Der Komponist Walter Zimmermann hat, indem er die Impulse der New York School aufnahm, ein großes und vielfältiges OEuvre geschaffen, das wiederum dem kulturellen Kosmos Europas verbunden ist. Der Schriftsteller und Komponist Albert Breier legt nun eine überraschende Zimmermann-Monographie vor, die dem Geflecht der Werkbezüge nachspürt. Bernd Leukert hat sie gelesen.

Buchkritik

Der Tonmetz

Albert Breiers Buch „Walter Zimmermann. Nomade in den Zeiten“

Von Bernd Leukert

Auffällig ist, dass auf der Titelseite des Umschlags der Name des Autors fehlt. Das mag formal der ‚Archiv’-Reihe der Akademie der Künste geschuldet sein, die sonst Materialien oder Beiträge von anderen Autoren versammelt, die von einem Herausgeber gestaltet werden. Doch in diesem Fall ist das anders, denn hier hat ein Autor ein Buch über einen Komponisten geschrieben. Und mehr: Albert Breier, 1961 in Paderborn geboren, Komponist, Pianist und Schriftsteller, hat mit dieser Arbeit das Werk des Komponisten Walter Zimmermann in ein kulturelles Beziehungsgeflecht gesetzt, wie kaum jemand vor ihm. Breier entzündet seine wohltuend belehrende Abhandlung an verschiedenen Aspekten der Zimmermann’schen Musik, die als stichwortartige Kapitelüberschriften seine reichhaltigen Reflexionen zusammenhalten. Dabei bezieht er sich auf wenige Zyklen aus dem enorm umfangreichen Werk Zimmermanns, insbesondere auf ‚Suave Mari Magno’, und ‚Lokale Musik’. Rätsel, Figur, Wort, Kindheit, Geschichte, Paradox, Der Nomade – jede Kapitelüberschrift ist in der Arbeit Zimmermanns relevant und wird ausführlich kulturhistorisch, politisch, musik- oder ideengeschichtlich ausgeführt. Dabei gehen aus jedem Themenkomplex weitere Stichworte hervor, die ebenso gründlich mit ihrem kontextuellen Umfeld behandelt werden. Auf diese Weise erfährt man viel über Textur, Heidegger, Monadologie, über Novalis’ innige Ironie oder die Kontinuität durch Diskontinuität bei Dong Qichang (1555-1636), über das Meer und die Wüste, die Architektur des Rokoko oder die nomadische Ethik. Mit anderen Worten, die vielen unterschiedlichen Betrachtungsweisen des Zimmermannschen Werkes umgeben es in mehreren Lagen: Es wird, indem sie weit über ihren Gegenstand hinausführen, darin aufgehoben. Der Komponist Walter Zimmermann erscheint in diesem Ambiente als polyvalenter Künstler, der kompositorisch zumeist von Texten ausgeht, die er aber vorzugsweise in Texturen versenkt: Das Umgießen von Texten und Bildern ist bei Zimmermann ein alchemistischer Prozess, bei dem die Eigenschaften der Ausgangsstoffe ganz oder zum Teil verlorengehen; der eine Affinität zur Gedankenlyrik hat; dessen Musik sich mit Nüchternheit und Sympathie äußert; der auf die Körperlichkeit und die Macht der Rede setzt: Der Gesang erscheint gegenüber der antiken Rede als etwas spezifisch Christliches. Dem abendländischen unkörperlichen Gesang ist von Beginn an die Sehnsucht einbeschrieben. Es hängt mit der Nostalgiefeindschaft Zimmermanns zusammen, dass er sich den offenen Gesang nur selten gestattet. Ein Gesang ohne Sehnsucht – etwas, auf das sich nur die Kinder verstehen – ist das Ideal von Zimmermanns Musik: ein seltenes, schwieriges Ideal, aber vielleicht kein unerreichbares.

Breier kommt mit dieser ungewöhnlichen Herangehensweise freilich nicht ohne gelegentliche Überhöhungen aus, dennoch hat er keine Hagiographie geschrieben. So formuliert er im thematischen Zusammenhang ‚Intellektualität-Archaik’ mit leichtem Spott: Wenn der Seele, wie in Zimmermanns Musik, ein Platz gewährt wird, ermöglicht das dem Hörer ein erleichtertes Aufatmen, das Gefühl, wenigstens für die Dauer des Erklingens der Musik im Schutz einer rettenden Macht zu stehen.

Auch konstatiert er zum Problem der Sinnfälligkeit in der Neuen Musik: Die Plastizität des Einzelnen muss gegen die übergeordnete Konstruktion ausbalanciert werden, wenn das musikalische Geschehen nicht den Eindruck der Sinnlosigkeit vermitteln soll. Diese Balance ist nicht leicht zu bewerkstelligen; auch Zimmermann gelingt sie nicht immer in gleichem Maße.

Walter Zimmermann hat stets und sehr entschieden versucht, alles, was mit seiner Person, gar seiner Privatheit zu tun hat, aus seiner Musik herauszuhalten. Er hat sie dafür durch Magische Quadrate und andere Filtersysteme laufen lassen, um das Ersonnene sich zu entfremden. So bemerkt Albert Breier im Kapitel ‚Der Nomade’: Denn Zimmermann verhält sich zu seinen Werken eher wie ein Diener als wie ein Meister, er befiehlt den Tönen nicht, sondern lässt ihnen ihr Eigenleben, ordnet sie allenfalls behutsam, damit sie sich nicht gegenseitig im Wege stehen.

Die Charakterzeichnung des Nomaden – Buchtitel und Kapitel sind angeregt von Zimmermanns Komposition ‚Monade/Nomade’ – ist eine ideengeschichtliche, literarische und hat mit dem realen Selbstverständnis realer Nomaden wenig zu tun. In dieser Darstellung finden sich folgerichtig die Worte: Man weiß auch nicht recht zu sagen, was er f ü h l t, obwohl es keinem Zweifel unterliegt, dass seine Gefühle zu den stärksten gehören. Nur hat seine Lebensweise ihn gelehrt, sie nicht oft zu zeigen. Wenn ihm also auch eine ausgebreitete Gefühlskultur fehlt, wie sie nur derjenige entwickeln kann, der im Schutz sicherer Häuslichkeit lebt, so wird er dafür doch durch einen Schatz nicht mittelbarer Gefühle entschädigt, solcher, die, auch wenn man sie mit ins Grab nimmt, doch zuvor geheimnisvollen Ausdruck in einer nicht zu deutenden F o r m gefunden haben, einer Form, die für die Nachfahren zum nahrhaften Rätsel werden kann.

Die Vielheit der musikalischen Werkcharaktere weist dennoch stets auf den schaffenden Einen, auf Walter Zimmermann. Er ist, analog zum ‚Wortmetz’ (Arno Schmidt), ein Tonmetz, ein Klangarchitekt, und eben auch ein Wanderer, seine Kunst ist Nomadismus. Er baut Zelte, webt Teppiche. Nomade ist er nicht nur im Raum, sondern vor allem auch in der Zeit. Oder: In den Zelten seiner Kompositionen sind die Zeiten zu Gast, finden sie sich ein zu respektvoll-freundlichem Gespräch. Auf die Gastfreundschaft des Zeltbauers ist Verlass; nie wird er störend in die Unterhaltungen eingreifen, dafür selbst im gegebenen Moment diskret das Seine beitragen.

Dass sich in diesem beindruckenden Buch auch kluge Musikanalysen finden, soll nicht unterschlagen sein. Die starke Wirkung dieser Arbeit besteht aber in ihrer reflektierten und reflektierenden Faktur, der Einführung in einen Künstler-Kosmos, der die kulturellen Bedingungen für die eigenwillige Transformation in Musik bereithält.

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erstellt am 04.7.2015

Albert Breier
Walter Zimmermann. Nomade in den Zeiten
Archive zur Musik des 20. Und 21. Jahrhunderts. Band 14
Akademie der Künste. Archiv
Herausgegeben von Anouk Jeschke und Werner Grünzweig
ISBN 978-3-95593-114-8
Wolke Verlag, Hofheim 2014

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