Seit 1977 stellen sich jährlich ausgewählte Autoren einer kritischen Fach-Jury in Klagenfurt. Um den Ingeborg-Bachmann-Preis streiten dieses Jahr vierzehn Bewerber. Für Faust-Kultur berichtet Jamal Tuschick über den legendären Literaturwettbewerb.

5.7.2015

Eugen Gomringer
Eugen Gomringer - Da fiel der Apfel nicht weit
Bachmannpreis 2015 für Nora Gomringer

Benennung als Befreiung

Es wird schon nicht mehr viele Leute geben, die sich erinnern, dass Gomringers direkte Gegenspielerin in zwei Stichwahlen Präauer heißt

Die ersten Meldungen rutschen über die Klippe eines tragischen Augenblicks. Man ist froh, bei der Hitze zu Text gekommen zu sein. Es musste schnell gehen. Die Entscheidung der Jury erscheint unangreifbar. Nora Gomringer ist Ingeborg Bachmann-Preisträgerin 2015. Ihr Beitrag überflog den ersten Wettbewerbstag und bedrohte keinen mit Langeweile. Ob man nun philologisch vermummt oder immun ist, ob man gern mit dem großen Besteck klappert oder das Geklapper nicht ausstehen kann, Gomringer geht sowieso. Es wird schon nicht mehr viele Leute geben, die sich erinnern, dass ihre direkte Gegenspielerin in zwei Stichwahlen Teresa Präauer heißt. Präauer war auch die direkte Gegenspielerin von Valerie Fritsch, die den Kelag-Preis so wie den Publikumspreis gewann. Sie wurde schließlich von Dana Grigorcea bei der Vergabe des 3sat-Preises ausgestochen. Seit ihrem Auftritt am Samstag galt Präauer als Anwärterin auf den Hauptpreis. Die Jury war sich in keinem Fall in Zustimmung so einig wie in ihrem. Hubert Winkels hatte an der Geschichte vom Mann, der sich zum Affen macht, einen Narren gefressen. Sandra Kegel (FAZ) erschien nach dem Vortrag regelrecht erlöst. Präauers „Oh Schimmi“ erzählt von einem blöden Typen auf Talfahrt. Der Punkt ist: Keine intelligente Frau kann es sich leisten so blöd zu sein wie Schimmi, während es für einen intelligenten Mann kein Problem ist, so blöd zu sein. Präzise Benennung gibt Katharsis einen Vorgeschmack. Das war das Erlebnis, das Kegel genoss: die Benennung als Befreiung.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie Reich-Ranicki Siegrid Löffler auflaufen und an sich zerschellen ließ. Die Omnipotenz versteckte sich nicht hinter Manieren. Das schiere Machtbewusstsein hatte an sich selbst nichts auszusetzen. In Klagenfurt fand ein Rollentausch statt. Zehn Autorinnen stellten vier schreibende Männer in den Schatten. DIE ZEIT triumphierte im Titel: „In Klagenfurt dominieren die Frauen!“ In dem Artikel dreht sich „das Weibliche“ in der Literatur im Grab herum. Joyce war weiter: „Schreiben bedeutet weiblich zu werden.“

ZEIT-Autorin Wiebke Porombka setzt Weiblichkeit mit Empfindlichkeit in eins. Diese Lesart entdeckt einen Vorsprung der Schriftstellerinnen im „Wahrnehmen, … Lauschen, … Abtasten des Erfahrenen und Gedachten“.

So fern ich dieser Ansicht stehe, genau das scheint bei der Kritik als Wohltat angekommen zu sein – und in Präauers Beitrag den Gipfel erreicht zu haben. Der stärkste Einwand gegen Gomringer erschöpfte sich im Vorwurf der kalkulierten Wirkung. Die Autorin hatte ihre Sache mit Überwältigungsabsichten komponiert. Sie war raffiniert genug gewesen, sich dabei nur halb ertappen zu lassen.

Auch Präauers Vortrag war performativ, aber deutlich gedimmter als Gomringers Polyphonie. Trotzdem lässt Präauer ihren Primaten Schimmi ungebremst ins offene Messer laufen. Ebenso wie Peter Truschner einen Hartz-IV-Terroristen, der seinen Selbsthass bis zum Weltekel ausbaut. Truschner kam damit so schlecht an wie sonst keiner.

Es passiert also etwas in der deutschen Literatur. Ein Ideal etabliert sich, das den männlichen Autor zur Negativfolie zusammenrollt. Porombka sagt es mit Schaum vor dem Mund: Die Männer gingen „laut trommelnd die harten sozialen Themen an, aber auch hier waren die Autoren so in ihr Trommeln vertieft und verliebt, dass sie jenseits von diesem relativ wenig wahrnahmen. Wie irrsinnig gut, dass Literatur ein Terrain ist, auf dem ein solcher typisch männlicher Eroberergestus (von dem gewiss auch mal weibliche Wesen befallen sein mögen) mit leichter Hand entzaubert wird.“

Zu den gewiss auch mal weiblichen Wesen (mit Eroberungsabsichten) gehört gewiss auch Nora Gomringer.

Nora Gomringer
Nora Gomringer
Bachmannpreis 2015

Heute ist ein guter Tag

„Das Widerliche am Schreiben ist, dass es die Kaltherzigen und die Voyeure anzieht.“ Nora Gomringer

„Der Sieger geht leer aus“. Eine Geschichte von Hemingway heißt so und so geschah es in Klagenfurt. Die favorisierte Teresa Präauer verlor den von der Kärntner Landeshauptstadt vergebenen, mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis in der zweiten Stichwahl an Nora Gomringer, den Kelag-Preis (10.000 Euro) an Valerie Fritsch, die außerdem den online ermittelten BKS-Bank-Publikumspreis (7000 Euro) gewann, und schließlich den 3sat-Preis (7500 Euro) an Dana Grigorcea. Die in der Schweiz lebende Rumänin Grigorcea gefiel mit einer „rumänischen Burleske“, in der Michael Jackson eine unrühmliche Rolle spielt.

Die Kamera suchte wieder und wieder Präauers Gesicht auf, um nachdunkelnden Hoffnungsglanz dem TV-Auditorium als ein schönes Beispiel für Tragik mit Hochsteckfrisur anzubieten. Vor zehn Jahren wäre die Frisur noch vintage gewesen.

„Würden Sie so was auch über einen Mann schreiben, Herr Tuschick?“

„Komm mir nicht so, Freundchen, ich habe das mit Ronja von Rönne geklärt.“

Die Tragik ergab sich allein aus dem verpassten Sieg im direkten Vergleich mit Gomringer. Im Übrigen standen fünf Schriftstellerinnen im roten Kreis der Hauptpreiswürdigkeit. Reich-Ranicki hat mal gesagt, der Sinn des Wettlesens am Wörthersee sei eine Abkürzung in die öffentliche Wahrnehmung. Die 2015 ausgezeichneten Autorinnen sind schon bekannt. Nora Gomringer trägt sogar einen berühmten Familiennamen. Ihr gelang laut Jury „ein Balanceakt über dem Abgrund des Absurden“. Sie hatte das Hörspiel „Der Gott der verlorenen Dinge“ monoman & polyphon vorgetragen. Die Zeiten sind vorbei, in denen es zur Ernsthaftigkeit des Autors gehörte, den Text im Vortrag zu zerstören. Der Hosenstall stand auf, die Fahne seines Fürsten wehte voran – wie lange ist das her, dass ein Schriftsteller mit Bierflaschen warf? Ich erinnere an Wiglaf Droste.

Na gut, die Gegenwart schreit hier, sag was zu mir. Heute heiße ich Nora Gomringer. Gomringer hatte den ersten Wettbewerbstag mit einer die Konkurrenz spiegelnden Prosa dominiert. Heldin ihrer Geschichte ist Kollegin Nora Bossong. Bossong recherchiert den Tod eines Kindes in einem Haus „der Herzlosigkeit“ (so eine Kritikerin).

Alle sind schuldig. So lautet das Textfazit zur Begeisterung von Juri Steiner, dem so viel gute Nachrede einfiel, dass er vom Kollegen Klaus Kastberger als Jubelschweizer hingestellt wurde.

Die Jury entdeckte „eine Autorin auf der Suche nach Wahrheit“. Die „Verstörungskomödie“ trifft „auf engstem Raum unterschiedlichste Töne“.

Zum ersten Mal seit Jahren setzte sich die Jury ohne Burkhard Spinnen zusammen. An Bord des „Raumschiffs Klagenfurt“ logierten außer den schon Genannten Steiner und Kastberger, Stefan Gmünder, Meike Feßmann, Sandra Kegel und Hildegard Keller. Commander war H. Winkels. Er kam schnell zu Zeus und allen Göttern so wie zu Nietzsche, wenn er den Autoren erklären musste, wo sie sich vergriffen hatten. Tim Krohn fing in seiner Geschichte bei Adam und Eva an, das ging gar nicht für Winkels. Es gäbe zehn Mythen im Kern unserer Zivilisation. Da dürfe man sich nicht einfach bedienen.

Wieso das denn, Winkels? Klar, kann man, bloß nicht so pausbackig und hausschuhig wie Krohn, der gemeinsam mit drei Geschlechtskollegen gegen zehn Autorinnen haushoch verlor.

In Teresa Präauers „Oh Schimmi“ befindet sich ein Mann in einem Rückführungsvorgang. Er macht sich zu dem Affen unserer Abstammung und schiebt zugleich den Affen seiner Frustrationen.

Valerie Fritsch brachte, das behauptete im Alliterationsfieber Kegel, „Prothese und Prosa auf den Punkt“ in einer Vater-Sohn-Geschichte. Der Vater war Tänzer bis zum Verlust eines Beins, nun stirbt der ganze Mann, vom Sohn beobachtet.

Fritsch sagte durch die Blumen ihrer Ehrung: „Heute ist ein guter Tag.“

Eine, die am Tag der Entscheidung eine andere Nora im Glück hätte sein können, ist die in Zagreb geborene Österreicherin Anna Baar. Sie erzählte von einem Mädchen, das sich gegen das brachiale Regiment der Oma wehrt. Zugleich fasziniert es der Alten Härte. So steht es geschrieben in dem in Kroatien spielenden Roman „Die Farbe des Granatapfels“. Vor ein paar Jahren wäre das noch Migrantenliteratur gewesen. Keller fasste zusammen: Die Männer kennen nur „Krieg und Arbeit“. Die Frauen kennen nur „Gebären und Arbeit“. Winkels fand den „Granatapfel“ „eine Nuance zu geschmackvoll“.

Auch Monique Schwitters hätte eine Nora Gomringer sein können. Die Autorin unterhielt das Publikum mit der Frage, wer einst neben wem in dem Grab unter einer „Esche“ (so der Titel) im Wald von Buxtehude liegen soll. Da ist Platz für eine Familie, die sich in der Klärung der Frage selbst abklärt. Schwitter überladener Erzählkarren kitzelte Kastberger in die Neuschöpfung „Bonsai-Barock“.

Ronja von Rönne kam als Christiane Kracht mit einer Faserland im 21. Jahrhundert-Geschichte schlecht an. Das ist vollkommen egal, Rönne macht das Rennen vor den Toren von Klagenfurt. „Faserland“ muss in jeder Generation neu geschrieben werden, nicht für die Feinschmecker, sondern als gesellschaftliche Wasserstandsmeldung.

Regelrecht vermacht wurde Peter Truschner für seine Geschichte „RTL-Reptil“. Das war eine Ungerechtigkeit im kollektiven Affektsturm. Blut muss fließen, heißt es bei Mario Puzo. Das diene der Reinigung der Atmosphäre wie ein Gewitter. Die Paten der Literatur ließen Truschner bluten. Gern mit vorsitzender Merkel-Raute in der Hinterhand des Verhaltens.

Bachmannpreis 2015

Der Schläfer in uns

Der in Berlin lebende Klagenfurter Peter Truschner hatte bei seinem Auftritt am Freitag keinen Heimvorteil

Die Jury verurteilte ihn mit ein- und zuschnappenden Begründungen. Sie fertigte einen wuchtigen Vortrag ab. Eine ordentliche Heftigkeit im Stil der Neunzehnhundertneunziger Jahre. Als wäre man froh, sich so was heute nicht mehr einfach bieten lassen zu müssen. – Eine Kunst, die sich nicht erst selbst nachgelesen hat und mit einem Schleimbeutel der Entschuldigung dafür ausgestattet ist, nicht besonders groß und gebildet zu sein.

Ödön von Horvath
Ödön von Horvath

Klaus Kastberger warf Peter Truschner Phrasendrescherei – und hielt ihm Ödön von Horvath vor. Wie Horvath der Phrase an die Wäsche gegangen sei, so gekonnt, dass sich die Phrase gleich peinlich wurde und sie gelobte, von ihrer Hohlheit Abstand zu nehmen.

Nicht besonders groß. Das ist die Jury auch nicht. Da sitzen keine Genies. Das ist die zweite Garnitur mit dem langen Atem, der u.U. irgendwann in der ersten Reihe ventiliert.

Die Straßenmusik der Literatur verstummt in Klagenfurt. Poetische Flaschensammler haben da nichts verloren. Auch Truschner ist ein Mann des Metiers. Er erzählte „die Geschichte eines Schläfers in Deutschland“. So sagte es Juri Steiner, das Wort „Schläfer“ eskapistisch aus dem gemeinen Gebrauch lösend. Der Schläfer in uns allen – Truschner erzählte vom Terrorismus der geknickten Seelen. Sein Held sudelt sich im Ekel. Er guckt in den Spiegel und sagt „Hackfresse“ zu dem anderen. Er guckt in den Spiegel und sagt „RTL-Reptil“.

Heiner Müller hat immer wieder gern den losgelassen:

„Kommt ein Mann morgens ins Bad. Guckt in den Spiegel. Sagt: Kenn ich nicht, wasch ich nicht.“

Die Wahrheit ist, Truschners Pfeife hält wenig aus. Sie erlebt sich selbst als Zumutung und schiebt die Zumutung nach außen. Ich finde das interessant. Man fühlt sich nicht ausreichend repräsentiert von einem Staat, in einer Gesellschaft, und setzt deshalb das eigene Mini-Portfolio gegen die Welt. Ohne zu kapieren, dass man so die Perspektive eines Kolonisierten annimmt. Man kappt mit ein paar dünnen Gedanken den Versorgungsstrang wie eine Nabelschnur.

„Sonnenlicht fleckt das kahle Geäst der Bäume und die vom Wind bearbeiteten Oberflächen der Hausmauern, Mülltonnen und Motorhauben. Es ist ein flüchtiger Kontakt, der vorüber ist, als sich die Wolkendecke wieder schließt. Für kurze Zeit setzt er sich im Gedächtnis fest als vage Hoffnung auf eine sommerliche Leichtigkeit, Ungezwungenheit. Er steht am Fenster, die Zentralheizung reicht ihm bis zu den Oberschenkeln, eine Wärme macht sich breit, die seine Konzentration schwinden lässt und ihm Lass es sein! ins Ohr flüstert. Die Versuchung ist da, aber er gibt ihr nicht nach. Das ist nur der innere Schweinehund, der sich hintenrum anschleicht, ihn bei den Eiern packt und so lange zudrückt, bis er sich auf den Rücken legt und alle Viere von sich streckt. Passt eigentlich ganz gut auf ihn. Und nicht nur auf ihn, sondern auf viele, die er kennt, das Unterwürfige und zugleich Kläffende, Bissige, ein unfertiger Zustand, der nicht abzusehen war in jenem Moment, als das kalte OP-Licht sein vom Fruchtwasser glänzendes Gesicht traf. Es widert ihn an, solche Gedanken zu haben. Er wischt sie mit einer Bewegung seiner rechten Hand weg. Sie kriechen wie Ratten aus einem Loch hervor, erwischen ihn kalt. Er kennt ihren Ursprung nicht, will ihn auch nicht kennen, ein defektes Gen vielleicht, ein Zahnrad, das von Beginn an fehlerhaft arbeitete.“

Das ist doch gut erzählt. Für Klaus Kastberger war das viel zu viel Phrase. Ich glaube, Winkels sekundierte: „Die Welt ist Phrase, aber was machen wir daraus?“

Kastberger hielt Truschner Horvath vor. Wie Horvath der Phrase aus dem Mantel half.

Ich kann den Terroristen gut erkennen, der da auf sein privates Faustrecht schwört. Ein Abgerichteter. Ein Deformierter, der den eigenen Abgrund als Kotzkübel braucht. Genau so sehen die Wohlstandsverlierer aus, die von ihren eigenen Leuten abgestoßen wurden. Sie überleben durch den Schnorchel des Ressentiments. Die sehen ganze rumänische Dörfer auf sich und die Mülltonne vor der Haustür zukommen.

„Einer der Männer zieht einen pinkfarbenen Trolley hinter sich her und könnte bei näherer Betrachtung auch eine Frau sein. Während die anderen beiden sich am Inhalt der Mülltonnen zu schaffen machen, sie nach Verwertbarem durchwühlen, bückt sie sich, zieht den Reißverschluss zurück und klappt die beiden Hälften des Trolleys auf – sie, weil er sich aufgrund ihrer Art, sich zu bücken und an der Form ihres Hinterns, den sie ihm ohne es zu wissen entgegenreckt, nun ganz sicher ist, dass es sich um eine Frau handelt. Er könnte nicht sagen, ob es sich immer um dieselben Rumänen, Bulgaren oder Albaner handelt, die täglich die Mülltonnen der ganzen Gegend abklappern. Was er so nebenbei mitbekommt, haben sie sich mit der Erweiterung der EU-Außengrenze in Scharen in der Stadt breitgemacht, es heißt, ganze rumänische Dörfer würden hierher übersiedeln.“

Ich will es gut sein lassen. Ich sage, das Schnellgericht der Kritik hat im Fall von Truschner falsch entschieden. Und zwar im kollektiven Furor. Was dabei alles abgewehrt wurde, will ich gar nicht wissen.

4.7.2015

Bachmannpreis: 3. Tag

Im Handgemenge mit der Realität

Nach drei Tagen Klagenfurt verdichtet sich das surreale Bild von einem Hundertmeterlauf, bei dem drei, vier, fünf Läuferinnen zeitgleich die Ziellinie überrennen

Teresa Präauers „Oh, Schimmi“ wurde von der Kritik ohne Einwand bejubelt. Sandra Kegel (FAZ) ging in die Vollen, sie lobte, als habe sie gerade eine Befreiung erlebt. Von einem Mann, der sich in Präauers Geschichte zum Affen macht, sagte Kegel, sich mit den weitläufigsten Gesten begleitend: „Dies ist ein Mann in seiner primitivsten Männlichkeit.“

Ali-Foto: wallstreet-online.de

Im Text gibt es einen kryptischen Verweis auf Muhammad Ali

Redakteur Stefan Gmünder sah Präauers Primaten „im Handgemenge mit der Realität“. Er zitierte aus Alis Autobiografie. Ich mache das jetzt mal freihändig:

Ali: „Ich komme aus dem Land, das die Sklaverei abgeschafft hat. Ich komme aus dem Land, das den II. Weltkrieg gewonnen hat. Ich komme aus dem Land, das als erstes einen Mann auf den Mond geschossen hat. Und in diesem Land bin ich der Größte.”

Ein Mann macht sich zum Affen. Er investiert in die Verwandlung, er sucht einen Urzustand auf Grundlage seines TV-Wissens und in der Konsequenz eines Unbehagens in der Kultur. Der Mann heißt Jimmy und nennt sich Schimmi wie Schimanski. Der Text steckt voller Anspielungen, auch Peter Fox‘ „Stadtaffe“ kommt im Spiel.

Man kann auch einen Affen schieben, jeder Junkie weiß das. Schimmi schiebt den Affen der sexuellen Frustration, er verkleidet sich bis zur Kenntlichkeit. Im Kostüm unserer Abstammung verwirrt er das Publikum im Supermarkt. Es ist dem „Anblick eines Affen (so entfremdet), das es „gleich an Überfall“ denkt. Natürlich findet kein Einbruch der Natur statt, keine Überschreitung, keine Entgrenzung wenigstens im Rummelplatzmaßstab. Schimmi bleibt nur Travestie übrig.

Die Kritik fuhr Präauers „Oh, Schimmi“ hoch. Juri Steiner entdeckte im Text „Brachialironie“ und fand sie nötig. Er diagnostizierte sich und anderen hysterische Reaktionen auf den Vortrag. So interpretierte er allgemeine Heiterkeit. „Schimmi“ hatte eine entkrampfende Wirkung.

Nach drei Tagen Klagenfurt verdichtet sich das surreale Bild von einem Hundertmeterlauf, bei dem drei, vier, fünf Läuferinnen zeitgleich die Ziellinie überrennen. Zuletzt las Dana Grigorcea aus „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“.

„Rapineu wohnte zwei Straßen entfernt und war Vaters Schulfreund und, was Mutter so beeindruckte, er war Souffleur im Bukarester Opernhaus. Es muss wohl seinem verschrobenen Humor geschmeichelt haben, als er, der doch in einem dunklen Kasten im Bühnenboden arbeitete, einen ebenso kleinen, allerdings erhöhten gläsernen Kasten beim Gartenzaun seines Hauses errichten ließ – für die operettenhafte Erscheinung jener Dame, die alle im Quartier nur die „Hübsche“ nannten und die in dem Glaskasten dem sehr lukrativen Beruf der Remailleuse nachzugehen begann, sie repassierte Laufmaschen in Seidenstrümpfen.“

„Repassieren“ kannte ich nicht. Das ist ein schönes Wort, auch Grigorcea kam bei der Kritik an – mit einer Geschichte voller Siphonflaschen. Da ist jemand in den Proust gefallen, dem die Niedergangsprozesse des Warschauer Pakts erstaunliche Bilder geliefert haben. In Bukarest erwartet man Michael Jackson „wie einen Engel der Erlösung“ (Winkels). Jackson nennt Bukarest Budapest. Man kann noch nicht mal sagen, dass er Rumänien mit Ungarn verwechselt, so oder so sagen ihm die Länder nichts. Aber die Heilserwartung der von Ceausescu Erlösten lässt sich nun nicht mehr auf Jackson übertragen. Von Magie zu Maggi mit einem Versprecher.

3.7.2015

Bachmannpreis: 2. Tag

Warten auf Ronja

Ronja von Rönne ist die Christiane Kracht der Generation Produktiv

Rönne erzählt „Faserland“ zwanzig Jahre nach Krachts fabelhaftem Debüt neu. Auch Salinger im Stadium eines Anfängers wurde ins Spiel der Referenzen gebracht. Man vergaß Brett Easton Ellis‘ „Unter Null“.

B.E.Ellis
B.E.Ellis war zu seiner Zeit auch eine Rönne.

„Ohne Sprache sind wir auch physisch nichts“, sagt Bodo Kirchhoff. Über seinen Berufsstand: „Als Schriftsteller muss man damit leben, dass acht Jahre Arbeit in drei Sekunden (TV-Kritik) den Bach runtergehen. In unserer Mediengesellschaft ist Schriftsteller sein ein Verteilungskampf um Prominenz. Wer das nicht aushält, muss den Beruf wechseln.“

Wer in Klagenfurt liest, hat den Kampf angenommen. Viele Wettbewerber könnten auch die Kritik verstärken und so klug sein, dass kein Text eine Chance kriegt, klüger zu sein. Sie kalkulieren, inszenieren, repräsentieren. Brinkmann und Goetz haben als Rollenmodelle ausgedient. Der Medienprofi kontert die Kritik mit einem Lächeln. Das Lächeln sagt: Wir sitzen doch alle in einem Boot.

Im letzten Jahr gab es den Ausreißer Tex Rubinowitz. Er wurde als „Literaturhooligan“ plakatiert. Vor fünf Jahren gewann Peter Wawerzinek, seine Vorrede zum aktuellen Durchgang nahm er persönlich: „Ich nenne mich Autor, am liebsten Schreiberling. Ich wirke ernst bei der Arbeit. Wenn ich sitze, nachdenke und werke, wirke ich abseits. Ich versenke mich. Ich spiele für niemanden eine Rolle. Ich bin den Alltag los. Ich esse mehr oder weniger. Ich schaue viel zum Fenster hinaus. Ich weiß von meinem Luxus. Geborgter Luxus. Geschenkte Zeit. Geliehenes Leben. Keine Trauer.“

„Ich bin eine halb und halbe Person. Ich bin halb Bauer, halb Städter, halb schlau, halb dumm, halb Mensch, halb böse, halb edel, halb ein Produkt meiner eigenen Phantasie, halb geistreich, halb nervend, halb voll von Ideen, mehr als halb bereits alt geworden, aber schöpferisch auch schon mehr als halb nur ausgeleert.“

Ronja von Rönne
Ronja von Rönne (Screenshot)

So genau und unmöglich redet Ronja von Rönne über ein Ich, das nach Meike Feßmann nur „Pose und Provokation“ transportiert. „Gnadenlos banal“ fand die Kritikerin Rönnes „Welt am Sonntag“. Kollege Klaus Kastberger setzte Rönne aber an die erste Stelle seiner semi-privaten Nebenwertung für den besten ersten Satz der Wettbewerbstexte.

„Ich wache auf und mir ist schlecht, das klingt immer so harmlos, nach Ausrede von dicken Mädchen im Sportunterricht, aber wirkliche Übelkeit ist die Hölle.“

Ein Punkt hinter schlecht wäre gut gewesen. Egal, Rönne erzählt „Faserland“ zwanzig Jahre nach Krachts fabelhaftem Debüt neu. Auch Salinger im Stadium eines Anfängers wurde ins Spiel der Referenzen gebracht. Man vergaß Brett Easton Ellis‘ „Unter Null“. Hubert Winkels hatte Rönne eingeladen, er warf sich in die von Feßmann gerissene Bresche. Er machte klar, warum es in der Totalität des Designs geht, gegen die das erzählende Ich sich intensiviert. Es geht um den zum Scheitern verurteilten Versuch einer Anpassung. Die Rebellion zielt darauf, nicht in einer Subkultur zu versauern. „Passiv-aggressiv“ erbricht sich die Wintersonne in einem Hotelzimmer. Die Erzählerin vermutet einen Abgrund der Gewöhnlichkeit, Tod inklusive, in der Vorgängerschaft ihrer verkaterten Gegenwart.

„Ein Paar war das, das Geld war knapp, aber Urlaub muss sein, ein Städtetrip nach Karlsruhe, da ist es doch so sonnig.“

Das Ich imaginiert ein Paar an seiner Stelle. Die „Frau guckte ihn vom Bett aus an, nackt, die Decke wie zufällig über die Hüfte geschoben, ihre kleine Problemzone.“

„Ich“ ist in Karlsruhe, im Radio läuft „Bochum“. „Es“ tippt „Hassen“ für den heutigen Tag in die „To-do-App“.

Es erträumt sich eine Bedeutung mit den Applikationen der internationalen Geschäftswelt. Es beobachtet sich wie eine Käfigkreatur. Es möchte etwas unbedingt, was auch immer. Auf dem Weg dahin, hätte es gern zu seiner Unterhaltung die Hochzeit eines Aludeckel mit einem Joghurtbecher. Ein Paar könnte sich auch aus „Clara und Wolf beim Golf“ ergeben haben. Nun tanzt man um den Kadaver der „Webseitenoptimierung“.

Die Erzählerin entdeckt ihrem Hass Studentinnen: „Das trifft sich gut, ich hasse nämlich Studierende. Ich studiere zwar auch, das macht mich aber noch lange nicht zur Studentin. Ich trinke nicht aus Sprüchetassen, in meinem Zimmer hängt kein „Asyl für Edward Snowden“-Poster. Ich weiß nicht, ob diese Mädchen studieren, Studentinnen sind sie auf jeden Fall.“

„Ich“ gibt mit fremdem Bier an, indem es das Bier verschüttet. Bei Kracht hat man noch den Jaguar mit Röderer gewaschen, im demoralisierenden Jetzt fließt nur noch Bier zu Pfützen. Das Bier von angehenden Kulturwissenschaftlerinnen wegzukippen, war nach Auffassung der Kritikerin Hildegard Keller „saumäßig schnoddrig“.

„Blasiert“, nennt Keller „das erzählende Ich, das als Figur aber überzeugt.“ Klar, „sich in eine Vibration zu versetzen“, ist so einfach nicht ohne eine utopische Dimension des Halbdenkens, Halbfühlens in „einer wahnsinnigen Sinnlosigkeit“ (Winkels).

Rönne las als Letzte des zweiten Bachmanntages, sie hatte interessante Vorgängerinnen. Gleich mehr zu jenen.

Bachmannpreis: 1. Tag

Dass mir noch fader wird

Hubert Winkels löst Burkhard Spinnen als Commander der Jury im „Raumschiff Klagenfurt“ ab

2.7.2015

Gomringer-Team Foto: @volandquist
Gomringer-Team Foto: @volandquist

Neben Spinnen schied Daniela Strigl aus. Die Jury setzt sich so zusammen: Sandra Kegel, Klaus Kastberger, Stefan Gmünder, Meike Feßmann, Hildegard Keller und Juri Steiner. Sie bewertet vierzehn Wettbewerber.

Im ersten Durchgang lasen Katerina Poladjan, Nora Gomringer und Saskia Henning von Lange. Den stärksten Eindruck hinterließ Gomringer mit einem der Situation angepassten und auf die Situation anspielenden Hörstück. Gomringer steht ein Register der Vielstimmigkeit zur Verfügung. Als hätte sie die Gesellschaft verschluckt, die sich im Bauch des Wals bemerkbar macht. Heldin der Geschichte ist Kollegin Nora Bossong. Bossong recherchiert in einem Haus „der Herzlosigkeit“ (so eine Kritikerin) den Selbstmord eines Jungen. Titel der Recherche: „Der Gott der verlorenen Dinge“.

„Das Schreiben zieht die Herzlosen und die Voyeure an.”

An diesem Gott arbeiteten sich die Juroren ab. Juri Steiner verstieg sich bis in den Teilchenbeschleuniger zu Genf, wo Gott bekanntlich zum letzten Mal gesehen wurde. Juri Steiner entdeckte im Haus der Bossong`schen Erhebung „einen Kosmos“. Keller fühlte sich an Günter Eich und den magischen Realismus der Fünfzigerjahre erinnert. Sie bemerkte einen „verborgenen theologischer Strang“. Kastberger hielt für möglich, „dem Text auf den Leim“ gegangen -, gegen besseres Wissen affiziert worden zu sein. Feßmann variierte das, indem sie von einem „hoch kalkulierten Text“ sprach.

Vor Gomringer startete Katerina Poladjan. Sie folgte einer Einladung von Feßmann und las aus „Es ist weit bis Marseille“.

„Die Treppe ist eng, Ann geht voran und spürt seine Blicke. Spürt, wie eng ihr Rock sitzt, dass die Bluse ein wenig herausgerutscht ist. Im Zimmer öffnet sie das Fenster mit Blick auf die Berge und den Mond oder das, was vom Mond noch übrig ist.“

Ann zweifelt an ihrer Unterwäsche, sie will mit dem Franzosen Luc eine Lücke in ihrem Leben schließen. Am Ende kommt Luc ums Leben – in einem Unwetter.

Hubert Winkels übernahm das erste Wort der Kritik. Er hatte einen „ruhig entwickelten Text mit drei Perspektiven“ gehört. Er fand den flüchtigen Sex als narrativen Treibstoff nicht potent genug.

„Das ist zu viel für ein bisschen Sex.“

Winkels fiel „Missbrauch eines One-Night-Stand“ ein. Andere erkannten darin lediglich ein „Brechen aus der Routine und der Normalität“. Sie störten sich nicht an der „Großmetaphorik eines Gewitters“ (Winkels). Kegel assoziierte mit der Geschichte „Standing on the crossroad“ in der Version von Eric Clapton, Fessmann hatte einen „Trompetenstoß wie von Miles Davis“ gehört.

Schließlich Saskia Hennig von Lange. Im Porträt gab sie an: „Mich langweilt das Explizite“. In „Hierbleiben“ wird eine mit Schwangerschaft beinah bewiesene Zusammengehörigkeit verneint.

„Jetzt sitze ich hier und würde doch lieber woanders sitzen.“

Der Erzähler sitzt im Auto, vor den Fenstern findet ein Abend statt. Er erzählt sich, was er sieht. Er erinnert sich an eine Kindheit im Auto.

„Wie ich dieses Auto war, mein Körper ein Brummen und Sirren.“

Der Erzähler könnte eine schwangere Frau verlassen. Er will sich bestimmt selbst verlassen: „Doch eigentlich fahre ich ja nur, damit ich fahren kann, damit ich in Bewegung bin und von dir wegfahren kann.“

Winkels resümierte: „Der Text ist nicht mit sich einverstanden. Er streicht die Welt durch.“ Er tendiere zur „Blutleere“. Kastberger widersprach. Er hatte gerade den „radikalsten Text“ des Vormittags gehört. „Ich hätte mir gewünscht, dass mir noch fader wird“ von Langes „Monotonie-Groove“.

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erstellt am 02.7.2015

Der Bachmannpreis 2015 findet von 1. bis 5. Juli im ORF Theater in der Klagenfurter Sponheimerstraße statt.