Seit vielen Jahren schreibt Mary Gaitskill eine in ihrer psychologischen Dichte und Genauigkeit beeindruckende Kurzprosa. 2014 ist ihre Erzählung „Lost Cat“ auf Deutsch erschienen. Wie Gaitskill es versteht, den Verlust ihrer Katze zum Anlass zu nehmen, um über ihr eigenes Dasein als Frau, Freundin und Partnerin streifende Fragen nachzudenken, ist famos, meint Peter Henning.

Buchkritik

Befreiender Verlust

Mary Gaitskills Erzählung »Der verschwundene Kater«

Von Peter Henning

Mit Steven Spielbergs amüsant-provokanter Verfilmung ihrer in der 1989 auf Deutsch erschienenen Sammlung „Schlechter Umgang“ enthaltenen Kurzgeschichte „Secretary“ erstrahlte ihr Stern zu Beginn der 2000er-Jahre urplötzlich klar und hell auch über Amerikas Literaturlandkarte hinaus – dauerhaft etablieren aber konnte sich die in Rhinbek bei New York lebende US-Schriftstellerin Mary Gaitskill trotzdem nicht. Zu düster und unbequem in ihrer engagierten literarischen Auseinandersetzung mit Themen wie Sexualität, Sucht, Prostitution und der Einsamkeit der heutigen Frau in Amerikas noch immer von Männern dominierter Gesellschaft blieb die 1955 geborene, in Detroit aufgewachsene Autorin bis heute auch in ihrer Heimat ein „Writers Writer“, eine Autorin für Autoren. Dabei schreibt sie seit bald vier Jahrzehnten eine makellose, in ihrer psychologischen Dichte und Genauigkeit beeindruckende Kurzprosa, literature engagé á la americaine, deren Kompaktheit und Schärfe wegweisend für nachrückende amerikanische Kurzgeschichtenautorinnen wie Beth Nugent, Lorrie Moore oder auch Sandra Cisneros gewesen sein dürfte. Trotzdem wartete man hierzulande seit einer gefühlten Ewigkeit vergebens auf über die beiden auf deutsch vorliegenden Titel „Schlechter Umgang“ und den Roman „Im Spiegel der Anderen“ hinausgehende Neuübersetzungen dieser Dichterin.

Mit diesem Missstand aufgeräumt hat gottlob nun der kleine, aber feine Züricher Dörlemann Verlag, indem er Gaitskills im Sommer 2009 in der renommierten Londoner Literaturzeitschrift „Granta“ erschienene Erzählung „Lost Cat“ unter dem Titel „Der verschwundene Kater“ jetzt auf deutsch vorgelegt hat. Denn Gaitskills gerade mal 125 luftig gesetzte Buchseiten umfassender Text wuchert mit Sätzen, deren kristalline Schärfe noch immer beeindruckt – arrangiert zu der anrührenden, unverhohlen autobiographisch getönten Erzählung Gaitskills um ihre aus Italien mitgebrachte kleine Katze Gattino, deren plötzliches Verschwinden sie zu einer klugen Meditation darüber veranlasst, was es an sich bedeutet, etwas zu verlieren, sei es ein geliebter Mensch – oder auch nur eine kleine, auf einem Auge blinde Katze. Denn dieser Verlust stützt sie in eine tiefe Nachdenklichkeit, die eine Art innerer Inventur zur Folge hat. Dabei gerät Gaitskills schwieriges, ureigenes Verhältnis zum ihrem Vater oder ihrer Schwester ebenso unversehens in den Focus ihres Erzählens wie das zu den beiden Pflegekindern, die sie und ihren Mann wochenendweise besuchen – und mithin an persönliche Grenzen führen. Wie die Amerikanerin es dabei versteht, den Verlust ihrer Katze zum Anlass zu nehmen, um über weit größere existenzielle, ihr eigenes Dasein als Frau, Freundin und Partnerin streifende Fragen nachzudenken, das ist famos. Im Zentrum all ihrer Überlegungen steht dabei die Frage: Wie viel an Verlust kann ein Einzelner ertragen, ohne sich darüber irgendwann selbst zu verlieren? Und wen oder was macht die verzweifelte Suche nach einer verschwundenen Katze plötzlich aus uns? Eine Getriebene? Ein Verrückte? Gegen Ende muss sich die Autorin erleben, wie sie Wahrsagerinnen und sogar Detektive konsultiert, um sich Hilfe bei ihrer verzweifelten Suche nach dem geliebten kleinen Vierbeiner zu holen. Doch Gattino bleibt verschwunden, trotz zahlreich eingehender Hinweise auf dessen angebliches Verbleiben.

So schließt Mary Gaitskills feine, klug die eigenen Verletzungen und Entbehrungen bilanzierende Erzählung mit der Erkenntnis, dass es nicht selten die vermeintlich kleinen Verluste sind, die uns weiterbringen und uns befreien, indem sie uns urplötzlich heraussprengen aus der Erstarrung unserer selbst. Und sei es auch nur die Einbuße eines kleinen blinden Katers.

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erstellt am 17.7.2015

Mary Gaitskill
Der verschwundene Kater
Deutsch von Manfred Allié
Gebunden, 128 Seiten
ISBN 9783038200048
Dörlemann Verlag, Zürich 2014

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Mary Gaitskill liest aus „Lost Cat“, 2010