In der Weimarer Republik war sie eine gefeierte Malerin. 1937 musste Lotte Laserstein (1898-1993) nach Schweden fliehen. Nach langer Zeit in Vergessenheit wird Laserstein nun in Deutschland wiederentdeckt. Eugen El erzählt von seiner persönlichen Begegnung mit dem Werk der Malerin.

Kunst

Lottes lange Rückkehr

Eine wichtige Malerin der Weimarer Republik wird wiederentdeckt

Von Eugen El

Es war eine magische Begegnung, eine Entdeckung. Im November 2013 stieß ich in einer Ausstellung in der Berlinischen Galerie auf zwei Bilder der mir bis dahin unbekannten Malerin Lotte Laserstein. Beide stammten aus der Zeit der Weimarer Republik. Die Kunst dieser kurzen, intensiven, nicht selten harten und verstörenden Periode beschäftigte mich schon seit einiger Zeit. Die Kälte und Distanz, die vielen Bildern der Neuen Sachlichkeit eigen ist, war auch in Lasersteins Arbeiten zu spüren. Dennoch war an ihnen etwas, eine diffuse Stimmung, die sich von den Werken Zeitgenossen positiv abhob. Erst im Laufe der späteren Recherche wurde mir klar, dass Laserstein nicht nur für mich eine Entdeckung war und sie erst seit einigen Jahren wieder in Deutschland wahrgenommen wurde.

Zum einen war es das Bild „Im Gasthaus“ von 1927. Das präzise ausgeführte, figurative Gemälde zeigt eine junge, elegant gekleidete Dame in einem Café sitzend. Ihr Blick ist vom Betrachter abgewandt. Von ihrer linken Hand zieht sie sich gerade einen Handschuh aus. Im Hintergrund sieht man, etwas schematischer dargestellt, Herren am Ausschank und eine lesende Dame. Die Protagonistin des Bildes scheint enttäuscht zu sein, vielleicht wartet sie vergebens auf eine Verabredung. Vielleicht nimmt sie gerade die großstädtische Einsamkeit in sich auf. Bis 1927 studierte die 1898 geborene Laserstein – als eine der erste Frauen – Malerei an der Akademischen Hochschule der Bildenden Künste (einer Vorgängerin der heutigen Universität der Künste) in Berlin. In einer Zeit sich schnell abwechselnder Ismen und Avantgarden setzte sie bewusst auf eine akademisch geschulte, altmeisterliche Malweise. Dennoch irritierte Laserstein mit ihrer Malerei gängige Vorstellungen, indem sie moderne, selbstbewusste Frauen inszenierte. In ihrer Kunst ist sie zwar nicht frei von den Topoi ihrer Zeit, der Mode, der Idee der „Neuen Frau“, in manchen Bildern vom Sport- und Körperkult. Auch verleiht Lotte Laserstein ihren fast ausnahmslos weiblichen Figuren Individualität. Laserstein macht sie nicht, wie sonst in dieser Zeit üblich, zu maskenhaften, erstarrten, anonymen Typen. Das Gemälde „Im Gasthaus“ galt lange als im Zweiten Weltkrieg zerstört. Erst vor kurzer Zeit tauchte es bei einer Auktion auf und befindet sich seitdem in Privatbesitz.

Lotte Laserstein Abend über Potsdam, 1930, Öl auf Holz, 111 × 206 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie

Ebenfalls in der Berlinischen Galerie bin ich Lasersteins Gemälde „Abend über Potsdam“ von 1930 begegnet. Das breitformatige Bild zeigt fünf Figuren und einen Hund, an einem Tisch gruppiert, auf einem Balkon über den Dächern Potsdams. Die Figur in der Mitte, auffällig gelb gekleidet, wird kompositorisch eingerahmt von zwei Frauen und zwei Männern. Wie so oft greift Laserstein einen kunsthistorischen Topos auf, hier das Abendmahl, um es mit eminent gegenwärtigen Bezügen zu aktualisieren. Die Männer und Frauen wiegen sich buchstäblich wie Bäume im herbstlichen Wind. Sie diskutieren. Die Stimmung ist gedämpft, ernst. Lotte Laserstein wollte ihren „Abend über Potsdam“ nicht als Kommentar zur Lage der späten, in einer sich verschärfenden wirtschaftlichen und politischen Krise befindlichen Weimarer Republik sehen. Die Tischgesellschaft erweckt einen suchenden, fragenden Eindruck. Es ist ein Innehalten, ein melancholischer Augenblick, der festgehalten ist. Was mag kommen? Wie weiter? Lasst uns aufbrechen, bevor sie uns brechen: Ist es vielleicht das, was diese Männer und Frauen dem Betrachter sagen möchten?

So musste auch Lotte Laserstein aufbrechen. 1937 floh sie nach Schweden, verließ ihre jüdische Familie für immer. Vergeblich versuchte sie, Mutter und Schwerster ebenfalls nach Schweden zu retten. Bis zu ihrem Tod 1993 kam Laserstein nicht mehr nach Deutschland zurück. Im Exil konnte sie auch nicht mehr an ihre frühere künstlerische Hochform anknüpfen. Der „Abend über Potsdam“, den die Künstlerin als ihr wohl wichtigstes Bild in ihrer Wohnung in Kalmar aufbewahrte, wurde inzwischen von der Berliner Nationalgalerie angekauft und soll zukünftig einen prominenten Platz in der Sammlungspräsentation der Moderne bekommen.

Im Jahr 2014 konnte ich weitere Arbeiten Lasersteins kennenlernen. In der von Julia Voss kuratierten Ausstellung „1938. Kunst, Künstler, Politik“ im Jüdischen Museum Frankfurt, die den Konsequenzen nationalsozialistischer Politik für den Kunstbetrieb nachspürte, wurde Lotte Lasersteins Gemälde „In meinem Atelier“ von 1928 gezeigt. Das kompositorisch dreigeteilte Bild steht stellvertretend für die zahlreichen Selbstinszenierungen Lasersteins als Malerin. Sie ist, mit modischer Bubifrisur, konzentriert im Malprozess dargestellt. Im Hintergrund sieht man eine Berliner (Vor-)Stadtlandschaft. Den Vordergrund dominierend, ist das weibliche Modell auf einem Bett drapiert. Zu ihrem Modell der Berliner Periode, Traute Rose, pflegte Laserstein eine symbiotische, auch wenn nicht nachgewiesen erotische Beziehung. In Lasersteins Bildern sind Frauen aktiv gestaltende Subjekte weniger Objekte der Begierde.

Ebenfalls 2014 fand Lotte Lasersteins Rückkehr nach Deutschland ihre Fortsetzung. Das Städel Museum erwarb das Gemälde „Russisches Mädchen mit Puderdose“ aus dem Besitz der schwedischen Gemeinde Nybro. Das 1928 für den Wettbewerb „Das schönste deutsche Frauenporträt“ entstandene Bild zeigt eine in grellem Rot gekleidete junge Frau beim Pudern des Gesichts, in eine Konstellation aus zwei Spiegeln eingebettet. Es wurde, zusammen mit anderen Wettbewerbsbeiträgen, in der Berliner Galerie Gurlitt gezeigt, wo Laserstein 1931 auch ihre erste Einzelausstellung hatte. Im Kunstmarkt der späten Weimarer Republik war sie präsent.

Indes bleibt es zu wünschen, dass der Frankfurter Ankauf nicht der letzte Schritt war auf Lotte Lasersteins langen Weg zurück in die Mitte unserer Kunstwelt. Lasersteins konsequentes Werk, mit dem sie männlichen Kollegen in nichts nachsteht, verbindet das Faszinosum der Neuen Sachlichkeit mit einer beispielhaften Empathie. Nicht zuletzt zeigt es einen möglichen Weg auf, wie figurative Malerei in einer Zeit ideologischer Extreme sich gegen Vereinnahmung behaupten und gegenwärtig bleiben kann.

Weitere Aspekte von Leben und Werk Lotte Lasersteins, auch die bisher wenig beachtete Zeit in Schweden, lassen sich in Anna-Carola Krausses umfangreicher, im Reimer Verlag erschienener Laserstein-Monographie studieren (momentan vergriffen).

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erstellt am 10.7.2015

Lotte Laserstein bei der Arbeit an ihrem Gemälde „Abend über Potsdam" (um 1930)
Lotte Laserstein bei der Arbeit an ihrem Gemälde „Abend über Potsdam" (um 1930). Foto: Wanda von Debschitz-Kunowski

Lotte Laserstein Im Gasthaus, 1927, Öl auf Holz, Privatbesitz

Lotte Laserstein In meinem Atelier, 1928, Öl auf Holz, Privatbesitz

Lotte Laserstein Russisches Mädchen mit Puderdose (1928), Öl auf Holz, Städel Museum, Frankfurt am Main