Die Ludwigsburger Schlossfestspiele haben keinen Repräsentationswert. Wer sich dorthin begibt, kommt aus echtem Interesse am Dargebotenen. Diesmal konnte man Angelika Kirchschlager zusammen mit Rufus Wainwright ebenso erleben wie multikulturellen zeitgenössischen Tanz. Doch auch musikalischer Humor kam nicht zu kurz, berichtet Thomas Rothschild.

Ludwigsburger Festspiele

Bunte Falter flattern hin und her

Von den Ludwigsburger Schlossfestspielen 2015, Teil 2

Von Thomas Rothschild

Angelika Kirchschlager tritt auch bei den Salzburger Festspielen auf. Aber sicher nicht zusammen mit Rufus Wainwright. Das gehört zu den sympathischen Eigenschaften der Ludwigsburger Schlossfestspiele: sie haben keinen Repräsentationswert. Wer sich hierher begibt, kommt nicht, um gesehen zu werden, sondern aus echtem Interesse am Dargebotenen. Es ist ein ganz normales Publikum. Die Snobs und die Schickeria bleiben aus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite fehlen jene Zaungäste, die sich, wie in Salzburg, Eintrittskarten nicht leisten können, aber, sozialisiert von der „Bunten“ und den „Seitenblicken“ des Österreichischen Fernsehens, die gerafften und parfümierten Besucher in Smoking und Abendkleid bewundern, die für den Abend den Schmuck aus dem Safe geholt und den Nachmittag beim Friseur verbracht haben, weil sie dem Irrtum erliegen, wer viel Geld habe, sei auch bedeutend. Solche Peinlichkeiten, die letzten Endes eine Beleidigung der Menschenwürde darstellen, bleiben einem im Ludwigsburg erspart.

Stattdessen eben Angelika Kirchschlager mit Rufus Wainwright, begleitet von der formidablen Pianistin Sarah Tysman. Sie haben für diesen Abend das Repertoire ausgetauscht. Die renommierte Operndiva singt Wainwrights Zyklus „All Days Are Nights: Songs for Lulu“, der in ihrer Interpretation in der Nachfolge von Schubert, Debussy oder Alban Berg, an den ja auch der Name Lulu erinnert, zu stehen scheint, und der von der Populärmusik herkommende Sohn von Loudon Wainwright III und Kate McGarrigle bewährt sich an einem Schmuckstück aus Kirchschlagers Repertoire, an „Les nuits d'été“ von Hector Berlioz. Danach singen die beiden zusammen und allein ein unkonventionelles Programm, das in Musicals von Rodgers & Hammerstein mündet. Ihre Stimmen sind so unterschiedlich wie das Chanson „Non, je ne regrette rien“ und Händels „Lascia ch'io pianga“, die man dennoch dank vergleichbarer Harmoniefolgen gleichzeitig singen kann. Das Publikum war begeistert. Die Künstler waren es offenbar auch. Ganz ohne die Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.

Der Tanz hat Hochkonjunktur. Die Tanzfestivals stehlen den Theaterfestivals die Schau – im wörtlichen Sinne. Es hat den Anschein, als würde der Tanz kompensatorisch offerieren, was ein die Wirklichkeit verdoppelndes, unsinnliches Sprechtheater mehr und mehr diffamiert und marginalisiert: die Körperlichkeit, die Bewegung im Raum, die Artifizialität von Kunst.

In Ludwigsburg hat der Tanz auch jenseits der Schlossfestspiele schon seit längerem eine Heimat gefunden. Die Zahl der Ensembles, die hier, vor allem in der Karlskaserne, auftreten, ist unüberschaubar geworden, und selbst Tanzfans sind überfordert, wenn sie alles mitbekommen wollen. Mit Akram Khan und Israel Galván haben die Festspiele aber wirklich etwas Besonderes ins Forum gebracht. Hier treffen, in modernisierter Version, Flamenco und der indische Kathak aufeinander. Wenn Akram Khan und Israel Galván zusammen tanzen, entsteht die Spannung aus der Dialektik von Übereinstimmung und Gegensatz. Dann produzieren sich beide als Solisten, der Spanier vorwiegend mit den Beinen, der Inder mit den Armen. Die Musik und vor allem den Rhythmus liefern in multikultureller Gemeinsamkeit der indische Mridangam-Perkussionist B.C. Manjunath mit dem Flamenco-Musiker Bobote und Vokalartistik südeuropäischer Herkunft, wobei insbesondere das Falsett des Spaniers David Azurza im Duett mit der tieferen Stimme der Belgierin Christine Leboutte besticht. Fast möchte man bedauern, dass der Tanz von der Musik der im Halbschatten verborgenen Interpreten ablenkt. Sie wäre ein eigenes Konzert wert.

Die Symbiose von Musik und Humor gehört nicht gerade zu den in Deutschland geschätzten Kulturphänomenen. Das Paradox aber besteht darin, dass, wenn sich etwas gegen Widerstände und Vorurteile endlich durchgesetzt hat, sein Höhepunkt überschritten ist. Es hat eine Zeit gebraucht, bis Mnozil Brass aus Wien auch an Rhein, Elbe und Neckar die Fans fand, die die Band in Österreich längst hatte. Nun aber, da sie auch große Säle mühelos füllt, da sie gefeiert wird wie Popstars, wird sie mehr und mehr zu einer Kopie ihrer selbst. Musikalisch hat sich Mnozil Brass perfektioniert. Man hört, selbst als Verächter von Blechbläsermusik, mit Vergnügen zu. Was aber den Humor angeht, fällt den sieben Männern nicht mehr so arg viel ein. Er beschränkt sich auf einige nicht immer neue und manchmal nur mäßig komische szenische Aktionen oder Choreographien, wie sie die Big Bands des Jazz schon vor siebzig Jahren pflegten. Der musikalische Humor, wie wir ihn etwa von Gerard Hoffnung oder Victor Borge, aber auch aus früheren Programmen von Mnozil Brass kennen, ist fast völlig abhanden gekommen.

Rein musikalisch, wie gesagt, gibt es nichts zu meckern. Ob Eric Claptons „Layla“ oder Gilbert O'Sullivans „Alone Again“ – Mnozil Brass macht daraus Kunststücke, die mit dem Tschingderassasa auf dem sonntäglichen Kirchplatz nichts mehr zu tun haben. Und wenn gar ein Satz aus Schostakowitschs Streichquartett No. 3 erklingt, ist das nicht nur virtuos, sondern auch ein Meisterwerk des Arrangements. Zwischendurch verwandelt sich Mnozil Brass in eine Inkarnation der Comedian Harmonists und singt a cappella Dvořáks „Humoreske“ zum idiotischen Text von Hans J. Lengsfelder („Eine kleine Frühlingsweise nimmt mein Herz mit auf die Reise in die schöne weite Welt hinaus“). Die unfreiwillige Komik geht hier allerdings nicht auf das Konto von Mnozil Brass, sondern auf das des Textautors. „Alle Bienen summen leise, meine kleine Frühlingsweise. Bunte Falter flattern hin und her.“ Ach.

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erstellt am 15.6.2015

Rufus Wainwright © Tina Tyrell

Angelika Kirchschlager © Nikolaus Karlinsky

Mnozil Brass © Carsten Bunnemann