Lebenslauf

Notiz zu Thomas Bernhard

Von Thomas Bernhard

Geboren am 9. oder 10. Februar 1931 in Heerlen, Holland, zwischen Maastricht und Aachen. Österreichische Eltern, die früh verstorben sind, der Vater 1943 während eines Luftangriffs auf Frankfurt/Oder, die Mutter 1950 an Krebs. Volksschule in Seekirchen a. Wallersee und in Traunstein. Verschiedene Haupt- und Mittelschulen in Salzburg. Zuletzt das dortige Gymnasium. 1947 Eintritt und Absolvierung einer kaufmännischen Lehre. Gleichzeitig Musikstudium am Mozarteum. (Alle Theoriefächer, dann auch Gesang.) 1949 Lungenkrankheit mit vierjährigem Aufenthalt in Spitälern und in der Heilstätte Grafenhof im Pongau. Während des Aufenthaltes dort – immer bettlägerig – viele Operationen, Pneumoperitoneum usw. Idee, aufzuschreiben in Gedichtform. Schon 1949 nach den Sterbesakramenten, das Gefühl, zum zweitenmal das Leben anzufangen. Ein Geschenk – eine Grausamkeit – eine Gelegenheit sich dem Leben einfach zu überlassen – sich in nichts mehr einzulassen, was nichts mit dem Dahinleben zu tun hat. Keine Pläne, keine Interessen eigentlich, gar nichts, alles zu tun, um schreiben zu können, um nichts tun zu können. Überhaupt keine Beziehung zu irgendeiner Religion, aber Gespräche, Anreden, Anklagen, Auskünfte suchen mit, von Gott ? Was ist das? 1953-1955 Gerichtsberichterstatter und Kunstkritiker zuerst des »Demokratischen Volksblattes« (sozialistisch) dann der »Salzburger Nachrichten« (die grauenhafteste Form von Zeitung, von »Blatt« die es gibt). 1955 Antritt der Studien am Schauspielseminar des Mozarteums (Paumgartner, Leisner und andere Nichtswürdige, aber Eitle und Belesene) mit viel Theaterspielerei z. B. in Lessings »Der junge Gelehrte« den Crysander, in Anouilhs »Antigone« den Sprecher, in Kabaretts und Operetten. Mitwirkung bei Aufführungen des Landestheaters und der Festspiele, so jährlich mit einigen Noten in der C-Moll-Messe in Sankt Peter. 1957 »Reifeprüfung«‚ auch in »Regie« mit einem Essay über Bert Brecht und der Einrichtung dreier (meiner bis dahin liebsten Theaterstücke) Kleist: »Zerbrochener Krug«. Büchner: »Leonce und Lena«. Thomas Wolfe: »Herrenhaus«. Gespielt wurde davon leider nichts. In der Zwischenzeit sind viele Artikel über Theater oder Autoren entstanden, die in Provinzblättern und in der »Furche« erschienen sind. (Alle nicht mehr vorhanden und unwichtig). Herbst 1957 erster Gedichtband bei Otto Müller: »Auf der Erde und in der Hölle«. Frühjahr 58: »In hora mortis«, ein Psalm, den niemand versteht – hat mit Katholizismus überhaupt nichts zu tun. Gleichzeitig bei Kiepenheuer u. Witsch: »Unter dem Eisen des Mondes«. – Niemand versteht etwas von Gedichten, oder nur zwei oder drei Leute, die mir bekannt sind: Ludwig von Ficker und noch zwei andere, ungenannte. Am besten wäre, überhaupt nichts zu sagen, weil die Leute aus allem etwas anderes herauslesen, als ich mir denke. Schweigen – Schweigen – Schweigen – Aufbegehren – Aufbegehren – Aufbegehren! Und immer sagen was faul ist und niederträchtig. Fast alles ist niederträchtig, der Rest faul. Niemand sieht die »Schönheit der Welt«, aber alle wollen sie sie beweisen, sie wollen alles unbedingt schön machen – schön muss die Anklage, der Beweis der Faulheit, der Niedertracht sein, schön, vollkommen, die Welt ist es nicht. 1959 Zusammenarbeit mit einem Komponisten, es entsteht in einjähriger Arbeit »Die Rosen der Einöde«. (Eine Perle vor die Säue geworfen.) Schade um sie, um den Haufen Schweiss. Dummköpfe und ätherische Säuglinge bevölkern die Blätter, die Lektorate, aber vor allem die Blätter. Es entstehen kurze Theaterstücke, Szenen, mehr als vierzig, darunter »Köpfe«, vertont vom gleichen Komponisten, wird im Juli 1960 im »Theater am Tonhof«, einer Scheune in Kärnten, aufgeführt mit drei anderen kurzen Szenen: »Die Erfundene«, »Rosa«, »Frühling«. Regie Herbert Wochinz, der verleumdet ward und sich durchsetzen wird! Seit 1957 nurmehr Schreibarbeit – nein – das einzige Schreibvergnügen –. Seit fünf oder sechs Jahren immer wieder längere und weite Reisen nach Süd- und Südosteuropa, jährlich auf den Balkan, in die mazedonischen Berge, nach Sarajewo, Split, in die albanischen Grenzwälder. Auch in europäische Grosstädte, um festzustellen, wie weit sie schon sind. Selten in Wien, der Nichtsnutzen, selten unter Deutschen. Arbeit an zwei längeren Prosabüchern (immer wieder) und mehreren kleineren Versuchen. Aber man soll nicht reden über etwas, das noch nicht unter die Leute geworfen ist, man soll überhaupt nichts reden. Ab September 60 im Österreich. Kulturinstitut in London tätig.

DER VIERZIGJÄHRIGE befährt seit zwölf Jahren die Autobuslinie. Als er jetzt nach Hause geht, denkt er, daß die Schuld an seinem Unglück ein anderer trägt. Nicht er. Wenn er auch nicht mit Sicherheit weiß, wer ihn in die zwölfjährige Tortur hineingetrieben hat, so stößt er doch ein Schimpfwort gegen den Betreffenden aus. Er biegt um die Ecke, wo der Holunderbusch die Blätter abwirft. Natürlich sieht er das gar nicht. Er hat eine abgewetzte Aktentasche unter den Arm geklemmt, in welcher er die zwölf Jahre täglich, außer Sonntag, die Urlaube abgerechnet, seine Jause verwahrt hat. Meistens ißt er sie gar nicht. Sie wird von den Kindern gegessen, wenn er nach Hause kommt. An der Stelle, wo der Weg den Blick auf das Haus öffnet, in dem er mit seiner Familie wohnt, blickt er zum erstenmal auf. Er stellt sich vor, daß seine Frau das Essen auf den Tisch stellt und daß sie die Kinder zu Bett bringt. Er sieht plötzlich, wie seine Frau die Bluse auszieht und sie über die Sessellehne legt. Sie nimmt vom Herd eine Schale Kaffee, bröckelt Weißbrot hinein und löffelt sie aus. Jetzt friert ihn und er macht kehrt und geht den Weg, den er gerade gekommen ist, zurück. Er geht durch den Wald und legt sich mit seiner Geliebten, die ein einstöckiges Haus mit einem Gemüsegarten besitzt, ins Bett. Seine Frau sagt zu diesem Zeitpunkt zu den Kindern: still sein, sonst bringt das Christkind keine Geschenke.

DER KASSIER in einem Eisenwerk hat eine acht oder neun Jahre ältere Frau geheiratet. Kurz nach der Hochzeit beginnen die Streitigkeiten. Es ist eine grenzenlose Abneigung, mit welcher die beiden einschlafen und aufwachen. Schließlich wird die Frau schwerkrank, was wohl mit ihrer Kinderlosigkeit zusammenhängt, ist immer wieder geheilt, verliert aber plötzlich die Sprache, sie kann sich nur mit ihren Händen verständigen, zu Hause schreibt sie alles auf Kalenderblätter: »Ich will fortgehen« zum Beispiel, oder »Es ist schön draußen«. Sie haßt es, wenn man Mitleid mit ihr hat. Schließlich bekommt sie Schmerzen in den Beinen und wird ganz steif. Sie muß in einem Rollstuhl gefahren werden. Sie lauert am Fenster. Wenn ihr Mann heimkommt, muß er sie hinausfahren. Immer dieselbe Strecke. Immer weiter. Sie droht ihm mit geballten Fäusten. Sie ist immer hungriger nach neuen Häusern, neuen Bäumen, neuen Menschen. Aus ihrem Winterkotzen schaut sie heraus, zwischen den Alleebäumen durch. Eines Abends, als er sie nahe am Straßenrand vor sich her schiebt, dreht er den Wagen herum und kippt ihn in den Abgrund. Sie kann nicht schreien. Der Metallwagen zersplittert. Diesen Vorgang träumt er. Aber er wird so etwas mit ihr machen, denkt er.

DIE CELLISTIN weiß, zwischen ihr und dem Operettenkapellmeister ist nur der Ekel. Trotzdem schlüpft sie jeden Tag zur gleichen Stunde durch die Tür seines Zimmers und in sein Bett. Das Übel der Dreißigjährigen hat von ihr Besitz ergriffen und so sehr sie sich dagegen wehrt, der Prozeß ihrer Zerstörung schreitet unaufhaltsam fort. Unter dem Dach des Konservatoriums spielt sie die unaufhörlichen Sonatensätze, in die sie wie ein Tier hineinstürzt, um sie zu zerreißen. Mit unglaublicher Rücksichtslosigkeit hungert sie, tagelang liegt sie betrunken im Bett, um dann mit um so größerer Energie ihr Vernichtungswerk zu betreiben. Sie verkauft alles, steht plötzlich mit einem einzigen, schwarzen hochgeschlossenen Kleid da. Zerschlägt, es mit beiden Händen am Hals packend, das Instrument. Sie beschleunigt alles. Lacht. Ist schweigsam. Nach dem letzten Zusammensein mit dem Operettenkapellmeister sitzt sie im finsteren Gangloch auf einem Artistenkoffer und weint.

Ereignisse

DER GROSSGRUNDBESITZER träumt, daß einer seiner Arbeiter viele Stellen seines Landstückes aufgräbt und überall kommt ein Leichnam zum Vorschein. Er läßt den Arbeiter das ganze Gebiet um das Haus umgraben. Aber es gibt keine Stelle, unter welcher nicht ein Toter begraben liegt. Jetzt läßt der Großgrundbesitzer von hunderten von Arbeitern sein ganzes Land umgraben, aber tatsächlich ist es, ohne Ausnahme, unter einer dünnen Erdschicht dicht von Leichen bedeckt. Jede zum Vorschein kommende Leiche, es sind Körper verschiedenen Alters und beiderlei Geschlechtes, läßt er sich vorführen, und er erinnert sich, sie alle eigenhändig umgebracht zu haben. Die Angst jedoch, selbst getötet zu werden, läßt ihn seine Verbrechen nicht anzeigen. Er kommt auf die Idee, den oder die Mörder suchen zu lassen. Zu diesem Zwecke organisiert er einen Apparat von Beamten, die er hoch bezahlt. Schon wenige Tage später ist ein Mörder gefunden. Obwohl der Großgrundbesitzer weiß, daß es sich bei dem Mann, der völlig unbekannt ist, nicht um den Mörder handeln kann, läßt er ihn einem Gericht ausliefern, das ihn zum Tode verurteilt. Der Mörder wird hingerichtet. Auf diese Weise finden die Beamten noch viele Mörder. Sie finden schließlich genauso viele Mörder als es Ermordete gibt. Sie alle werden hingerichtet und auf dem Grundstück des Großgrundbesitzers eingegraben. Jetzt erwacht der Großgrundbesitzer und steht auf. Er geht in den Wald, um festzustellen, wieviel und welche Bäume er noch diesen Herbst schlagen lassen wird. Diese Frage beschäftigt ihn schon tagelang.

Auszüge aus Thomas Bernhard: »Aus Opposition gegen mich selbst – Ein Lesebuch«

erstellt am 04.2.2011

Thomas Bernhard
Thomas Bernhard, fotografiert von Andrej Reiser (SV)

Thomas Bernhard
Aus Opposition gegen mich selbst – Ein Lesebuch
Herausgegeben von Raimund Fellinger

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