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Nikolaus Harnoncourt, einst als ikonoklastischer, dem historischen Originalklang verpflichteter ‚Wilder’ geschmäht, später aber als höher und hoch geschätzter Dirigent vitaler Interpretationen gefeiert, hat mit den Berliner Philharmonikern ein CD-Bündel mit Aufnahmen aus dem Werk von Franz Schubert herausbringen lassen. Hans-Klaus Jungheinrich beschreibt die Edition.

CD

Nah am Glück

Viel Schubert mit Harnoncourt und den Berliner Philharmonikern

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Wo, bitte, geht’s zum Glück? Als vom deutschen Schlager Enttäuschte und philosophisch halbwegs Bewanderte wissen wir natürlich, dass Glück im Leben kein Dauerzustand ist, sondern eher etwas jäh Aufflammendes, utopisch wie der Lidschlag eines Schmetterlings. Mag sein, dass wir uns an einen irgendwann erfahrenen Glücksmoment noch ein Leben lang erinnern wie die dafür Destinierten an ein religiöses Erweckungserlebnis. Auch in der Musik lässt sich Glück offenbar nur momenthaft mitteilen. Das meinte wohl Adorno mit seiner berühmten späten Rundfunksendung „Schöne Stellen“, wo er, der sonst in großer intellektueller Korrektheit die materialästhetischen Zusammenhänge des Komponierens bedachte, sich für einmal dem Zauber isolierter Glücksinseln in den musikalischen Meisterwerken anheimgab.

Vor mir liegt ein editorischer Backstein mit dem unverkennbaren, den unregelmäßig-vieleckigen Scharoun-Bau nachbildenden Logo der Berliner Philharmoniker. Wie andere Konzertveranstalter betreibt auch diese ehrwürdige Musikinstitution nach dem Niedergang der Tonträgerkonzerne inzwischen ihre eigene Veröffentlichungspraxis. Man könnte es sogar als Vorteil ansehen, dass die eigentlichen Musikproduzenten ihre Erlöse nicht mehr mit profitgierigen „Verlegern“ teilen müssen. Trotzdem erinnert man sich gerne an die Hoch-Zeiten der Schallplattentycoons in den 1950er bis 1980er Jahren, die in edler Konkurrenz das volle klassische Repertoire enzyklopädisch breit dokumentierten mit Künstlern, denen geballte Werbeanstrengungen zu weltweit immenser Popularität verhalfen – solche Novitäten wurden damals heiß diskutiert wie die Saison-Neuheiten des Buchmarkts. Ähnliche Verkaufszahlen sind heute nicht mehr zu erwarten, nicht einmal von einer hochkarätigen Schubertiade mit Nikolaus Harnoncourt (BPHR 150061, Berlin Phil Media GmbH), die als Markstein der Schubert-Rezeption und der Interpretationsgeschichte gelten muss. Dabei berührt es auch eher zwiespältig, dass die Berliner Editoren (wie bei einem vorausgegangenen Schumann-Paket mit Sir Simon Rattle) das übliche Format einer CD-Offerte außer acht gelassen haben. Gewiss, die gewöhnlichen Plastik-Quadrate sind kein Nonplusultra an musikkonservierender Objekthaftigkeit. Aber der besagte Berliner Backstein erweist sich seinerseits als wenig praktisch und archivarisch ungefällig. Wenn man ihn in die Hand nimmt, denkt man eher an eine Pralinenschachtel oder einen Maskottchensarg. Eine Hälfte offenbart sich dem beherzteren Zugriff bald als bedrucktes Booklet. Die andere, in obskurem Schwarz gehalten, erheischt eine etwas umständlichere Prüfung, bevor sich der Sargdeckel öffnen lässt und den überraschten Blick auf ein ansprechend regenbogenfarbig gemustertes Konvolut von acht CDs (plus eine auch optisch nutzbare Interviewscheibe) freigibt.

Obwohl diese Sammlung nur einen Ausschnitt aus Schuberts Oeuvre bietet, gewinnt man doch den Eindruck einer gewichtigen Annäherung. Dafür steht selbstverständlich der Name des Dirigenten. Harnoncourt brachte in seine Arbeit einen philologischen Furor ein, der noch die „Sachlichsten“ aus den vorangegangenen Generationen nachträglich als Traditionalisten erscheinen lässt. Gleichwohl gibt es bei Harnoncourt auch ein Paradox. Selbst die akribischste Beschäftigung mit Urtexten und Handschriften kann dazu führen, dass in Zweifelsfällen eine „starke“ subjektive Entscheidung nötig wird. So gibt es bei Harnoncourt immer wieder auch interpretatorische „Kraftakte“, ja Details, die geradezu als Manierismen wahrgenommen werden können (wie decrescendierte Forte-Schlussakkorde). Wer mit „authentischer Aufführungspraxis“ oder Originalinstrumentenklang Trockenheit und widerstandsloses Abschnurren verbindet, hat von Harnoncourt jedenfalls nichts begriffen. Kommt hinzu, dass Schubert die ganz besondere Liebe Harnoncourts gilt. Begeisterung, Emphase, sicheres Gespür für Helldunkelwirkungen, auch ein gewisser Hang zu unverzärtelter Schroffheit machen das Spezifische des Harnoncourt’schen Schubertbildes aus. Keine Spur „Schwammerl“.

Vollständig geboten werden Schuberts acht Symphonien (ohne den einmal von Peter Gülke gewagten Versuch mit den erhaltenen Fragmenten einer weiteren aus Schuberts Spätzeit). Als Symphoniker wurde Schubert bis ins 20. Jahrhundert an Beethoven gemessen – zu Unrecht. Obwohl bei ihm immer wieder der Reflex auf dieses große Vorbild merklich wird, ist seine Intention oder „Intonation“ doch eine andere, tendenziell mehr Haydn oder Mozart verwandte im scheinbar mühelosen Ausspinnen entlang großzügig empfundener vorgegebener formaler Modelle, die mit eigenwillig “romantischen“ Melodien und neuen Klangfarben erfüllt werden (bei der Fünften etwa merkt man demnach kaum den Rekurs auf die bescheidenere „frühklassische“ Bläserbesetzung ohne Klarinetten). Wenn Alfred Brendel dem „Architekten“ Beethoven den „Schlafwandler“ Schubert entgegensetzt, so ist das vielleicht immer noch zu oberflächlich. Ein Monumentalwerk wie die „große“ C-Dur-Symphonie ist, auch mit ihren thematisch-motivischen Verklammerungen, auch ein Exempel meisterhaft „bewusster“ Organisation, eine Denk-Übung allerersten Ranges. Ähnlich das vermeintlich traumhafte Sich-Aussingen in den beiden Sätzen der „Unvollendeten“, die Harnoncourt in nahezu gleichem, bedächtigen Zeitmaß nimmt, aber extrem gewittrig in den dynamischen Kontrasten.

Die beiden letzten, ausgedehntesten Messen Schuberts (Nr.5 As-Dur und Nr.6 Es-Dur) haben bei aller kontemplativen Kolorierung durchaus auch eine gewisse Sprödigkeit, weshalb sie nicht zu den Vielgespieltheiten ihrer Gattung gehören. Auffällig ist bei der Es-Dur-Messe das gelegentliche „Zurückspringen“ im Text, etwa bei dem nach dem „Crucifixus“ noch einmal bedeutsam erscheinenden „Incarnatus“. Die Menschwerdung Jesu aus dem Schoß der „Jungfrau“ Maria ist eine Vision, der sich auch ein aufgeklärter Künstler wie Schubert nicht entzieht und die er mit der ganzen Innigkeit seiner Tonsprache zu beschwören trachtet (an derselben Stelle verlor sich Mozart in seiner c-moll-Messe derart in wundersamer Detailausmalung, dass er darüber die Fertigstellung des Werkes vergaß). Anders die Passage „(Credo) in unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam“ – hier leuchtete kein Mutter-und-Kind-Glück, und demnach mit einer finsteren Kleriker-Kongregation vor dem inneren Auge ließ Schubert diese Worte in all seinen Messkompositionen weg.

Der ganz besonders vernachlässigten Opernkunst Schuberts nahm sich Harnoncourt wie kein Zweiter an, und so begegnet man auch bei dem Berliner Paket einem Prachtexemplar, der Ritteroper „Alfonso und Estrella“, in der, vor altspanisch-maurischem Hintergrund, eine Romeo-und-Julia-Geschichte erzählt wird, die auch einige Anklänge an Shakespeares „Tempest“ aufweist. Der Textautor, Schuberts Freund Franz von Schober, war zweifelsohne kein literarisches Genie, aber ähnlich wie den „Fidelio“-Dichtern gelangen auch ihm einige Formulierungen, etwa der unendlich rührende Beginn des Schlusschores „Liebe hat den Friedensbogen über diese Welt gezogen“. Oper als Wunscherfüllung. Ein auf Schritt und Tritt sich überbietender Reigen herrlicher Arien, Ensembles, genrehafter und auch dramatischer Chöre (hier wie in den Messen vorzüglich: der Rundfunkchor Berlin).

Zu den Vokalisten der Oper gehören der charaktervolle Christian Gerhaher, die lyrisch-kraftvolle und höhensichere Dorothea Röschmann und der Tenor Kurt Streit, dessen markante Diktion sich kaum in ein „Fach“ einordnen lässt – sie vereint den jugendlich-ungestümen Schwung des Beinahe-Helden Max (aus dem „Freischütz“) mit der Reife und Milde des Pfitzner’schen „Palestrina“ und gibt dadurch auch seinem Part in der As-Dur-Messe ein profund „gemischtes“ Flair (in der Es-Dur-Messe amtiert der umstandslos strahlendere Jonas Kaufmann). Zum Philharmoniker-Klang lässt sich resümierend noch sagen, dass er hier kaum noch eine Erinnerung zulässt an den geschliffen-geschmeidigen, seidenweichen Sound der Karajanära. Die Aufnahmen sind durchweg rund zehn Jahre alt und gemahnen daran, dass auch die großen Jahre Harnoncourts nun schon zur Neige gehen. Bei dieser Gelegenheit noch eine Reminiszenz: die neu veröffentlichte „große“ C-Dur-Symphonie Schuberts mit Claudio Abbado und „seinem“ Orchestra Mozart von 2011 (Deutsche Grammophon 479 4652). Trotz des traditionalistisch zurückgenommenen Eingangsthemas am Kopfsatzschluss wirkt diese Einspielung fast noch „authentischer“ als die von Harnoncourt, weil Abbado den Mut hat, die Final-Exposition zu wiederholen. Das Werk dauert damit mehr als eine Stunde. Keine Minute zuviel. Aber was hat gemessene Zeit mit Glück zu tun?

Noch eine persönliche Erinnerung: Als ich vor vielen Jahren in Graz zum ersten Mal eine Aufführung von Schuberts „Alfonso und Estrella“ erlebte, kam in der Pause der Komponist Wilhelm Killmayer auf mich zu und rief voller Enthusiasmus aus: „Das ist ja die reine Glücksmusik“. Die Musik Schubert ist’s wohl immer wieder, gerade deshalb, weil in ihr Licht und Schatten, Dur und Moll, Zuversicht und Verzweiflung so nah beieinander sind.

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erstellt am 19.6.2015

Franz Schubert
Franz Schubert

Franz Schubert (1797-1828)
Symphonien Nr.1-9
Berliner Philharmoniker / Nikolaus Harnoncourt
8 CDs
BPHR 150061, Berlin Phil Media GmbH

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