Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ ist 1963 erschienen und wurde nach dem frühen Tod der Autorin von feministischen Kritikerinnen und Leserinnen als wegweisendes Exemplar der Frauenliteratur wiederentdeckt. Beim Ludwigsburger Theatersommer spricht Renate Winkler den stark gekürzten Roman, ergänzt von sparsamen musikalischen Einspielungen und szenischen Signalen, berichtet Thomas Rothschild.

Theater

Marlene Haushofers Roman »Die Wand« halbszenisch

Von Thomas Rothschild

Es beginnt, wie aus der Zeit gefallen, als Konglomerat von Adalbert Stifter und Franz Kafka, um alsbald zu einer Robinsonade zu werden, einer Geschichte eines von der menschlichen Zivilisation isolierten Individuums. Eine Frau ist allein in einem Jagdhaus zurückgeblieben. Als sie sich am Morgen auf die Suche nach dem Paar macht, das am Abend zuvor ins Tal gegangen und nicht heimgekehrt ist, stößt sie an eine unsichtbare Wand. Sie ist nunmehr an das Jagdhaus und seine Umgebung gebunden und muss überleben. Gesellschaft leisten ihr ein Hund, eine Kuh und eine Katze.

Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ ist 1963 erschienen und wurde nach dem frühen Tod der Österreicherin im Jahr 1970 von feministischen Kritikerinnen und Leserinnen als wegweisendes Exemplar der Frauenliteratur wiederentdeckt. Im lauschigen Ambiente des Ludwigsburger Cluss Gartens spricht Renate Winkler den stark gekürzten, in seiner Substanz aber unbeschädigten Roman in der Bearbeitung und der Regie von Christiane Wolff und in der Vergangenheitsform des Erzähltexts zum Publikum hin oder auch zum unsichtbaren Hund. Sparsame Zuspielungen von Musik und Fragmenten der Ich-Erzählung über einen verborgenen Lautsprecher ergänzen den mit szenischen Signalen illustrierten Vortrag der Schauspielerin. Wenn sie sagt, „ich schlief sofort ein“, legt sie sich hin und deutet das Einschlafen an. Wenn sie die Anstrengungen das Tagesablaufs beschreibt, läuft sie, diesen visualisierend, über die Bühne. Bringt das etwas? Im Grunde würde eine Lesung reichen. Denn das Kapital des Abends ist Renate Winklers artikulierte und dem Sinn des Textes gerecht werdende Sprechweise.

In ihrem Selbstverständnis bleibt die Erzählerin in den traditionellen Rollenbildern befangen. Wenn sie Holz hackt, sieht sie sich als Mann, wenn sie Himbeeren sammelt, als Kind. In der erzwungenen Wirklichkeit jedoch muss sie diese Rollenverteilung überwinden, muss sie, so schwer ihr das fällt, Tiere töten – nur bei Rehen kann sie ihre Hemmungen nicht überwinden – und bis zur Erschöpfung körperliche Arbeit leisten. Die weibliche Sichtweise kommt am ehesten im Zusammenhang mit dem Motiv des Gebärens zum Ausdruck. Wie die Erzählerin die Geburt einer Katze und eines Kalbs schildert – das entspricht einem sentimentalen und insofern eher konventionellen Klischee.

Im Mai geht die Erzählerin auf die Alm, wo die Preiselbeeren wachsen. Man könnte, trotz der harten Arbeit, fast an ein Idyll glauben. Als sie im folgenden Jahr wieder auf die Alm kommt, sieht sie in der Ferne einen fremden Mann. Er erschlägt mit einer Axt ihren Hund Luchs und den jungen Stier der Kuh Bella. Da erschießt die namenlose Erzählerin den Mann. In das scheinbare Idyll ist der Schrecken eingebrochen. Der Mann stellt die Konkretisierung dieses Schreckens dar, wie die Wand als Vor-Wand für eine scheinrationale Begründung der Ausgangssituation dient.

Der Mensch im unmittelbaren Kontakt mit der Natur: das ist der optimale Stoff für ein Freilufttheater. Und die unkontrollierbare Natur spielt mit. Eine Maus läuft hinter dem Rücken der Schauspielerin über die Bühne, Krähen krächzen, hinzu kommen die akustischen Spuren der technischen Zivilisation, Flugzeuggeräusche und die Sirenen von Rettungswagen auf der benachbarten Bundesstraße.

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erstellt am 18.6.2015

Szenenfoto »Die Wand« Foto: Andreas Essig, © Theatersommer

Theater

Die Wand

nach dem gleichnamigen Roman von Marlen Haushofer

Regie Christiane Wolff
Mit Renate Winkler

Theatersommer Ludwigsburg

Szenenfoto »Die Wand« Foto: Andreas Essig, © Theatersommer