Der Reiz des Stücks „En avant, marche!“, bei dem sich Alain Platel und Frank Van Laecke die Regie teilen, liegt in den Brüchen und Gegensätzen. Vertonungen des mittelalterlichen Gedichts „Stabat mater“ standen ebenfalls auf dem Programm der diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspiele wie auch Jazz und katalanische Musik, berichtet Thomas Rothschild.

Von den Ludwigsburger Schlossfestspielen 2015, Teil 3

Vorwärts, marsch!

Von Thomas Rothschild

Es existiert eine Anekdote, wonach Johann Sebastian Bach einen seiner Söhne geohrfeigt habe, als dieser abends vom Klavierspiel aufstand, ohne auf dem Grundton geendet zu haben. Bei Befolgung dieses Prinzips hätte man den ganzen Musikverein Ludwigsburg-Oßweil ohrfeigen müssen, der „En avant, marche!“ mit einem Thema aus dem Jupiter-Satz von Gustav Holsts „Planeten“ abschloss und auf der Sekunde abbrach. Man muss nicht Bach sein, um dabei einen schmerzlichen Stich in der Magengegend zu verspüren.

Unerquicklich an der Riege der Stückezertrümmerer, die zurzeit von einem maßgeblichen Teil der Theaterkritik hochgejubelt werden und die auf den Spielplänen den Ton angeben, sind nicht so sehr die Verfahren, die sie erstaunlich konformistisch und längst epigonaler, als es das „konservative“ Theater je war, gegen das sie einst angetreten sind, anwenden, ärgerlich ist vielmehr, dass sie vorgeben, vorhandene Texte (kritisch) zu interpretieren, denen sie intellektuell und künstlerisch nicht gewachsen sind. Sie fügen nichts Erhellendes hinzu, sondern bleiben weit hinter den Vorgaben zurück.

Vergleichbare Mittel – die Vermeidung der geschlossenen Form, die Absenz einer konsistenten Fabel, die Mischung der Gattungen, die Verwendung außertheatralischer Elemente – können durchaus produktiv sein, wenn wirklich begabte Regisseure ihre eigenen Stücke entwerfen, wenn sie also Autoren und Interpreten in einer Person sind und nicht nur ihre Fähigkeiten überschätzende Hochstapler, die überlegenen Autoren ihre Willkür überstülpen. Denn ein Regisseur kann ein guter Autor und ein Nur-Autor ein schlechter Dramatiker sein. Das macht den Autor nicht überflüssig. Wie schon die Theaterpraktiker Shakespeare, Molière oder Nestroy gezeigt haben. Christoph Marthaler ist im heutigen Kontext solch ein genialer Autor-Regisseur und der ihm in vieler Hinsicht verwandte etwas jüngere Alain Platel ist es ebenso. Für beide spielt Musik eine große Rolle, für Platel auch der Tanz, weshalb viele bei ihm eher an Pina Bausch als an Marthaler denken. Ob, was er jetzt präsentiert, Tanztheater ist oder Musiktheater oder ganz einfach Theater: darüber mögen sich die Lexikographen und Karteibürokraten Gedanken machen. Wir erfreuen uns derweil am Gesehenen und Gehörten.

Der Reiz von „En avant, marche!“, bei dem sich Alain Platel und Frank Van Laecke die Regie teilen, liegt im Zusammenstoß heterogener Elemente, in den Brüchen und Gegensätzen. Selbst im sparsamen Text der lockeren Handlung wird dieses Prinzip befolgt, wenn eine Frau auf die zotige Anmache eines Mannes mit kitschig-sentimentalen Liebesbekundungen reagiert. Uneinheitlich wie das Material ist das Ensemble. Zu den Schauspielern Chris Thys, Griet Debacker, Hendrik Lebon und Wim Opbrouck kommen ein kleines flämisches Musikensemble sowie, bei der Deutschen Erstaufführung in Ludwigsburg, eine groß besetzte ortsansässige Blasmusik.

Ein ungewöhnliches, aber für die Ludwigsburger Schlossfestspiele charakteristisches Programm war dem „Stabat mater“ gewidmet, freilich nicht einer der gängigen Vertonungen. Im ersten Teil des Konzerts in der Schlosskirche traf Josquin Des Prez, ergänzt von Komponisten des 15. und 16. Jahrhunderts, interpretiert von Il Suonar Parlante unter der Leitung des Gambisten Vittorio Ghielmi und den Solisten Graciela Gibelli, Margot Oitzinger und Tore Tom Denys, auf den archaischen A-cappella-Obertongesang des Cuncordu de Orosei aus Sardinien. Im zweiten Teil kam ein weiterer Kontrast hinzu, Arvo Pärts „Stabat mater“, das freilich im Kontext der Renaissance gar nicht so fremdartig klingt.

Während Arvo Pärt in seinen spirituellen Kompositionen ganz bewusst auf Techniken der Alten Musik zurückgreift, was ihm, nicht ganz zu Unrecht, den Vorwurf des Antimodernismus, aber auch eine Fangemeinde einbringt, bleibt Gianluigi Trovesi dem Idiom der Gegenwart treu, wenn er, wieder einmal, mit Christina Pluhars formidabler L'Arpeggiata zusammen spielt – diesmal, nach Purcell im Vorjahr, fast ausschließlich Händel. Wer es nicht gehört hat, kann kaum ahnen, wie der Jazz von Trovesi und einem Quartett, bestehend aus zwei Schlagzeugern, einem Pianisten und einem Bassisten, zusammenpasst mit den historischen Instrumenten von L'Arpeggiata, zu denen sich der Ausnahme-Countertenor Valer Sabadus und die ausdrucksstarke Sopranistin Nuria Rial gesellen. Das Publikum im ausverkauften Forum jubelte nach 90 Minuten ohne Pause wie bei einem Rockkonzert. Und L'Arpeggiata ließ sich ganz offensichtlich von der Lebensfreude des Jazz anstecken. Für eine Einlage der beiden Schlagzeuger mit perkussivem Scat-Gesang spendeten die Musiker Applaus. Und gelegentlich hatte man den Eindruck, als wolle Doron Sherwin mit dem Zink den Klarinettisten ausstechen. Mit dessen eigenen Waffen.

Mit veränderter Besetzung, in der sich die Jazzgruppe des Händel-Abends ohne Trovesi überraschend als Teil von L'Arpeggiata entpuppte, bot Christina Pluhars Ensemble katalanische Musik an. Diesmal gehörte die Bühne Nuria Rial, und es fehlte nichts. Wenn es Engel geben sollte und diese singen, dann muss das ungefähr so klingen wie Nuria Rials Gesang. Er ist – man kann es nicht anders ausdrücken – zum Weinen schön. Die Arrangements der Instrumentalstimmen nähern die Volkslieder des Abends dem Kunstlied an, ohne ihnen die Vitalität und den tänzerischen Charakter oder auch die Melancholie zu rauben. Das Publikum war einmal mehr glücklich.

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erstellt am 11.7.2015

Szenenfoto „En avant, marche!“ © Phile Deprez

Szenenfoto „En avant, marche!“ © Phile Deprez

Il Suonar Parlante

Gianluigi Trovesi © Reiner Pfisterer