Zehn Tage voller Gedichte. Auf den 4. Frankfurter Lyriktagen waren die alten Hasen und die jungen Hüpfer der Dichtkunst zu hören und zu sehen, und viel interessiertes Publikum nahm teil. Ein Gewinn für die Poesie, findet Bernd Leukert.

Frankfurter Lyriktage 2015

Lesung und Lösung

Von Bernd Leukert

Zehn Tage Poeterey in Frankfurt am Main und Umgebung, also da, wo man den Dax im Kopf und den Utilitarismus im Herzen vermutet, ein so umfangreiches Lyrikfestival durchzuführen, schien eine kühne Idee mit einkalkuliertem Scheitern gewesen zu sein. Doch es kam alles anders.

Schon die Eröffnung im Frankfurter Dominikanerkloster bot ein beeindruckendes Beispiel für die Bestrebungen, die Poesielesung in neue Gewänder zu kleiden.

Marcel Beyer und das Ensemble Modern hatten ein Lesungskonzert konzipiert, das über die einschlägigen ‚Lyrik und Musik’- Veranstaltungen hinausging. Hermann Kretzschmar, Komponist und einer der beiden Pianisten des Ensembles, stellte nicht nur ein den Gedichten diskret korrespondierendes Programm mit kurzen Stücken von Beethoven, Prokofjew, B.A. Zimmermann, Webern, Marion Brown, Schulhoff, Nancarrow oder George Benjamin zusammen, sondern schrieb darüberhinaus Arrangements und sogenannte Module, also Versatzstücke, die die Eigenschaften der gespielten Werke aufnahmen und geeignet waren, auch die Rezitationen zu grundieren, zu unterbrechen oder sie zu durchdringen. Marcel Beyer trug souverän Gedichte von Pound, Trakl und Benn, vor allem aber eigene Gedichte aus seinem letzten Band „Graphit“ vor, die wie von der Musik getragen wirkten. Alles war perfekt zusammengesteckt und, als ein beinahe neues Genre, im besten Sinne professionell ausgeführt.

Auch im Blauen Haus am Mainufer, wo der Lyriker Martin Piekar ein Gespräch mit der Schriftstellerin Martina Hefter und dem Dichter und Herausgeber Jan Kuhlbrodt aus Leipzig unter Einbeziehung des Publikums über die Prozesse des Schreibens anstrebte, kam das Bedürfnis zur Ausweitung und Durchlässigkeit der Poesie aus der traditionellen Lesungssituation in andere Räume und Disziplinen zur Sprache. So berichtete Martina Hefter von ihren Projekten, in denen Texte und Tanz sich gegenseitig anregen oder Tänzer und Dichter die Rollen tauschen, um letztlich zu dem ernüchternden Ergebnis zu kommen: Tanz und Gedicht gehören offensichtlich nicht zusammen. Ebenso illusionslos, aber nicht ohne trotzige Emphase, setzte Jan Kuhlbrodt, der in seinem Band „Kaiseralbum“ den Gedichten so überraschende und ausführliche Fußnoten beigegeben hat, dass sie zu deren Bestandteil wurden, den Bedenken, Gedichte seien für den einfachen Menschen vielleicht nicht zu verstehen, entgegen: „Es gibt kein Gedicht, das unverständlich ist.“ Und außerdem sei „Verstehen“ das falsche Wort für das, was Poesie im Leser oder Hörer bewirke.

Ausgerechnet das Thema „Kreuzungen und Kartierungen“, das der Moderator Gregor Dotzauer im Haus am Dom mit Ilma Rakusa, Nikola Madzirov und Aleš Šteger behandelte, bezog sich nun nicht auf Grenzen und Grenzüberschreitungen der poetischen Mittel, sondern auf balkanische Befindlichkeiten, Nichtorte, die die Gedichtlesung, in der der Mazedonier Madzirov mit ungewöhnlichen Sprachbildern aus seinem ins Deutsche übersetzten Band „Versetzter Stein“ auffiel, fast an den Rand der Veranstaltung brachten.

Eine Art Vorinformation für die Präsentation des diesjährigen Buchmessen-Gastlandes Indonesien war im Haus der Deutschen Ensemble Akademie die Lesung mit Musik „Inseln der Poesie – indonesische Lyrik im Aufbruch“. Auch hier hatte das Ensemble Modern in Gestalt seiner Pianisten Hermann Kretzschmar und Ueli Wiget ein maßgeschneidertes Musikprogramm mit Werken von Godowsky, Jolivet, Asmara und Cage zusammengestellt und sorgsam ausgeführt. Der Indonesienkenner Martin Jankowski stellte die drei anwesenden Schriftsteller vor, die Dichterin, Architektin und Kunstkuratorin Avianti Armand, den Journalisten, Essayisten, Dichter und Programmverantwortlichen für die indonesische Literatur auf der Frankfurter Buchmesse 2015, Goenavan Mohamad, und den Lyriker, Dramatiker, Literaturkritiker und Übersetzer Agus Sarjono. Die Lesung, deren deutsche Version von Birgitta Assheuer vorgetragen wurde, und die Informationen über die Situation der Literatur in dem riesigen Inselstaat boten einige kleine Überraschungen. Indonesische Lyriker fühlen sich nämlich der Moderne verpflichtet, widmen sich also nicht ihren mythischen Traditionen, sondern greifen zu Bruchstücken europäischer Literatur (Don Quichote, La Divina Commedia) und montieren diese, angereichert mit Begriffen der Gegenwart wie ‚Jeans’ oder ‚Adidas’, zu zeitgenössischen Gedichten. Aber, es gibt auf diesen in drei Zeitzonen verteilten 17.000 Inseln mit 250 Millionen Einwohner und 1.000 Sprachen – das Indonesische hält das ganze Land zusammen – keine Tradition des Lesens: „Man kann Karriere machen, ohne je ein Buch gelesen zu haben, nicht aber, wenn man mit einer ungeordneten Schuluniform gesehen wird.“ (Sarjono)

Im Literaturhaus lasen Carolin Callies, Volker Sielaff, Marcus Roloff und der gewitzte, mit grotesken Einfällen brillierende Pole Tadeusz Dąbrowski. In der Romanfabrik machte der Österreicher Franz Josef Czernin mit seinem Buch „zungenenglisch, visionen, varianten“ bekannt. Er schreibt, was man mit dem unscharfen Sammelbegriff ‚experimentelle Lyrik’ belegt hat. Im Gespräch mit dem Literaturkritiker und Herausgeber Michael Braun erschloss sich sein Verfahren. Mit elliptischen, also unvollständigen, fragmentierten Sätzen überschreibt er überlieferte Werke, wie (auch hier) Dantes „Commedia“, aber zum Beispiel auch romantische Texte, wie die Gedichte von Wilhelm Müller, dessen Zyklen „Die schöne Müllerin“ und „Die Winterreise“ in der Vertonung Franz Schuberts überlebt haben. So versucht Czernin, mit seinen eigenen Worten etwa die romantische Stimmung im Gedicht aufzuheben und es zugleich so zu gestalten, dass derselbe Text durch andere Betonungen, Phrasierungen, andere Einteilungen bis ins einzelne Wort hinein mehrfach gelesen werden kann: „Gedichte sind Sprachtrümmerhaufen“. Zwei- bis dreimal ergibt die Alternativlesung auf diese Weise jeweils unterschiedliche Sinneinheiten. Die Nähe zur konkreten Poesie war hörbar, der Anspruch der komplizierten Kompositionen hoch.

Dass für das Finale der Frankfurter Lyriktage mit der „langen Nacht der Lyrik“ in der Evangelischen Akademie unter Beteiligung von Musikern der Internationalen Ensemble Modern Akademie eine gewisse Disziplin des Zuhörens, selbst bei größter Unterschiedlichkeit der Dichtung und ihrer Dichter ein schöner Wille zur stoischen, unbegrenzten Aufmerksamkeit vonnöten war, ist unstrittig. Wie sonst auch, gab es meisterliche Regisseure ihrer eigenen Lesungen, die auf das – wie man im Theater sagt –‚staging’ setzen, die, wie Marion Poschmann, wissen, dass alles, was man auf der Bühne tut, mit Bedeutsamkeit aufgeladen wird. Jede Pause, jedes Wort, jeder Vers wächst prätentiös in eine mystische Dimension hinein. Paulus Böhmer dagegen, dessen welthaltige Langgedichte nach so vielen Dichterjahren jetzt beim vor allem jungen Publikum angekommen sind, überzeugte und beeindruckte im Gespräch mit dem Literaturkritiker Hubert Spiegel und mit seiner Lesung aus dem Band „WERICHBIN“ mit bühnenfernem Selbstverständnis.

Das Bedürfnis, den ‚Frontalunterricht’ der traditionellen Lesung, der der Konzentration der Hörerschaft Rechnung trägt, auf andere mediale Möglichkeiten hin zu verlassen, machte sich auch in dieser Schlussphase geltend. Selbstverständlich war es nur eine kecke Geste der Zeitgenossenschaft, wenn Clemens Setz ein neues Gedicht von seinem iPhone ablas. Aber dass Gerhard Falkner seine „Pergamon Poems“ auf einer dem Buch beigegebenen DVD zwischen den hastigen Bildern vom Pergamonfries musikalisch umspült von Schauspielern vortragen lässt, verdankt sich doch mehr dem Willen, die Insignien der Moderne zu nutzen. Die Empfänglichkeit der Hörerschaft für die kunstvolle Sprache und die Musikalität des gesprochenen Wortes allein ist einer Generation, deren Sozialisation von TV-Shows, Rock Star Ikonographie und Videoclips geprägt ist, vermutlich nicht mehr nachvollziehbar. Dass sie von der abschätzig genannten ‚Wasserglaslesung’ zur Show, zur Performance streben, ist folgerichtig. Friederike (Rike) Scheffler teilte das Publikum in drei Sektionen ein, ließ von jeder ein simples Struktur-Pattern zischeln, um darüber ihr Poem als der alten neuen deutschen Welle entlehntes Lied zu singen: Eher ein schlichtes Ergebnis, aber die Zeichen der Zeit waren gesetzt.

Nein, die Frankfurter Lyriktage sind nicht gescheitert. Im Gegenteil. Die Veranstaltungen in der Innenstadt waren sehr gut besucht, zuweilen überfüllt. Das Interesse ist viel größer, als selbst der Dichter und ehemalige Hanser-Verantwortliche Michael Krüger denken konnte, der als Gegenstrategie zur vermuteten Ignoranz gegenüber der Poesie allen Deutschen empfahl, jeden Tag mit einem Gedicht zu beginnen, um damit das Leben zu verbessern. Im Hessischen Literaturforum im Mousonturm bot er zusammen mit dem ausgezeichneten Jan Wagner quasi improvisando einen geistreich-mürrischen Abend über Gedichte und mit Gedichten. Das an Höhepunkten nicht arme Festival, dessen Programm die Literaturreferentin des Frankfurter Kulturamts, Sonja Vandenrath, verantwortete, ist auf hohem Niveau geglückt.

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erstellt am 28.6.2015

Jan Wagner Foto: Alexander Paul Englert

Das Programm im Rückblick

frankfurter-lyriktage.de

Martin Piekar mit Daniela Seel Foto: Alexander Paul Englert

Avianti Armand Foto: Wolfgang Becker

Agus Sarjono Foto: Wolfgang Becker

Michael Krüger Foto: Wolfgang Becker

Clemens J. Setz Foto: Alexander Paul Englert

Paulus Böhmer Foto: Alexander Paul Englert

Gerhard Falkner Foto: Wolfgang Becker