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Unter dem Titel „Das Leben wird überschätzt“ hat Henning Ritter Aphorismen des französischen Autors Jules Renard (1864-1910) zusammengestellt und übersetzt. Renards Aufzeichnungen bewegen sich in einer eigentümlichen Zerrissenheit zwischen Ablehnung des literarischen Kanons und dem Wunsch nach Erfolg. Sie sind eine faszinierende Lektüre, meint Heimito Nollé.

Buchkritik

Melancholie und Leichtigkeit

Aphorismen von Jules Renard

Von Heimito Nollé

„Das Leben wird überschätzt“ heißt der glücklich gewählte Titel eines von Henning Ritter zusammengestellten Bändchens mit Aphorismen des französischen Autors Jules Renard (1864-1910). Die Texte stammen aus dem Journal, das neben dem Erfolgsroman „Poil de carotte“ zu den Hauptwerken Renards zählt. Zu Recht weist Ritter in seinem Nachwort darauf hin, dass es ungewiss sei, „ob Renard überhaupt Aphorismen schreiben wollte. Sind es nicht eher Einfälle, die ihm beim Schreiben seines Tagebuchs unter die Feder kamen, kurze Unterbrechungen seiner dem Tage zugewandten Aufzeichnungen?“

Vielleicht hätte sich Renard tatsächlich dagegen gesträubt, seine Notate als Aphorismen zu bezeichnen. Die Gefallsucht, die manches aus diesem Genre kennzeichnet, wäre ihm wohl zuwider gewesen. „Mir graut vor aller Originalität“, heißt es einmal. Dieser Gestus, der alles Glänzende von sich weist, ist programmatisch für einen Autor, der sich, trotz zeitweiligem Erfolg, als Außenseiter des Literaturbetriebs sah. Immer wieder findet sich die Forderung nach Schlichtheit und Bescheidenheit: „Ein Schriftsteller soll nur Schriftsteller sein. Alles andere ist Literatur.“ Die Ablehnung eines eitlen, von Kriterien des Geschmacks und der Moden beherrschten Literaturbetriebs zieht sich als roter Faden durch die gesamten Aufzeichnungen: „Ach, all die schönen Dinge, die man schreiben würde, wenn man keinen Geschmack hätte! Aber sieh doch, der Geschmack ist die ganze französische Literatur.“

Dass diese Haltung letztlich auch eine literarische ist, war sich Renard natürlich bewusst. Seine Aufzeichnungen bewegen sich in einer eigentümlichen Zerrissenheit zwischen Ablehnung des literarischen Kanons und dem Wunsch nach Erfolg: „Ich möchte von der Minderheit gelesen und von der Mehrheit gekannt werden.“ Das Register an Strategien, das Renard entwickelt, um in dieser Spannung zu bestehen, ist imponierend: es reicht vom melancholischen Rückzug über Ironie und Selbstironie, Witz, Polemik bis zum blanken Zynismus. Auch der feine und poetische Ton – für die Gattung des Aphorismus eher atypisch – findet sich bei Renard. Seine Naturbeobachtungen zeigen einen verletzlichen Menschen, der sich den Tieren oft näher fühlte als den Menschen: „Naturgeschichten. – Buffon hat die Tiere beschrieben, um den Menschen eine Freude zu machen. Ich möchte den Tieren gefallen. Ich wünschte, dass sie, wenn sie meine kleinen Naturgeschichten lesen könnten, lächeln würden.“

Dass Renards Journal nicht zur Veröffentlichung bestimmt war, mag die Offenheit mancher Sätze erklären. In der Auswahl von Henning Ritter lernen wir einen Autor kennen, der nicht nur mit seiner Umwelt, sondern vor allem auch mit sich selbst rücksichtlos ins Gericht ging. Seine Aphorismen sind aber mehr als flüchtige intime Notizen, und das Vergnügen bei der Lektüre ist kein voyeuristisches. Dafür sind seine Beobachtungen viel zu feinsinnig und geschliffen. „Ich bin ein Schriftsteller, den nur der Sinn für Vollkommenheit daran hindert, groß zu sein.“ Vielleicht war es dieser hohe Anspruch an sich selbst, der Renard um den ganz großen Erfolg brachte und ihn immer wieder in die Melancholie abtauchen ließ („Ich wurde mit zwei Flügeln geboren, von denen der eine zerbrochen ist“, schreibt er einmal).

Für den Leser bietet diese Konstellation eine faszinierende Lektüre. Ihr sind die ungewohnten Einsichten und die kunstfertige Leichtigkeit vieler seiner Sätze zu verdanken, die in Ritters Übersetzung wunderbar wiedergegeben wird. Neben den formalen Qualitäten ist es auch die existenzielle Note, die Renard vom Gros der Aphoristiker abhebt. „Die Träumerei ist mein Dünger“, heißt es einmal. An anderer Stelle schreibt er: „Ich denke nicht nach: Ich schaue hin und lasse die Dinge meine Augen berühren.“ Die melancholische Träumerei bewahrt Renard vor der literarischen Kopfgeburt und der allzu platten Pointe. Damit gewinnen seine Sätze eine Tiefendimension, die in der Aphoristik nicht selbstverständlich ist.

Kommentare


Jacques Wirion - ( 05-07-2015 05:42:36 )
Renard ist ein Autor, der verdient der Vergessenheit entrissen zu werden.

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erstellt am 01.7.2015

Jules Renard
Jules Renard

Jules Renard
Das Leben wird überschätzt
Aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Henning Ritter
Klappenbroschur, 70 Seiten
ISBN: 978-3-88221-402-4
Matthes & Seitz, Berlin

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