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Ricardo Domeneck, Lyriker zwischen Brasilien und Berlin, schließt im dritten Teil seines Brasilien-Beitrags die Darstellung der brasilianischen Gegenwartslyrik ab. Griff seine bisherige Betrachtung weit hinter die Zeit der Kolonisation zurück, kommt sie jetzt in der Gegenwart an und bereitet auf diese Weise eine Neufassung des Kanons brasilianischer Lyrikgeschichte vor. Damit setzt Domeneck die Reihe Babelsprech.International unter der Betreuung von Max Czollek und Max Oravin fort.

Lyrik

Zeitgenössische brasilianische Dichtung

Dritter Teil

Von Ricardo Domeneck

Im Jahr 1989, als die Brasilianer zum ersten Mal seit dem Putsch von 1964 zur Wahl gehen konnten, waren der wichtigste frühe modernistischen Dichter, Carlos Drummond de Andrade (1902 – 1987), und zwei der Dichter, die die von den dualistischen Debatten der Nachkriegszeit geschlagenen Wunden zu heilen versucht hatten, Ana Cristina Cesar (1952 – 1983) und Paulo Leminski (1944 – 1989), bereits tot. Es war der Augenblick eines Scheinübergangs von einem autoritären Militärregime zu einem autoritären ökonomischen Regime, die 1990er, Zeit des unerbittlichen Propagandadiskurses eines triumphalen Kapitalismus. Ideen der 1950er dominierten immer noch, sehr wenig war getan worden, um die Nachkriegsdichter wiederzulesen und neue Vorbilder zu finden. Dichter wie Hilda Hilst (1930 – 1940) und Roberto Piva (1937 – 2010), die später enorme Bedeutung für meine Generation erlangten, konnten nur in Antiquariaten gefunden werden und wurden in der Presse kaum diskutiert.

This mournful moon, this unease
Inner turbulence, lagoon,
Inside the solitude, a dying body,
All this I owe to you. Such immense
Plans and future, ships,
Walls of ivory, words full
Always consented to. It would be December.
A jade horse beneath the waters
A double transparency, a line in mid-air
All these things at your fingertips
All undone through the portal of time
Silent and blue. Mornings of glass,
Wind, a hollow soul, a sun I can not see

This, too, I owe to you.

Hilda Hilst (übersetzt von Beatriz Bastos)

Es gab bedeutende Initiativen, wie das „Coleção Claro Enigma“, geleitet von Augusto Massi, der die Werke von Dichtern der 1950er und 1960er, wie Maria Ângela Alvim (1926 – 1959) und Orides Fontela (1940 – 1998) wiederauflegte, and wir stöberten nach diesen Ausgaben wie nach Schätzen.

In den 90ern hatten wir noch immer ein wesentliches modernistisches Vorbild im Werk von João Cabral de Melo Neto (1920 – 1999), der uns gelehrt hatte, „die Blume nicht zu parfümieren, das Gedicht nicht zu poetisieren“. Für uns war das nicht nur eine Lektion in Poetik, sondern auch in Ethik.

(Gedichte aus „Education by Stone: Selected Poems”, Archipelago Books, 2005, übersetzt von Richard Zenith)

Trotz des enormen Verlustes an Dichtern, der im letzten Jahrzehnt stattfand (Haroldo de Campos, Hilda Hilst, Waly Salomão, Roberto Piva und Décio Pignatari gehören zu den Dichtern, die in den letzten zehn Jahren verstorben sind) bleibt Dichtung eine der aktivsten und stärksten Kunstformen im heutigen Brasilien. Der meistgelesenste und populärste Dichter im Land ist Manoel de Barros (geb. 1916), der mit fünfundneunzig Jahren immer noch recht aktiv ist und kürzlich seine Gesammelten Gedichte veröffentlicht hat. Nicht zu verwechseln mit einfacher Naturpoesie, betreibt Barros seltsame Übungen in der Phänomenologie der Wahrnehmung.

from An Education on Invention

To enter the state of being a tree it’s necessary
to begin with a gecko’s amphibian torpor
at three in the afternoon in the month of August.

In two years inertia and scrub grass will begin
to expand our mouths. We will suffer
a little lyrical decomposition
until the scrub grass emerges in our speech.

For now, I have designed the smell of the trees.

(übersetzt von Idra Novey, in: Birds for a Demolition. Carnegie Mellon University Press, 2010)

Augusto de Campos (geb. 1931), der letzte der drei großen Noigandres-Dichter, ist immer noch eine treibende Kraft innerhalb der brasilianischen Poetik durch seine Arbeit als Dichter, Kritiker und Übersetzer. Er spielt für uns eine Rolle ähnlich derer von João Cabral de Melo Neto: Lektionen im Maßhalten. Dazu seine unablässige Neugierde und Experimentierfreudigkeit mit jeder möglichen Grundlage für Dichtung.

Augusto de Campos, “cidade/city/cité” (Performance)

Von den Dichtern, die in den 1980ern zu veröffentlichen begannen, wurde Horácio Costa heute zu einem der aktivsten Schriftsteller und Professoren des Landes.

Portrait of Don Luís Gôngora

vampire face, life-battered nose,
stiffness your immoderate pride,
the corners of your smile drawn down without irony,
I do not see your hands, they might be writing,
they might be manipulating syntax’s abacus,
I see you absorbed in seeking dormant treasures,
larvae shimmer on the white page,
and your sphinx eyes, now fixed, penetrate me
they imitate your fan-like ears, your full cloak,
a mass of velvet or wool, Director always
of a baroque hospital before the Grand Renfermement,
for whom do you pose? You sing of the Esgueva
of your contemporaries’ thought, the radical sigh
of Nature in deep heat, lacteal language, azure field,
and you value me, Acis without, Polyphemus within,
this is the world Don Luis, you are sitting for me,
distinguished pre Kafkian cockroach goes from ante
to anteroom, patiently expounds his emphatic elastic decorum,
this much you must put up with, Jekyll without,
so small within, because you are child and beyond
the canvas’ frame you speak s blacks do—it is at night
that banality becomes a pearl, and your baldness fills the sky,
the void yields, and a lullaby escapes your word.

(aus: Satori, 1989. Übersetzt von Martha Black Jordan)

Ein verborgener Meister der heutigen brasilianischer Dichtung ist Leonardo Fróes, der 1941 in Rio de Janeiro geboren wurde. Sein erstes Buch erschien 1968, and seither wurden mehrere weitere veröffentlicht, doch er ist bis heute nicht zum Allgemeinbegriff geworden, obwohl er das auf jedenfall sein sollte. Sein Understatement verbirgt eine lebhafte Intelligenz. Besser als Übersetzer bekannt, hat er Schriftstellern wie William Faulkner, Percy Bysshe Shelley, Malcolm Lowry, D. H. Lawrence, Jonathan Swift, George Eliot, Virginia Woolf, Rabindranath Tagore, André Maurois, Lawrence Ferlinghetti, Flannery O’Connor und Jean-Marie Gustave Le Clézio auf Portugiesisch eine Stimme gegeben. Da er leider im eigenen Land wenig Anerkennung erfahren hat, ist es verständlich, dass seine Gedichte noch nicht übersetzt worden sind.

Von den Dichter, die in den 1990ern aktiv wurden, habe ich bereits im vorigen Teil des Artikels von Ricardo Aleixo und Marcos Siscar gesprochen. Ich möchte dazu Carlito Azevedo, Josely Vianna Baptista und Jussara Salazar erwähnen. Einer der einflussreichsten Dichter des Jahrzehnts ist mit Sicherheit Carlito Azevedo, ein Dichter, Herausgeber und Übersetzer. Zwischen 1997 und 2010 hat er zwanzig Ausgaben seines Magazins „Inimigo Rumor“ herausgegeben, das eine bedeutende Rolle darin gespielt hat, Werke zum Referenzpool hinzuzufügen, den die Noigandres-Gruppe dem Land eröffnet hatte. Er tat dies, in Kollaboration mit anderen Dichtern und Übersetzern, indem er der Sprache das Werk vieler internationaler Dichter, besonders zeitgenössischer französischer Schriftsteller wie Natalie Quintane, Jacques Roubaud und Michel Deguy, hinzufügte. Auch hatten die meisten jungen Dichter ihre ersten Veröffentlichungen auf den Seiten des „Inimigo Rumor“. Carlito Azevedo selbst publizierte im Jahr 2010, nachdem er dreizehn Jahre geschwiegen hatte, „Monodrama“, eines der wichtigsten Bücher des neuen Jahrhunderts und eine Umwälzung in seinem Oeuvre, eines jener Bücher, das ein neues Licht und eine neue Perspektive auf das bisherige Werk des Autors wirft.

Josely Vianna Baptista hat ein paar Bücher und Übersetzungen von lateinamerikanischen Schriftstellern wie José Lezama Lima und Néstor Perlongher veröffentlicht, dazu ein bedeutendes Werk zur Übersetzung der amerindianischen Poetiken. Ihr letztes Buch stellt Übersetzungen dreier heiliger Lieder des Guarani-Kaiowá-Volkes neben ihre eigenen Gedichte.

Drei Gedichte von Josely Vianna Baptista:

reductio

tatterdemalion habit
become hindrance,
on his way he lost
staff, cross,
his velvet cords

unseen in the forest
hunger stripped his flesh
to the spirit:
living on roots,
ripe tubercles,
faded scraps of hide,
openly he anointed himself —
a cistern hidden
in bromelia

then he saw again in dream
his childhood cradle,
his mother’s lap, the forbidden embrace
and his vain memory
became flood

Antônio de Gouveia,*
cleric in Pernambuco
(circa 1570)

gold’s priest, necromancer
well versed in magic and mine,
came to Brasil in banishment,
celebrated strange masses,
murdered imprisoned natives,
stole young women from their loves

in attempted defense
of his far-flung exploits
drafted with depraved fist
a testimonial to customs absurd
on this other side of the world

plunged his nib into a pool of anatto
(that they might suppose i dight
in blood this bitter tract),
mixing the ruddy juices
with resin from a fine cedar
(let no scribe lack sealing-
wax for sour vomit)

made tea from the fennel
he carried in a purse
and fiercely discoursed
against witch doctors’ works

(o bird of ill omen,
take this thy canting flight
and any elsewhere alight)

infused with thought,
he crept into brush,
and waking in grass,
tossed his habit in the bush

after shooing a scarab
with his leather sandals
and cleaning his shit
from his shoes with a cob
(good as any for manuring)
— ora-pro-nóbis* thorns,
noble gold of the converted! —,
without pardon for perjury,
did sign the sullied paper:

From a Pernambucan hamlet
In this controverted October month,
I remain yr hmbl & obt child in Christ,
Father Antônio Gouveia.

air

thus how can i desire
gods in this desert so im
mense (leadgray
clouds us and venus:
cloud of clouds) , fix
gaffs in this yescraft, un
erring (leadgray
clouds this ash: ob
lique lines), if in these un
endings i mull this very begin
ning with so measured
an end (whets zinnias,
zooms up into wist
eria: steelblue gray
anulls the day), and if the world goes
on round and im
perfect at this moment
when everything is mute? (liquid words)

All Josely Vianna Baptista poems translated from Baroque Patch by Chris Daniels.

Jussara Salazar wurde im Nordosten Brasiliens geboren, eine Wiege moderner brasilianischer Poesie, und eine Region, die noch immer eine äußerst starke mündliche Tradition besitzt. Lieder, die auf der iberischen Halbinsel längst verschwunden sind, leben im Nordosten fort. In Ihrem letzten Buch, „Carpideiras“ (2011), schöpft Salazar aus einer alten iberischen Tradition, den Carpideriras, Frauen, die angestellt wurden, um für die Toten mit Gebeten und Liedern zu trauern. „Capir“ ist ein altes Verb für „weinen, betrauern“.

Tirana, der geheiligten, verherrlichten, heiligen Prinzessin Johanna an ihrem Totenbett gesungen.

Jussara Salazar

Sie sprach zum Herzen des Minnesängers
sing nicht/ zu den Raben
sprach sie zum tiefen Meer
die Nebel ruhen/ im Zorn
sie sprach sing nicht/ sag nur
dem Schweigen/ es soll
die Blume in die Erde bringen/
und sie zerreißt den Schatten/ dessen Hand sie
schlank wie eine hohe Nelke
umklammerte/ sprach zu der Zeit
schreck/ die Sonne nicht auf mit deinem Schmerz

Deutsche Fassung von Christian Lehnert, entstanden im Versschmuggel, Poesiefestival Berlin 2012.

Im neuen Jahrhundert wucherten die Forschungslinien ins Unermessliche, und brasilianische Dichter, obwohl mit einem starken Sinn für Gemeinschaft ausgestattet, scheinen allergisch gegenüber dem Begriff einer „Gruppe“ oder „Bewegung“ geworden zu sein. Es ist eine aufregende Zeit, mit Dichter so unterschiedlich wie Angélica Freitas, Juliana Krapp, Érica Zíngano, Fabiana Faleiros, Pádua Fernandes, Fabiano Calixto, Dirceu Villa, Marcus Fabiano Gonçalves oder Érico Nogueira.

TAKKA TAKKA

Fabiano Calixto

zwischen bögen, wägen, verträgen zerrinnt das leben,
zäh, der toxische stoff hoffnung,
schon ohne geschichte, ohne die feuchtigkeit der finger
die davon kosten an den umrissen des wörterbuchs

das licht, aus der hölle erlöst, splittert
über dem tagtäglichen mut, fällt,
fällt in sich zusammen. das licht ist aderlass. schreit
dennoch (anderes licht) träume und sammlung
von hochzeiten, bei denen das glück
noch vor den nachrichten endet. deutlich, nach wie vor,
die paukenschläge, blei-ameisen
nagen an eingeweiden, morast im magen.

die kalte zärtlichkeit, mit der die dämmerung
den morgen weckt – ohne kanonen, sich entfernt
mit ihren schweren schritten, ihren
tand verwahrt im vergessen der sterne.

in den überresten der stadt (der nacht)
ein schmales, junges gesicht, unter
vom schlaf bewölkten blicken,
benday punktiert, schon fort,
läuft aus.

(übertragen von Odile Kennel. Takka Takka ist der Titel eines Gemäldes von Roy Lichtenstein)

Keine der obigen Antworten

Dirceu Villa

Es gibt Katzen und Wollknäuel.
Die Abstraktion steckt im Zwischenraum, der zwei wahrnehmbare Dinge verbindet und ihnen auf diese Art eine Bedeutung zuweist, will sagen, eine Bedeutung, die beide Dinge beinhaltet. Darüber hinaus ist Abstraktion unnötig (philosophisch), brutal (politisch) oder unbedeutend (poetisch).

Eliot schrieb: „das objektive Korrelat”. Goldener Schnitt der Poesie.
Es ist unmöglich, in einem Land des Mangels wie Beiwerk zu wirken.
Spektakel: das Versprechen, alles was hohl ist, oberflächlich zu erneuern, bis jemand es bemerkt

oder zweifelt, und dann folgt erneut Erneuerung vom Nichts aus.

Die kindische Illusion, wir befänden uns auf dem Gipfel der Zivilisation.
Die Arbeit des Dichters besteht unter anderem darin, die Dinge von ihrem Ort zu entfernen, sie

abzusondern, oder bis dato unsichtbare, wesentliche Beziehungen zu knüpfen.

Wir sind durchdrungen von einer Kultur des Todes und der Gnade, d.h. römische

Arena, Taschenmetapher für nach Lumpen hungernde Massen.

Ein Mensch ohne Meister bildet sich selbst und grüßt die, die berühmt sind.
Fortschritt der Intelligenz: vom Schöpferischen zum Instrumentellen.
Die Poesie ist nicht tot, die Dichter haben nur geschlafen (Jean Cocteau).

Und die Moral: Wenn du nicht lächelst, stimmt mit deinen Lippen etwas nicht.

(Übersetzt vom Odile Kennel, in: Neue Rundschau 124)

The Cleaver

Dirceu Villa

Bones. Sometimes, yellow lard on the bones;
and sometimes, red blood in the nails.
There are pigs, or heads of pigs,
they hang the heads on a hook,
or the pigs’ stupid face of death
in the dim glass of a slaughterhouse.
Or the white, but a white soaked in pink,
gore in the dreaming of guts,
dreams the butcher: of handling a cleaver.
And the white apron that drenches in,
or drinks the blood springing from nerves
in a hug with the bones, where the cleaver strikes,
and how it gleams the cleaver that cuts:
that’s the virtue of steel in the fist going up,
or the threat of the empty circle that hangs it
on the slaughterhouse wall, to the naked eye,
announcement of cut. Or pricks the edge in a rock,
and the one empty eye concentrates, waiting for meat.
Stabs in the rock slashed with blood,
or cracks, from where death comes lurking
the butcher in his dream of red, stroking
the keen edge, the sneaky smile of the cleaver,
that cuts. And then the cleaver is something else:
not pigs, nor nerves, nor bones,
not even the butcher that dreams it,
but extended part of the vibrating arm
and indelible part of what it maims,
the keen edge, the sneaky smile of the cleaver, that cuts.

Marcus Fabiano Gonçalves‘ Gedichte stellen einen Übersetzer vor große Schwierigkeiten. Die Cratylusfrage untersuchend arbeitet Gonçalves oft an der Grenze von Klang und Sinn, ihre Entsprechungsbeziehungen. Sein Vokabular ist äußerst präzise, mit Aufmerksamkeit für jedes Detail, und die Struktur seiner Gedichte schöpft aus Klang, besonders internen Reimen und Alliterationen, um Sinn zu erzeugen. Da es keine Übersetzungen gibt, ein Beispiel auf Portugiesisch:

A máquina do fundo

Marcus Fabiano Gonçalves

a pesca escassa, o rio poluído, a cotação do dracma
um heraclítico engenho rege o mundo das máquinas

na margem, a draga do imponderável rio sem fundo
sem opor o puro ao sujo, aceitando o fluxo de tudo

a lama negra das imagens infiltra o oco dos crânios
no entulho da palavra gaga, a jaula do orangotango

reúne uns cacos de naufrágio, enjambra umas tábuas
vê se salva a ave da linguagem nessa arca de sucata

une o conteúdo à sua forma mais perfeita e intransitiva
e embora toda solda, cuida de mantê-la móvel e flexível

coa a lama toda dessa draga e separa bem tua saliva
retém a gota e o grão no sorriso amarelo das espigas

observa o dedo lerdo catando seu milho na datilografia
de grão em grão germina um corvo no ventre da galinha

chocando a ave faz esfinge de quem ignora o enigma
mas na verdade ela bem sabe que no fundo nada finda.

Érico Nogueira hat Horaz und Vergil übersetzt und gab kürzlich Vergils vollständige Übersetzung der Idylle des Theokrit heraus. Seine zwei veröffentlichten Gedichtbände schöpfen aus den lateinamerikanischen und iberischen Traditionen, sie mit historischem Bewusstsein erneuernd, obwohl man deutlich seine Nostalgie für ein Goldenes Zeitalter spürt. Es ist eines seiner Hauptthemen, und ich habe ihn einmal einen „unverbesserlichen Hugh Selwyn Mauberley“ genannt.

On the Tip of My Tongue (3 of a 9-section poem)
Érico Nogueira, translation by Chris Miller

1.

It’s always the same: punch your card at the exit,
‘Ufa—at last…’ and ‘No more to-bloody-day’:
‘Step on it’, you think, though your mind is still
Bubbling with Eve-tease and worse things yet;
Down the road, it gets beautiful; yo! The sunset,
The meadow is a promise but a purgatory too,
That same old uneasiness sweats over everything
Recalcitrant especially to anything with wit;
The skinnamalink voice of the rebec (not
Rebecca!) jangles up the rhythm with its
See-saw bow. Drum! A punch to the schnozzle,
Another! Doh, damn jasmine-scented night!
A wind gets up, almost home, now here’s a wood
(Was that always there?)—and it’s calling your name,
Your true, your secret name, not the one on your tag;
Up top the moon, well, illuminates—not much,
And you on the bottom stair of not much either;
A touch of frost; warm bed; yep, that’s the way it goes.

2.

Anything rather than sleep: meaning life outside the window,
the Milky Way and all those confusing constellations,
stars glimmering now here now there—if you should care to look;
it’s the stuff night does. Why? Don’t ask me, it was God
set all that up—I could tell you more by daylight,
when the head’s just doing its thing, not thinking,
and there’s more of the world; now,
what with no light, no noise, it’s a pig—and life itself
is less itself (or maybe more?)—I said: a pig,
having to get up and go for a piss, and there, yes,
bonkers at the mirror’s gleam, to have the guts to look;
clock, mirror, lost souls, discombobulating rubbish;
and I forgot, it only comes by night, like someone not sure
what they want, coming to get you, matey, merciless they are…
So look! Head up; look in the bloody mirror:
nothing so terrible, nothing so specially ugly,
nothing as bad as Monday after a long weekend;
darkness is good for you; darkness loves you, babe.

3.

Saying ‘Yo tengo miedo’ and ‘No, no puedo, gracias’
Isn’t going to save you just because it’s Spanish,
It doesn’t change a thing; and yes, it really is raining,
And you’re stuck here, with a million things to do,
Thinking: But it’ll rain on me, surely I’ll dissolve…
Go on out then, there’s nothing else to do;
On the corner, ‘A taxi, a taxi’, that’s your mantra
—till one comes: ‘Where to?’ ‘The airport’.
‘A plane for Rome, asap! ‘For Rome, it’s quite a wait:
Is Athens any good?’ ‘Now?’ ‘This very instant;
Unconditional embarcation.’ ‘Unconditional?
Would that be “international”, do you think?’
‘Hear what you like’ (Stupid cow.) (What a sucker…)
‘This way.’ Those German verses lurking in your case:
Open the book, the wine-dark pummelling the cliffs,
And that mountain, or another, with its snow-capped
Peak, and lots of grapes, and the touristic glimmer
Of the dinky little Greece those Germans just adore…

Penelope (i-iv)
Ana Martins Marques übersetzt von Julia Sanches. Ursprünglich veröffentlicht in: Modern Poetry in Translation.

(i)

What day knits
night forgets.

What day traces
night erases.

By day, threads,
by night, tracks.

By day, silk,
by night, loss.

By day, cloth,
by night, fault.

(ii)

Day’s plot
in night’s yarn
or night’s plot
in day’s yarn
as I spin:
fidelity by a thread.

(iii)

By day thimbles.
At night no one.

(iv)

And she did not say
I am no longer yours
I gave my heart to quiet a long time ago
while your heart swayed in travel
as I waned
amongst the night’s drapes
you traversed unsuspected distances
the charmed bodies of women whose strange language
I could use to spin a shroud
of our common tongue.
And she did not say
in the beginning I thought of you
first as one who burns before
a dying campfire
later as one who, remembering, visits childhood shores
and then as one who recalls a long summer
and later as one who forgets.
And she also did not say
loneliness can come in many forms,
as many as there are foreign lands,
and it is always welcoming.

Mermaid in earnest

Angélica Freitas übersetzt von Hilary Kaplan

the cruelest part was that as beautiful
as much as her features flaunted
a genetic pedigree of bonafide aristocracy
and her hands deftly wielded
needlework and roast chickens
and her tresses attested
to tortoiseshell combs and splendid grooming
the fascination would always remain
with the mermaid’s tail

i won’t repeat the story
after andersen & co
we all know the rough path
first the impossible desire
for the prince (doll in formal attire)
then awareness
of powerful witchcraft

in exchange she gives something up
her voice, her elastic hymen
her club med membership card

it is a difficult process

feminine bipeds are fooling themselves
attributing to high heels
the pain more properly ascribed to haughtiness
seeing as
the mermaid treads on knives when she uses her feet

and who takes her seriously?
the ending would be better if
instead of the elephant that dances
in her head when she sees the prince
and the 36 fingers
that sprout when she offers her hand

she regained her tail
and never shaved again

Über zwanzig Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur, die so viele Künstler zum Schweigen gebracht hat, haben wir nun eine neue Generation, zur Mitte der 2000er zur Reife gekommen, die mir den historischen und politischen/kontextuellen Implikationen ihrer Praktiken viel bewusster erscheinen als einige ihrer Vorläufer der letzten dreißig Jahre. Sie haben aufgehört, die poetische Funktion der Referenzfunktion in der Sprache entgegenzusetzen, als ob das eine das andere auslöschte, und scheinen nun an der Grenze von Durchsichtigkeit und Nichtdurchsichtigkeit des Zeichens zu arbeiten. Materialität und Konkretheit beachtend, verstehen sie die Dichte des Wortes in der Poesie, ohne einfach die visuelle Theatralisierung des Zeichens zu betreiben, wie wir es oft bei den Konkreten Dichtern und ihren Nachfolgern gesehen haben. Sie scheinen die Herausforderung von Susan Howes Frage aus ihrem My Emily Dickinson angenommen zu haben:

„Who polices questions of grammar, parts of speech, connection, and connotation? Whose order is shut inside the structure of a sentence?”

Ich wünschte, ich hätte mehr Gedichte in diesem Artikel aufzeigen können. Leider sind so wenige dieser Dichter übersetzt worden, und manche von ihnen gehören zu jenen, die ich am meisten schätze. Einige der faszinierendsten Wesen, die in den letzten Jahren ans Tageslicht gekommen sind, wie Reuben da Cunha Rocha und William Zeytounlian, haben selbst noch kaum innerhalb Brasiliens in Buchform veröffentlicht. Vielleicht kann diese Bemühung die Szenerie ändern, und dieser Artikel ein andauernder Prozess werden. Obwohl ich dafür nicht viel Hoffnung habe, da ich nicht erwarte, dass dieser Planet noch lange überleben wird.

Ricardo Domeneck, 1977 in São Paulo geboren, lebt seit 2002 in Berlin. Er hat Hans Arp, H.C. Artmann und Thomas Brasch ins Portugiesische übersetzt.

Aus dem Englischen von Max Oravin

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erstellt am 19.7.2015

Das Projekt Babelsprech ist ein zweijähriges, selbstorganisiertes und durch öffentliche Gelder finanziertes Projekt, dem es um die Vernetzung junger LyrikerInnen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich geht. Nach einem ersten Treffen junger LyrikerInnen im September 2013 in Lana (Südtirol) finden regelmäßig Live-Lesungen in den drei beteiligten Ländern statt. Das Projekt endet mit der Herausgabe von Lyrik von Jetzt 3 durch die Kuratoren im Wallstein Verlag. Kuratoren sind die Autoren Robert Prosser (Österreich), Max Czollek (Deutschland) und Michael Fehr (Schweiz). Die Plattform www.babelsprech.org dient der öffentlichen Darstellung junger AutorInnen sowie der gemeinsamen Diskussion und gegenseitigen Information.

Die Reihe Babelsprech.International erweitert den babelsprech-Kreis junger deutschsprachiger Dichtung. Sie befasst sich mit der Darstellung von Lyrikszenen in bestimmbaren Orten. Diese können geographisch sein (Brasilien, Finnland, etc.) oder aber Bezogen auf ein bestimmtes Feld (wie z.B. der Gastbeitrag von Fullstop zum lyrischen Ich im Internet zeigt). Diese Erweiterung bilden wir auch organisatorisch ab: das Hilda Magazine, das US-amerikanische Magazin Full Stop und die holländische Seite Samplekanon und die Slowenische Seite I.D.I.O.T. sind Teil einer Kooperation, die sich der internationalen Vernetzung widmet.