In Nordafrika rumort es. In Tunesien ist der langjährige Machthaber Ben Ali gestürzt worden. In Ägypten fordern die Massen das Ende der Ära Mubarak. In beiden Ländern hat sich die Opposition sozialen Wandel und den Ruf nach Demokratie auf ihre Fahnen geschrieben. Ein Umbruch steht bevor. Nicht nur in diesen Ländern, sondern vielleicht in der gesamten islamischen Welt. Ein Umbruch, der im Westen mit Sorge betrachtet wird, spielen doch mächtige islamische Bewegungen dabei eine große Rolle.

In einem Fazit zu seinem jüngsten Buch „Heiliger Krieg und Demokratie“ beleuchtet der Erfurter Politik- und Islamwissenschaftler Kai Hafez unabhängig von der aktuellen Situation die Frage, ob diese Umbrüche – auch verbunden mit Gewalt und Radikalität – immer nur Angst machen müssen, oder ob sie nicht „normale Prozesse“ sind. Und als einer der ersten deutschen Wissenschaftler überhaupt zieht er wissenschaftliche Parallelen zur westlichen Entwicklung von Moderne und Demokratie.
Sein Schluss: Der aktuelle politische Wandel ist durchaus vergleichbar und könnte sehr wohl auch in diesen Ländern auf lange Sicht zu einer eigenen Demokratie führen. Dies setze allerdings auch ein Umdenken des Westens voraus. Ein Umdenken, das in der Wahrnehmung der islamischen Welt und des eigenen Handelns beginnen müsse. (vss)

Islam und Demokratie

Vom »heiligen Krieg« zur Demokratie?

Zur Standortbestimmung der islamisch-westlichen Moderne

Von Kai Hafez

Im westlichen Diskurs über die islamische Welt, vor allem in den Massenmedien und der Populärkultur, aber auch in weiten Teilen der Wissenschaft und des Kulturbetriebs, wird der islamischen Welt jede Menge Radikalität, Fanatismus und Gewalt zugebilligt. Die Befähigung zum sozialen und politischen Wandel hingegen wird ihr häufig abgesprochen. Doch es gibt auch viele Anzeichen dafür, dass trotz bestehender Risiken durch Diktaturen, Kriege, Terror und Antisemitismus auch und vielleicht gerade der politische Islam den Weg für eine politische Inklusion der islamischen Welt in ein größtenteils konsensuales Projekt der Moderne ebnen könnte.

Den islamisch geprägten Ländern könnte neben dem heute bereits erkennbaren säkularen Politik- und Gesellschaftsspektrum ein zweites religiös-konservatives Standbein entstehen, so dass sich ein normaler Dualismus der politischen Lager und Weltanschauungen herausbildet, der auch das Kennzeichen fast aller westlichen politischen Kulturen ist. Dafür allerdings müssen säkulare und religiöse Kräfte ihre noch immer verbreiteten autoritären Neigungen überwinden – ein Reformprozess, wie er auch dem Westen nicht fremd ist, erinnert man sich an die Geschichte westlicher politischer Ideologien und Kräfte, die sich in Europa erst seit wenigen Jahrzehnten von Diktatur und Totalitarismus verabschiedet haben.

Eigene Bruchlinien zwischen Religiösem und Säkularem

Vielleicht liegt die verbreitete Vorstellung vom anti-westlichen und irrationalen Charakter der Politik in der islamischen Welt tatsächlich im komplexen Verhältnis von Nähe und Ferne begründet, das zwischen Politikabläufen im islamisch-westlichen Vergleich oft besteht. Die Entwicklung politischer Ideologien, Kulturen und Systeme in der islamischen Welt entzieht sich keineswegs in Gänze einer Analyse durch bekannte westliche Theorien. Im Gegenteil kommt einem vieles aus der eigenen Geschichte geradezu frappierend bekannt vor: reformatorischer Furor, aber auch notwendige Traditionsbrüche, fundamentalistische ideologische Schlagabtausche, aber auch sozialer Protest, Reformstau sowie die Instabilität demokratischer Verhältnisse. Politischer Wandel findet oft in ähnlicher Weise, allerdings zeitversetzt zu den gleichen Prozessen in der westlichen Welt, statt. Die islamische Welt hat eigene Varianten moderner Entwicklungen hervorgebracht.

Doch die „Ungleichzeitigkeit“ ist keine absolute, sondern sie ist eine partielle, und sie bedeutet nicht vollständige Ungleichheit. Was nehmen wir als Vergleichsgrundlage? Die Nachkriegsgeschichte? Dann stellen wir fest, dass die Religion in der Politik des Orients erst seit der Iranischen Revolution von 1978/79 eine Rolle spielt. Und für diese Wiederkehr der Religions- und Reformationspolitik ins politische Zentrum gab es Ursachen, die in der spezifischen Lage der islamischen Welt begründet sind. Anders als die westlichen Länder zur Zeit der Aufklärung liegen diese Staaten heute im Einzugsgebiet eines westlichen Imperialismus, gegen den der Islam als Ideologie der Eigenständigkeit eine Rolle spielt. Im Unterschied zur westlichen Welt wirkt der Säkularismus gegenwärtig nicht nur als eine Idee der Befreiung von religiösen Zwängen, sondern dient autoritären Regimes, Cliquen und Putschisten, die den ihn gegenüber ihren westlichen Unterstützern als Bollwerk ihrer fraglichen Legitimation einsetzten. Was wäre logischer, als solchen Diktaturen mit der mobilisierenden Kraft der Religion zu drohen?

Der Säkularismus ist also nicht wie zu Zeiten der Aufklärung Opposition, sondern er ist zugleich Teil des herrschenden und undemokratischen Systems. Dabei wird er aber in der gesellschaftlichen Gegenwart der islamischen Länder heute nicht völlig abgelehnt. Es gibt in der islamischen Welt mehr „Kulturmuslime“, für die Religion lediglich noch eine Tradition ist, die sie oft kaum noch praktizieren, und es gibt mehr Atheisten, als man glauben mag. In Zeiten einer neo-konservativen Re-Islamisierung allerdings fallen den Betroffenen offene Bekenntnisse schwer, weil sie Konsequenzen fürchten. Die Toleranz des Islam gegenüber sich selbst wie gegenüber anderen leidet derzeit akut. Sie ist aber noch immer lebendig, und Massenphänomene wie der arabische Nachrichtensender Al-Jazeera, wo täglich Gesprächsgäste der unterschiedlichsten Ideologien aufeinander treffen, zeigen, dass eine säkulare und pluralistische Geisteshaltung längst schon wieder ihre eigenen Renaissancen feiert. Gerade auf diesem Sender gibt es heute eine enorme Bandbreite islamistischer und säkularer Stimmen – und zahlreicher Grauzonen dazwischen.

Mehrheiten und Entradikalisierung

Ganz anders der Islam. Er ist häufig die einzige autoritative Kraft, die gegen die Systeme angehen kann. Den politischen Islam, ja selbst den anti-säkularen islamischen Fundamentalismus, schätzen viele als oppositionelle politische Ideologie gegen die herrschenden Systeme oder Eliten. Was der Westen begreifen muss, ist, dass die Religion angesichts der Repression vieler säkularer Diktaturen tendenziell einen emanzipatorischen Beiklang besitzen kann. Und zwar gerade dadurch, dass sie zwar oft reaktionär und „katholisch“ intolerant daherkommt, dadurch aber auch radikal ist, sich gegen die Unterwürfigkeitsgesten wehrt und mit ihrem Traditionsbruch (den sie natürlich als Traditions_wahrung_ kaschiert) eine allgemeine Aufbruchstimmung gegen ungerechte Ordnungen provoziert. Und damit werden sie zugleich zu Massenbewegungen. Bei freien Wahlen – ob einst in Algerien oder bereits zwei Mal in der Türkei – erringen demokratische Islamisten Mehrheiten. Gleichsam bei den halbwegs freien Ständewahlen zu Berufsverbänden in Ägypten. Doch stabile langfristige Mehrheiten erreicht man bekanntlich nicht mit Extremismus.

Mit anderen Worten: Gerade die gesellschaftliche Kraft und Masse, die sich hinter diesem alternativen politischen Islam sammelt, verändert und entradikalisiert ihn auch. Paradox, aber durchaus real: Individualisierung der Lebensstile hält heute auch über den religiösen Sektor verstärkt Einzug. Das scheinbar kollektivierende Band des Islam hat geradezu post-moderne Aufbrüche eines Online-Islam nicht verhindern können. Die religiös-politischen Denkströmungen werden immer komplexer. Auch in der islamischen Welt gibt es ein ungewöhnliches Nebeneinander von alten und neuen Ideologien, von „radikalprotestantischen“ Haltungen und sozial-revolutionären Projekten über eher „neo-Lutherisch“ anmutende bürgerliche Reformprojekte und Erweckungsbewegungen bis hin zu liberalen religiösen Reformen. Die islamische Welt steht damit nicht außerhalb der globalen Moderne, sondern sie erzeugt ihre eigene Mischung höchstmoderner Ausdrucksformen. Sie holt Prozesse der Reformation nach, ist aber zugleich – auch durch den Einfluss des Westens – geistesgeschichtlich bereits weiter entwickelt, als es die christliche Reformation war, und sie integriert diesen Synkretismus in die politischen und sozialen Auseinandersetzungen des Industriezeitalters und der post-kolonialen Gesellschaften. In ersten Zügen ist eine Art „Christdemokratisierung“ des politischen Islam zu erkennen.

Allerdings hat sich die Christdemokratisierung im Westen erst mit einem funktionierenden Sozialkontrakt und stabilen Demokratien entfaltet – Bedingungen, die in der islamischen Welt mit Ausnahme einiger Staaten noch fehlen. Es kann daher nicht verwundern, dass die politischen Strömungen mit sozialen Tiefenstrukturen korrespondieren, die die wahren Dimensionen des gegenwärtigen sozialen Aufbruchs verdeutlichen. Nicht zuletzt die islamischen Fundamentalisten wollen die herrschenden Herrschafts- und Wirtschaftseliten abzulösen. Allerdings ist ihr sozialer Vertretungsanspruch nicht unumstritten. Trotz ihrer aktiven Sozialarbeit sind ihre Visionen für eine gerechte Gesellschaft vage geblieben. Die meisten sind keine Sozialisten, sondern religiös bemäntelte Wirtschaftsliberale. Ihre Domäne ist der „kleine Kapitalismus“ in sozialen Netzwerken. Aber können sie auch Volkswirtschaften managen? Die iranische Erfahrung, wo der Staatsislam neureiche Schichten erzeugte, spricht dagegen. Die türkische Erfahrung, wo pragmatische islamische Wirtschaftsverbände neben säkular gemanagten Industriebetrieben eine boomende Wirtschaft tragen, eher dafür. Wichtig aber ist derzeit die Erkenntnis, dass es beim Islamismus nicht allein um religiöse Reflexe geht, sondern um die „kulturelle Bewältigung des sozialen Wandels“, wie bereits der Titel des wohl besten Buches von Bassam Tibi aus dem Jahr 1985 verriet.

Aus Sicht der Demokratisierung ist die Wahl zwischen Liberalität und Radikalität im Wesentlichen eine strategische Frage. Die großen islamistischen Organisationen sind heute nicht revolutionär ausgerichtet. Sie verzichten – von Ausnahmen wie der Hamas abgesehen – auf Gewalt, halten aber vor allem in ihrer Ablehnung des säkularen Staates an einer radikalen und prinzipiell die Demokratie gefährdenden Position fest. Es darf nicht verwundern, dass autoritäre Systeme keine lupenreinen Demokraten erzeugen. Bemerkenswert genug ist, dass die Mehrzahl der Muslime heute überhaupt Demokratie wünscht – einen Zustand also, den sie kaum aus eigener Erfahrung kennen. Europa zeigt, dass politische Radikalität, da sie die Konfliktfähigkeit der Opposition stärkt, sehr wohl Demokratisierungsprozesse fördern kann. Die zwischen radikalen Kräften ausgehandelten Demokratien zählen zu den erfolgreichsten (Spanien, Portugal, vielleicht bald Nordirland). Zudem sind auch der entwickelten Demokratie fundamentale Ansprüche von Gruppen, Parteien oder Bewegungen nicht fremd. Man denke an die früheren „Fundis“ der grünen Umweltbewegung in Deutschland. Radikalität erzeugt also neben Risiken auch Chancen für die Demokratisierung.

Bei Gewalt auf einem Auge blind?

Was heißt dies für den Westen und seine Politik? Auf integrative Entwicklungen des Mainstream-Islamismus könnte er als Schutzmacht der Demokratisierung und politischen Öffnung wesentlichen Einfluss nehmen – wenn er sich statt der bisherigen Unterstützung des autoritären Status quo zu einer Entspannungspolitik wie in der Ära des Kalten Krieges entschlösse. Dazu muss er in seiner Orient- und Islampolitik nach einer neuen Balance aus Fordern und Fördern streben. Allerdings setzt dies auch ein Umdenken im Verständnis von sich und der islamischen Welt voraus. So ist die Befähigung der USA und Europas und wie oben ausgeführt auch vieler Intellektueller zur Kritik der eigenen (fast paternalistischen) Politik und der damit verbundenen (fast imperialistischen) Gewalt sehr unterentwickelt. Die Vorherrschaft einer Zwei-Welten-Lehre – befriedete Demokratien versus illegitime und bedrohliche Nicht-Demokratien – folgt einer interessengeleiteten und populistischen Anfälligkeit und erzeugt eine selbstgerechte Weltsicht, die die außenpolitische Gewalt lediglich als kollaterale Systemstörung erachtet.

Wobei allerdings gerade die Wahrnehmung von Gewalt ein Problem ist. Politische Gewalt gibt es heute in der islamischen Welt wie im Westen. Wenn auch zeit- und umstandsbedingt in unterschiedlichen Formen, was Asymmetrien erzeugt, die die Einsicht in die eigene Gewalt und in die Gewaltbeziehungen zum anderen erschweren. Im Vergleich zur Friedfertigkeit der westlichen Zivilisation und dem Pazifismus des Christentums gilt die Instrumentalisierbarkeit des Islam für terroristische Akte als Ausweis für dessen Gewaltneigung. Solch schablonenhafte Wahrnehmung verkennt die eigentliche Bilanz des Vergleichs: die starke Ähnlichkeit der Lehren des „gerechten“ Krieges auf beiden Seiten. Wie unter realen oder eingebildeten Gefahren viele im Westen dazu tendieren, neo-imperialistische Gewalt zu rechtfertigen, sympathisieren in der islamischen Welt andere mit der Idee, Terror als Waffe des Schwächeren einzusetzen. Dies sind Fehlwahrnehmungen, die auf beiden Seiten dringend revidiert werden müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass es noch eine dritte Form der Gewalt gibt: den Autoritarismus. Und zwar von westlich-orientierten, säkularen (wie aktuell Ägypten zeigt) wie von islamischen Regierungen (Iran). Wobei sie auch in diesem Falle im Westen eher dem Islam zugeschrieben wird …

Last but not least verschärfen auch noch die Medien die Schieflage. Auf der einen Seite wird der tatsächlich große gewaltfreie, aber wenig „telegene“ Teil des Widerstandes in der islamischen Welt kaum transportiert. Gewaltphänomene werden hingegen oft viel zu stark beachtet und wirken umso prägender auf das Bild des Orients und der Muslime. Doch leider sind es oft gerade diese Schieflagen in der Wahrnehmung, die den Blick für die Chancen verstellen, welche sich im Umbruch gerade durch den Islam ergeben. Hier könnte es durchaus Aufgabe der Medien sein, ihren Blick auf die islamische Welt etwas besser einzustellen …

erstellt am 06.2.2011

Kai Hafez
Heiliger Krieg und Demokratie
Radikalität und politischer Wandel im islamisch-westlichen Vergleich transcript Verlag, Bielefeld 2009

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