Gustav Peichl wurde unter dem Pseudonym Ironimus zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Karikaturisten Österreichs. Auch wenn einem die eine oder andere Spitze missfallen mag – an der zeichnerischen Meisterschaft von Ironimus gibt es keinen Zweifel, meint Thomas Rothschild.

Karikatur

Mit dünnem Strich

Von Thomas Rothschild

Wenn es eines Beweises bedürfte, dass Satire im Allgemeinen und die Karikatur im Besonderen nicht links stehen müssen, dann reicht der Blick nach Österreich. Gustav Peichl, von Haus aus Architekt, wurde unter dem Pseudonym Ironimus zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Karikaturisten des Landes, und er ist von seiner politischen Einstellung her mit Gewissheit eher ein Konservativer als ein Linker. Aber auch Konservative können, aus ihrer Sicht, Missstände und ihre komischen Seiten erkennen, und auch Linke können, wenn sie nicht ganz verbissen sind, darüber lachen.

Selbst wenn einem die eine oder andere Spitze missfallen mag – an der zeichnerischen Meisterschaft von Ironimus gibt es keinen Zweifel. Charakteristisch ist der dünne Strich, der meist ohne Neuansatz durchgezogen scheint, wie in den Arbeiten von Saul Steinberg, von Chaval oder von Tex Rubinowitz. Der könnte der Sohn des 1928 geborenen Gustav Peichl sein. Aus Anlass des selbstgewählten Endes der zweiten Berufskarriere hat der Brandstätter Verlag ein Kompendium mit dem wohl auch schon ironischen Titel „Das Wunder Österreich“ herausgebracht.

Es beginnt mit Peichls erster Karikatur aus dem Jahr 1954, die den damaligen Bundeskanzler Julius Raab, schlafend, mit der unvermeidlichen Virginia im Mund zeigt, wie er unter dem Bild der Alliierten vom Staatsvertrag träumt. Die abziehenden Russen zeichnet Ironimus bald darauf mit Diebesgut von der Uhr über den Radioapparat bis zum Klodeckel: der Kalte Krieg schlug sich auch in Karikaturen nieder. Chruschtschow und Kennedy imaginiert der Karikaturist als zwei grinsende Engel, die nach Wien einschweben. Besonders gut gelingt Ironimus Bruno Kreisky, dessen gewelltes Haar er mit wenigen Strichen zum Erkennungszeichen macht. Peichl schreibt: „Kreisky war eine Attraktion für alle Karikaturisten. Denn er hatte, was vielen Politikern fehlt: ein wirkliches Gesicht.“ Das ist, klar, wörtlich wie im übertragenen Sinne zu verstehen. Mit Frauen tut sich Ironimus schwerer. Mit Hertha Firnberg zum Beispiel oder mit Susanne Riess-Passer (wer erinnert sich noch an die zeitweilige Vizekanzlerin, für die Jörg Haider die gleiche Bedeutung hatte wie Helmut Kohl für Angela Merkel?).

Das Gros der Zeichnungen widmet sich der Politik und ihrer Personifizierung in den Politikern. Aber auch Künstlerkollegen wurden zum Gegenstand des nicht immer freundlichen Spotts von Ironimus. Claus Peymann, für den er immerhin eine Probebühne entwerfen durfte (Ironimus ist mit vielen seiner Objekte befreundet oder verfeindet – bestechlich ist er nicht) mag er, unverkennbar, ebenso wenig wie einige Schriftsteller. Bewunderung hingegen empfindet er offenbar für seinen Kollegen Paul Flora: Er lässt einen kleinen Kreisky dem großen Zeichner auf einem Denkmalsockel zum 60. Geburtstag gratulieren.

Begleitet werden die Karikaturen von politischen und nicht eben durch einen Mangel an Selbstbewusstsein geprägten Erinnerungen und Kommentaren des Autors. Warum in der Kurzbiographie im Anhang steht, die Zeichnungen von Ironimus erzählten seit 1964 (!) politische Geschichte, obwohl gerade dokumentiert wurde, dass sie das seit 1954 tun, weiß allein der Verlag.

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erstellt am 03.7.2015

Zeichnung von Ironimus, aus dem besprochenen Band

Ironimus
Das Wunder Österreich
Geschichten & Karikaturen aus 60 Jahren. Mit einem Vorwort von Rainer Nowak.
Hardcover, 320 Seiten
ISBN 978-3-85033-879-0
Brandstätter Verlag, Wien 2014

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