Er gehört zu den kanonischen Malern der USA: Jacob Lawrence (1917 – 2000) hat den Alltag der schwarzen Bevölkerung gemalt und ihn damit zum Bestandteil des US-amerikanischen kollektiven Bewusstseins gemacht. Seine „Migration Series“, die Stefana Sabin im Museum of Modern Art in New York in diesem Frühjahr gesehen hat, ist engagierte Kunst und politische Malerei zugleich – und ein Meilenstein amerikanischer Moderne.

Ausstellung in New York

Und die Migranten hörten nicht auf zu kommen …

Von Stefana Sabin

Jacob Lawrence bei der Arbeit an "The Migration Series" (1941)
Jacob Lawrence bei der Arbeit an „The Migration Series“

Seine Karriere war bemerkenswert, denn nicht nur pflegte er die Gegenständlichkeit, ja die narrative Malerei in einer Zeit, in der die Abstraktion allgegenwärtig war – thematisch und stilistisch orientierte er sich an der Geschichte und Kultur der schwarzamerikanischen Gemeinschaft. Tatsächlich wurde Jacob Lawrence zum Maler der schwarzen Erfahrung in den USA.

1917 in Atlantic City geboren, wuchs Lawrence in Harlem auf, wo er am Harlem Art Workshop den ersten Kunstunterricht erhielt und wo er im Studio seines Lehrers Charles Alston die Vertreter der Harlem Renaissance, der Erneuerung der schwarzen Kultur in den USA, kennenlernte. So versuchte Lawrence schon in seinen ersten Gemälden dem Alltag in Harlem ästhetischen Ausdruck zu verleihen, indem er Straßenszenen als satirische Studien malte, die das hektische Treiben im von Armut gezeichneten Viertel in kubistisch angehauchten Kompositionen und grellen Temperafarben festhalten. Um das schwarze Bewusstsein, genauer: um den Kampf um Emanzipation, um politische und kulturelle Anerkennung der schwarzen Minderheit, ging es auch in den ersten narrativen Bildserien der dreißiger Jahre, in denen er das Leben legendärer Sklavenführer wie Frederick Douglas und Harriet Tubman illustrierte. Die sozialrealistische Thematik und die expressive Deutlichkeit dieser frühen Bilder ebenso wie die kleinen Formate und die Vorliebe für Temperafarbe sollten das ganze Werk von Lawrence prägen.

Mit der Bildserie „The Migration of the American Negro“ wurde Lawrence 1941 berühmt. Es war das erste Werk eines schwarzen Künstlers, das in einer kommerziellen Galerie gezeigt wurde, und das erste, das das Museum of Modern Art erwarb. Das MoMA kaufte die Hälfte der 60 Tafeln, diejenigen mit geraden Zahlen, während die andere Hälfte, mit den ungeraden Zahlen, nach Washington zur Phillips Collection ging. Beide Museen zeigen immer wieder einzelne Tafeln, selten ist die gesamte Serie zu sehen, wie in diesem Frühjahr im Museum of Modern Art.

Die sechzig mit Temperafarbe bemalten Hartfaserplatten zeigen den schwarzen Exodus aus dem armen Süden in den industrialisierten Norden während der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts: Die rassistische Unterdrückung im Süden und die strapaziöse Reise gen Norden, die jämmerlichen Arbeitsverhältnisse und die tiefe Armut, die Rassenunruhen in den Großstädten und die Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse werden in konstruktivistischen Farbkompositionen von manchmal geradezu plakativer Einfachheit gestaltet und durch nüchterne Bildlegenden von unterkühlter Schlichtheit ergänzt. Die ästhetische Wirkung dieser Bilder steckt in ihrer expressiven Ausdruckskraft ebenso wie in der narrativen Plausibilität: Lawrence war ein Geschichtenerzähler, der die schwarze Erfahrung zu seinem Thema gemacht hatte und daraus eine allgemeine amerikanische Geschichte zu destillieren verstand.

1993 nannte Lawrence die „Migration of the American Negro“ in „The Migration Series“ um und änderte die Bildlegenden der meisten der kleinen sechzig Bilder, die jetzt umrahmt von Bildern, Fotos und Songs aus der Zeit in der Ausstellung des MoMA zu sehen sind. So werden die stilistische Eigenständigkeit und die thematische Konsequenz eines Malers erkennbar, dessen Werk in der Mischung aus sozialkritischem Inhalt und modernistischer Formsprache ästhetische Plausibilität und Suggestivkraft gewinnt. Und angesichts der wieder aufflackernden Rassenunruhen in kleinen und großen Städten bekommen manche der Texte eine beklemmende Aktualität: „Zu den sozialen Bedingungen, die zur Migration führten, gehörte die Ungerechtigkeit der Gerichte den Schwarzen gegenüber.“ (Nr. 14) Oder: „Eine andere soziale Ursache der Migration war die Unsicherheit, unter der sie litten; es war nicht ratsam, spätabends auf der Straße zu sein. Sie wurden bei dem kleinsten Anlass verhaftet.“ (Nr. 22) Oder: „In vielen Städten im Norden, wenn sich die Schwarzen in einem Viertel drängten, versuchten sie, sich auszubreiten. Das führte zu häufigen Rassenunruhen und zu Anschlägen auf Häuser der Schwarzen.“ (Nr. 51). Das letzte Bild ist Mahnung und Drohung zugleich: „Und die Migranten hörten nicht auf zu kommen.“ (And the migrants kept coming)

Die „Migration Series“ brachte Lawrence nicht nur Erfolg bei der Kritik ein, sondern auch eine Stelle am legendären Black Mountain College: Lawrence war der erste schwarzamerikanische Künstler, der in die Kunstszene und den Kunstbetrieb aufgenommen wurde. 1970 wurde er an die University of Washington in Seattle berufen, wo er bis 1986 unterrichtet hat.

Der Alltag des schwarzen Proletariats und die explosive soziale Lage in den Großstädten blieben bis zu seinem Tod im Sommer 2000 die Themenwelt, der er auf Gemälden, in Bilderserien oder auch auf Wandmalereien für öffentliche Gebäude immer neue Motive entnahm. Auf Illustrationen für das Buch der Genesis malte Lawrence 1989 Gott als einen schwarzen zornigen Mann, und auf den suggestiven Bildern der Serie „Builders“ von 1998 zeichnete er schwarze Arbeiter und Ingenieure und stellte somit die Rolle der schwarzen Minderheit bei dem Aufbau Amerikas dar.

Nicht Entwicklung, sondern Kohärenz gehört zu den besonderen Merkmalen des Werks von Jacob Lawrence. Durch seine ganze Karriere hindurch hat Lawrence einen Malgestus gepflegt, der Expressionismus durch Abstraktion verbrämte und dem Rhythmus des schwarzen Idioms und der schwarzen Musik in geometrischen Formen und starken Farben wiederzugeben versuchte.

Bild für Bild: The Migration Series

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erstellt am 30.6.2015

Jacob Lawrence, The Migration Series, Tafel 14. (Screenshot) Museum of Modern Art, New York

Ausstellung in New York

One-Way Ticket: Jacob Lawrence's Migration Series and Other Works

Bis 7. September 2015

Museum of Modern Art New York

Jacob Lawrence, The Migration Series, Tafel 22 (Screenshot). Museum of Modern Art, New York

Jacob Lawrence, The Migration Series, Tafel 51 (Screenshot). Phillips Collection, Washington DC

Jacob Lawrence, The Migration Series, Tafel 60 (Screenshot). Museum of Modern Art, New York