Der US-amerikanische Künstler Trevor Paglen bahnt sich zusammen mit Amateurastronomen, Programmierern und Menschenrechtlern einen Weg durch die für Außenstehende kaum zugängliche „Black World“ der Datenüberwachung. Paglens Ausstellung „The Octopus“ im Frankfurter Kunstverein ist eine Bereicherung, meint Ellen Wagner.

Ausstellung in Frankfurt

Release the Kraken!

Von Ellen Wagner

Ein exklusives Ferienressort könnte sich nicht einladender präsentieren als Trevor Paglens They Watch The Moon (2010). Die Fotografie wirkt wie in das gedämpfte Licht einer Bankierslampe getaucht, ein diesiger Farbverlauf hellt das satte Grün des Waldes nach oben hin sanft auf. Die scheinbare Auenland-Idylle ist ernüchternde Realität: Die von Bäumen umzingelte Rasenfläche ist gespickt mit riesigen Satellitenschüsseln, die darauf warten, in den Weltraum entwichene und vom Mond auf die Erde zurückreflektierte Funksignale zu empfangen. Allein, dass so etwas wie das sogenannte Moonbounce-Phänomen überhaupt existiert, klingt in den Ohren des Laien mehr als phantastisch.
Beim Gang durch die Ausstellung wähnt man sich bisweilen in einem Fantasyfilm. Rechts neben der mondbeschienenen Abhörstation in den Wäldern West Virginias stößt man auf eine Fotografie, die scheinbar im glühendroten Feuernebel in den Minen Mordors aufgenommen wurde. Doch KEYHOLE 12-3 (IMPROVED CRYSTAL) Optical Reconnaissance Satellite Near Scorpio (USA 129) (2007) hat mehr als nur Spezial-Effekte zu bieten. Die Arbeit ist Teil des Projektes The Other Night Sky und macht in diesem Rahmen verborgene US-Satelliten sichtbar.

Trevor Paglen verfolgt ein „politisches Projekt mit ästhetischen Konsequenzen“. Dabei baut er auf hochentwickelte Technologien und die Kraft „kollektiver Wissensgewinnung“: Zusammen mit Amateurastronomen, Programmierern und Menschenrechtlern bahnt er sich einen Weg durch die für Außenstehende kaum zugängliche „Black World“ der Datenüberwachung. Der Wolkenmetapher der Internetcloud setzt er die der Tiefsee entgegen, die von unersättlichen Datenkraken wie Google und Facebook bevölkert wird. Sie bildet die Kehrseite des sorglosen Social-Media-Strandlebens. Doch auch Kraken wohnen in Höhlen, die sich aufspüren lassen: Ein Diptychon aus einer Karte der ostfriesischen Küste und einem Seestück mit einsamem Surfer visualisiert die Lage der zwischen den USA und Europa verlaufenden Seekabel. Sie zeigt auch an, wo diese an Land gehen und von der NSA angezapft werden (NSA-Tapped Fiber Optic Cable Landing Site, Norden, Germany, 2015).

In einem Vortrag auf dem Chaos Communication Congress erklärte Paglen 2014, ihm gehe es darum, die Grenzen des Wahrnehmbaren aufzusuchen, an denen sich auch die Geheimdienste bewegen, wenn sie Informationen von der Bildfläche verschwinden lassen. Und deshalb sei er kein Künstler, der morgens in sein Atelier gehe, um vor der Staffelei zu stehen. Trotzdem macht Trevor Paglen schöne Bilder.
Viele seiner Fotografien wirken geradezu kontemplativ, wie z. B. die aquarellartig verfließenden Wolkenhimmel, die einen nur bedingt freien, kolonisierten Luftraum zeigen wie Untitled (Reaper Drone), 2013 u. 2010, oder die verschwommenen Aufnahmen von Drohnen, die in so entlegenen Militäranlagen nisten, dass sie nur mit Hilfe von Hochleistungsteleskopen aufzuspüren sind – in einem Birdwatching der etwas anderen Art wie Reaper Drone (Indian Springs, NV Distance ~ 2 miles), 2010.

Tatsächlich könnte man sich die pastelligen Arbeiten im großzügigen Mittelformat sehr gut über dem heimischen Sofa vorstellen. Und gerade das macht die Ausstellung The Octopus aus, die das Dokumentarische mit dem Dekorativen zu einer beunruhigenden Atmosphäre vermischt. Trevor Paglen (* 1974) hat Geografie und Kunst studiert, er beherrscht die bildgebenden Verfahren beider Disziplinen und kennt die Präsentationskonventionen verschiedener analoger wie digitaler Kontexte.

Beim Inspizieren der in der Ausstellung verteilten Vitrinen etwa fühlt man sich wie auf einer Schnitzeljagd. Wie einander überlagernde Browserfenster sind hier Dokumente aus dem Überwachungskontext ausgebreitet – Material, über das man sich einen Überblick verschaffen kann, ohne dass man Zugriff erhielte: Power-Point-Folien der NSA, ein zum Buchstabensalat verschlüsselter E-Mail-Verkehr Paglens oder sogar ein Protokoll der Befragung Khaled el Masris, der 2004 von der CIA zu Verhörzwecken nach Afghanistan verschleppt wurde und erst nach mehreren Monaten wieder freikam.

The Fence (Lake Kickapoo, Texas) von 2010 dagegen ist auf einer Stellwand wie ein kleiner Rothko inszeniert. Bewegt man sich vor dem Bild, hat man auch eine weitere Arbeit ständig im Blick: Der Autonomy Cube (2014), den Paglen mit dem Internetaktivisten Jacob Appelbaum entwickelt hat, erzeugt einen WiFi-Hotspot, den Besucher der Ausstellung nutzen können, um anonymisiert über das Netzwerk Tor im Internet zu surfen.
Die Skulptur bzw. die Hardware in ihrem Innern korrespondiert formal mit den gegenüber gehängten Nachtaufnahmen der Hauptzentralen US-amerikanischer Geheimdienste (National Geospatial-Intelligence Agency, Springfield, California, der National Security Agency, Ft. Meade, Maryland und des National Reconnaissance Office, Chantilly, Virginia, alle 2013). Von einer Art erhöhtem Feldherrenhügel aus besehen deuten sich die überwältigenden Ausmaße des Geländes an. Doch die dem Betrachter suggerierte Übersicht bezieht sich nicht auf die Vorgänge im Innern der Gebäude, sondern nur auf die Fotografie, die etwas aus der Ferne heranzuholen scheint, es dabei aber noch lange nicht durchsichtig macht.
Der Autonomy Cube wirkt wie die stark miniaturisierte Version einer solchen Anlage aus der Vogelperspektive. Und doch ist er objekthafter, nahbarer. Seine blinkenden Lichter dienen nicht der Verzierung einer im Dunkeln glitzernden Oberfläche, die ablenkt von dem, was sie umhüllt, sondern sind Teil eines funktionierenden Netzwerks, das die Daten seiner User anonymisiert, indem es sie über den Umweg vieler freiwillig betriebener Server leitet.

Im Titel erinnert die Arbeit an das Computerspiel Portal. In diesem wird Spielern ein Weighted Companion Cube zur Seite gestellt, der sowohl als schutzbedürftiger Begleiter als auch als unbelebtes Objekt beschrieben wird. Am Ende des Spiels muss der Spieler ihn verbrennen, wie um zu beweisen, dass er keine irrationale Beziehung zu einem Ding entwickelt hat.
Paglens Autonomy Cube führt nicht in die Abhängigkeit, sondern verspricht Freiheit durch Anonymität. Auch die Fotografien Paglens sind Portale – zwar ist man noch nicht auf der „anderen Seite“ angelangt, doch sieht man durch die Bilder hindurch, dass es sehr wohl möglich ist, eine Verbindung zu dieser herzustellen und sie zu Gesicht zu bekommen.

Nicht zuletzt deshalb ist The Octopus eine Bereicherung für den Frankfurter Kunstverein. Im Treppenhaus kommt es zur Begegnung mit Thomas Feuersteins Ausstellung PSYCHOPROSA, die parallel zu The Octopus noch bis zum 30. August 2015 zu sehen ist. Beide Ausstellungen widmen sich der Veränderung des Blicks auf die Welt. Feuerstein deutet mit der Produktion des psychotropen Moleküls Psilamin an, die Wahrnehmung der Dinge könnte oder sollte sich durchaus einmal verflüssigen. Paglen wiederum scheint es gerade um das Festhalten und Dingfestmachen zu gehen. Während Feuersteins MANNA-MASCHINE unablässig Algen und transparenten Schleim durchs Haus pumpt und damit auch Fragen bzgl. ihrer eigenen Zweckmäßigkeit zu provozieren scheint, beziehen sich Paglens Vorschläge zu alternativen Formen der Zirkulation auf unser alltägliches Verhalten im Umgang mit Bildern und Daten, angefangen bei der Genauigkeit unseres Hinsehens. Für den Besucher bieten sich nun beide Strategien einer persönlichen Adaptierung an.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 04.7.2015

Trevor Paglen, „They Watch the Moon“, 2010, C-print, 91,44 × 121,92 cm, © the artist, Courtesy Galerie Thomas Zander, Köln

Ausstellung in Frankfurt

Trevor Paglen: The Octopus

20. Juni bis 30. August 2015

Frankfurter Kunstverein

Trevor Paglen, Reaper Drone (Indian Springs, NV, Distance ~ 2 miles), 2010, C-print, 76,2 × 91,4 cm, © the artist, Courtesy Galerie Thomas Zander, Köln

Trevor Paglen und Jacob Appelbaum, Autonomy Cube, 2014, Mischtechnik, 34,3 × 34,3 × 34,3 cm, Courtesy the artists und Altman Siegel, San Francisco; Metro Pictures, New York; Galerie Thomas Zander, Köln

Trevor Paglen, National Geospatial-Intelligence Agency, Springfield, Virginia; National Security Agency, Ft. Meade, Maryland; National Reconnaissance Office, Chantilly, Virginia, 2013, 3 C-prints (Triptychon), jeweils 45,7 × 68,6 cm, © the artist, Courtesy Galerie Thomas Zander, Köln