Zahlreiche Messen und Ausstellungen locken jedes Jahr im Juni die Kunstwelt nach Basel. Isa Bickmann war vor Ort und hat Eindrücke und Schnappschüsse von den Messen LISTE, VOLTA und ART BASEL mitgebracht.

Messen in Basel

Der Mittelpunkt der Welt

Von Isa Bickmann

Man könnte natürlich eine ganze Woche in Basel bleiben (sofern man im Umkreis der Stadt eine finanziell tragbare Schlafstätte findet). Man könnte sieben Kunstmessen mit Hunderten Ausstellern und noch mehr Kunstwerken besuchen, dazu Museumsausstellungen wie „Paul Gauguin“ und „Marlene Dumas“ in der Fondation Beyeler in Riehen sehen oder ins Museum für Gegenwartskunst in Basel gehen, das Meisterwerke aus dem derzeit geschlossenen Kunstmuseum Basel zeigt, ganz zu schweigen von den vielen Performance-, Gesprächs- und Filmveranstaltungen. Man könnte … Belassen wir es bei drei Messen mit fast 450 Ausstellern und einer mehrfachen Menge an Künstlern und Künstlerinnen und einen Blick auf einen Nebenevent.

Beginnen wir also auf der LISTE, die zum 20. Mal auftritt. Das ehemalige Brauereiareal am Burgweg wird heute vom Verein Werkraum Warteck genutzt und beherbergt eine Messe, die auf junge Kunst und neue Galerien setzt. Hier haben Galerien und ihre Künstler große Chancen, Karriere zu machen. Oft sind sie in den Folgejahren auf der Hauptmesse, der Art Basel, zu besuchen. Das Improvisierte des Gebäudes reizt den Entdeckerdrang. Für die Aussteller selbst ist der Ort nicht der Angenehmste: Manche Galerien erhalten einen Stand im zugigen Zeltbereich, der bei schlechtem Wetter für kalte Füße sorgt; einen Stand im Keller zu haben, kann auch nur bei sehr heißem Wetter angenehm sein. Als Besucher muss man viele Treppen steigen, sich auch mal bücken. Die LISTE wird gerne von Kuratoren besucht, die nach unverbrauchten Positionen Ausschau halten. So begegnete einem hier am Eröffnungstag z. B. der Leiter der kommenden Documenta 14, Adam Szymczyk. Die LISTE überraschte in diesem Jahr mit zahlreichen überzeugenden Präsentationen, vielleicht auch weil manche Künstler bereits auf der aktuellen Biennale in Venedig ausstellen und damit quasi etabliert sind.

Hier Amy Yao aus Los Angeles und Mark van Yetter aus Berlin in der beliebten kompakten Hängung kleiner Werke (gesehen am Stand der Galerie VI, VII, Oslo).

Die formal ansprechende Umsetzung von Nichtigkeit ist immer wieder ein Thema, wie in dem „Cigarette Hedgehog“ der in Berlin lebenden Niederländerin Marlie Mul (Galerie Croy Nielsen, Berlin) – Übrigens ist die Zigarette nicht nur bei ihr beliebtes Objet trouvé.

Manchmal schlagen sich konzeptuelle Ansätze nieder in einfachen, „gestrickten“ Objekten: Hier der Pulloververkauf am Stand der Galerie Temnikova & Kasela aus Tallinn. Ihr Künstler Jaanus Samma vertritt in diesem Jahr Estland auf der Biennale von Venedig. „The Hair Sucks Sweater Shop” will Graffiti des öffentlichen Raumes in das Private bringen.

Die Collage erlebt in den letzten Jahren Rückenwind, ist sie doch eine Möglichkeit, mit aufgefundenen Inhalten neue Inhalte zu generieren. Die Galerie Vavassori aus Mailand ist mit einer Solopräsentation des US-Amerikaners Benjamin Horns vertreten.

Ein Blick ins alte Sudhaus des Warteck-Areals. Oben hinter den Glasscheiben zeigen KOW aus Berlin eine Videoarbeit von Renzo Martens mit eindringlichen, drastischen Bildern von afrikanischer Armut, die einen aus dem fröhlichen Messetrubel herausholen und zu den eigentlich Problemen dieser Welt führen. Der Niederländer gilt als Provokateur, sein Film „Enjoying Povery III“ thematisiert den Blick der reichen Gesellschaften auf Hunger und Armut. Er drängt die Bevölkerung, daraus Kapital zu schlagen. Hier kann man den Trailer und den Film (gegen Gebühr) sehen.

In der renovierten Markthalle, nahe des SBB-Bahnhofs, tritt die VOLTA zum 11. Mal an. Hier sind es 69 Galerien. Am Montag war die Atmosphäre recht entspannt, es zog bei Weitem nicht so viele Besucher dorthin wie auf die LISTE. Auch auf der VOLTA locken die Veranstalter mit „new and emerging art“. Das trifft zum Teil zu, manchmal fragt man sich allerdings, warum die Qualität so stark schwankt.

Eine Auseinandersetzung über Skulptur bietet Ellen Hyllemose am Stand von SPECTA, Kopenhagen. Die dänische Künstlerin nimmt sich in ihrem bildhauerischen und malerischen Werk des Themas Landschaft an.

Leider hat man das eine oder andere Déjà-vue – wie hier bei den Arbeiten von Liz Jaff (am Stand der in Brooklyn ansässigen Galerie Robert Henry Contemporary). Man denkt unwillkürlich an die Quadratreliefs des Holländers Jan Schoonhoven (1914–1994) aus den sechziger Jahren. Geändert ja, aber es bleibt doch Appropriation.

Eine sehenswerte Präsentation zeigt die Istanbuler Galerie Zilberman mit der Solopräsentation von Memed Erdener und seinem Projekt „Extrastruggle“, das sich im Sinne von Susan Sontags „Regarding the Pain of Others“ dem Thema Gewalt annimmt. Im Foto zu sehen ist links die Arbeit „1915 (Dedicated to all Armensians living in Turkey)“ von 2012, aus Zedernholz mit alten Schlüsseln.

Eine Soloshow von Petra Barfs zeigt der Frankfurter Galerist Jürgen Wolfstaedter (hier im Bild die Künstlerin vor ihren Werken). Die Arbeitsgrundlage Barfs‘ sind alte Abbildungen von Caspar-David-Friedrich-Werken sowie eines norddeutschen Fotografen, die sie auf ihre Bildhaftigkeit hin untersucht. Die Fundstücke werden zerrissen, kopiert, gespiegelt zusammengefügt und ergänzt.

Die ART UNLIMITED bietet Raum für jene Werke, die für eine normale Standpräsentation auf der ART BASEL zu groß sind und werden in einer eigenen Halle präsentiert. Ihre Auswahl wird kuratiert.

Staunen kann man schon am Eingang über den Künstler Julius von Bismarck, der sich in einer Schüssel permanent im Kreis dreht. Er sagte in einem Interview mit dem Magazin Monopol zu der Performance „Egocentric System“: „Ich werde mich mehrere Tage am Stück auf der Scheibe befinden und mich psychisch Stück für Stück weiter auf das neue Bezugssystem einstellen. Ich habe einen Stuhl, einen Tisch und eine Matratze zum Schlafen dort. Ein Laptop und ein Handy verbinden mich mit der Welt. Ich werde irgendwann annehmen, dass ich der Mittelpunkt der Welt bin und dass sich alles um mich dreht. Ich programmiere mich um, darin besteht das Experiment.“ Schlafen mache ihm dabei „überhaupt keine Probleme”. “Aber sich auf der Scheibe zu bewegen macht einen wahnsinnig. Ich bin gespannt, wie der Körper das irgendwann kompensiert. Wenn man nämlich den Arm nach vorne bewegt, wird er in eine Kurve gezogen. Sowas lässt sich überhaupt nicht denken! Als hätte man Drogen genommen. Aber man kann sich eben an die seltsamste Droge und die höchste Dosis gewöhnen. Dieser Anpassungsprozess interessiert mich.“

Der unvermeidliche Ai Weiwei stapelt Fahrräder.

David Shringley präsentiert inmitten von Staffeleien in seltsam manieristischer Verformung ein „Life Model“ à la Michelangelos “David”. Die Augendeckel der Puppe klappen ab und an zu und wieder auf. Sie pinkelt in Abständen in den vor ihr stehenden Zinkeimer. Der Künstler richtet sich laut Infoblatt gegen das „Elitesystem der Kunstschulen“. Den Besuchern gefiel’s.

Kader Attia, dessen Arbeiten schon in vergangenen Jahren auf der ART UNLIMITED zu sehen waren, erinnert an die Plünderungen des Ägyptischen Museums in Kairo unter dem Titel „Arabic Spring“ und damit an die Ambivalenzen, die Revolutionen mit sich bringen. Der zerstörerische Akt, vom Künstler vor Ort ausgeführt ist ein Reenactment dessen, was im Kairoer Museum geschah.

Videoprojektionen nehmen einen großen Teil der Gesamtausstellung ein. Ein 2014 neu produzierter siebenminütiger Loop aus Kenneth Angers „Inauguration of the Pleasure Dome“, 1954 entstanden (hier in einer Version von 1978), unterlegt mit Musik vom Electric Light Orchestra, steht allein mit seiner bunt-queeren Note. Sarah Morris, die auf der ART UNLIMITED mit dem neuen Film „Strange Magic“, der für die Luxusmarke Louis Vuitton produziert worden ist, auftritt, wurde auf der gegenüberliegenden Seite der Halle in einem Video porträtiert, das Anna Gaskell gedreht hat. Zugleich als Muse wie als Karikatur werde Morris hier porträtiert, meldet das Infoblatt der Galerie Capitain. Dabei spiele Gaskell häufig mit der Idee von Original und Fake, von Wirklichkeit und Kopie. In „Echo Morris“ zeigt Gaskell also mit den Mitteln der Aneignung der Filmsprache Morris' eine Künstlerin, die selbst des Plagiats beschuldigt war. Ob sich die Ambivalenz aus Porträt und Karikatur aber im Film mitteilt, mag bezweifelt werden. Wir sehen Morris, wie sie raucht, sich ankleiden und schminken lässt, wir sehen ihre teure High-Heel-Sammlung und die Putzfrau in der schicken Wohnung, sie wird als Umschwärmte auf Vernissagen und auch (!) bei der Arbeit beobachtet. Wenn man all den Glamour abzieht, was bleibt dann von dieser Künstlerin übrig?

Man hat in diesem Jahr den Hauptteil der ART BASEL neu strukturiert. So sind die Händler für ältere Kunst und die klassische Moderne zusammengerückt. Derart verdichtet können Sammlerinteressen auf kürzeren Wegen befriedigt werden.
Wie üblich ziehen hochpreisige, nur für riesige Wohnzimmer geeignete Kunstwerke das Auge auf sich. Manchmal überwiegt der Mut zur Belanglosigkeit, weniger der Mut zum Experiment bei den Händlern. Man setzt auf Glamour oder einen visueller Effekt, der sich unmittelbar mitteilt.

Beyoncé goes Warhol – Poppig und bunt geht es am Stand der Londoner Galerie Sadie Coles zu: Jonathan Horowitz und Ugo Rondinone (Skulptur).

Der „Megagalerist“ Larry Gagosian hatte seinen Stand derart mit Kunst überfüllt, dass man in dem Gedränge bei ihm kaum atmen konnte.

Aber manchmal trifft man auf Werkkomplexe, um die sich Museen und Handel lange Zeit wenig gekümmert haben. Constant, Mitglied der CoBrA-Gruppe und der Situationistischen Internationale, widmete sich 1960-1974 seinem Projekt „New Babylon“. Teile daraus wurden übrigens 2002 auf der Documenta 11 ausgestellt. Die Amsterdamer Galerie Borzo zeigt auf der ART BASEL eine Solo-Schau des bislang vorrangig bei jüngeren Künstlergenerationen einflussreichen „New Babylon”. Es wird hoffentlich aufgrund neuer Ausstellungen, Publikationen und des “Salon-Talks” am Messedonnerstag auch bei Kuratoren und Kustoden Beachtung finden.

Installation View, Isaac Julien, Stones Against Diamonds, 2015. Photo: Harold Cunningham

Eine hochästhetisierte, gleichfalls eindrucksvolle Arbeit liefert der Brite Isaac Julien. Sie ist Teil des Parallelprogramms und wird, von einem Autohersteller gesponsert, in der Elisabethenkirche gezeigt. Auf acht hochformatigen, hintereinander versetzt stehenden Bildschirmen projiziert, feiert der Filmemacher die Schönheit der Natur mit perfekten Bildern aus einer Eishöhle auf Island, durch die er eine Frau, mal in Schwarz gekleidet, mal in Weiß, schreiten lässt. Wasser fließt von oben nach unten, von unten nach oben. Rasche Schnitte, Überblendungen, ruhige Kamerafahrten erkunden das blauschimmernde Eis, begleiten die Füße der Frau durch den Schnee und dunklen Lavasand hindurch – dazu Sambatrommeln und Worte aus dem Off. Julien zitiert mit dem Titel „Stones Against Diamonds“ ein Essay der brasilianischen modernistischen Architektin Lina Bo Bardi (1914 -1992), die bei uns erst seit einer Ausstellung 2014 in München etwas bekannter ist. Die Videoinstallation ist damit auch im Sinne Bardis eine Hommage an die Natur, an die Gegensätze, die im Film zudem in Schwarz und Weiß eingebunden werden. Am Ausstellungsort bietet Julien den Dialog von Natursymbolismus, Spiritualität und neogotischer Architektur fern des Trubels, der ein paar Tramstationen entfernt tobt.

Alle Abbildungen, sofern die Bildquelle nicht genannt wird, sind von der Autorin.

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erstellt am 18.6.2015

Kunst in Basel

ART BASEL und ART UNLIMITED

18.-21.6.2015
www.artbasel.com

LISTE

16.-20.6.2015
www.liste.ch

VOLTA

15.-20.6.2015
voltashow.com

Isaac Julien: Stones Against Diamonds

Elisabethenkirche
Elisabethenstrasse 10 – 14, 4051 Basel, Tram-Haltestelle Bankverein