Die große Geste, die hochgereckten Arme, die statuarische Positionierung an der Rampe, die starren Tableaus, bei modernen Regisseuren verpönt – in der Arena von Verona findet man sie noch. Einer solchen Behauptung der Eigenständigkeit der Oper gegen den Wirklichkeitsfimmel kann man etwas abgewinnen, meint Thomas Rothschild.

Arena von Verona

Schön wie der Warschauer Kulturpalast

Von Thomas Rothschild

Arena von Verona
Arena von Verona

Der schönste Moment des Abends ist jene Stelle, an der die Gefangenen, die eben noch ein erbarmungswürdiges Tableau gebildet haben, zwei Schritte nach vorne an die Rampe treten, um den wahrscheinlich berühmtesten Klassikschlager zu wiederholen. Das gehört zum Ritual der Nabucco-Aufführungen in der Arena von Verona. Aus den gefangenen Hebräern wird ein ganz normaler Opernchor. Er tut nicht so, als gäbe es eine babylonische Wirklichkeit.

Das ist überhaupt kennzeichnend für Verona. Hier darf Oper Oper sein und sonst nichts, schon gar nicht die Suggestion einer Wahrheit, an die ohnedies nur verbohrte Juden oder Christen glauben können, die das Alte Testament, noch dazu in der hanebüchenen Fassung des Librettisten Temistocle Solera, für Geschichtsschreibung halten.

Herangewachsen ist eine Generation, die nicht mehr wissen dürfte, was mit dem Adjektiv „opernhaft“ gemeint ist. Die große Geste, die hochgereckten Arme, die statuarische Positionierung an der Rampe, die starren Tableaus, bei modernen Regisseuren verpönt – in Verona findet man sie noch. Uralte oder auch „nur“ 24 Jahre alte Inszenierungen wie die von Gianfranco De Bosio werden kaum verändert immer wieder aufgenommen. Ja, das ist Museum. Aber es ist auch die Behauptung der Eigenständigkeit einer Kunstform gegen einen Wirklichkeitsfimmel, der seine Herkunft aus dem Utilitarismus, also aus der Inanspruchnahme für kunstferne Zwecke, nur schwer verleugnen kann. Und so wie die stalinistische Protzarchitektur, die, wie übrigens ein paar Jahre zuvor der Jugendstil, als Ausgeburt des schlechten Geschmacks galt, mittlerweile einen ganz eigenen skurrilen Reiz entwickelt hat, so kann man der Gigantomanie der Veroneser Opernspektakel etwas abgewinnen, der Kostümschwelgerei, die sie mit den monumentalen Ausstattungsfilmen von Cecil B. DeMille teilen, und dem Spiel mit der Symmetrie, die ja in der Natur angelegt ist und in den Künsten von alters her eine wichtige Rolle spielt.

Musikalisch durfte man mit der Besetzung des Eröffnungsabends mehr als zufrieden sein. Verdi bleibt auch in Verona nicht mehr Italienern vorbehalten. Als Zaccaria hörte man einen stimmgewaltigen Dmitry Beloselsky, in der Rolle der Fenena Nino Surguladze, die sich neben der Abigaille Martina Serafins nicht zu verstecken brauchte. Diese zeigte sich, offenbar im Bemühen, ein Maximum an Lautstärke zu produzieren, bei der Intonation nicht immer sicher. Den Nabucco sang und spielte durchaus berührend Luca Salsi, den Ismaele der junge Tenor Piero Pretti. Eine Reise in die Opernvergangenheit, die dem genius loci gerecht wird.

Für den Dauerbrenner der Arena „Aida“ griff man heuer auf Franco Zeffirellis Inszenierung von 2002 zurück. Auch er bemüht sich redlich, die große Bühne zu füllen und kommt ohne Elefanten und Pferde aus. Auf die läppischen neuen Choreographien von Renato Zanella hätte man freilich verzichten können. Stimmlich stellte die Georgierin Anita Rachvelishvili als Amneris das gesamte Ensemble, inklusive der Titelfigur, in jeder Hinsicht in den Schatten. Die versklavte äthiopische Königstochter Aida ist schwarz geschminkt und somit, dramaturgisch durchaus einsichtig, als Fremde markiert. Die ritualisierte Blackfacing-Debatte hat Verona noch nicht erreicht. Die Logik der Oper siegt über die Logik einer Moral, die sich über falsche Afrikaner auf der Bühne mehr erregt als über echte Afrikaner, die man im Mittelmeer ertrinken lässt.

Dass sich das Opernfestival über hundert Jahre halten konnte, ist ein starkes Argument. Und es hat schon etwas, wenn man mit der größten Selbstverständlichkeit gefragt wird, ob man abends in die Oper gehe wie anderswo zum Länderspiel. Zwar hat die Veranstaltung mit Geldsorgen zu kämpfen, nachdem im vergangenen Jahr viele Vorstellungen buchstäblich ins Wasser fielen. Und Reformvorschläge werden eher abgewehrt. Aber offenbar gibt es nach wie vor Bedarf für ein Festival dieser Art zwischen Kunst und Spektakel, zwischen musikalischem Anspruch und Museum. Das Vergnügen wäre ungetrübt, wenn jene italienischen Journalisten weg blieben, die es nicht ertragen, dass die Akteure auf der Bühne mehr Beachtung erfahren als sie, und die, wenn sie nicht gerade mit hell erleuchteten Tablets hantieren oder mitsingen, ihre leicht bekleideten Nachbarinnen lautstark belehren. Es wäre dennoch schade, wenn das Opernfestival in dem einzigartigen Ambiente, bekämpft von den Snobs auf der einen und den Sparpolitikern aus der anderen Seite, verschwände. Nicht nur wegen der viel beschworenen Umwegrentabilität. Wirtschaft allein macht die Menschen noch nicht glücklich.

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erstellt am 22.6.2015

»Aida« in der Arena von Verona, 2015

»Nabucco« in der Arena von Verona, 2015