtern suchte, um es sichtbar zu machen. Es ging ihm darum, ihre Heuchelei zu de-maskieren, sie zu ent-larven. Ihr wahres Gesicht zu zeigen. Inspiriert von den Dämonen seines Lieblingsschriftstellers Edgar Allan Poe.

Über dem Kamin entdeckten wir das Bild „Verärgerte Masken“, wie Ensor ein stummes Zwiegespräch genannt hat, das der betrunkene Vater und die beunruhigend als Hexe verkleidete Mutter mit den Augenhöhlen eines Totenkopfes führen, wortlos. Das Doppeldeutige, Rätselhafte des Fin-de-Siècle darstellend, das er in der Maskerade zu verlebendigen suchte. Protagonisten, die die Maske fallen ließen. An den Esstisch des Salons war eine Puppe gesetzt, mit Maske. An der Staffelei hing ein Skelett, mit Maske. Ensors immerwährender Versuch, in den Gesichtern seiner Zeitgenossen den Panzer wahrzunehmen, der ihre Züge verbarg, sie zu reduzieren bis auf ihren Totenschädel, aufs Skelett. Sich vorzunehmen, wer ihn und sein Werk nicht verstand, wer ihn und seine Bilder ablehnte. In seinen desillusionierten Worten:

„Die Ostender, ein Austernpublikum, rühren sich nicht, sie wollen die Bilder nicht sehen. Feindseliges Publikum, auf dem sandigen Strand kriechend. Der Ostender verabscheut die Kunst. Klebriger Kot, der sich in einer Muschel windet, Fresser ekelhafter Dinge, gestaltlos, brabbelnde Meerestiere. Letztes Jahr haben dreißig Ostender die Ausstellung besucht, dieses Jahr werden wir die Zahl einunddreißig erreichen.“

Wir standen am Fenster des Salon-Ateliers, blickten hinaus und konnten es nicht fassen. Ensor, dachten wir, sollte froh sein, dass er von dieser Aus- und Ansicht verschont geblieben war. Auf der anderen Straßenseite erhob sich ein gewaltiger Wohnturm mit hunderten von Appartements, 35 Stockwerke hoch ragte er in den Himmel. Machte die historische Einheitlichkeit des Stadtprofils zunichte. Angesichts von derart unverhohlenem Vandalismus kam uns die Frage müßig vor, ob den Maler beim Anblick des Monsters der Schlag getroffen oder ob er den Verantwortlichen eine seiner berühmten Tiraden in Rabelais´scher Manier entgegengeschleudert hätte.

Ensor war ein Flaneur von Gnaden, kein Nichtstuer. So hatte ihn auch Erich Heckel gemalt, der einst zu Besuch in Ostende weilte. Als würde Ensor jetzt vor uns in der Flandernstraße stehen: ein rüstiger Siebzigjähriger, wie immer in Schwarz, das weiße Haupthaar im Wind, dunkle Augen, der weiße Vollbart sorgfältig gestutzt, Schleife unterm Stehkragen, die Linke am Revers des Sakko. Um im nächsten Moment zu einem Rundgang durch seine Stadt aufzubrechen. Begleitet von seinem treuen Diener August, beobachtete er, was sich veränderte, sammelte Stoff für seine Bilder, fing Eindrücke wie mit dem Schmetterlingsnetz ein. Eine Angewohnheit, so leicht, so verführerisch, die uns bewog, ihm ohne Zögern zu folgen. Ins Herz der Stadt, auf den Wapenplein, den Waffenplatz, darauf der „Kiosk“, ein Musikpavillon, kunstschmiedeeisern, achteckig, gewölbtes Zinkdach. An Gounod, Rossini und Wagner erinnernd, ein beliebtes Freiluft-Konzertpodium, auch für Ensor. Das „Falstaff“ nebenan, einst Stammlokal des Malers, war für einen Aperitif gut, bevor wir uns an seine Fersen hefteten, vorbei an der tiefschwarzen Fassade seiner ersten Galerie, jetzt auf der Liste von Leerstand. Mit Ensor in der Stadt unterwegs zu sein, bedeutete, auf den ersten Blick die Welt als wahr zu betrachten, als real. Er aber wanderte im Sog seiner Imagination. Was er vor sich sah, was er ansah, verwandelte er in Stoff für seine Bilder, seiner Fantasie verhaftet. Wie nahmen ihn seine Mitmenschen wahr?

Unübersehbar: ein schöner Mann

Nur wenige waren so einfühlsam wie Emma Labotte, seine Mäzenin und Muse aus Brüssel: „Man weiß, dass er sehr schön und von großer Gestalt war. Vielleicht der schönste Mann seiner Zeit. Ein Rubens, aber schlanker. Er war frei von jedem Dünkel: aber man empfand eher eine rührende und leicht verhangene Schüchternheit, die wiederum den Besucher befangen machte. Er erscheint mir zugleich bescheiden und stolz, mutig und furchtsam, tapfer und mutlos; halbe Gefühle sind ihm fremd. Grau-Braun-Grün, changierend wie das Meer, blicken seine Augen gewöhnlich sanft und traurig drein. Gelegentlich rächen sie sich für ihre angeborene Scheu durch das Aufblitzen einer fröhlichen Ironie. Die Augenlider schnell gehoben, schnell gesenkt, Blicke, die insgeheim dein Innerstes ergründen wollen.“

Als ob Madame Labotte die angemessenen Worte für sein Selbstbildnis gefunden hätte, auf dem sich der junge Maler nach dem Vorbild seines Landsmannes Rubens auf die Leinwand gesetzt hat; ein attraktiver Mann, auf dem Kopf einen bunten Blumenhut samt Feder.

Sein langes Leben hat Ensor in der Geburtsstadt verbracht, fast neunzig Jahre wohnte er hinter der Strandpromenade. In jungen Jahren bekam er mit, wie das belgische Königshaus Ostende zum Sommersitz auswählte, was der Stadt in der aufkommenden Konkurrenz der Seebäder einen kräftigen Vorsprung gab. Schnell wuchs die Stadt, sie war eine schöne, die Belle Époque bekam ihr gut. Gleich bei der Ankunft ließ sich das bemerken.

Wir waren mit dem Zug angereist, in Empfang genommen von einem Bahnhof, der, mit zwei massigen Turmbauten bestückt, in stolzer Angemessenheit zwischen den Hafenbecken ruhte, Land mit Wasser verbindend, gebaut für den Verkehr von Zügen wie Schiffen. Nicht weit davon die Buden des Fischmarkts. Das ging nicht ohne einen Imbiss ab. Kabeljau, Muscheln, frisch aus dem Meer. Die harte Arbeit der Fischer auf See blieb unsichtbar. Ensor hatte Sympathien für die Seeleute. Er war noch ein junger Mann, als sie gegen die Dominanz der englischen Fischereiflotte rebellierten. Ihren Aufstand schoss die Bürgerwehr zusammen. Während sich die Urlauber am Strand aalten, lagen um die Ecke drei Tote auf der Straße. Ensor hat sie gemalt. Der Kampf der Streikenden hat ihn berührt, er hat sie ernst genommen. Manche seiner Gemälde wurden zu historischen Dokumenten.

Noch einmal die Küstentram. Auf nach De Haan, das auch „Coq au Mer“ heißt. Es ist der schönste Ort an der kurzen belgischen Küste. Die Straßen trugen Namen von Dichtern und Malern. Das kleine Bahnhofsgebäude, die Häuser, die Villen hatten die Anmutung von Individuen, jedes war eigen. Wir waren verblüfft, es gab weder Wohnblocks, noch Appartementhäuser. Kein Wunder, dass sich Albert Einstein hier wohlfühlte. Einer Einladung des belgischen Königs folgend, hatte der Nobelpreisträger, auf der Flucht vor den Nazis, in der Villa Savoyarde ein vorübergehendes Zuhause gefunden. Wir bemerkten ihn, hinterm Fenster im 1. Stock stehend, im blauen Pulli, wie er uns aus einem Foto zulächelte.

Nach De Haan waren wir Ensor gefolgt, ein Foto in der Tasche. Von der Villa Savoyarde führte es uns zu einem weißen Haus mit prächtigem Fachwerkgiebel, in dem einst ein Restaurant zuhause war, das „Au Coeur Volant“. Welch ein Name! Die Szene auf dem Foto spielt im Garten des Hauses, am Tisch eine Herren-Runde: Minister, Dolmetscher, Einstein. Und Ensor. Die beiden im Gespräch. Einsteins Mähne im Wind, Ensor wie üblich vom Hut bis zu den Schuhen in Schwarz, weißer Vollbart. Im Sommer ´33. Das Foto vor Augen, traten wir vors Haus, bemerkten den kleinen Park, darin eine Bank, auf der Einstein Platz genommen hatte, als Skulptur. Wir setzten uns neben ihn. Auf den Knien hielt er ein Buch mit der Aufschrift „Fantasie ist wichtiger als Wissen.“ Irgendwie tröstlich. Einstein hat den Besuch Ensors erwidert. Ein paar Wochen später trat er im Kursaal zu Ostende auf. Der Entdecker der Relativitätstheorie mühte sich ab als Geiger. Der Maler lauschte ihm. Neben ihm saß die belgische Königin Elizabeth.

James Ensor überlebte den 1. wie den 2. Weltkrieg, blieb glücklich verschont von den deutschen Bomben auf seine Heimatstadt, blieb unverheiratet. Als die Stadt Ostende ihm zum 75. Geburtstag im Kursaal eine Gala ausrichtete, hielt er eine letzte, eine große Rede, die trunken war von seiner Leidenschaft für die Sprache der Bilder, der Farben, der Worte. „Ich zeichne liebend gerne die schönen, farbig besetzten Wörter. Ich rede, schreibe, höre gerne die dem in Bilder verliebten Maler eigene Sprache. Reden wir nicht mehr in Kinder-, Küchen-. Kirchensprachen, reden wir frisch und frei, grün und klar, heiß und kalt, mit dem Zement klingender Adjektive. Zum Teufel mit dem dreckigen Gewäsch, das die blökenden Literatenkälber auskotzen. Ja, ich mag die starken Ausdrücke, die gewiss farbig sind, vielleicht auch überspitzt und übertrieben, aber stets lapidar und preziös. Ich bin gekommen, den Bourgeois zu ärgern, Kindermund zu frönen, den fetten Ideologen zu erzürnen, die entsetzten Weiber mundtot zu machen, den Spötter zu sterilisieren, den Muffel zu geißeln, den steifen Bauern Girlanden zu winden. Brüllen wir die konservativen Phrasendrescher mit ihren verstaubten Formulierungen nieder, all die faden Schwätzer, die systematischen Hätschelkinder, die Strohmänner, die Schleimscheißer und bellenden Souffleure, diese vom Absinth buntscheckigen Papageien, diese wortlosen Gutturalklangaffen, diese gestikulierenden Lautsprecher, diese klebrigen Rotznasen, diese unweigerlich ästhetischen Maler, die vor Folter- und Pissstühlen katzbuckeln, weil sie Ruhesessel geworden sind.“

Als wären sie auferstanden, hatte Ensor all die bösen Geister aus dem Hut gezaubert, sie herbeizitiert. Um sie zu bannen, um sich in ihrer Anwesenheit seine Nöte, Bedrängnisse, alle Ekelhaftigkeiten der Welt von der Seele zu reden. Was nicht ohne eine Prise Selbstironie abging. Seiner Suada hätten wir gerne beigewohnt, ihre Wirkung auf das Publikum ausgekostet.

Vorabdruck aus dem im August 2015 erscheinenden Buch:
Johannes Winter, Mit Künstlern unterwegs – Wo Maler, Dichter und Musiker ihr Glück fanden
Frankfurt 2015 bei Brandes & Apsel

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erstellt am 20.7.2015

James Ensor, Selbstporträt mit geblümtem Hut, 1883, Mu.ZEE Ostende
James Ensor, Selbstporträt mit geblümtem Hut, 1883, Mu.ZEE Ostende

»Man weiß, dass er sehr schön und von großer Gestalt war. Vielleicht der schönste Mann seiner Zeit. Ein Rubens, aber schlanker. Er war frei von jedem Dünkel: aber man empfand eher eine rührende und leicht verhangene Schüchternheit, die wiederum den Besucher befangen machte…«

Emma Labotte

James Ensor: Bal du Rat Mort
James Ensor: Bal du Rat Mort (Ball der toten Ratte)

James Ensor, Badende in Ostende, 1899, Museum voor Schone Kunsten, Gent

»Warum diese herrliche, respektheischende Gegend plündern, kahlschlagen, absperren, umbrechen, verstacheldrahten, wegschaffen, wässern, umzäunen, verschandeln, zerstückeln, verspießen und verstänkern. Ihr barbarischen Architekten, ihr wildgewordenen Holzhacker, ihr schamlosen Zerstörer. Man muss unverzüglich die letzten großen Schönheiten der belgischen Landschaft verteidigen…«

James Ensor

Eingang zum Hafen in Ostende, Fotografie, Ende 19. Jh.

James Ensor-Büste im Leopold-Park, Ostende. Foto: Jandho/ Wikimedia Commons

James Ensor Museum, Vlaanderenstraat 27, Ostende

James Ensor, Die Intrige, 1890, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten Antwerpen

James Ensor, Ausstellungsplakat Salon des Cent in Paris, 1898, Museum voor Schone Kunsten, Gent

James Ensor, Selbstporträt mit Masken, 1899, Menard Art Museum, Japan

Quelle Werkabbildungen James Ensor:
James Ensor: An online museum