Der Hauptpastor bezichtigte ihn der Häresie, seine geistlichen Nachfolger verweigerten ihm ein christliches Begräbnis und besudelten sein Grab. Denn Jakob Böhme fand Gott „in sich selber naturlos, sowohl affekt- und kreaturlos“, weil sich in ihm das Gute und das Böse aufhob. Otto A. Böhmer aber sah im Riesengebirge den gelernten Schuster und autodidaktischen Philosophen vom Naturburschen Rübezahl heimgesucht.

Holzwege

Die Morgenröte bricht an

Der Philosoph Jakob Böhme

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Jakob Böhme befand sich im Riesengebirge. Durch dichtes Gestrüpp hatte er sich vorwärtsgearbeitet und einen Weg erreicht, der in sanfter Steigung bergauf führte. Es regnete, und der Untergrund war glatt; über den Baumkronen aber schimmerte ein seltsam klares Licht, das dem Philosophen jene Einsicht zu verbürgen schien, nach der er schon länger suchte. Er hatte über die Signaturen des Lebens nachgedacht und war dabei wieder einmal auf das Wissen selbst zurückgekommen, dem er nicht allzu sehr traute. Wissen war trügerisch, eine Fabel der Hoffart, ein Pensum zum Abarbeiten und Vergessen; wer zu wissen vorgab, verriet sich vor Gott. Eine solche Erkenntnis aber war eigentlich auch trostlos, und Jakob Böhme hatte es auf einmal nicht mehr in seiner Stube ausgehalten, und er war hinausgestürzt ins Freie. Er rannte durch die Gassen der Stadt und erreichte ungeschütztes Gelände. Über stinkende Felder hinweg, durch Wiesen und Gräben kam er ungeahnt schnell ins Gebirge, das in Wolken lag. In den Wäldern verlor sich die Zeit des Tages; strafend düster war es, wenn da nicht dieses Licht heraufgezogen wäre, das den Philosophen beruhigte und in erwartungsfrohes Bangen versetzte. Auf einem umgestürzten Baumstamm machte Böhme Rast; er atmete schwer, und für einen Moment kam es ihm vor, als wäre er nicht mehr allein, sondern längst zum Verfolgten geworden, dem ein Unbekannter nachstieg. Waren da nicht Schritte gewesen hinter ihm, ein Knacken im Unterholz und flüsternde Stimmen, die zum wiederholten Male über ihn berieten?

Es kann mir nichts zustoßen, dachte der Philosoph. Den Boden ru­higer Gewissheit habe ich mir bereitet. Als ich die Tiefe dieser Welt anschaute, dazu Sonne und Sterne und Wolken, dazu Regen und Schnee, betrachtete ich in meinem Geist die ganze Schöpfung die­ser Welt. In allen Dingen fand ich Böses und Gutes, Liebe und Zorn, in den unvernünftigen Kreaturen wie in Holz, Steinen, Erden und Elementen sowohl als in Menschen und Tieren.

Böhme wurde ruhiger, und er schloss die Augen. Da klatschte auf einmal ein Geschoß neben ihm zu Boden, ein übelriechender Sack, aus dem schwärzlich-grüne Flüssigkeit quoll, die sich rasch verbreitete. Danach war ein teuflisches Lachen zu hören, das von oben herab kam und zu wahrer Hohnstärke anschwoll. Das muss er sein, dachte der Philosoph, Rübezahl, der Herr der Berge, an den das einfache Volk mit zäher Inbrunst zu glauben beliebt. Auch Böhmes Freund Praetorius, der kein Freund satter Phantastereien war, hatte Rübezahls Existenz für erwiesen gehalten und damit begonnen, alle Sagen und Legenden, die über den geheimnisvollen Riesengebirgsherrscher in Umlauf waren, zu sammeln. Praetorius war es sogar gelungen, einen Verlag zu finden, der die Absicht kundtat, aus seiner Sammlung ein Buch zu machen, das unter dem Titel „Daemonologia Rubinzalii Silesii“ an Michaelis des übernächsten Jahres erscheinen sollte. Konnte es sein, dass der Freund recht hatte und dieser Rübezahl hier tatsächlich sein Unwesen trieb? Jakob Böhme fühlte sich nicht in der Lage, es auf eine Wahrheitsprobe ankommen zu lassen; er sprang auf und rannte weiter. Durch dichtes Gestrüpp arbeitete er sich vorwärts und erreichte schließlich einen sanft ansteigenden Weg, der ihm sehr bekannt vorkam. Die Kunst, im Kreise zu gehen, dachte er, aber da er kei­ne Schritte mehr hinter sich hörte, kein Schleifen und kein Zie­hen, und auch das teuflische Gelächter verstummt war, legte sich seine Ängstlichkeit. Noch immer stand das seltsam klare Licht am Himmel, von dem er hoffte, dass es ihn führen würde – und erleuchten. „Wenn alle Bäume Schreiber und alle Äste Schreibfedern wären“, rief er, kühner werdend, aus, „wenn alle Berge Bücher und alle Wasser Tinte wären, sie könnten den Jammer und das Elend nicht genug beschreiben, die Luzifer an seinen Ort gebracht hat . . . Aus dem Haus des Lichts hat er ein Haus der Finsternis gemacht und aus dem Haus der Sanftmut ein ewiges Pochen, Donnern und Blitzen . . . Aus dem Haus des Friedens ist ein Haus des Heulens und Zähneklapperns geworden und aus dem Haus des Lachens eines des Zitterns und Zagens.“

In diesem Moment spürte der Philosoph einen Schlag im Kreuz; man hatte ihn abermals unter Beschuss genommen, und auch das dreiste Gelächter war wieder zu vernehmen. „Ich werde dir helfen, Freundchen, von Dingen zu reden, von denen du nichts verstehst. Heißt es nicht schon im Munde des Volkes, dass der Schuster bei seinen Leisten bleiben soll?“ brüllte eine Stimme, und der dazugehörige Mann, vermutlich ein Riese an Gestalt, den man noch immer nicht sehen, dafür aber sehr wohl ahnen konnte, schien ihm nun persönlich an den Kragen zu wollen, denn er kam den Krüppelholzhang heruntergestapft, unüberhörbar, ein Berserker, der schnaubend durch die Büsche brach, um sich seinen Philosophen zu holen. Jakob Böhme ergriff die Flucht, ja er rannte um sein Leben. Sein Verfolger blieb hinter ihm; die Erde bebte, aber er kam nicht näher. Es war, als wollte er einen immergleichen Schreckensabstand einhalten, der ihm zudem die Gelegenheit gab, mit schweren Gegenständen nach dem Philosophen zu werfen, die diesen jedoch, erstaunlich genug, allesamt verfehlten. Böhme keuchte; der Schweiß stand ihm auf der Stirn. An einer abschüssigen Wegbiegung stolperte er über eine heimtückisch aufragende Baumwurzel und stürzte; er fiel tief und schlug auf einem Fleckchen steinharter Erde auf. Vor seinen Augen tanzten rote Punkte, und es wurde dunkel um ihn her. Als er erwachte, fand er sich auf dem Waldboden wieder; es war, als hätte ihn jemand zur vorsorglichen Ruhe gebettet, denn er lag geschützt am Fuße eines hohen Baumes und war mit Zweigen zugedeckt. Schmerzen spürte er keine, im Gegenteil: Er fühlte sich erfrischt wie nach einem langen Schlummer. Als er sich erhob, kam ihm ein Erinnerungsbild zu, das nur noch ein Schatten seiner selbst war. Er hatte den Gang in die Wälder gesucht und war unter das Licht seiner Einsicht gelangt, das ihn verfolgen ließ, bis er, fliehend und einer ihm neu zugedachten Eingebung gehorchend, zur Ruhe kommen musste, die einem gewährenden Schlafe glich; und so wußte der Philosoph nun, was er wis­sen wollte: Das Licht steht frei für sich, dachte er. Und weil es sich nunmehr gänzlich offenbaren will wie in einem hellen Spiegel, so ist zu vermuten, dass der große Tag der Offenbarung Gottes längst vorhanden ist. Die Grimmigkeit und das entzündete Feuer werden sich von dem Licht scheiden. Darum soll keiner mehr unbedacht in die Wälder fliehen oder sich selber stockblind machen, denn die Zeit der Wiederbringung dessen, was der Mensch verloren hat, ist gekommen; die Morgenröte bricht an, und es ist endgültig Zeit, vom Schlafe aufzuwachen.

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erstellt am 10.7.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Jakob Böhme
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