Anlässlich des 50. Todestages des Architekten Le Corbusier erscheint nun eine Neuausgabe seiner Schrift „Städtebau“. Einer der schärfsten Kritiker der funktionalistischen Stadtplanung war der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich. Christian J. Grothaus lässt die einstigen Kontrahenten zu einem fiktiven Gespräch über die moderne Großstadt zusammentreffen.

Städtebau

Le Corbusier trifft Mitscherlich: Dialog über die Moderne

Von Christian J. Grothaus

Am 27. August 2015 wird sich der Todestag Le Corbusiers (1887-1965) zum 50. Male wiederholen. Die „Deutsche Verlags-Anstalt“ nahm dieses Jubiläum zum Anlass, dessen Buch „Städtebau“ von 1929 [frz. 1925] wieder aufzulegen. Mittlerweile hat der Wahlfranzose ein gutes Verhältnis zu Alexander Mitscherlich (1908-1982). Das war nicht immer so. Beide wohnen seit 1982 im Äther. Anlässlich des Neudruckes konnte Mitscherlich sich nicht zurückhalten und suchte das Gespräch.

Le Corbusier: Geometrie gilt mir als Mittel, um die Umwelt zu erfassen und mich auszudrücken. Sie schenkt mir die erhabene Befriedigung der Mathematik. Sie macht es möglich, dass wir uns in einer verallgemeinernden Haltung bewegen können, aus der nicht nur die Maschinen, sondern auch die Architektur herauswächst. Die moderne Großstadt gibt die Möglichkeit, die Exaktheit und Reinheit der Geometrie einzusetzen und gleichzeitig das alte Europa nicht vollends aufzugeben, denn es gibt keinen vernünftigen Grund, es zu begraben.

Alexander Mitscherlich: Aus einer Haltung, die sich ausschließlich dem Primat der Mathematik und Geometrie unterwirft, kann schnell Phantasielosigkeit und enger Eigensinn werden. Fatal ist es ebenfalls, wenn ein Architekt diesen Eigensinn in eine Form bringt, die wiederum auf die Bewohner wirkt. Architektur ist doch immer auch ein Prägestock, und wir müssen uns ihr anpassen. Wo zeigt sich Ihr Wunsch, das alte Europa nicht vollends aufzugeben? Die hochgradig integrierte alte Stadt hat sich doch mittlerweile funktionell entmischt, sie ist Verkehrs- oder Vergnügungsstätten bzw. Wohnsiedlungen oder Industrievororten gewichen.

LC: Das ist Ausdruck der Vernunft. Mit ihr beherrschen wir unser Gefühl. Wir brauchen Ziele und Regeln, müssen vorausdenken und dem Ergebnis verpflichtet sein. Sie sehen, dass ich ganz und gar dem Geist des alten Europa entspreche. Nehmen Sie die Römer. Sie waren große Gesetzgeber, große Kolonisatoren, große Geschäftsleute. Ihr Werkzeug war das Winkelmaß, ihre Modi Klarheit, Ordnung und perfekte Organisation. Nehmen Sie Ludwig XIV. Er war der einzige große Städtebauer des Westens: Versailles, Sternwarte, Invalides und Esplanade, Tuilerien und Champs Élysées – fern dem Chaos, alle in Ordnung und im rechten Winkel. Nur so kann eine Stadt vor dem Erstickungstod gerettet werden.

AM: Was Sie Erstickungstod nennen, erscheint mir eher als Lebensqualität. Wohin führt denn Ihre Ordnung und die Segregation der Stadt in Funktionseinheiten? Doch u.a. dazu, dass die Leute zuhause bleiben. Sie ziehen sich zurück und geben sich suchthaft dem Fernseh-Programm hin. Ihre Wohnung wird zum Kastell, zum Fort. Sie schließen sich von der Welt ab.

LC: Augenblick: Sie argumentieren auf den einzelnen Bürger bezogen und ich auf das Volk. Das müssen sie verstehen. Es geht nicht um Lässigkeit, Schwäche, Anarchie oder demokratische Rücksichten. Die Stadt ist vielmehr ein Mittelpunkt intensiven Lebens, intensiver Arbeit. Ein lässiges Volk, eine lässige Gesellschaft, eine lässige Stadt, die erschlaffen und ihre Straffheit verlieren, sind schnell in alle Winde zerstreut, besiegt, aufgesogen durch ein Volk, durch eine Gesellschaft, die handeln und sich selbst beherrschen. Auf diese Weise sterben Städte und lösen die Vorherrschaften sich ab.

AM: Lassen Sie mich auf andere Weise erklären, was ich mit Lebensqualität meine. Es gab Menschen, bevor es Städte gab. In den Physiognomien der Städte steckt also etwas Prähistorisches und gleichzeitig Triebhaftes. Sie sind Orte der Sicherheit, der Produktion, der Befriedigung vieler vitaler Bedürfnisse und stiften Identität, also das Wir-Bewusstsein. Städte bestehen aus vielen Schichten, sie sind gewachsen. Die gestaltete Stadt kann Heimat werden, die bloß agglomerierte nicht, denn Heimat verlangt Markierung der Identität eines Ortes. Die geometrische Ideal-Stadt, die ihnen vorschwebt, kann keine Heimat werden und ist nicht lebenswert.

LC: Ähnliches las ich seinerzeit bei Camillo Sitte. Er liebte das Nichtrationale, die Willkürlichkeit des Wachsens und verherrlichte die geschwungenen Linien. Es waren ihm Scheinbeweise von Schönheit. Das läuft auf das Mittelalter heraus und ich habe sogar Verständnis, denn die Deutschen haben ganze Städte in dieser Ästhetik errichtet. Die deutsche Seele ist vielleicht schwerlich kompatibel mit dem Zeitalter der Automobile. Wie wollen Sie Millionen Menschen zusammenhalten? Wie wollen Sie Kanalisation, Straßen, Gehsteige und den Verkehr organisieren ohne die Gerade? Die Gerade ist gesund auch für die Seele der Städte. Die Kurve ist verderblich, schwierig und gefährlich. Sie lähmt. Unsere Referenzmodelle müssen die rechtwinkligen Städte Amerikas sein. Wenn sich der Ästhetiker noch ablehnend verhält, kann der Ethiker ganz im Gegenteil sich viel länger damit aufhalten, als es zunächst den Anschein haben mag.

AM: Sie denken, dass der rechte Winkel etwas mit Ethik zu tun hätte? Sie reden von Seele, die aus solchen Städten entspringt? Was soll das für eine Ethik sein? Aber warten Sie, Sie haben das schon am Beispiel Roms erklärt. Es ist die Ethik der Gesetzgeber, Kolonisatoren und Geschäftsleute. Diese brauchen keine Identität eines Ortes, denn der ganze Globus ist für sie ein einziger Ort. Diese brauchen keine Heimat, denn die Bindung an den Boden ist ersetzt durch ein körperloses, mathematisches Ideal. Ab und an blicke ich auf die heutige Erde herunter, man nennt all das nun Globalisierung. Ich bleibe dabei: Die Monotonie der Fensterreihung der meisten Hochhäuser und der starren Addition von Siedlungshäusern sind abstoßender Beweis für die schwache Fähigkeit, gestalterisch mit den biologischen Prozessen (der Vermehrung) und den technologisch ausgelösten (der Ballung) Schritt zu halten.

LC: Globalisierung – so, so. Wie dem auch sei, Sie machen den gleichen Fehler wie oben und verstehen nicht die neue Zeit, in der nicht mehr der Einzelne, sondern das Kollektiv maßgebend ist. Es enttäuscht zuerst, ermutigt aber bei näherer Erwägung und gibt Vertrauen: Die großen Werke der Industrie verlangen keine großen Menschen. Sie werden, wie sich die Tonne im Regen füllt, Tropfen für Tropfen, und die sie vollführen sind wie große Tropfen, aber nicht wie Bergströme. Aber das Werk ist meisterlich, ist umstürzend wie der Bergstrom; der Bergstrom ist außerhalb der Individuen, die sich mühen. Der Bergstrom ist in dem Menschen, er ist nicht den Persönlichkeiten gleichzusetzen.

AM: Was ist aber der Bergstrom der Industrie? Es ist ja nicht so, dass er etwa von den Göttern käme. Vielmehr ist er gemacht. Er ist eine Konstruktion – eine, die monetären Interessen dient. Das ist der große Unterschied zu vormodernen Städten. Jene waren Ausdruck der Geschichte von Gruppen und einen unsichtbares, aber sehr wirksames Band verknüpfte Einstellungen, Mentalitäten, Beweglichkeit und Traditionen der Bewohner. All das ergab einen Stil, einen Stadtgeist. Jede Stadtplanung muss versuchen, darauf Rücksicht zu nehmen. Sie darf sich nicht darin erschöpfen, eine pur rationale Schematisierung der Bebauungsweise vorzuschreiben. Rastereinteilungen und Siedlungsmuster, wie etwa in den Vereinigten Staaten, führen zur Nivellierung und Konformisierung. Sobald die Planung sich anmaßt, ein gebrauchsfertiges Muster herzustellen, stirbt der Genius loci ab, noch ehe er sich einnisten konnte. Bereitet sie hingegen eine Bewusstseinsebene vor, auf der sich Baugesinnung bilden und vor allem reflektieren kann, dann schafft sie den Boden, in dem Erfindung wirklich gedeiht – aber, Sie erzählten mir doch von vielen Reisen. Dort haben Sie die Verschiedenheit und Abwechslung der Bauformen studiert. Wie können Sie vor diesem Hintergrund der Maschinenarchitektur verfallen?

LC: Ja, ich reiste viel; u.a. nach Pisa, Siena, Venedig, Rom, Byzanz oder Stambul. Dort lernte ich zu unterscheiden zwischen dem Mechanismus und der Seele in einer Stadt. Ja, Sie hören richtig. Ich bin mir absolut bewusst darüber, dass eine Stadt der Poesie gleichen kann, dass sie ein absolutes, mit unserem Wissen verknüpftes Gefühl und ein schlechthin einzigartiger Zustand sein kann. Aber darum geht es mir im Moment nicht. Wir müssen dem Mechanischen der Stadt den Vorzugsplatz einräumen. Es steht unter den tiefen und endgültig mit unserem Gefühlsleben verbundenen Empfindungen, es steht unter der Gefühlsorganisation, die das Geheimnis unseres Glücks wie unseres Unglücks umschließt. Ich kann das aber zusammendenken mit dem Maschinenzeitalter. Die kommende Stadt hat in sich einen furchtbaren Mechanismus, einen mächtigen Stier, einen Hochofen exakter und zahlloser Maschinen, einen gebändigten Typhon. Die Formen, um die es sich handelt, sind die ewigen Formen der reinen Geometrie, die in unserem Rhythmus, jenseits des Berechneten, beladen mit Poesie, den erbarmungslosen Mechanismus verhüllen sollen, der unter ihr pulst.

AM: Da geben Sie mir ein gutes Stichwort. Wie Sie vielleicht wissen, war ich auch Psychoanalytiker und befasste mich mit dem Unterbewussten. Die Diagnose: Großstadt und Neurose ist mir bestens bekannt. Ich habe eine ambivalente Haltung dazu und denke, dass die Großstadt nicht nur Neurosen erzeugt, sondern noch ein probates Mittel dagegen sein kann. Ich bin der Meinung, dass die Verbesserung der großstädtischen Umwelt gelingen kann, wenn man die biologischen Anlagen des Menschen bedenkt. In einer industriellen Großstadtkultur haben wir es mit für sie typischen neurotischen oder einer Neurose vergleichbaren leib-seelischen Fehlsteuerungen zu tun. Letztendlich sind unsere Großstädte Schwerpunkte des zivilisatorischen Fortschritts, der sich als fortwährender Umbau darstellt. Sie sind also Experimentierlaboratorien, Schmelztiegel der Zeit. So sicher es ist, dass wir eine verpflichtende Lebensordnung für die Gesellschaft der großen Siedlungsräume finden müssen, so sicher ist es, dass wir das nicht durch Verleugnung der Realität, durch Herumkommandieren, durch autoritäres Maskenspiel mit Rollen der Vergangenheit erreichen werden, sondern nur durch eine Steigerung unseres Bewusstseins.

LC: Wir haben das bedacht und nach einem Medium gesucht, das den Menschen mit seiner Umwelt versöhnt. Es ist verblüffend einfach: der Baum. Er stellt auf alle Fälle ein Mittel zu physischem und geistigem Wohlergehen da. Es kann zum neuen Geist der Architektur, zum neuen Städtebau gehören, dass man auch den am meisten zurückgestellten Funktionen des Menschen nachkommt, indem man Grün in das Stadtbild trägt und die Natur in unsere Arbeit mengt: dann wäre unser Geist ruhig vor der drohenden Angst der Großstadt, die jene, die sich hineingestürzt haben und daran arbeiten sollen, erdrückt, zermalmt, erstickt, tötet; die Arbeit würde jene herrliche Notwendigkeit zeigen, die unserem Geist Ruhe bringt und uns zur Begeisterung für die Schöpfung führt.

An dieser Stelle riss die Verbindung zum Äther ab. Es hat den Anschein, dass die beiden Herren sich weiterhin angeregt unterhalten werden.

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VG-Nummer: „" | erstellt am 16.7.2015

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