Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.

Kleine Stücke

TEXTLAND von Jamal Tuschick

Feridun Zaimoglu kommt aus Anatolien. Das ist schlimm. Und er ist ein deutscher Schriftsteller. Das geht gar nicht. Der Schriftsteller Jamal Tuschick ist sogar so weit gegangen, in Kassel geboren zu sein. Mit dem Namen!
Die Vorurteile hat uns Zaimoglu schon gleich zu Anfang seines öffentlichen Wirkens mit aggressivem Witz um die Ohren gehauen. Unentwegt in die Rolle des Ausländers gedrängt, hat der Sprachkünstler zurückgesprochen und geschrieben: knapp zwanzig Bücher, gut zehn Theaterstücke. Feridun Zaimoglu ist eine Institution. Nun erarbeitet sich Tuschick seinen Zaimoglu. Die Folgen sind in Faust-Kultur zu verfolgen.

Feridun Zaimoglu und Jamal Tuschick
Feridun Zaimoglu und Jamal Tuschick, 1998

27.12.2015

Kombattant im Kulturkampf

Feridun Zaimoglu verweigert dem Handkäs die letzte Ölung

Wir überquerten den Alleenring und stürmten auf den Hauptfriedhof. Als „Friedhof vor den Toren“ war die Anlage 1828 von Sebastian Rinz geschaffen worden.

Unser Sebastian Rinz
Unser Sebastian Rinz

Plaudernde Menschen im Hintergrund: das war die Aufgabe von fünfzehn Komparsen. Man hatte sie weggestellt, um den Wahnsinn und die Not ihres fehlgehenden Ehrgeizes nicht ertragen zu müssen – jede hielt sich für eine Schauspielerin. Die Lage im Verließ einer Kellerbar war auf Anhieb bizarr.

Ich hatte mich in das Zufallsensemble geschleust, um darüber zu schreiben. Die Komparsen gaben voreinander an. Ihre Angaben standen im abenteuerlichen Gegensatz zu der Nullreputation im TV-Produktionsgeschehen. Der Widerspruch zog Konfliktketten nach sich und sorgte für idiosynkratische Reaktionen. In Spezialtaschen mitgeführte Sachen wurden auf dem abgedeckten Billardtisch einer Ansicht zur Verfügung gestellt. Beiläufige Materialprüfungen. In Kennerschaft vorgeschobene Unterlippen. Stoffe zwischen Daumen und Zeigefinger.

Ich sah lauter schicke Waschweiber. Gesten der Empfindsamkeit ergaben ein Makeup der ebenso allgemeinen Aggressivität. Vor den hervorragend angezogenen Frauen lagen zehn Stunden dezidierter Marginalität. Dafür gabs hundert Mark.

„Lecker“ war ein Attribut, das Männer beschrieb.

„Der ist lecker.“

Ich beobachtete mimisch verschleierte Feindseligkeit. Der Gesprächsfluss nahm sexuelle Frachten auf, eine Münchnerin brachte die „Besetzungscouch“ ins Spiel. Sie würde im Raum fehlen, könne jedoch vom Billardtisch ersetzt werden.

Was war das? Es klang wie eine Denunziation besser untergebrachter Darstellerinnen.

Die technische Einweisung lieferte eine Regie-Assistentin, die, von Arbeit wie gerupft, beinah schmutzig, vor den geleckten Komparsen um Hochmutsbegrenzung sich bemühte.

Die zarten Modelle musterten sie mit Kannibalinnenblicken.

Während der Dreharbeiten dürften wir nicht in die Kamera schauen. Wir sollten tonlose Redebeiträge liefern. Unser Warten nannte die Assistentin eine unvermeidliche stand-by-Situation. Die Zeit der Komparsen sei billiger als jedes andere Modul einer Fernsehserienfolge.

Ab und zu jaulte ein Spielautomat auf.

Plötzliche Lautlosigkeit auf Anweisung, nach drei Stunden Geplapper. Es wurde gedreht, noch ohne uns. Einzelne hielten die Spannung nicht aus, begannen zu flüstern und zu kichern wie in der Schule. Die Szenen liefen von „Bitte“ bis „Danke – Aus.“

Nach vier Stunden in Ecken wurden wir aufs Set geschmissen, in eine typische Mittelstandsamüsiergeschichte mit Mischgetränken aus Farbstoffen, Wasser und Lametta: für Männer, die nach Feierabend noch Krawatte tragen, und Frauen, die ihre Chefs aufregend finden. Männliche Komparsen mussten sich so setzen, dass die Kamera ihre Rücken, allenfalls das Profil zeigte, während die weiblichen Kollegen frontal zur Kamera platziert wurden. Gesichtsprostitution – verlangt wurde, dass die Frauen ihre Gesichter hergaben zur Belebung einer Szene, in der ein richtiger Schauspieler (Jacques) eine auf Hure getrimmte Joanna zurückwies.

Meine Situationspartnerin war wie erschlagen von der Nähe zu Fernsehpersönlichkeiten. Sie konnte den Blick von Jacques und Joanna nicht abwenden, obwohl ihre Aufgabe darin bestand, mich mit ihrer Aufmerksamkeit zu begünstigen. Sie war Fotomodell (nicht Schauspielerin) und fest entschlossen, berühmt zu werden. Deshalb war sie schon in der SAT 1-B.Kerner-Schau zum Thema „Ich will ein Star sein“ gewesen.

Die Schauspieler brachten ihren Job, die Regie-Assistentin schlich um den Regisseur herum. In seiner heiteren Macht- und Leibesfülle glich er einem zynischen Buddha. Die Assistentin kniete und kroch vor ihm, um dieses oder jenes in der Regiekladde zu notieren oder um an Kabeln zu zupfen.

Mittagspause. Die Schauspieler wurden vor den Komparsen in einem Restaurant nebenan versorgt. Vielleicht durften sie wählen, im Gegensatz zu uns. Ich freute mich über Nudeln in Pilzsoße. Meine Partnerin verblüfft mit Appetit. Das superschlanke Modell hielt weder Diät noch trieb es Sport. Todernst erläuterte es seinen Karriereplan. Mir gegenüber saß die einzige Ältere. Ich schätzte sie auf Ende Zwanzig. Vielleicht war sie mal wer gewesen, zumindest kultivierte sie die Aura einer glorreichen Vergangenheit. Sie nannte, was sie tat, „semi-professionell“. Ihre Ansichten fußten auf Nüchternheit und waren von Melancholie überschattet.

Am Nachmittag zerfiel die strikte Trennung zwischen dem Komparsenpack und den vor Ort wichtigen Menschen. Es kam zu einem Andachtsmoment, als Barbara Wussow zum ersten Mal auftrat. Meine Partnerin bewunderte Wussows Rokoko-Korkenzieherlocken hemmungslos. Sie hieß auch Barbara und hielt das für ein gutes Zeichen.

Hauke holte mich ab, sie maß die Modelle, sie konnte mitunter stinkig werden. Für sie hatte ich den Tag angenehm mit geilen Bräuten (O-Ton Hauke) verbracht, während sie gearbeitet hatte.

„Es war langweilig“, sagte ich.

„Augen auf bei der Berufswahl“, wiederholte Hauke einen alten Stalburg-Spruch.

Wir stießen hart durch die Händelstraße auf die Nibelungenallee vor. Wir überquerten den Alleenring ohne Rücksicht auf Verluste und stürmten auf den Hauptfriedhof. Als „Friedhof vor den Toren“ war die Anlage 1828 von Sebastian Rinz geschaffen worden.

22.12.2015

Kombattant im Kulturkampf

Feridun Zaimoglu informiert Bill Gates

Douglas Coupland unterstützte uns im Kampf gegen die Rassisten

Douglas Coupland
Douglas Coupland

Der Tag begann mit SUB (Schwul, Unabhängig, Bunt), dem „ersten schwulen Frühstücksradio Frankfurts“. „Coming out als Hörspiel“ – Hauke brauchte Minderheiten, um frei atmen zu können. Das ging morgens los mit Radio X-Mix auf 107.5. Alle hörten HR3, Hauke hörte unabhängiges Stadtradio. Sie störte sich nicht an den herumlungernden Aufklärungsabsichten der Programmmacher, die auf dem Sprung ins Establishment waren und ihr Publikum mit „liebe Zielgruppe“ ansprachen.

Nach SUB kam Gameboy Günther und dann eine Stunde Mosern über die täglichen Glanzleistungen der Presse. Hauke hatte den Vormittag frei und wollte nach dem Frühstück noch mal mit mir ins Bett. Im Bett redeten wir über „Microsklaven“, den zweiten Roman von Douglas Coupland, und über die Earth Tones in „Generation X“. Den Eltern der Earth Tones war der amerikanische Traum zum Fetzen geraten. Ihre Deklassierung ertrugen sie in batikbunten Kostümen – schwul, unabhängig, bunt. Man konnte sich drehen und wenden wie nur was: bunt war überall.

Die Eltern verwandten ihre Kreativität auf Weltanschauungstheater, das ihre Chancenlosigkeit wie eine Sichtblende kaschieren sollte.

In „Microsklaven“ spielen Armutssubkulturen keine Rolle. Es geht um Geeks, die für Bill Gates oder bei Nintendo arbeiten. Geeks träumen davon, mit ihren Rechnern sprechen zu können.

„Geek impliziert Geld“, schreibt Coupland. Geeks vergleichen sich mit Rechnern. Sie beschreiben sich als „menschliche Festplatten“.

„Mir wurde klar, dass die Menschen voll mit Bazillen und Viren sind, genau wie ein extrem vollgestopfter Quadra. Wir sind alle zweibeinige Terrarien.“

Die Könner stellen sich der Frage: „Was, wenn der Rechner doch sein eigenes Unbewusstes hat?“

Hauke wollte die Übung unterbrechen, das duldete ich nicht. Geeks orientieren sich an Comic- und TV-Helden:

„Wir sind wie Big Pen von den Peanuts.“

Sie überbieten sich in ihren Spleens. Nur Schlaf und Spiele unterbrechen die Arbeit. Computerprogramme erscheinen den Twens forever als „die Architektur der Neunziger“. Ausländer erkennen sie auf Anhieb, weil die immer noch rauchen.

Dan ist ein e-mailsüchtiger Microsoft-Bug-Tester, ein Kind, das in die Jahre gekommen ist. Mit einem Vater bei IBM. Microsoft ist für Dan nicht ganz nur ein großer Bürobedarfshersteller. Der Kult um Bill macht den Unterschied.

Dan lebt mit den Kollegen zusammen.

„Das sollten wir auch tun“, verlangte Hauke. „Lass uns im Namen von Kanak-A-Movement ein Haus besetzen.“

In diesem Augenblick unterbrach Murats Erscheinen das Gespräch. Wir hatten ihn zwar erwartet, aber nicht damit gerechnet, dass er durchs Fenster einsteigen würde, während Hauke und ich uns im Bett mit Coupland beschäftigten. Die Idee, im Namen von Kanak-A-Movement ein Haus zu besetzen, fand Murat großartig. Vielleicht galt seine Begeisterung viel mehr Hauke.

„Möchtest du Kaffee?“ fragte Hauke.

„Meinst du echt?“ fragte Murat. Er kannte von Friede keine Verwöhnung. Wie alle Konvertiten übertrieb Friede. Ihr Aktionismus ging jedem echten Kanakster auf die Nerven.

Hauke befleißigte sich der Eile, dass Murat zu einem Kaffee kam.

„Du hast es gut mit Hauke“, sagte Murat.

Ungefragt hatte er sich auf die Bettkante gesetzt.

„Du steigst auch noch dahinter“, tröstete ich den jungen Aktivisten.

*

Wir setzten unseren Frankfurter Lern-Spaziergang fort in folgender Besetzung: Hauke, Murat, Friede. Ich verstehe mich von selbst als Chronist der Ereignisse, die unerhörten Höhepunkten entgegen strebten. Wir erreichten nun den Rothschildpark, der im frühen 19. Jahrhundert als Hinterland eines Palais angelegt worden war.

„So hat man damals gewohnt“, sagte ich zu meiner kleinen Schar. Ich lud dazu eine Geste aus, die sich mühelos mit den Zehen am Ohr kratzen konnte. Hauke und Friede fanden das empörend, wie konnte eine Familie so viel Raum beanspruchen! Auch der Grüneburgpark war eine Rothschildgründung. Der Park geht auf ein Gut des 14. Jahrhunderts zurück.
Ich fand, dass Friede nach Verwesung ein wenig roch, so ein kleiner Gestank, die Rothschilds erwarben das Anwesen 1837. Er diente jetzt verschiedenen Gruppen und Interessen gleichermaßen. Bedachte man, dass eine Sonnenbrille spielend mehr gekostet haben konnte als mein Fahrrad.

Ach so, wir waren auf Rädern unterwegs. Plastikdeckel flogen Friede und Murat um die Ohren. Eine kaum gezügelte Kopulationsbereitschaft des Parkmenschen machte die Hunde biestig. Sie schnappten nach den Waden der Läufer. Für Frankfurt wurden unter Berücksichtigung der Friedhöfe über 15.000 ha Grünflächen ausgewiesen.

„Weißt du eigentlich, was Alienation of Affection bedeutet?“ fragte Murat im Palmengarten,den vom Grüneburgpark nur eine Straße trennte, benannt nach einem Gestalter beider Anlagen, dem Landschaftsarchitekten Siesmayer.

Reiner Zufall, dass ich wusste, wovon Murat sprach. Mir war nicht klar, warum Murat das amerikanische Gesetz aus einer Zeit, als Frauen de iure als Sachen galten und folglich geklaut werden konnten wie Pferde und Gewehre, ins Gespräch brachte. Er sah aus wie ein Schauspieler, mit dem die DDR ihre Indianerrollen besetzte. Ich kramte in meinem Gedächtnis, ja, Murat erinnerte an den Häuptling aller Sachsen – Gojko Miti?.

15.12.2015

Kombattant im Kulturkampf

Feridun Zaimoglu und das weibliche Genie in großer Besetzung

Nihan befasste sich wissenschaftlich mit der Frage, wie entsteht und wie wirkt weibliches Genie. Zuletzt stellten ihre Betrachtungen Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir in einen Rahmen. Das waren die üblichen Verdächtigen seit Schulzeiten.

Plötzlich besaß Denis Scheck mediale Allgegenwart. Er fand im Frühstücksfernsehen statt, man sah ihn in amerikanischen Serien. Er sprach mit Leichen über Literatur. Seine Ohren waren ein Ereignis. Den Ort eines Romangeschehens bezeichnete er als „Eroscenter des Geistes“. Der listige Schwabe bediente sich im Magazin der Verführungsrhetorik.

Vielleicht war Scheck gar kein Schwabe. Auf jeden Fall hatte er Gisela Stelly zu ozeanischer Prosa bewegt. Das Buch heißt „Moby“ wie Dick. Die Heldin heißt beinah wie die kleine Meerjungfrau. Sie wächst mit Geschichten auf, in denen Hass sich in Tüchtigkeit verwandelt. Mariella ist die Tochter eines Moguls. In Zaimoglu und mir reifte die Einsicht, dass die Faszination bedeutender Männer von uns nicht richtig begriffen wurde. Die Strecke von Schecks intellektuellem Freudenhaus zu Freud war bei Stelly fabelhaft kurz.

Wir saßen im Hamburger Literaturhaus, Zaimoglu trug Gips, Scheck sprach mit Stelly, die Schriftstellerin imaginierte sich ein verjüngtes, somit entschuldigtes Alter ego für ihre Rolle als Ex-Frau von Augstein. Man sollte so was nicht vertiefen, auf solche Abgründe der besseren Gesellschaft gehörten bloß ein paar Dieter Bohlen der Indifferenz.

Neben Hauke krampfte Torben. Inzwischen schlief er auf meiner Wohnzimmercouch. Er kaufte ein. Seine Küchendienste hatten Pfiff, Torben hielt sich wie ein Arbeitsloser, der noch nicht aufgegeben hat. Manche Breitseite nahm er mit dem kleinen Lächeln, das in der Mundwinkelbereitschaft von Männern Schatten sucht, die wissen, dass sie nicht gut ankommen in der Welt. Sie entschuldigen sich mit diesem kleinen Lächeln, dass die Welt es mit ihnen aushalten muss – sie es aber nicht mit ihr aufnehmen können. Ihn beherrschte die große Sprecharie des kleinen Mannes, dem im Schrebergarten seines Daseins ständig der Himmel auf den Kopf zu fallen droht.

Zum Ausgleich für Torben hatte ich zusätzlich Nihan. Nihan (Spezialistin für Sozialisationstheorien und Gender-Studies in Göttingen) unterstrich im Gegenzug mit dieser Affäre Präambeln einer wichtigeren Verbindung (mit ihrem verheirateten Doktorvater). Das schiere Paar, bestehend aus einem Mann und einer Frau und vereint im Willen zur Monogamie, schien es nicht mehr zu geben. Man darf nicht vergessen, dass Hauke verheiratet war und der Gatte sich mitunter bemerkbar machte. Dann saßen er, Torben, Nihan und ich mit Hauke in meiner Küche und führten Gespräche als Menschen guten Willens. Nicht immer ergab sich die große Besetzung, aber das kam vor und fragt mich nicht nach Sonnenschein.

Im Literaturhaus flohen Blicke aus dem Fenster. Ich interpretierte ein Hauke-Signal als Hinweis auf die Sehnsucht mit mir allein zu sein. Wie würde das enden? Lara nannte sich inzwischen Schwester S. und dichtete bei „Stimmenrausch“ mit. Die Linksrassisten um Bert Papenfuß und Max Pfeifer hatten ihre poetischen und körperlichen Nachstellungen immer noch nicht aufgegeben. (Sie hatten Zaimoglu in Pankow mit Knockout-Tropfen außer Gefecht gesetzt. Im Tropfentran war er gestürzt und mit einem gebrochenen Arm davongekommen.)

Corinna Harfouch las für Stelly aus „Moby“. In Harfouchs Vortrag gewann Stellys Sommerwind-im-Haar-Geschichte den diskreten Charme von „Bonjour Tristesse“. In den Achtzigern verbringt Mariella den letzten Urlaub mit den Eltern an einem französischen Strand. Für den Vater ist Mariellas Mutter „schieres Lebenselixier“, während sie wie eine Fleisch fressende Pflanze auf den Mann reagiert.

Das Wetter wird dramatisch. Das Mittelmeer kräuselt sich gewaltig. Es macht einen auf Kap Horn. Man gerät in Seenot und wird gerettet von einem Prinzen. Kleine Mädchen träumen so, große offenbar auch. In dieser kapitalen Falle des Lebens kann eine Frau nur vor Enttäuschung grau werden.

Hauke sagte: „Mein Prinz und nu', so jung kommen wir nicht mehr zusammen an der Wasserkante.“

Hauke war die Norddeutsche wie sie vor der Buche steht, sie hatte ihr Hamburger Jahr gehabt, „das Flegeljahr für Bräute“, Hauke redete so zu ihrem Vergnügen, ich schlug den Besuch meines Hotelzimmers vor. Zaimoglu wollte gleich weiter nach Kiel, Scheck hielt ihn auf. Er plante Großes mit Zaimoglu, er wunderte sich, wie wenig beeindruckend wir das fanden, mein Telefon spielte das Lied vom Tod.

Nihan, die sich für eine Löwin – und für ein Wunder hielt, das fett zu werden drohte, war von ihrem Professor versetzt worden, wie konnte er nur. Ich hätte am liebsten gesagt, der ist jetzt bei Frau und Kind und fühlt sich sicher. Für den bist du eine Bedrohung mit deinen Angeboten, can?m benim.

Das braucht der doch alles gar nicht für sein Glück in einem niedersächsischen Winkel.

Natürlich sagte man so was nicht. Sogar ich sagte so was selten, obwohl es mich trieb. Regelrecht antrieb. Ich sah die Verwüstung in Göttingen. Göttingen war im Krieg verschont geblieben, es gab ein Heidelberg der stehengebliebenen Häuser. Selbstverständlich wohnte Nihan in Fachwerk, die Balken ochsenblutrot. Die Decken niedrig, die Wände schief. Die Türrrahmen verzogen.

Leben im lebenden Material. Der Lehm der Bauweise lebte als Zeuge der Metamorphose vom Gastarbeiterentlein zum aufrauschenden Schwan der Sozialisationstheorien. Aber jetzt lief die Tusche, den Kerzen ward der Schein weggeblasen, ein Tritt in die Kiste stellte die Musik ab, die Lasagne, dieser Gipfel der Völkerverständigung, kriegte ihr Fett ab, dabei verbrannte sich Nihan die Finger.

Es war alles ganz schrecklich und doch völlig normal. Dazu brauchte man keinen Migrationshintergrund. Der Prinz gab den Pantoffeln den Vorzug.

Mit der eigenen Frau mal wieder auf dem Sofa. Mal wieder Fußball mit etwas Lauchgemüse zwischen den Zähnen. Gemütlichkeit pur.

Nihan befasste sich wissenschaftlich mit der Frage, wie entsteht und wie wirkt weibliches Genie. Zuletzt stellten ihre Betrachtungen Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir in einen Rahmen. Das waren die üblichen Verdächtigen.

Nihan erforschte Einbrüche dieser „Galionsfiguren in männliche Domänen“. Als erste Voraussetzung dafür nannte sie die Bereitschaft, „ein schweres Schicksal als Aufgabe anzunehmen“.

Dazu gehörte die Kraft zur Zurückweisung elementarer Zuschreibungen. Luxemburg wollte weder auf die jüdische Herkunft noch auf ihr Geschlecht noch auf eine fast lebenslange Behinderung angesprochen werden. In einer „überfordernden Außenwelt“ enwickelte der „Adler“, Lenin über Luxemburg, ein Konzept der Stärke bis zur Unberührbarkeit.

Obskur fand Luxemburg die Frauenfrage. Das machte Nihan zu schaffen. Ihr schwebte eine Internationale der Frauen vor. Sie strebte die Entmachtung der Männer an, ohne Ansehen ihrer Ethnie. Man musste aber nur „Mann“ mit (ich sag das jetzt mal absichtlich unbeholfen) „Ausländer“ wahlweise „Rassist“ ersetzen und schon passte der Text in die Migrationsdebatte.

Die Wahrheit ist, Nihan fühlte sich als „echte Türkin“ „rassisch“ überlegen. Sie hielt „die Deutschen“ für ein „minderwertiges Mischvolk“ mit einer Kultur „im Kindergartenstadium“. Für sich nahm Nihan die Kulturleistungen Mesopotamiens als persönliches Erbe in Anspruch. Ihre feministischen Ableitungen funktionierten familiär: Woher kommt die Distanzierung vom eigenen Geschlecht bei Luxemburg? Luxemburg wurde als Klassenbeste zur Klassenkämpferin. Den tiefen Grund für das Durchsetzungsvermögen der Marxistin im Kreis sozialdemokratischer Patriarchen entdeckte Nihan im Repertoire der Mutter.

Nihan nahm die Macht der eigenen Mutter und versorgte damit (nicht zu Unrecht) Rosas Mutter. Ich fand das Verfahren erhellend ob der Narration. Wichtiger waren für Zaimoglu und mich am Rand abgeschöpfte Einsichten zur gescheiterten Assimilation der europäischen Juden. Was bedeutete es, eine Differenz nur politisch zu begreifen (begreifen zu wollen)? So wie Luxemburg es tat.

Torben klebte an Hauke, Nihan schrie ins Telefon, Zaimoglu und ich trennten uns an diesem Abend im Hamburger Literaturhaus als Kombattanten im verschärften Kampf gegen Rassisten, die an der Gültigkeit ihrer Positionen keinen Zweifel hegten. Sie hatten erst mich und dann Zaimoglu ins Krankenhaus gebracht. Sie ließen uns darüber nicht im Unklaren, dass sie Totschlag für angebracht hielten.

Nein, es blieb ohne Taug, die ethnische Differenz herunterzuspielen. Solange sie Begründungen lieferte, musste man ihrer Virulenz Rechnung tragen.

6.12.2015

Kombattant im Kulturkampf

Feridun Zaimoglu im Gespräch mit André Glucksmann

André Glücksmann
André Glücksmann

Glucksmann entdeckte in Frankreich eine nihilistische Atmosphäre. Er lud uns ein, wir besuchten ihn mit den Kanakster All Stars, unseren Begabtesten. Nicht nur Murat und Hala hatten sich wochenlang vorbereitet, Glucksmann empfing die Delegation der avancierten Migration in seiner Pariser Wohnung. Die Wohnung sah haargenau so aus als sei Jean Seberg eben im Bad verschwunden.

„Wie erklären Sie sich die Jugendgewalt in den Vorstädten?“ fragte Hala. Inzwischen trug sie konsequent Kopftuch, manchmal band sie sich das Tuch auch vor die Nase. Es war mit Hammer und Sichel und der türkischen Faust bedruckt. Yumruk – Faust – war ein Schlüsselbegriff der akademischen Kanakster-Avantgarde.

Glucksmann wusste es! Die Vorstadtjugendlichen fühlten sich vom Terrorismus repräsentiert. Sie ahmten den Nihilismus der Regierung nach. Das war nicht das Ende der Integration.

Glucksmann sagte: „Im Gegenteil. Das sind Franzosen. Gut, sie haben Eltern, die aus Schwarz- oder Nordafrika kommen, aber es sind Franzosen. Sie integrieren sich, indem sie Autos anzünden, sie integrieren sich im Protest.“

„Es gibt eine typische französische Integration durch die Negation. Alle, alle Parteien in Frankreich, glauben, dass man mit Gewalt etwas erreicht.“

Meine jungen Leute sollten gedanklich da nicht einsteigen. Zaimoglu und ich gingen mit ihnen ins Kino, zwischen Hala und Murat tat sich was. Das war abzusehen gewesen.

Die All Stars hatten einen Auftritt in Hildesheim, wir landeten in Hannover. Hildesheim schickte einen Bus. Im Bus erklärte Zaimoglu einmal wieder: „Radical Chic (Tom Wolfe) ist eine Sache, die Konsequenz der üblen Bluttat eine andere. Das ist unser Weg nicht. Geht in die Parteien, organisiert euch gewerkschaftlich. Bleibt in der Gesellschaft.“

Das war für unsere jungen Menschen natürlich eine herbe Enttäuschung. Die hatten Glucksmann so verstanden, das Mülltonnenanzünden zur Integration gehört und wollten sich nun (zum ersten Mal) tüchtig integrieren.

„Ihr versteht Glucksmann falsch“, sagte Zaimoglu. „Man darf nur dem Denken keine Scheuklappen aufsetzen. Denkt so scharf ihr könnt, denkt auf Messers Schneide, aber ansonsten will ich nicht, dass hier irgendetwas im Namen von Kanak-A-Movement geschieht, was nicht auch das Technische Hilfswerk erledigen könnte.“

Vor uns trat Necla Kelek auf. Sie berichtete wie aus tieferen und dunkleren Lagen. Sie setzte die deutsche Mehrheit ins Bild. Kelek war der personifizierte Alarm. Sie wandte sich gegen Multi-Kulti-Illusionisten, sie warnte vor einer Islamisierung der Migration. Auf deutschem Boden existiere (so Kelek) eine türkische Parallelgesellschaft, die ihre islamischen Werte gegen den Westen verteidigte.

Hala sprach im Namen der All Stars. Kühn verkündete sie: „Die Türkei nach der Umma (Gemeinschaft der Gläubigen) zu beurteilen, ist so verfehlt wie ein Versuch, Italien aus der Omertà zu begreifen.“

Auch Wladimit Kaminer war als Redner gebucht worden, er war das doppelte Lottchen von George Clooney. Er hatte ein „Kochbuch des Sozialismus“ geschrieben, darin reimte sich Babuschka auf Ballaballa und Berlin. In der im märkischen Sand verschwindenden ex-sowjetischen Exklave veranstalteten Feinde von gestern als Freunde heute Grillorgien. Kaminer sprach von „Toleranz auf fremdem Boden“.

Das Phänomen konterkarierte Segregationssehnsüchte der Eingesessenen, die mit ihren ost- und westdeutschen, türkischen, altlinken und post-autonomen Herkunftsbeschwörungen gern allein gelassen werden wollten. In Kaminers Wahrnehmung rentierte sich jeder Quatsch dieser Welt. Sein Blick war ein Messer, in das Hysteriker rannten, die ihr Hobby, die Mülltrennung und die Überwachung der Mülltrennung, zum Beruf gemacht hatten.

Das alte Frankfurter Literaturhaus
Das alte Frankfurter Literaturhaus

2001 erschien „Alle leben so“. Maria Gazetti lud Angelika Klüssendorf ein, die Lesung im Literaturhaus fand am 27. … statt und war für die Nordend Kanakster-Lauf und Literaturgruppe und ihre vier sektenförmigen Absplitterungen ein Pflichttermin.

In Kanaksterkreisen hatte Klüssendorf einen Ruf wie Donnerhall, ich übernahm es, die Laufgruppe nach Bockenheim zu führen, wo damals das Literaturhaus der Siesmayerstraße nah war.

Siesmayer war Landschaftsarchitekt gewesen, wir streiften „seinen“ Grüneburgpark. Sportschick wie eine geschniegelte Abteilung wurden wir im Literaturhaus vorstellig. Der Franz machte da die Wirtschaft, unsere Lauffaulen saßen schon.

Kaum, dass sie begonnen hatte, wollte die Autorin aufhören. Alle Ermutigungen leisteten nicht mehr, als Klüssendorf von einem Abbruch des Abends abzuhalten. Wir bewegten sie zum Vortrag einer Episode. Darin berichtet einer, der als Schriftsteller noch am Anfang steht, von einer Annäherung, die in sämtlichen Stadien seine Erwartungen kränkt. Die Verkäuferin, auf die er es abgesehen hat, weil sie so „elegisch die Fleischstücke von den Sehnen trennt“, räumt ihm den Vorteil einer Überraschung nicht ein. In das Wirtshaus, das er nach heiklen Erwägungen zum Treffpunkt bestimmt, kommt sie als Stammgast. Sie weiß über Dostojewski Bescheid.

Das Paar schleppt sich in die Zone körperlicher Erregungen: das wird genau beschrieben. In einer Sprache, die an klinische Befunde erinnert.

Hauke erinnerte Klüssendorfs Sexualsezierungen an „klinische Befunde“. Sie war so eine wie im Roman die Verkäuferin: eine belesene Nachtwächterin, eine die in Ausstellungen ging und still blieb neben den Aufschneidern.

Sie freute sich über jede Tasse Kaffee, sie dankte für die geringste Aufmerksamkeit. Ich wusste, kein Mensch ist so – je klarer das Wasser, umso tiefer tauchen die Krokodile.

Der Schriftsteller sucht die Verkäuferin in der Verführerin. Ihm wird die Freude verwehrt, das zu finden, was ihn hinter der Wursttheke ansprach.

Er erscheint als „ein junger Mann, dessen Verrücktheiten sich in Luft auflösen würden, müsste er für sich selbst sorgen“.

Er schnorrt bei der Mutter, die einem Heiratsschwindler sehenden Auges auf den Leim kriecht. Der kriegt sein Fett noch weg.

So geht es zu „In alle leben so“. Die NKU machte Wind nach Schema-F. Man saß da in kurzen Hosen, zugegeben unsittlich breitbeinig im Plural von Adidas, und pfiff und trillerte und klatschte den milden Applaus der anderen in Grund und Boden.

Von Zaimoglu hatten wir gelernt, wie man Begeisterung als Waffe einsetzt und mit Begeisterung Räume schafft.

„Seid unentwegt“, lehrte Zaimoglu.

Ich pfiff uns dann auf die Wirtshausterrasse. Die Nichtläufer setzten sich zu den Spitzen der Gesellschaft, meine Sportler wärmten sich zwischen den Tischen für den Rücklauf auf. Hauke lief mit. Sie schrieb auch Gedichte. Ihre lyrischen Verbrecher wisperten zusammen wie Aliens, die nach Hause wollten.

*

Hauke behauptete, in der Liebe „besetzt“ zu sein. Haukes Besetzer hieß Torben. Er hing wie eine Klette an Hauke. Mit einer Fresse wie ein zertretenes Beet. Torben sah aus wie der weinerliche Wikinger. Hauke wahrte mir gegenüber Zurückhaltung, sie hielt fest an der erschlafften Flagge halbherziger, außerehelicher Treue. Denn verheiratet war sie außerdem.

2.12.2015

Kombattant im Kulturkampf

Feridun Zaimoglu trifft Anna Seghers im Schlosspark von Niederschönhausen

Anna Seghers
Anna Seghers

Sie verstand den deutschen Sozialismus als bewaffnete Antwort auf den Faschismus. Anna Seghers hatte wenig Verständnis für seine Aufweichung durch Abweichung.

1978 wurde ein Flugzeug der polnischen Linie LOT, von Warschau kommend, auf der Route Danzig – Berlin-Schönefeld gekapert und in Berlin-Tempelhof zur Landung „gezwungen“. Der Prozess ergab, dass dabei weder Gewalt noch Planung im Spiel war. Die polnischen Piloten waren gern im Westen gelandet, so wie einige DDR-Bürger, die sich zum Rückflug nicht bereitfanden.

Antje Rávic Strubels Roman „Tupolew 134“ bieten reale Vorgänge nur den Erzählanlass. Ich kramte einen aus, der in jener Tupolew Passagier gewesen war. Ich tauschte ihn gegen Informationen, wie sie nur die Bildzeitung an Land ziehen kann, Informationen von der Qualität kriminalpolizeilicher Ermittlungsarbeit. Der Passagier behauptete, von der Kursänderung nichts mitgekriegt zu haben. Nach der Landung im Westen nutzte er die Gunst der Stunde. Nicht ohne Gemütlichkeit steuerte er Details bei, die im Roman nicht vorkamen. Die Wirklichkeit hatte ihr Recht an die Literatur verloren.

Sein Name sei Mansfeld. Ich saß mit dem Rockabilly und Polizeireporter Uwe, mit Mara und Mansfeld an der Bergmannstraße im Café. Maras Eltern waren nach Kreuzberg gezogen, Mansfeld wohnte in der Gegend. Uwe war aus Frankfurt angereist, die S-Schleife in seiner Mundart weichte jedes Wort auf. Er zeigte eine neue Tätowierung, wir fanden beide, dass Mansfelds Geschichte der Bildzeitung besser zu Gesicht stand als der Frankfurter Rundschau. Uwe erfüllte seinen Teil der Vereinbarung, inzwischen waren Zaimoglu und ich entschlossen, unsere Interessen vor Gericht zu vertreten.

„Ist doch kein Problem“, meinte Uwe leichthin. Seine Zeitung war ständig in Prozesse verwickelt, Uwe hatte ein anti-manichäistisches Rechtsempfinden. Sein Standpunkt war: Nur dann, wenn du die niedrigen Beweggründe erkennen kannst, hast du genug Licht im Operationssaal.

Mansfeld hatte sich eine Opfergeschichte zurechtgelegt, die nicht alles verkehrt erzählte. Mara, Uwe und ich bildeten ein Dreieck der harmlosen Nachfragen. Gleichgültig sah ich Frauen nach. Es gab wenig, was mich mehr interessierte, als Wein.

Ich dachte, das geht jetzt immer so weiter, ein staatlich subventioniertes Tanzensemble hieß in Absprache mit uns Kanak-A-Movement. Wir hatten die Gatter der Subkulturen durchbrochen.

Die Akte Mansfeld

Mansfeld konnte in der Bundesrepublik nicht Fuß fassen, verschuldete sich und entzog sich seinen Gläubigern im Wege der reuigen Heimkehr. Die Staatssicherheit kassierte ihn, sie wies Mansfeld siebzehn Arbeitsplatzwechsel in sechs Jahren nach. Das Stasi-Gutachten attestiert: „Seine berufliche Sprunghaftigkeit steht mit dem ehelichen Ungestüm in einem direkten Zusammenhang. Spontanität, Blauäugigkeit und Idealisierung des jeweiligen Partners sind für den Mansfeld charakteristisch. Durch neue Partnerschaftsbeziehungen versucht er alte Probleme zu lösen.“

Ex S. sagte nicht als Zeugin, sondern als Beschuldigte im Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen aus: „Er verhielt sich widersprüchlich und ausweichend, wenn es konkret angesprochen wurde, so wie auf die Anschaffung einer Schrankwand.“

Strubels Romanpersonal bevölkert ein verrottetes Land. Katja Siems bewegt sich darin als spröde Schöne und Bezirksmeisterin im Crosslauf. Sie sagt: „Kein Wunder, dass alle Welt abhaut, wenn sogar das Bier scheiße ist.“

Begehrend ist der narrative Blick auf Katja, einer Lehrerstochter in der Produktion. Wie Strubel stammt Siems aus Ludwigsfelde. Da begegnet Katja dem Westmann Meerkopf in Verhältnissen zwischen Montagehalle und Wohnheim.

Filmreife Dialoge im Stil einer neo-neuen Sachlichkeit rüsten die Handlungsstränge ein. Meerkopf scheitert als Fluchthelfer und gerät in Stasi-Fänge. Für den Mann, der als Modell seinen Kopf für Meerkopf hinhielt, bedeutete das acht Jahre Haft. Die Bundesrepublik kaufte ihn frei. Auch Mansfeld wurde freigekauft, er behauptete, in Hohenschönhausen einer Röntgenbestrahlung ausgesetzt worden zu sein. Angeblich bestrahlte die Stasi Regimegegner, deren Freikauf wahrscheinlich war. Frei nach der Devise: Dann verreckst du eben im Westen. Der Delinquent wurde auf einen Stuhl vor einen Vorhang gesetzt und eine Stunde sitzen gelassen. In dieser Zeit vernahm er nicht mehr als ein Brummen. Erklären konnte er sich den Vorgang nicht, im Dunklen zu tappen, gehörte zum Häftlingsalltag.

So erzählte uns das Mansfeld in Kreuzberg, Mara liegt nun am Südstern auf dem Friedhof. 2003 war das Jahr der theatralischen Almodóvar-Adaptionen, Mara und ich fuhren quer durch das blühende Berlin nach Pankow. Im inneren Schlosspark von Niederschönhausen las Christa Wolf aus „Ein Tag im Jahr“. Das Werk summierte ihr privates Programm mit Gerd in der Zeit von 1960 bis 2000.

Gerhard Wolf saß auf einem Klappstuhl vor seiner Frau, im Rücken der Autorin stand ein Pavillon. Angeblich war das der Ort gewesen, wo sich Honecker mit Staatsgästen unterhielt, ohne die Gewissheit einer „Schallaufzeichnung“. So nannte die Staatssicherheit ihre Mitschnitte.

Die Achse zwischen Schloss und Park entzweite eine Wiese. Wolf wirkte angegriffen und entschlossen, jeder Schwäche den Riegel der Disziplin vorzuschieben. Sie bot für deutsche Geschichte ein Bild an, das auf der Netzhaut brannte. Wie ein zerschossener General zu Friedrichs Zeiten saß Wolf dem Publikum vor und sagte nichts Überflüssiges, es sei denn, man hielt das sechshundert Seiten starke Protokoll dafür.

Mara lebte in Texas, sie hatte als Mädchen in Opposition zu Christa Wolf-Leserinnen gestanden, die Christa-Wolf-Leserinnen waren allesamt auch Pablo Neruda-Leserinnen gewesen. Wir interessierten uns für Celiné und Musil, Kampfsport und Waffen. Mara trainierte mit Bogenschützen im Verein, das war eine Welt im Verborgenen. Ein Nachruf der Vergangenheit, vielleicht auch ein Anruf. Der Trainer förderte jeden Schüler mit ehrenamtlicher Gewissenhaftigkeit. Das kam aus Stammes- und Sippendenken, es kam auf jeden an. In jedem Adepten konnte ein neuer Bogen-Siegfried stecken, der eine, der zehn aufwiegt und mit dem zehn wie hundert sind.

Ein vorsichtiges Freizeitprogramm spannte den Bogen weiter. Gemeinsame Löwenburgbesuche, Ausflüge zum Edersee, ein verhaltenes, beinah verstohlenes Interesse an Maras Familie. Wo kommt einer her/ da doch der Apfel nie/ klärt vieles. Sich nie irre machen lassen vom irren Zeitgeist mit seiner Drogen-Apotheose, dem anti-autoritären Gedöns, den hässlichen Fratzen rabiater Studenten.

Wissen, wo man herkommt und was sich überblicken lässt in einem Leben, das nicht abreißen soll in der Verzettlung. Heimatkunde, Grimms Märchen, die Hausapotheke und guck mal, das ist eine alte Armbrust/ jetzt zeig ich dir einmal, wie man sie spannt. Jungen und Mädchen, wie Kinder von Hutterern, so unverbunden mit der Gegenwart, verbargen ihre Neugier angesichts unserer Andersartigkeit. Es gab Orte, die hießen Gotttreu und Gewissensruh. Sie lagen im Wesertal, fast schon im Reinhardswald und waren als Zufluchten von Waldensern gegründet worden.

Die Waldenser hießen nach dem Prediger Waldes und waren Franzosen soweit. Sie erkannten nichts an außer der Bibel und konnte deshalb nicht bleiben, wo man katholisch zu sein hatte. Ein paar verschlug es nach Kurhessen, der reformierte Landgraf Karl schenkte zwei Dutzend Familien Land in Hochachtung vor der Standfestigkeit dieser Leute. Das lernten Mara und ich im Kreis der Bogenschützen. Nicht, dass man christlich besonders gestimmt gewesen wäre. Das Christliche gehörte zur Okkupation und zur Überformung des „Altglaubens“.

Kamen wir im Habichtswald zu einer Lichtung immer wieder, hieß es immer wieder: „Hier besprachen unsere Vorfahren ihre Angelegenheiten.“

Das klang, als sei von Oma und Opa die Rede, als sei die Geschichte bis in der Gegenwart von Oma und Opa germanisch gewesen. Über vierzig Jahre notierte Christa Wolf die Ereignisse an jedem 27. September. An dieser Stelle fügt Maras Geist Thomas Braschs Notizen zum 27. Sept. ein:

Ich habe keine Zeitung gelesen. / Ich habe keiner Frau nachgesehn. /

Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet. / Ich habe keinem einen

guten Tag gewünscht. / Ich habe nicht in den Spiegel gesehn. / Ich

habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen und / mit keinem über

neue Zeiten. / Ich habe nicht über mich nachgedacht. / Ich habe

keine Zeile geschrieben. / Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

„Pflicht und Sucht“ sei die Angelegenheit des Tagebuchs für sie gewesen, sagte Wolf. Eichhörnchen gingen auf Lichtinseln an Land. Die Aufzeichnungen konnten in der DDR nicht veröffentlicht werden: eine niederschmetternde Feststellung angesichts ihrer Enthaltsamkeit.

„Wie kommt das Leben zustande?“ lautet die erste Frage.

Zaimoglu gähnte, er hatte einen festen Platz im Schlosspark und da uns erwartet. Auch die „Stimmenrausch“-Strolche gingen im Park ein und aus.

„Wie bewahre ich Erinnerungen auf?“

So konferiert eine hochdekorierte Schriftstellerin mit sich: „Innerlich zerrissen“. Ein Leben auf zwei linken Papenfüßen. Die innere Zerrissenheit war vergebliche Liebesmühe gewesen in diesem Provisorium, das hässlicher war als ein Gebiss im Wasserglas.

Wolf sagte: „Nicht ich habe die Form gewählt, vielmehr hat sie mich gewählt.“

War das schon Delirium? Wolf las das Protokoll von Fünfundsechzig. Es war entstanden in der Förster-Funke-Allee von Klein-Machnow und kreiste um das 11. Plenum des ZK, bei dem sich die Schriftstellerin im Dissens zu den Apologeten eines straffen sozialistischen Realismus äußerte, der, ein Kellertreppenwitz der Weltgeschichte, auf die Abschaffung der Realität in der Literatur hinauslief. Anna Seghers setzte sich zu Mara, Zaimoglu und zu den Eichhörnchen. Seghers verstand den deutschen Sozialismus als bewaffnete Antwort auf den Faschismus. Sie hatte wenig Verständnis für seine Aufweichung durch Abweichung. Seghers nannte Christa Wolf „Heulsuse“. Sie konnte sich an das 11. Plenum noch gut erinnern.

25.11.2015

Kombattant im Kulturkampf LVI

Feridun Zaimoglu und Alexander Kluge in Bad Vilbel

Ein Sonntagvormittag im Flutlicht des Sommers. Auch das Vergnügen am Saum der Kultur folgte einer Routine mit Brezeln, Milchkaffee und dem Pfand für Tassen und Gläser. Roger Willemsen stellte seine „Deutschlandreise“ vor. Sarah verglich den Titel mit „Paare, Passanten“. Anlass zum Vergleich bot ihr die distanzierte, nach des Autors Gusto aristokratische Perspektive, die, so Willemsen, den Fröschen abgeguckt war und zugleich völkerkundlich sein sollte.

„Der erste Schlag soll dich zum Jäger weihen. Der zweite Schlag soll dir die Kraft verleihen, zu üben stets das Rechte. Der dritte Schlag soll dich verpflichten, nie auf die Jägerehre zu verzichten.“ Zu diesen Worten zog Morgan Stonewall Jackson seinen Hirschfänger über die Schultern der Eleven. Nach dem „Jägerschlag“ kriegten wir den „Jägerbrief“ vom Lehrgangsleiter der Arbeitsgemeinschaft Wetterauer Jagdvereine. Ich hatte unter Morgans Führung Pirschpfade angelegt und insgesamt hundert Veranstaltungen zur Prüfungsvorbereitung absolviert.

Morgans große Leidenschaft war die Kynologie. Er redete dem Jagd-ist-vornehmster-Naturschutz-Zeitgeist zwar nach dem Mund, doch unter der Hand und im Kreis der Spießgesellen verbreitete er die rustikalen Allgemeinplätze der versierten Schießer. Solche Leute hatten sich in die lichten Wälder der Rhein-Main-Ebene Schlösser gebaut, sie donnerten mit ihren Jeeps durch den Forst und schrieben alle auf, die es ihnen gleich taten, jedoch nicht zur Bruderschaft gehörten.

Morgan Stonewall war einer von uns, ein Veteran, wir rauchten die Zigaretten, die es dauerte, bis ein Reh ausgeblutet war, Morgan Stonewall las beispielsweise Andrea Lees Erzählband „Vollmond über Mailand“. Darin reist eine afroamerikanische Familie von Philadelphia nach Seattle. Ein Junge beobachtet, wie sein Vater „jeden Abend praktisch in die Hosen macht, wenn er in irgendeinem dieser Kuhdorf-Motels nach einem Zimmer fragen muss. Er vergeht fast vor Angst, dass er das Wort zu hören kriegt – Nigger -, das uns glatt von der Landkarte fegen würde“.

Morgan Stonewall hatte sich mit den Hessen als MP in Friedberg angefreundet. Sein erster Jagdfreund war der alte Förster Moritz gewesen. Der saß auch auf einem amerikanischen Truppenübungsplatz an. Morgan Stonewall stellte ihn eines frühen Morgens.

„Was machst du hier?“ fragte der Militärpolizist.

„I’m waiting for black pigs“, entgegnete der hessische Hillbilly.

Man musste Moritz einfach lieb haben.

Morgan Stonewall war schon als Kind bereit gewesen, auf jeden zu schießen, der „Nigger“ zu ihm sagte. So ging es mir auch. Auf eine kuhle Art wollte ich dem Hass seinen Lauf lassen. Sollte der Lauf rauchen, Hannelore Hoger, Iris Jeménez, Alexander Kluge, Feridun Zaimoglu, Roger Willemsen – Als Weltreisende kamen sie nach Bad Vilbel, in Schuhen für die Parkettdramen in den Hotels. Der Schauplatz ihres Auftritts war ruiniert. Zwischen Aspekten der niedergelegten Burg stand eine Bühne vor Tribünen. Das Publikum zeigte sich in den hellen Farben der gestalteten Freizeit, bis auf die Ausnahmen mit der anachronistischen Umsicht, die in Haarnadeln steckt.

Ein Sonntagvormittag im Flutlicht des Sommers. Auch das Vergnügen am Saum folgte einer Routine mit Brezeln, Milchkaffee und dem Pfand für Tassen und Gläser. Die Leute im Service trugen ihre Piratenkopftücher: damit gleich jeder sah, dass der Bereitschaft, sich für den Job zu verkleiden, eine Grenze gesetzt war: der Limes des guten Geschmacks von Achtzehnjährigen.

Um Geschmacksfragen ging es in Roger Willemsens Beitrag zu den Burgfestspielen. Er stellte seine „Deutschlandreise“ vor. Sarah verglich den Titel mit „Paare, Passanten“. Anlass zum Vergleich bot ihr die distanzierte, nach des Autors Gusto aristokratische Perspektive, die, so Willemsen, den Fröschen abgeguckt sei und zugleich völkerkundlich sein sollte. Der Autor wollte von einem Menschenaffen viel gelernt haben. Er hatte ihn auf Borneo kennengelernt und sich im Weiteren an das „Prinzip der maximalen Erregung“ gehalten.

„Glaubst du, dass ein Affe Scham empfindet?“ fragte Sarah. „Das kann ich mir beileibe nicht vorstellen.“

Ich kannte Sarah aus dem Club Voltaire, ihr aktuelles akademisches Thema war die Frau in der algerischen Gesellschaft – zwischen islamischer Tradition und säkularer Moderne. – Womöglich immer noch reduziert auf „Schwangerschaften und Hausarbeit“.

Es war Sarah dringend darum zu tun, „über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen“. Sie sah mich erwartungsfroh und ängstlich an. Wie bei einem nie endenden Bewerbungsgespräch.

Wie kann man zur fortgeschrittenen Migration aufschließen? Das war die Frage, die sich damals viele stellten. Ich war für sie eine Mischung aus Türsteher, Personalchef und Superman.

Sarah kam aus der Eifel, an ihrer Stelle, hätte ich mich der Heimatkunde zugewandt. Wie vielversprechend waren Archive, von denen sich seit Jahrzehnten keiner mehr etwas versprochen hatte.

Kirchenbücher. Auswanderungsgeschichten. Hofmiseren. Vielleicht ein Beispiel für Homosexualität in bäurischen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts. Dass zwei zusammen waren in der Schutzbehauptung gemeinsamer Bewirtschaftung. Und falls es das nicht gab im Nachweislichen, konnte man es doch gut und gern erfinden.

Ich gab meine Reserve gegenüber den Deutsch-Kanakstern nicht zu, vielleicht unterstellt ihr mir niedrige Beweggründe. Mein stärkster Einwand war aber praktischer Art. Man braucht Zugriff für jede Diagnose. Wie hat sich die algerische Gesellschaft seit der Unabhängigkeit entwickelt? Wie tickt die Berliner Republik? Wie beschädigt sind die Vereinigten Staaten seit 9/11? Solche Feststellungen verlangen Verdichtung und die Kompetenz zur unterkomplexen Darstellung. Man muss wissen, was man zu Gunsten einer Zuspitzung unterschlägt – oder der einzigen Pointe weit und breit opfert. Dahin würde Sarah mit ihrer „algerischen Frau“ nie gelangen.

Dem Prinzip der maximalen Erregung gehorchte Jeménez von jeher. Sie kollerte. Während die Mehrheitsgesellschaft wie ein Schwamm auf Neubeschriftungen aller subkulturellen Couleur reagiere, bliebe Kanak-A-Movement die Sache der Minderheit.

Was bedeutete das?

Es bedeutete, dass in diesem Segment kein Mehrwert für die Mehrheitsgesellschaft produziert wurde. Beispiel Kinder. Die ethnischen Minderheiten kriegten Kinder, die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland verabschiedete sich vom Kinderkriegen. Sie optimierte sich nach Diskursen nicht ethnisch definierter Minderheiten. So vollzog sich ein Wechsel von Stabilität zu Mobilität, von Monogamie zu sequentielle Monogamie, so sickerte die Verhandelbarkeit des Geschlechts und die Fetischisierung des männlichen Körpers ein. Nichts davon war von der Mehrheitsgesellschaft ausgebrütet worden.

Warum funktionierte Migration nicht als Motor in Deutschland?

Alexander Kluge fand die Frage klug, Sarah und ich beließen es dabei, uns lockte die Nidda und der Wald im Schoss von Vilbel. Es trieb uns hin zum Apfelwein in entlegenen Schenken.

Am nächsten Morgen fragte ich Sarah: „Gibt es etwas, dass ich wissen sollte?“

Sie saß auf ihrem Bett, mit einem Buch auf dem Schoss. Ihre Haltung hatte eine gymnastische Funktion.

„Nicht im Rahmen unserer Vereinbarungen“, antwortete Sarah. Das Telefon klingelte in ihrer Reichweite, sie ignoriert den Alarm. Ich war schon eine Weile auf den Beinen, erfasst von einem Hochgefühl, das unbeschreiblich ist.

„Das musst du unbedingt lesen“, behauptete Sarah. Sie hielt das Buch hoch, vielleicht um einer Linie ihres Leibes besondere Geltung zu verschaffen. In den Wänden ihrer Wohnung saß der Schwamm. Auf dem Regal im Flur lag haufenweise Kleingeld zwischen Fahrradsachen und Eintrittskarten. Ich schaufelte eine Handvoll auf den Studententeppich und kickte spielerisch Münzen unter das Regal.

Sarahs Schwester war Check-in-Agentin für American Airlines

Ferrari 308 GTS
Ferrari 308 GTS

Hinter der Fassade einer lebenslustigen und patenten Frau lauerte das schwarze Tier grundlosen Unglücks. Manchmal trat ein Rinnsal der Verzweiflung vulkanisch aus, dann stieg ich mit einem Witz darüber.

Manche Frauen waren eben so, dass eine Tragik sich in ihnen festgebissen hatte, und man besser nicht daran rührte. Sarahs Schwester war Check-in-Agentin für American Airlines, sie konnte, wenigstens Standby, für kleines Geld jedes Ziel erreichen, das AA anflog. Die Erste Klasse war kaum teurer als umsonst, in Zahlen lächerlich. Die Schwester hieß Simone. Bei zwei, drei, fünf Cocktails und einem Licht zum Verlieben quatschte ich Simone in den Zustand der Vorfreude – Frankfurt am Main/ Los Angeles/ Honolulu. Der Barkeeper hörte neidisch zu.

Man erkannte uns an der förmlichen Kleidung. Die zahlenden Gäste flogen superleger, der Hitchhiker trug Anzug. Simone schwitzte im Kostüm. Sie fragte, was ich für Sarah empfand. Wir würden in den Genuss der Hotelrabatte kommen, mir schwebte der Hilton Rainbow Tower vor. Fünf Sterne unter dem Firmament. Man war in einem pazifischen Luftstrom und merkte die Hitze kaum. Es gab Bekleidungsvorschriften im Hotel, die Restaurants hatten weder Türen noch Fenster, man wähnte sich plein air. Ferrari-Mietwagen erinnerten an die „Magnum“-Ära.

20.11.2015

Kombattant im Kulturkampf

Feridun Zaimoglu trifft Alfred Edel

Max Horkheimer und Theodor Adorno
Horkheimer und Adorno

Murat war der Schnellste in der schnellsten Stadt Deutschlands. Er rasierte sich die Beine und trug den Vollbart im Vorgriff auf eine Mode der Zukunft.

„Der Bart macht mich fix“, sagte Murat. „Meine Beine machen dich fertig.“

Der Fahrradkurier referierte im Club Voltaire die „Dialektik der Aufklärung“. Der Titel war erstmals 1947 erschienen. Bei einer Neuauflage im Jahr Neunundsechzig sahen sich die Autoren Max Horkheimer und Theo Adorno zu einem Vorwort veranlasst, das ihr Werk dem Zeitgenossen als historisches Dokument nahe legte. Eingeräumt wurden „offenkundig inadäquate Stellen“, deren Überleben im Text der Absicht folgte, „nicht retouchieren (zu wollen), was wir geschrieben hatten.“

Als Kompendium philosophischer Schlagwörter machte die „Dialektik“ Karriere an deutschen Universitäten. Daran erinnerte Murat Leute, die noch nie etwas von Max & Theo gehört hatten. Der Plan war, sich fit zu machen mit Kritischer Theorie. Hausaufgaben gehörten dazu. Disziplin. Jawohl! Aktivisten wollten an die K-Gruppen-Vergangenheit der Siebzigerjahre anknüpfen – im Stil kollektiver „Kapital“-Lektüre.

Murat leitete außerdem die Sportgruppe „Abschaum“, so benannt nach Zaimoglus zweitem Buch. Wir liefen zwei Mal pro Woche im Günthersburgpark sieben große Runden. Danach teilte sich die Gruppe, manche liefen weiter zu Astraea, der auf der Oberen Bergerstraße zu Brustvergrößerungen mit Hanteln einlud. Die Übrigen machten bei jedem Wetter Gymnastik in der Regie von Lara. Das war schon lustig. Eine Sächsin kommandierte die gegen Kraftsport eingestellten „Nordend Kanakster“.

„Seid wie das Wasser“, riet Lara. – Und so waren wir, weich und einnehmend. Während ein atmosphärischer Aggressionsschub dem nächsten hinterher stieg. Es war das Jahr der Stürme.

Murat untersuchte im Club Voltaire „das Schlüsselwerk philosophischer Zeitdiagnostik“ (Heidrun Hesse) auf seine Bedeutung für die akute Gegenwart der Revolte. „Gefallsüchtig“ nannte er Horkheimers/Adornos Vokabular der Vehemenz. Studenten zogen den Jargon ab, um ihn gegen die gesetzten Herren (Horkheimer war bereits emeritiert) kritisch einzusetzen. Das erklärt die massenhafte Verbreitung der „Dialektik“ (im Raubdruck).

So funktioniert Gong-fu. Bekanntlich bietet das unter dem Eindruck des Nationalsozialismus und seiner „völkischen Paranoia“ (Heidrun Hesse) entstandene und die Aufklärung in Prozessen der Selbstzerstörung lokalisierende „schwarze Buch“ der Kritischen Theorie keine Handreichungen zum sozialistischen Umsturz der Gesellschaft. Es folgte Horkheimers erstem Ziel, der Abklärung des Dialektikbegriffs als einem Unternehmen, das zuerst mit Herbert Marcuse in Angriff genommen worden war, bevor Adorno 1942 im kalifornischen Exil einer Einladung zur Mitarbeit entsprach.

Murat nahm zu Denkfiguren prüfend Stellung, die im Buch zentral sind. Er zitierte: „Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt Aufklärung mit jedem ihrer Schritte tiefer sich in Mythologie.“

Da außer Murat und mir keiner das Buch kannte, stolperte die Diskussion nach dem Vortrag durch das Unterholz der Ignoranz. Es waren Astraeas Kraftsportler, die sich am gründlichsten verliefen. Sie fanden den „pauschalisierenden Gestus“ der „Dialektik“ „penetrant“. Murat schnaubte, er hatte sich wochenlang vorbereitet. Er bewältigte das geistige Pensum neben einem Studium und dem Kurierdienst. Er diente den „Nordend Kanaksters“ als Schrittmacher, er meinte es ernst.

Murat konnte gar nicht anders als ernsthaft sein. Er litt unter dem Laissez-faire der Genossen. Er sprang zum Fenster hin, es aufzureißen.

„Du hast dir doch nichts gebrochen?“ fragte Said ohne Sinn und Form. Oder fragte er: „Murat, musst du brechen?“

Ich weiß das nicht mehr. Jedenfalls entgegnete Murat, stehend am geöffneten Fenster/ die Wolken zogen wild hinter dem Aktivisten auf:

„Genossen, Freunde, Aktivisten, Assoziierte, Verwirrte und Vulnerable, in einer Gesellschaft, die nicht mit sich selbst versöhnt ist, bleibt der Aufruf, dialektisch zu denken, beachtlich. Allein darin lässt sich ein pädagogischer Mehrwert der „Dialektik“ erkennen, dem die verstreichende Zeit nichts anhaben konnte.

Pädagogischer Mehrwert! Das schlug dem Fass den Boden ins Gemächt. Mancher vergaß, wo der Feind stand vor lauter Erregung. Ich sagte leise Servus und verzog mich in die Gaststätte des Clubs. Eigentlich war der Club die Gaststätte. Es gab lediglich zwei Sitzungskammern über dem Schankraum. Gelegentlich erzähle ich euch die Geschichte des Frankfurter Voltaire Clubs. Ich bestellte bei Sarah einen griechisch-orthodoxen Handkäs, frei nach Friedrich Stoltze:

„Un die Parrer un Soldade,

Mediciner, Advocade,

Owerlehrer und Proffesser,

Stadtamtmänner und Assesser,

und der ganze Handelsstand

frisst sei Wörschtsche aus der Hand.“

Alfred Edel
Alfred Edel

Just in diesem Augenblicke erschien der Geist von Alfred Edel in der Gestalt des Geistes von Hans-Jürgen Krahl.

13.11.2015

Kombattant im Kulturkampf

Feridun Zaimoglu im Gespräch mit Goethe

„Denn was ist eine Novelle anderes als eine unerhörte Begebenheit.“
So auf den Punkt brachte Goethe die Novelle in einer von Eckermann 1827 festgehaltenen Bemerkung. Die Novelle ist eine Form der Neuzeit ohne antikes Vorbild. Sie verlangt das Ereignis von schicksalhafter Bedeutung als Neuigkeit. Attraktiv erschien die Vorgabe deutschen Autoren nicht, 2001 erschienen sieben Titel, die als Novellen ausgewiesen waren.
„Lass uns Novelle schreiben“, schlug ich Zaimoglu vor. „Novelle ist als Gattungsbezeichnung ein echter Stutzer.“
Nach Schiller ist „die Jugend schnell fertig mit dem Wort“. Mir schwebte ein Abriss des Kulturkampfs gegen die von Max Pfeifer und Bert Papenfuß angeführten „Stimmenrauscher“ vor. Die Linksrassisten gingen uns schon fast ein Jahr auf die Nerven. Es hatte Zusammenstöße gegeben, ich hatte der gerechten Sache einen Schleimbeutel geopfert und fünf Tage im Krankenhaus verbracht. Auf der „Stimmenrausch“-Tagesordnung stand nicht weniger als ungegründeter Totschlag in zwei Fällen. Zweifellos war das eine unerhörte Begebenheit. Ihren Anfang genommen hatte sie an einem Tag im Dezember. Während ich meine Übungen im Schlosspark von Niederschönhausen machte, bemerkte ich einen Mann im Zustand gereizter Geringschätzung. Er war stattlich und so stattlich beobachtete er mich. Genauso. Er verlangte Aufmerksamkeit, er wollte als außerordentliche Erscheinung wahrgenommen werden. So geht man nicht auf die Jagd.
Da nimmt ein Blinder Maß, dachte ich. Es hatte Drohungen gegeben, sollte der es sein, dem Wort Taten beizubringen. Ich war nicht im Geringsten beunruhigt oder unaufmerksam.

„Stimmenrausch“ war ein lyrisches Rassismusprojekt von Bert Papenfuß und Max Pfeifer. Es richtete sich explizit gegen Zaimoglu und mich. In Elaboraten zwischen Gedicht und Manifest wurden moralische Begründungen für die Gewalt gegen uns festgeschrieben. Wieder und wieder – wir hatten es mit Besessenen zu tun. Beleidigungen paarten sich mit Belehrungen. Die Belehrungen erfüllten die Aufgabe, die Beleidigungen zu rechtfertigen.

Es gab die verdoppelte „Stimmenrausch“-Suggestion: Wir wissen, wo dein Haus wohnt. Wir kennen deinen Tag und deine Wege. Das war „hyperpessimistischer Aktionismus“. Foucault entwickelt den Begriff in einer Auseinandersetzung mit dem Terrorismus. Das passte, die „Stimmenrauscher“ lehnten den Rechtsstaat ab.
Der Stattliche fuhr just in dem Moment auf einem Fahrrad ab, als die „Stimmenrausch“-Hauptprotagonistin die Schlossparkmagistrale passierte. Ich wusste also sofort Bescheid. Der Blindgänger hatte die Hosenbeine aufgekrempelt – ein Manierismus im „Spur der Steine“-Stil. Man sollte seine Handfestigkeit an den Schäften erkennen. So manieriert kam mir der „Stimmenrauscher“ ein paar Tage später furios hinter der Volksbühne entgegen. Das „Stimmenrausch“-Fiasko war vollendet, bevor mich der Schläger erreichte. Ich wusste, wo er hingehörte.
Ich sagte zu ihm: „Man kann nicht aus dem Nichts kommen und in der Berliner Nacht unerkannt verschwinden wollen, wenn man vor dem Furioso seine Visitenkarte abgegeben hat.“
So kam ich zum ersten Satz der Novelle. Zugleich fühlte ich „eine Armee in meiner Faust“ (Schiller).
Ich war damals noch an einer anderen Sache dran, ihr erinnert euch an die slowenische Quartiermacherin Viera. Sie schleuste Illegale aus Osteuropa ein und brachte sie als Kindermädchen und Altenpflegerinnen im hessischen Mittelstand unter. Im Frankfurter Speckgürtel lebten zweitausend Entrechtete. Sie wurden übersehen, nach dem Rechtsempfinden (gesunden Menschenverstand) der Mehrheit waren sie so etwas wie Steuerhinterziehung. Also Notwehr! Denisa versorgte eine Neunzigjährige, die im Haus ihrer Tochter (und ihres Schwiegersohns) wohnte. Sie wusch, kleidete und fütterte die Alzheimerpatientin. Denisa sah mit der Greisin fern und schlief ihr nah.
Ihre Arbeitgeber waren Architekten, ein selbständiges Paar, Denisa unterstützte mit dem Lohn Eltern und Geschwister. Ein deutscher Pflegedienst hätte ein Vermögen verschlungen. Denisa schob ein unglaubliches Dienstpensum für elfhundert Mark pro Monat. Ohne jeden Versicherungsschutz. Eine Europäerin wie alle, mit abgeschlossener Berufsausbildung – am Arsch der Verhältnisse. Wegen falsch geboren.
Denisa begriff die Ungleichheit ohne Groll. Sie war dankbar für den Job, sie verstand sich gut mit den Architekten. Sie sprang als Kindermädchen ein. Das war „Abwechslung“.

Uwe Gruhle
Uwe Gruhle

Ich war auch Abwechslung. Denisa brachte mich mit illegalen Altenpflegerinnen zusammen, die den Anschein der Legalität als Haushaltshilfen verpasst bekommen hatten. Die Frauen kriegten ungefähr das, was „Beschäftigte in Privathaushalten“ erwarten können. Keine klagte. War alles in Ordnung. War weit besser als prima.
Das letzte Gespräch führte ich in Bad Soden. Ich fuhr dann zum Fuchstanz, da hatte sich Uwe Gruhle, die graue Eminenz des Eichborn Verlags, umgebracht. Nachdem er ein Buch über Selbstmord geschrieben hatte. So gründlich war der Mann. Ich lief mir die Ratlosigkeit von den Hacken.

9.11.2015

Kombattant im Kulturkampf

Feridun Zaimoglu entdeckte seine Bücher auf einem Bord türkischer Jungmillionäre.

Die Gewalterlebnisse in meiner Kindheit wirken so nach, dass ich die Namen der Familien im Gedächtnis behalten habe, deren Söhne im Kasseler Osten die Revierhackordnung mit Händen und Füßen buchstabierten.

Jeder der Fünf, gegen die vor dem Frankfurter Schöffengericht wegen gefährlicher Körperverletzung verhandelt wurde, hatte solche Dschungelerfahrungen gemacht – als tribal initiation, die ihn lehrte, so gekonnt mit den Wölfen zu heulen, dass unter Umständen, also weder nüchtern noch allein, schon sein Schatten Schrecken verhieß. Zwei Größen bestimmten das Vokabular: das Territorium und die Konfrontation.

Anschaulich machte das eine als Zeugin geladene Polizeibeamtin in Einlassungen zu dem mit zwei Bewährungsstrafen belasteten Björn Q. Er habe, so sagte es die dem K 14 zugeordnete Ermittlungsführerin, freiwillige Ordnungshüter am Betreten „seines Gebiets“ zu hindern versucht. Drohungen verlieh Björn Nachdruck mit Hinweisen auf seine „Ghetto“-Herkunft.

Im Prozess erschien Björn entrückt. Seine kargen Aussagen waren weniger verwaschen als die Mitteilungsversuche im Milieusprech der Kumpane. Björn gab sich den Anschein eines ordentlichen jungen Mannes. In Wahrheit hatte er sich in zwei nachweisbaren Fällen an eingeschränkt handlungsfähige Personen mit räuberischen Absichten gewandt.

Die Polizistin sollte, so wollte es der Richter, Björns Empathievermögen einschätzen. Die Einschätzung fiel so negativ wie möglich aus.

Ich war sicher, dass Gruppendruck und Bewährungszwang den Jungen deformiert hatten. Björn hatte für Zugehörigkeit in einer ethnischen Subkultur einen höheren Preis zahlen müssen als andere. Es gab keinen Migrationshintergrund, keine Brüder, überhaupt keine eindrucksvolle Verwandtschaft. Bloß eine resignierte Mutter und eine gefährdete Schwester. Vor die Wahl gestellt, ein Fußabtreter im Gebiet zu sein oder selbst zu treten, hatte Björn eine Entscheidung getroffen. Folglich „verachtete“ er alle, die sich anders verhielten.

In drei Fällen lautete die Anklage auf gefährliche Körperverletzung, Beleidigung und Bedrohung. Die Angeklagten waren zwischen siebzehn und einundzwanzig Jahre alt. Zwei war wegen anhängiger Verfahren die Freiheit entzogen worden. Einer der in Rockenberg Arrestierten wurde nun in Erwartung einer neuen Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung juristisch abgekoppelt und in Handschellen aus dem Saal geführt, da waren es nur noch vier.

Die Angeklagten sollten gemeinschaftlich einen Mann im Alter ihrer Väter verletzt zu haben. Dem Angriff waren rabaukige Aktionen in einer Bahn vorangegangen. Roland Koch hatte den Vorgang zum Anlass für Härteauftritte im Landtagswahlkampf genommen. Die Angeklagten bewerteten das als Vermehrung ihres Ruhms. Man sah in ihnen Protagonisten „einer die Republik erschütternden Gewaltwelle“, sie sahen sich in einem Film Hauptrollen spielen. Die Politisierung einer, so der Richter, „unterdurchschnittlichen Straftat“, setzte die Kurzfristigkeit der Prozessaufnahme nicht nur dem Verdacht einer beeindruckten Rechtsfindung aus. Die Anklageerhebungen waren Treibstoff für konservative Wahlkampfmotoren.

Die Angeklagten hatten das Repertoire von Leuten, die wissen, dass sie verladen werden. Bloß wie, das bleibt ihnen unklar. Vier Mal Leben mit den Gespenstern des Ausschlusses.

Der Richter wollte nach Feierabend in Urlaub fahren, darauf kam er zwei Mal zu sprechen. Er verbreitete gute Laune. Er betonte die Gewöhnlichkeit des Falls. Jugendliche hatten in der Bahn Türen und Scheiben demoliert. Im Suff haltlos geworden, brachte es einer nicht fertig, mit den anderen auszusteigen. Zugführer K. wollte der Unbeholfenheit abhelfen, das wurde als Provokation verstanden und nach Dschungelart geahndet. K. wäre ärger zugerichtet worden, hätte nicht (von einem Kollegen gerufene) Polizei den randgruppenförmigen Aufmarsch an einer Haltestelle aufgelöst und in die Flucht getrieben. Es hatte keine Identitätsfeststellungen am Tatort gegeben.

Ich ahnte das bürgerliche Entsetzen, das K. ankam, nachdem ihm klargeworden war, worauf er sich eingelassen hatte. Die Leute an den Kanten des Geschehens guckten beiseite, jeder hoffte, der Kelch möge an ihm vorüber gehen. Die Verursacher des Unbehagens erlebten ihre Wirkung als Anerkennung.

Vor Gericht wurde ihnen die Anerkennung verweigert. Sie wollten ihr Repertoire nicht ganz außer Kurs gesetzt wissen und konnten ihm vor Ort doch überhaupt keine Geltung verschaffen.

Ich dachte über ihr Dilemma nach. Die Vernachlässigten begriffen keine Macht, die sich nicht körperlich legitimierte. Da ging ein Schmu vor – nach ihrem Weltbild ohne (Faust-)Rechtsgrundlage.

Das Opfer war traumatisiert. Wussten die Angeklagten, was das bedeutete? Ich beobachtete Ratlosigkeit, Trotz, schiere Abwehr.

Der Staatsanwalt agierte vor großer Kulisse akkurat und demonstrativ maßvoll. Als wollte er von mir in der Frankfurter Rundschau gelobt werden. Die Angeklagten sahen ihm zu: als würden sie fernsehen. Weit weg waren sie in jedem Fall – von den Möglichkeiten bürgerlicher Existenz. Devin F. war unglaubliche Zwanzig. Das Milchgesicht trug einen goldenen Hahnenkamm, es hatte sich gewiss mehr Mühe mit der Frisur gegeben als je in der Schule.

Was Devin zum Besten gab, blieb fast unverständlich. Er hielt seine Tatbeteiligung nur auf Grund von Zeugenaussagen für möglich. Anscheinend muss ich ja wohl dabei gewesen sein. Wenn die das sagen. Ich glaub das aber nicht und kann mich sowieso an nichts erinnern.

Devin fiel es schwer, die anwaltliche Spitzfindigkeit zu transportieren. Der Schafspelz juckte. Während Devin sich wand, musterten die Freunde den Fußboden.

Björn musste für ein Jahr und neun Monate ins Gefängnis. Devin konnte eine Tatbeteiligung nicht nachgewiesen werden. Im Weiteren wurde einmal Jugendarrest angeordnet. Einmal setzte es Tagessätze im Taschengeldformat auf Bewährung. Die Urteile spiegelten tristen Alltag. Damit konnte kein Politiker etwas anfangen.

Der Richter hatte Unabhängigkeit bewiesen. Ich aß mit dem Polizeireporter der Bildzeitung in der Gerichtskantine. Udo war Rockabilly, passend verheiratet. Das Paar fiel gern auf, Udos literarisches Vorbild war Mickey Spillane. Udo kam aus dem Rheinmaindelta in der Gegend von Mannheim und war im amerikanischen Stil und in einer Horde fußballverrückter Klopper aufgewachsen. Unter Pseudonym schrieb er für die taz. Er war komplett gespalten, dabei ging es ihm gut. Er erzählte von türkischen Brüdern, die im Kamerun (Gallus Viertel) Spiele entwickelten und Millionen umsetzten. Der Staatsanwalt setzte sich zu uns, er gehörte zu Udos Eintracht-Bruderschaft. Vielleicht verwandelte er sich am Wochenende in einen gewaltaffinen Fan.

Udo regelte heikle Angelegenheiten mal mit und mal ohne Polizei. Für ihn gab es Dinge, die man unter sich ausmachte. Wer trotzdem nach der Polizei rief, beging „Verrat“. Wie weit weg waren solche Doppelspiele von der Delinquenz der verurteilten Vier?

Udo konnte einen Vorgang in zwei Berichten so auffassen, dass er seinem Arbeitgeber und seinem publizistischen Steckenpferd passte. Er rasierte in der Bild und frisierte in der taz. Oder umgekehrt.

Ich verabredete mich mit den Brüdern; Zaimoglus Bücher standen auf einem Bord im Foyer. Wir redeten lange. Zum Schluss kam das: Vor Jahren hatten die Brüder mit einem Hauptschüler einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen. Deniz war von niemandem empfohlen worden. Er bestand in einer Firma, in der Englisch Arbeitssprache war. Bestimmt hätte auch Devin ein Deniz werden können – mit solchen Brüdern.

So sagte es Zaimoglu: „Wer Jugendförderung verweigert, lässt die Gesellschaft mutwillig scheitern.“

3.11.2015

Aimé Césaire
Aimé Césaire
Kombattant im Kulturkampf

Feridun Zaimoglu berief sich auf Frantz Fanon und Aimé Césaire.

Er traf Amos Oz

Aus der Zerstreuung waren sie in das Land ihrer Väter zurückgekehrt, um es zu einem Staat zu machen. So geschehen am 14. Mai 1948. Die Proklamation fand im Stadtmuseum von Tel Aviv statt. Amos Klausner war neun und einer heroischen Zukunft versprochen. Im Kibbuz sollte er ihr den Boden bereiten und einen Nom de guerre annehmen, mit dem er weltberühmt wurde: Amos Oz.

Wir trafen Oz in Freiburg, Jiménez inszenierte Aimé Césaires Cahier d’un retour au pays natal.
Im Kampf gegen Rassismus und Kolonialismus entspricht es einer Kulturtechnik, negative Begriffe umzudeuten und ihren aggressiven Kern neu zu adressieren. Nach Frantz Fanon löst dieses Verfahren dann eine Krise aus, wenn das – in der kolonialen Perspektive – „minderwertige“ Subjekt sich mit den Mitteln der „überlegenen weißen“ Zivilisation zu verbessern, Fanon sagt, „zu maskieren“ versucht. Dagegen richtet sich die Négritude.
Auch sie operiert mit Umdeutungen, erkennt aber im europäischen Standpunkt keine positive Referenz. Folglich findet sie darin (angeblich) auch kein neurotisches Potential.
Die schwarze Emanzipationsformel stammt von dem 1913 in Basse-Pointe auf Martinique geborenen Politiker und Schriftsteller Aimé Césaire. Jiménez inszenierte ein Gedicht von Césaire, das 1939 als Schlüsseltext der Négritude entstanden war – Cahier d’un retour au pays natal.
Die Premiere war ausverkauft. Es kamen Leute, die sonst nie ins Theater gingen und auch an diesem Abend eine politische Veranstaltung erwarteten. Die mediale Politikdarstellung war nun so theatralisch personalisiert, dass ein Schauspieler dem Ideal näher kam als jeder Parteigänger. Massenmedien lieferten dem großen Theater der Legitimation die Bühnen.
Es gab keinen Wettbewerb der Systeme mehr. Konkurriert wurde auf dem Feld der Scheinereignisse und der symbolischen Handlungen. „Außerparlamentarisch“ bekam eine neue Bedeutung. Man füllte einen Raum mit Leuten und sagte: Ihr seid das Parlament. Was jetzt passiert, ist Politik. Das behauptete Petra Hornig als große Stimme.
Unsere Bedürfnisse legitimieren uns. Hornig formte sich zu einer Skulptur, die so archetypisch wie ein Steinzeitartefakt wirkte. Sie verdichtete sich zu Architektur.
Cahier d’un retour au pays natal verwandelt Césaires Kindheit auf einer französisch kolonisierten Antilleninsel in einen poetischen Gegenstand. In der Deklamation entstand ein weißes, fiebrig-finsteres Gegen-Ich. Das lyrische Ich fauchte ein Monster des Kolonialismus an. Mir ging die Krux der Inszenierung auf. Jiménez feierte das Emotionale als zentrale Kraftquelle unterdrückter Völker. Sie begnügte sich mit einem Klischee.
Das war die weiße Perspektive.
Ich begleitete Oz nach Frankfurt, er erzählte von einer Großmutter, die dreimal am Tag gebadet hatte. Die in der Hitze der Levante oft kaum bekleideten orientalischen Männer seien ihr in einer Weise anziehend erschienen, die mit ihrer Erziehung nicht in Einklang gebracht werden konnte. Die Eltern, polyglott und urban, fanden im israelischen „Aufbauwerk“, dem sich Oz begeistert anschloss, keinen rechten Platz. Sie vergingen vor Sehnsucht nach Europa, dieser enttäuschenden Liebe. Sie schlossen den Sohn aus.
Die Mutter brachte sich um. Oz hätte sie deshalb erwürgen können. Vor der Wahl zwischen arabischem und jüdischem Käse sah sich der Pionier zu grundsätzlichen Entscheidungen genötigt. Ihm schien möglich, mit der Verschmähung des Kibbuzkäses schon Verrat am Zionismus verübt zu haben.
„Ich war ein glühend nationalistisches Kind“, sagte Oz. Der Künstler als Patriot erkannte im Befehlshaber der Untergrundorganisation Etzel, Menachem Begin, ein großes Vorbild. Begin erschien Oz wie „der Prophet Elia in den Felsklüften des Karmels.

P.S.
Sechs Brüder und Schwestern mussten sich ein Rattenloch teilen. In der Nachbarschaft schliefen Leute im Gestank ihrer Exkremente: so steht es bei Césaire, der als Kommunist anfing und beinah Präsident von Martinique geworden wäre.

29.10.2015

Wolfgang Hilbig
Wolfgang Hilbig
Kombattant im Kulturkampf

Feridun Zaimoglu stand kurz vor German Amok

Wolfgang Hilbig hatte Peter Kurzeck als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim abgelöst. Für Lara war Hilbig einer von uns. Das ignorierte die jahrelange Heimlichkeit seiner Produktion in der DDR. Das ignorierte Laras Linientreue. Wir besuchten Hilbig im Stadtschreiberhaus an der Oberpforte, Lara und ich hatten uns „Provisorium“ gegenseitig vorgelesen. „Fischer“-Lektor Oliver Vogel saß mit dem Schriftsteller im Hof. Ich hatte gnadenlos überzogene Hilbig-Lesungen abgesessen, auch solche, bei denen noch Kollegen zu Wort kommen sollten. Hilbig ließ den Eindruck entstehen, er sei mit seinem Elend allein auf der Welt.

Konfrontation mit der Wirklichkeit – Jiménez wollte die Literatur abschaffen und dem Leben einen Protokollstil verpassen.

„Das einzig Interessante, das ich in letzter Zeit gelesen habe, war der Bericht einer Frau, die bei Iglu am Band arbeitet.“ Piwitt in den Siebzigern

Wir klapperten das Ruhrgebiet ab, Jiménez, Pele und ich. Pele gehörte zum Vorstand der Politabteilung, er hatte die Geschichte der Roten Armee Fraktion studiert, Jiménez war seine Meinhof mit einem Schuss Ensslin. Wir erreichten eine Tagesstätte mit neunzig Prozent „ausländischen“ Kindern. Nach meinen Begriffen waren diese Kinder keine Ausländer, vielmehr im Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft ethnisch differente Deutsche. Ich erinnerte an einen Satz von Zaimoglu: „Es geht nicht um ethnische Differenz, sondern um soziale Probleme.“

Es war doch vollkommen verkehrt, in so einer Kindertagesstätte das Lied von den zehn kleinen Deutschen (in einer Unterwelt der Überfremdung) anzustimmen.

Kita-Chefin Kerstin Hübner fragte: „Wen soll ich denn hier integrieren?“

Pele sofort: „Es soll gar nicht integriert werden. Wir wollen Deutschland sämtlichen Kulturen öffnen.“

Hübner: „Was heißt das? Türkisch als Unterrichtssprache für alle?

Jiménez funkelte Hübner an. Da erdreisteste sich eine. Da hörte die Konfrontation mit der Wirklichkeit für Jiménez auf. Das war zu viel Wirklichkeit.

Ich recherchierte im Auftrag der Frankfurter Rundschau, Hübner verstand das als Gelegenheit, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen. Sie wirkte weder resigniert noch überfordert, Jiménez hielt Hübners Sachlichkeit nicht aus. Sie provozierte. Hübner ließ sich nicht provozieren.

„Alles was ich in meiner Ausbildung gelernt habe, kann ich hier vergessen.“

Die Erzieherinnen deuteten auf eine Tasse oder eine Puppe, benannten den Gegenstand, wiederholten das Wort.

Ich sah mir die Mühsal einen langen Vormittag an, Jiménez und Pele hatten dazu keinen Nerv. Von einer Zigarettenpause kehrten sie nicht zurück.

Deutschsprachige Kinder kopierten den Soziolekt der Mehrheit.

„Ich kenne Ihre Perspektive“, sagte Hübner, „und ich freue mich, dass wir uns darüber einmal unterhalten können. Sobald diese Kinder wieder zuhause sind, sind sie auch wieder in einer anderen Kultur. – Und diese Kultur erleben sie als dominant.“

Das bedeutete, dass ihnen der Blick auf die bundesdeutsche Wirklichkeit verstellt wurde. Ich war Aktivist, eine Überlieferung der Wahrheit kam nicht in Frage. Hübner bot einen Fruchtteejogurt an. Die Kolleginnen hielten ihr die Kinder vom Leib. Hübner sollte eine Chance der Darstellung ihrer Standpunkte ungebremst nutzen.

„Sie kennen die Basis nicht. Sie machen aus der Migration ein Märchen. Wir produzieren hier Ausgeschlossene ohne Zukunft – und Sie werden so tun, als hätte sie einen Blick in eine kulturell vielfältige Zukunft erhascht.“

„Wir fangen nach jedem Wochenende von vorne an.“

Dreiviertel der Vorschulkinder sprachen mangelhaft Deutsch. Die beherrschten die Sprache der Eltern nicht deutlich besser.

Sprachliche Verkümmerung auf der ganzen Linie – Von wegen Chancen doppelter kultureller Auswahl.

Es war Mitte Oktober 2001, wir logierten bei „Schwestern und Brüdern“ in einer Wohngemeinschaft. Das Haus gehörte zu einem aufgeputzten Ensemble der Industriemoderne. Eine gestorbene Zeche bot sich als Prunkstück des Panoramas an.

Alle studierten und jobbten und liebten das Revier. Jiménez und Pele hatten sich in einem Zimmer verschanzt, ich packte meine Sachen. Mich sollte die Wirklichkeit nicht aufhalten. Ich versprach mir einen Text, in dem Kerstin Hübner nicht vorkommen würde. Ich hatte noch den Kita-Geruch in der Nase.

Ich fuhr allein nach Berlin, „die Geburtsschmerzen einer neuen Gesellschaft“ (Heiner Müller) im ICE vom persönlichen Erleben ausschließend. Ich schlug eine Zeitung auf, mich informierte der Halbsatz: „Berlin semiotisch zu zähmen.“ Dieses Vermögen besaß, nach Hanns Zischler, Kathrin Röggla. Mein Blick stolperte über die Ankündigung einer Lesung. Die Notiz endete mit einem Röggla-Zitat: „Unter dem Sony-Himmel bleibt immer noch ein bisschen Platz für Höhlenforschung.“

Der alte Berliner Westen streckt sich an einem Uferstreifen zwischen Landwehrkanal und Tiergartenstraße. Das Quartier löste bei einer Künstlerclique vergangener Tage das Gefühl aus, in der Welthauptstadt des Jahrhunderts zu leben. Mir erschien alles ganz gewöhnlich.

Ich servierte Lara den Satz am Telefon: „Unter dem Sony-Himmel bleibt immer noch ein bisschen Platz für Höhlenforschung. Wie findest du das?“

„Können wir das morgen im Büro besprechen?“, antwortete Lara gepresst. Wem gegenüber gab sie mich gerade als Kollegen aus?

21.10.2015

Kombattant im Kulturkampf

Feridun Zaimoglu ging es um die Ausweitung der Kampfzone

Eines Abends wechselte ich die Veranstaltung mit einem Gang über die Straße. Ich kam aus einem Theater und ging in ein Literaturhaus. Von „Kanak Attak“ zu Uwe Kolbe. Er hatte in „Sinn und Form“ debütiert. Über ihn war ein Publikationsverbot verhängt worden. Seit Dreiundachtzig veröffentlichte er bei Suhrkamp. Er schwankte zwischen Ironie und Pathos.

Uwe Kolbe
Uwe Kolbe

„Kanak Attak“ verstand sich als antirassistisches Netzwerk an der Schnittstelle zwischen Kunst und Politik. Das Ziel der Assoziation war die Aufhebung jedweden Integrationszwangs für Ausländer in Deutschland.

„Wir wollen leben und arbeiten: wie und wo es uns gefällt.“

Es war der Versuch einer Globalisierung von unten. In einem Kreis von Strategen vertrat Jiménez meinen Standpunkt. Attraktivität überzeugt. Jiménez war viel selbstbezogener als ich, aber das sah man nicht. Sie konnte eine schöne Konzentration auf mich organisieren, das sah man auch nicht.

Die Dinge hingen so zusammen, dass sie im Betonguss zu schweben schienen. Es gab viel Agitprop, Volksfest, Volkshochschule. Vor dem Hintergrund der Maximalforderungen von „Kanak Attak“ fiel auf, wie sehr traditionelle Instrumente (Gewerkschaftsarbeit, Schulpolitik) im Fokus eines Widerstands standen, der seine Legitimation nicht zuletzt aus einer Abstimmung mit den Füßen bezog. „Kanak Attak“ nahm der von Bedenken eingemauerten Mehrheitsgesellschaft Denk- und Drecksarbeit ab. Das war der Witz dabei.

„Wir sollten der Gesellschaft Aufgaben stellen, nicht Aufgaben abnehmen“, sagte Zaimoglu.

Es ging um eine „Ausweitung der Kampfzone“. Warum nicht Michel Houellebecq auf die Brechtlokomotive setzen?

Mit seinen Allgemeinplätzen der Vitalität konnte der alte Augsburger die traurige Karre des Franzosen anschieben. Houellebecq attestierte seinen Protagonisten, „den Verlierern der sexuellen Revolution“ … „genetisches Pech“. Bei ihm rieb eine dürftige Wirklichkeit wie mit Sandpapier die dünne Haut der Wünsche auf, die alle zieren, solange das Skelett der Hoffnungen sie gerade hält.

Houellebecq tat so, als sei er über Hoffnung hinaus. Wäre es so gewesen, hätte er nicht schreiben können. Da war also noch so ein Schauspieler mit echter Depression. Folgte man Houellebecq, dann wurde die Potenz Hoffnung in kapitalistisch aufgeheizten Individualisierungskampagnen verbraucht.

„Platten hören war mal eine Lösung. Basteln könnte immer noch ein Weg sein“, sagt der Ich-Erzähler in der Kampfzone. „Verbitterung“ ist sein Wort für die Epoche.

Houellebecqs lächerliche Misogynie – Bei erstklassigem Service kann Traurigkeit Spaß machen. Jiménez hatte solche Anwandlungen, ich verdächtigte sie, Batailles „Blau des Himmels“ nachstellen zu wollen. Aber nicht mit mir. Ich war der Kumpel, den man stehenlassen konnte, wenn der Zufall heiß zu werden versprach. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Plötzlich spielte auf jedem Fest einer Knopfakkordeon. Eines Abends wechselte ich die Veranstaltung mit einem Gang über die Straße. Ich kam aus einem Theater und ging in ein Literaturhaus. Von „Kanak Attak“ zu Uwe Kolbe. Er hatte in „Sinn und Form“ debütiert. Über ihn war ein Publikationsverbot verhängt worden. Seit Dreiundachtzig veröffentlichte er bei Suhrkamp. Er schwankte zwischen Ironie und Pathos.

Kolbe las aus „Die Farben des Wassers“. Ein Umzug von Ostberlin nach Tübingen war dazu Initialzündung gewesen. Erst in der fremden Landschaft wurde Kolbe der Wasserreichtum seiner Heimatstadt klar. Er musste erst einmal „wie ein Verrückter zum Bodensee“ fahren. Inzwischen kannte Kolbe im süddeutschen Raum jede Rinne.

Als etwas zwischen Hommage und Persiflage auf Raoul Schrotts polyglotten Kennzeichnungsfimmel bezeichnete Kolbe die schlichten Ortsangaben zu seinen Gedichten. Vor mir schüttelte Freude am Vortrag eine Frau. Ihre Ohrläppchen lösten Beißlust aus. Der Wunsch, einer fremden Frau ins Ohr zu beißen, war mir neu. Ich überwand eine kleine Scheu, da war wirklich wenig Reserve. Die Frau schlug Hände vors Gesicht, bevor sie sich mir zuwandte. Sie sah durch das Gitter ihrer Finger, kaum erschrocken.

„War das nötig?“ fragte sie. Die Neugier hatte sie schon am Wickel.

„Es gab dazu keine Alternative“, erklärte ich präzise.

„Ja, dann.“

Die Frau war unschlüssig, sie wollte den Kontakt nicht aufgeben, wusste aber nicht, was angebracht war. Ich hielt sie für eine Lehrerin. L. war Assistentin der Geschäftsleitung in einem Verlag. Gelegentlich mehr.

Raus aus dem Diskurs, verlangten KA-Aktivisten.

„Lasst uns die Fehler der Siebziger nicht wiederholen.“

Ständig lief eine Zeit ab. Ich wusste, dass nur Debatten zu Beteiligungen führten. Ich wollte die Debatten nicht führen. Für mich klang der verschieden grundierte Pessimismus bei Brecht und Houellebecq gut zusammen. Warum nicht einmal wieder Seeräuber-Jenny ins Spiel bringen und sagen, so sei der Rock’n’Roll in der Kampfzone?

4.10.2015

Kombattant im Kulturkampf

Feridun Zaimoglu war kein Beispiel für das „Fräuleinwunder” in der Literatur

In einer Bucht las Christian Brückner eine Erzählung von Julio Cortázar (1914 – 1984). In der Literatur suchte Cortázar den „Spielraum der Gefahr“. Bei ihm war das Fantastische eine reguläre Dimension der Wirklichkeit. Beiläufiger als Borges trat der Argentinier das Pedal phantasmagorischer Paradoxie.

Julio Cortázar

„Die Hochzeitsgäste werden zu einem einzigen Tier, das gut gefressen hat.“ John Berger, „Auf dem Weg zur Hochzeit“, Gino heiratet die sterbende Ninon. Fruchtbarkeit bedeutet hier, das Erdreich zu vermehren.

Sybille Bergs Debüt gab einem Trend die Richtung. Der Trend hieß „das neue deutsche Fräuleinwunder“. Reclam Leipzig war der Verlag der Stunde, ein Lektor namens Rainer Moritz hatte das Wunder eingerührt. Seine Kollegen fahndeten bundesweit nach fotogenen und offenherzigen Anfängerinnen. Gefunden wurde Alexa Hennig von Lange. Ihresgleichen galt die kommerzielle Sehnsucht des Augenblicks.

Nach einem Wort von Hans Magnus Enzensberger nahm der Nachwuchs die Direktiven aus den Vorstandsetagen des Literaturbetriebs zu ernst. Diesen Vorwurf musste Silvia Szymanski nicht gegen sich gelten lassen. Mir gefiel sie von allen Debütantinnen auf dem Berg-Ball am besten. Ich war Veranstalter im U60311, Suhrkamp feierte da seine Feste. Der Club hatte einen Vertrag mit dem Hilton, die Autoren wurden fürstlich untergebracht. Ich lud Silvia ein und besuchte sie im Hotel, sie war von mir nicht ganz so angetan wie ich von ihr. Wir verbrachten wenig Zeit in der Gesellschaft fröstelnder Barhockerprominenz.

Theken-Olympioniken. Zelebritäten von eigenen Gnaden.

Die unvermeidlichen Bohrinselingenieure, Australier, Waliser, jeder einzelne nach Ansehen der Person: ein Roman. In einer Bucht las Christian Brückner eine Erzählung von Julio Cortázar (1914 – 1984). Literatur ersetzte das Klavier im Hotel. In der Literatur suchte Cortázar den „Spielraum der Gefahr“. Bei ihm war das Fantastische eine reguläre Dimension der Wirklichkeit. Beiläufiger als Borges trat der Argentinier das Pedal phantasmagorischer Paradoxie.

Valeurverschiebungen leiten den Ausstieg der Geläufigkeit ein. Der Leser glaubt arglos dem Erzähler, ein mit üblen Folgen vom Motorrad Gestürzter träume im Fieber seine Verschleppung ins Aztekenreich. Er soll rituell zu den Toten reisen. Cortázar unterläuft die Erwartung, dass sich der Protagonist mit seinem Erwachen in der Jetztzeit wiederfindet. Denn träumte nicht vielleicht ein zum Opfer bestimmter Azteke von einem Metallinsekt, das unter seinen Beinen summte?

Novalis: Da träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden. Er wanderte über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit; wunderliche Tiere sah er; er lebte mit mannigfaltigen Menschen, bald im Kriege, in wildem Getümmel, in stillen Hütten. Er geriet in Gefangenschaft und die schmählichste Not.

Später leerte ich die Minibar. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, lief ich auf den Grund einer Belustigung. Das erzählende Ich in ihrem ersten Roman, „Chemische Reinigung“, ließ sich mit Silvia Szymanski ansprechen. Man durfte es folglich mit der Autorin verwechseln.

Silvia kam aus Merkstein an der holländischen Grenze. So stand es im Ausweis und im Roman.

„Der Heilige Abend ist wieder einmal warm wie Pipi.“

Zur Frohnatur taugt die Erzählerin nicht. Das Räderwerk der Enttäuschung hat sich gleich nach ihrer Geburt in Gang gesetzt.

„Ich bin kein Fußballer, kein Arbeiter, kein Mann. Nichts, was vor meinen Freunden etwas gilt.“

„Schreiben ist der Trost der Langsamen im Kopf, die ihre Chance, sich einzumischen, im Leben dauernd verpassen.“

Ich bejubelte die Formulierung, Silvia war nach meiner Mütze. Sie war bestimmt keine Isolierte, die an den Riegeln der Einsamkeit rüttelte. Den wie aus allen Zapfhähnen fließenden Blödsinn ihrer Umgebung moderiert die Silvia im Roman mit überirdischem Verständnis. Obwohl sie „weg will“, und sei es nur nach Aachen, flirtet Silvia mit dem Merksteiner Elend, das ihr in den Gestalten gewundener Schrate, geriebener Junkies und verschmuster Jungtürken begegnet. Um eine Beobachtung von Franz Dobler zu variieren: Merkstein ersetzt Doblers katholisch-ländlich-schiefen Bretterbums, in dem mehr los ist als an jedem Hochglanznacktbadestrand.

Erst arbeitet Silvia in einer Reinigung, später zupft sie Rüben. Sie singt bei den „Schweinen“ (Deutschpunk). „Schlampi“ nennt Silvia ihr schlechteres Ich. „Schweißfüße“ plagen sie. „Saftladen“ heißt ihr zweites Zuhause. Das ist ein kommunales Wohnzimmer für junge Menschen, die gern trinken. Im „Saftladen“ küsst Silvia „unbekannte Jungen“: Sie könnte studieren. Die akademische Option macht sie der „Saftladen“-Truppe verdächtig. Intellektualität ist krass verkehrt.

Ich kannte das Programm. Für solche Silvias hatte ich mich verkleidet. Ich war entschlossen, unter irgendeiner Überschrift jene Autoren anthologisch aufzureihen, die in den Aufbrüchen und Durchgängen meiner Generation mir angenehm geblieben waren. Ich fragte Silvia, wie sie dabei sein wollte, für den Fall, dass der Joker „ethnische Differenz“ zum Einsatz käme.

„Ich habe einen polnischen Großvater. Das muss reichen.“

Das reichte.

27.9.2015

William Gaddis
William Gaddis
Kombattant im Kulturkampf XXXI

Feridun Zaimoglu begrüßte mich brüderlich…

…eine Szene, die sich wiederholte wie zum Beweis, dass es „uns” wirklich gab, und nicht nur Dunkle, die den Dreck der anderen wegmachten

Für William Gaddis war Realität „nichts anderes als die umlaufende Rede“. Hanns Zischler sprach von „asynchroner Wahlverwandtschaft“. Das von Henry James „unter den Teppich gekehrte Gemurmel Amerikas“ habe Gaddis „hörbar“ gemacht.

In einem Jahr galten die Prunktexte der Messebeilagen diesem „Großautor der Moderne“ (Gustav Seibt). Es ging um die Etablierung eines weiteren Genies im deutschen Buchmarkt, man hatte sich auf Gaddis geeinigt wie in einem anderen Jahr auf Goettle, Gabriele, Gaddis kam zur Messe nach Frankfurt, ich sollte ihn porträtieren. Seine Familie war seit den Tagen von Peter Stuyvesant in New York tonangebend: jedenfalls war das die Suggestion. Gaddis repräsentierte seine Klasse bis zu den Ziselierungen. Er erschien als Klischee eines White Anglo Saxon Protestant mit Hosenträgern. Er sah aus wie eine Erfindung von Tom Wolfe.

Gaddis schreibt in Dialogen. Die Diktion ist verwickelt. In „Letzte Instanz“ heißt der zentrale Sprecher Oscar. Seine Mobilität verläuft zunächst in den Grenzen eines Rollstuhlfahrers mit Hupe. Die Behinderung ist Folge eines Unfalls und soll sich in einem Schmerzensgeldverfahren amortisieren. Erst nach geraumer Lesezeit gewinnt die Handlung Transparenz. Schließlich begreift man, dass Oscar einen Hollywood-Produzenten verklagen will, in der Überzeugung, der Produzent habe ein Bühnenstück von ihm zur Grundlage eines Films gemacht. Die Protagonisten überfallen sich mit Prozessen. Die Klagen sind so bizarr wie Kläger und Beklagte gierig.

Für den Autor bewährt sich das Gesetz als Quelle des Absurden. Das Idiom der Juristen kitzelt seine Spottlust. Der kalifornischen Traumfabrik stellt Gaddis mit forciert blasierten Verballhornungen nach. „Letzte Instanz“ bietet der Kakophonie des großen Palavers an den elektronischen Lagerfeuern ein Schriftbild.

Nun drehte sich das große Palaver um Gaddis, ich hatte eine Stunde mit dem Genie. Verlagsleute gebärdeten sich wie Türsteher, inzwischen waren Lektoratsassistenten Oxfordabsolventen, während die Obermotze noch in Bochum Buchhändler gelernt hatten und sich auf Englisch höchstens ein Bier bestellen konnten. Leute, die sich für qualifizierter, begabter und empfindlicher hielten als mich, zeigten das an. Ich widersprach nicht. Sie hatten recht. Ich betrieb Freibeuterei mit sportlichem Ehrgeiz. Sollte ich einer greisen Instanz Gesellschaft leisten, lehnte ich ab. Ich setzte mich zu keiner alten Lyrikerin und zu keiner antiken Größe. Ich schoss durch die Gänge und trug jeden Tag einen anderen Anzug.

William Gaddis – Seine Familie war seit den Tagen von Peter Stuyvesant in New York tonangebend: jedenfalls war das die Suggestion. Gaddis repräsentierte seine Klasse bis zu den Ziselierungen. Er erschien als Klischee eines White Anglo Saxon Protestant mit Hosenträgern. Er sah aus wie eine Erfindung von Tom Wolfe.

Hundert Mal hatten wir uns beäugt, ohne das Interesse zum Sprechen zu bringen. Nun standen wir voreinander und nur gespielter Hochmut hätte das Fällige abwenden können. Wir grüßten minimalistisch. Ich betrachtete einen Krawattenknoten, der seit Jahren nicht mehr ganz gelöst worden war. Unsere rätselhafte Vertrautheit fing sofort an, langweilig zu werden. Gemeinsam beobachteten wir die Durchmärsche. Die Berühmten hielten sich fern voneinander: jeder eine Sonne in ihrem Trabantenkreis. Mario Adorf, Schuft meiner Kindheit, schob an mir vorbei zur Theke. Er legte Hubert Winkels einen Arm auf die Schulter, Rheinländer unter sich.

„Nur Masochisten arbeiten mit Peymann. Weiß doch jeder“, sagte eine vergilbte Schönheit.

Rheinländerin war auch Silvia Szymanski. Sie kam mit Zaimoglu zum Empfang.

Silvia Szymanski, aus ihrem Debüt „Chemische Reinigung:“

„Man müsste sich unheimlich anstrengen, um für einen Jungen das zu sein, was Bier für ihn ist.“

Zaimoglu begrüßte mich brüderlich, eine Szene, die sich bis zu zehn Mal an jedem Messetag wiederholte. Er wollte den Verlag wechseln. Das bedeutete Allianzen mit alten Gegnern und neue Feinde. Ich greife vor. Noch war ein Doppelauftritt mit Stuckrad-Barre undenkbar. Zaimoglus Verlegerin vereinnahmte „ihren Autor“ mit ihrer Gegenwart. Gremliza griff nach Zaimoglu, die Rotbuch-Konkret-Connection stand wie für die Ewigkeit und einen Schnappschuss bereit, ich sortierte mich zu Zaungäste: Herstellern, Archivaren. Zu freien Schreibern, die eine Einladung ergattert hatten. Manche durften nur einmal im Jahr ans Licht. Sie waren Lichtjahre entfernt von den Prachtbuben mit Gaston-Salvatore-Mähnen.

Ben Trachman zog mich zu John Berger auf eine Terrasse. Trachman war Leibwächter von Regierungschefs gewesen,

Trachman lebte Krav Maga bevor er Philosophie-Professor wurde. Ich hatte Berger schon einmal in Frankfurt gesehen. Dazu später mehr.

John Berger: „Den Po entlang liegt eine solche Schwere in der Luft, dass die Schwalben in Kniehöhe fliegen, um die niedergedrückten Insekten zu fangen.“

Ich schrieb: Berger scheint es für seine Aufgabe zu halten, gegen das von Mattigkeit kaum zu unterscheidende, letztlich in Blindheit mündende Vergessen in den Abschleifungsmühlen des Alltags anzuschreiben. Mit Genauigkeit antwortet er auf unsere Nachlässigkeit.

22.9.2015

Arno Schmidt
Arno Schmidt
Kombattant im Kulturkampf XXX

Feridun Zaimoglu erkannte in Arno Schmidt einen frühen Kanak Sprakler

„Ich protestiere lieber allein.“ Arno Schmidt

Können Künstler Helden sein? Ich sage nein. Drei mehr oder weniger brotlose „Kleingaukler“ (ein Schmidtwort für Schmetterlinge) entblößen sich in „Schwänze“. Das Trio lebt ländlich; von Idylle keine Spur. In seinem Gespräch überlebt des Landsers Galgenbeat. Der Krieg geht in den Köpfen weiter, er lauert auf Gelegenheiten. Anflüge von Depression werden präpotent abgewehrt. Als eine Frau ins Spiel kommt, fängt der Ich-Erzähler breit an zu laufen.

„Schwänze“ ist eine Erzählung von Arno Schmidt aus dem Jahr 1961. Der Autor fand sich „als Intellektueller heiß/spitz wie ein Terrier“. Seine maskuline Suprematie erreichte Amerika im Zustand der weltweit einzigen Atommacht. Das war Frau Schmidt wie sie im Buch stand: „Stumme Anbetung, die auch Maschine schreiben“ konnte.

Schmidts Gegenwart zweifelte daran, dass Schmidt Kunst konnte: „Ist das Werk ein Kunstwerk? Wenn es das ist, mögen die zahllosen Kalauer, Bierwitze, Zoten, abnormen Sexualphantasien, Fäkalismen und der Gossenjargon hingehen. Den wahren Künstler hat man noch nie am guten Geschmack erkannt. Wenn Schmidts Buch kein Kunstwerk ist, hilft ihm auch seine gute Tendenz nichts.“

Ist egal, welches Schmidtbuch da verdächtigt wurde und wer verdächtigte.

Die ins Spiel gekommene Frau will wissen, was Breitbein „gerade in der Feder hat“.

Er ist zwar bloß mit „mokanten Glossen“ auf den Markt, dreht aber trotzdem ein großes Rad.

Materiell geht nichts über Notdurft (in der Geschichte, die Schmidts Leben schrieb). Man hat seit zwanzig Jahren nicht mehr gefrühstückt. Aus der Kreisstadt lässt man sich Einlegesohlen mitbringen, während die Leberwurst aus der Nachbarschaft kommt. Mit diesem Programm beschrieb Schmidt auch die eigenen Verhältnisse nach dem Krieg. Sie steckten ihm noch in den Knochen, als Reemtsma in der Bargfelder Heide auftauchte und Schmidts Bedeutung einläutete.

Nun saß Zaimoglu mit Reemtsma auf einer Bühne – vom Bargfelder Boten zu Kanak Sprak. Schmidt hatte moniert, dass die „Fäkal- und Urogenitalsfäre“ von deutschen Schriftstellern „verlogen-vernachlässigt“ würde. Reemtsma knüpfte im Podiumsgespräch da an, ich schmiss mich weg. Schmidt war mit seinen mathematischen Kenntnissen, dem polyhistorischen Wahnsinnswissen, den Zettelkästen, der rumpelnden Erotik und solipsistischen Einmann-Avantgarde in der norddeutschen Heide hängengeblieben. Der wäre ohne Alfred Andersch und den hessischen Rundfunk verhungert.

Alfred Andersch
Alfred Andersch

Alfred Andersch machte sich für Schmidt gerade. Er verschaffte ihm Aufträge beim Funk. Sehr gern gelesen habe ich von Andersch „Die Rote”.

An diesem Abend mit Reemtsma wurde mir klar, dass es allein an uns lag, wer wir waren und wo wir herkamen. („Autisten haben keine Eltern.“ Axel Brauns) Dass sich das aber nicht auf eine Gruppe übertragen ließ. Man brauchte nur einen Reemtsma und einen Zaimoglu, um den Mond zum Nashorn zu erklären. Die Männer auf der Bühne wirkten wie Senatoren. Der irre Schmidt, dieser Derwisch, der krause Zaimoglu … wer, um alles in der Welt, las eigentlich solche Sachen wie „Schwänze“ und „Kanak Sprak“?

Die Gastgeberin charakterisierte Zaimoglu als „Spracherneuerer“ in der Tradition von Arno Schmidt. Ich notierte: Arno Schmidt grass-norddeutsch weiterschreiben.

Das Publikum vermied alles, was als gestische und mimische Sensation gedeutet werden konnte. Man war schon gut bedient, wenn wer die Brille abnahm, um am Bügel zu kauen.

Ich schrieb: Während die Bundesrepublik als zukunftsfähiges Unternehmen in Betrieb genommen wurde, gab Arno Schmidt den ewigen Kriegsheimkehrer im Flachland. Sein Credo lautete: Wirtschaftswunder nein danke.

Schmidt wollte „die Frau“ in skelettierten Gegenden mathematisch dominieren. Sie sollte ihm erliegen, wo sonst nichts mehr war. Die Menschheit hatte das Elend hinter sich. Nur einer, der wilde Schmidt nämlich, hatte überlebt, um auf der wüstesten Welt einer Frau zu begegnen, die Schreibmaschine und Anbetung konnte.

Arno Schmidt: Was würdn wa denn heute sagn, wenn der Junge vom Tischler-Josef drüben, eben issa aus der Volksschule, uns über Gottundewelt belehren wollte? Der hat doch nischt gelernt! Kann keene Sprachen, hält de Erde fürn Fannkuchen, wees bloß Kreisklatsch. Kunst und Wissenschaft, Mattematiek, oder wie die Brüder alle heeßen: keene Ahnung! Gelebt oder'n Beruf ausgeübt hat er ooch nich, also ooch keene menschliche Erfahrung weiter; nischt durchgemacht -' (ein großer Schluck Bier): 'was hat Der mir groß zu sagen?!

Das war weiß Gott nicht weit von Kanak Sprak.

*

Samosir ist eine Insel in einem See auf Sumatra. Da zeigte man mir einen uralten Menschenfresser. Er sah aus wie die Hexe im Märchen. Er war zahnlos. Sein freundliches Wesen stand außer Frage.

*

Ich kam zu einem Ort, der hieß ursprünglich Trou d'Enfer – Höllenschlund.

*

Wir flogen nach Paris, Paul Nizon lud uns in ein Theater ein, dass früher Kino gewesen war, und in dem seit Jahren ein Solist fast allabendlich auftrat. Simon war körperlich vollständig entriegelt. Er hätte in der Peking Oper auftreten können. Seine Show explizierte dieses Vermögen nicht, sie war expressive Pantomime. Nach der Vorstellung kam er an unseren Tisch. Ich hielt ihn für einen Korsen, er wirkte wie eine Rasierklinge, obwohl er ganz bestimmt freundlich sein wollte. Simon hätte auch Berufsspieler oder Kartentrickkünstler sein können. Ich musste Jiménez nur ansehen, um zu wissen, dass ihr nächstes Buch in Simon steckte. Er stammte von Pied-noirs ab, die mit Frankreich lange nichts am Hut gehabt hatten. Das waren Malteser Herrenmenschen gewesen, die nach der algerischen Unabhängigkeit vor der Wahl standen: La valise ou le cercueil – Koffer oder Sarg. Sie strandeten in der Bourgogne als Arbeiter in Weinbergen anderer Herren. Die Deklassierung führte in die Verbitterung, sie tauften ihren Groll de Gaulle. Simon wurde zum Hass auf Araber erzogen, er emanzipierte sich, studierte die Geschichte der FLN (Front de Libération Nationale) und spielte in einem Film mit, der die FLN verherrlichte. Allerdings spielte er einen Fremdenlegionär.

Simon sah so aus, als könnte er überhaupt nichts einsehen, die Luft zwischen ihm und Jiménez brannte. Ich verständigte mich mit Zaimoglu. Ich hob die Schultern, er zuckte mit den Achseln. Stunden später war ich wieder in Frankfurt. Kummergerade soff ich mich durchs Bahnhofsviertel, das war die übliche Kur.

17.9.2015

Kombattant im Kulturkampf XXIX

Feridun Zaimoglu verpasste im „Lindenkrug” Peter Bichsel und Siegfried Unseld

Nach dem Krieg teilte sich Peter Suhrkamp mit Bermann Fischer das Büro und die Sekretärin. Ich schrieb über Helene Ritzerfeld, sie fand den Artikel reißerisch. Sie verriet mir das Zauberwort von Suhrkamp – Treue. Nibelungentreue. Suhrkamps Nachfolger hatte den passenden Vornamen – Siegfried.

Gottfried Bermann  © Fischerverlage
Gottfried Bermann 1925. Er war Arzt, bevor er Verleger wurde.

Die Farben seiner Prosa müssen zum Leuchten angehalten werden. Alle Aufregungen der Welt werden darin Bodensatz. Der Sensationswert von Bichsels Prosa liegt knapp über dem Nullpunkt. Die Nullpunkt-Feststellung ist ein autoritärer Akt. Bichsel hat ein Universum für Spaziergänger und Radfahrer geschaffen. Es erscheint dem Großartigen abhold. Hier herrscht ein Gott über Kleinigkeiten.

Ich traf Bichsel im „Lindenkrug“ an der Lindenstraße (kurz vor Suhrkamp). Unseld thronte neben seinem Autor und vor einer Flasche, Bichsel lud mich kollegial ein. Wir hatten uns in Bergen bei einem Stadtschreiberfest über die Prozesse der Apfelweingewinnung unterhalten, als Schweizer wusste Bichsel anders Bescheid als ich. Ich war in einer Frankfurter Kelter an die Sache herangeführt worden. Bichsel spannte Bögen, er vereinte so viele Auszeichnungen und Veröffentlichungen auf sich, dass man mit der Aufzählung bei einer Flasche Wein nicht fertig geworden wäre. Unseld ließ mich mittrinken, ich rangierte als Autor unterhalb seiner Wahrnehmungsschwelle.

Etwas verdross ihn, ich hatte Peter Suhrkamps erste Sekretärin nach Fünfundvierzig porträtiert, vielleicht passte Unseld das Porträt nicht. Helene Ritzerfeld hatte eine Schreibmaschine über den Krieg gerettet, mehr Equipment war nicht am Anfang. Suhrkamp teilte sich Ritzerfeld mit Bermann Fischer bis zur Sezession. Suhrkamp ist eine Ausgründung des S. Fischer Verlags. Alles, was gut war, kam entweder von Fischer oder von Suhrkamp. Es führte u.a. zum Verlag der Autoren, zu der Frankfurter Verlagsanstalt, zu Schöffling & Co. und zu Eichborn.

Ritzerfeld hatte sich für Suhrkamp entschieden und in dem neuen Verlag die Abteilung „Rechte und Lizenzen“ aufgebaut. Karlheinz Braun (später Verlag der Autoren) war „der junge Mann“ von Helene Ritzerfeld, er führte Silvia Bovenschen bei Suhrkamp ein und besuchte mit der künftigen Ikone Vorlesungen von Adorno. Bovenschen erzählte, sie habe zuerst nicht mehr als und & oder verstanden.

Ritzerfeld fand meinen Artikel „reißerisch“, ich blieb ungerührt wie jeder Jagdhund. Ich lebte von meinem Instinkt und war lieber in der Lokalredaktion als im Feuilleton. Ich lernte von Wirten, Fotografen, Druckern, Anwälten und von den Verstaubten in Archiven. Lese ich heute meine Sachen von damals, finde ich sie überladen und eitel. Selbstdarstellung und die Darstellung von Überflüssigem waren meine Steckenpferde. Ich hätte viel mehr zur Sache schreiben müssen, aber natürlich wollte ich angeben wie fast alle. Man muss erst gute Freunde auf dem Friedhof haben, bevor man weiß, wie vergeblich Angeberei ist.

Manche kommen nie zu Gelassenheit. Unseld zum Beispiel. Der Mann war in jedem Augenblick Bedeutung, genau wie Hilmar Hoffmann, der Gerhart Hauptmann vom Main.

Robert Walser zu Louis-Ferdi Ullstein: Jetzt hören Sie doch bitte einen Augenblick auf, bedeutend zu sein.

Robert Walser wusste lange vor Martin Walser: Die wichtigsten Männer haben die schönsten Frauen.

Martin Walser über Unseld: Ich habe einen Verleger, er hat hundert Autoren.

Ich hätte Unseld gern eine Bichselgeschichte erzählt. Ein König langweilt sich mit seinen Sorgen. Er lässt sich von Hofnarren foppen, um sie im Gegenzug mit tödlichen Scherzen zu bedrohen. Einen Narren will er vor dem Galgen lachen hören.

Die Macht des Narren kommt aus der Verachtung, die er in Kauf nimmt. So baut sich eine Macht auf, die jeden angreift, der auf seine Würde bedacht ist.

Bichsel stellt das Wesen der Macht dar wie man mathematisch ableitet. Er geht seinen Geschäften nach, ohne sie angemeldet zu haben. Er räumt heimlich auf. Der Leser findet dann alles wunderbar eingerichtet.

Peter Bichsel: „Dem Verlierer wird die Zeit lang, dem Sieger läuft sie davon.“

Wir redeten darüber, ob dem Erzählbaren Grenzen gesetzt sind, so wie es die Berliner Lyrik-Rassisten um Max Pfeifer postulierten.

„Aber nein“, sagte Unseld angewidert von so viel Unsinn, „es ist nicht nur alles erzählbar, es muss auch alles erzählt werden. In den Geschichten steckt die Plausibilität, auf die wir angewiesen sind.“

13.9.2015

Kombattant im Kulturkampf XXVIII

Mitscherlich fand Frankfurt am Main nicht so toll wie Zaimoglu und ich.

Für ihn herrschte da „Unwirtlichkeit“. Wir fanden das ulkig.

Um das Jahr 1200 fixierten (vermutl.) Passauer Kleriker auf Mittelhochdeutsch eine Überlieferung, deren Gegenstände siebenhundert Jahre lang mündlich tradiert worden waren – das „Nibelungenlied“. Ich legte Zaimoglu die Behauptung nah, eine Nation, von der so viel Unheil ausging, habe womöglich die falschen literarischen Identifikationsbezüge“.

Von Kanak Sprak zu König Gunther: das verstanden wir unter beweglichem Denken. Es ging uns nicht darum, heilige Kühe zu schlachten, eine Kuh, die du schlachtest, kann keiner mehr melken, vielmehr ging es um starke Reaktionen. Solange die Eliten der Mehrheitsgesellschaft unser Treiben zur Spartenkultur rechneten, gab es für Widerstand keinen Grund. Solange hatten wir es nur mit dem Widerstand im Keller der Verhältnisse zu tun, wo man verbluten kann, ohne Aufsehen zu erregen.

Das „Nibelungenlied“ entstand in einer Wendezeit. Der markanteste Paradigmenwechsel ergab sich aus einer Verlagerung menschlicher Hoffnungen vom Diesseits ins Jenseits. Die geistige Sphäre wurde von der materiellen gelöst. Die antike Welt verschwand mit ihren lebhaften Göttern und einer das Sichtbare zum Vornehmsten erklärenden Ordnung. Das „Nibelungenlied“ entriss sich dieser Abwärtsbewegung. Zaimoglu zeigte Siegfried als barbarischen Protagonisten einer (never ending) Völkerwanderungsära, er machte einen Byzantiner aus dem Held der Deutschen, dessen Vorbild ein Verräter namens Hermann war.

So sah er aus, genau so – der Held der Deutschen. Und er trank Apfelwein.

So sah er aus, genau so – der Held der Deutschen. Und er trank Apfelwein.

Das war der erste effektive KA-Angriff auf die Hochkultur. Es hagelte Exegesen, man öffnete uns die Seminarräume. Ich rechnete mit einem Zaimoglu-Lehrstuhl.

Im Auftrag der Frankfurter Goethe-Universität traten wir in einer Grotte in Hanau-Wilhelmsbad auf. Die Grotte lag im ersten englischen Landschaftspark auf dem Kontinent. Die längste Zeit fusionierten da keine volkstümlichen Regungen mit frischer Luft. Die Anlage war Schmuck der Herrschenden und ein Zeichen ihrer Herrlichkeit. Die Grotte setzte man 1785 als letztes Bauwerk in den Park. Memento mori – Die Vergänglichkeit alles Irdischen sollte sich hessischen Fürsten vor Augen führen. Zu diesem Zweck stellte Erbprinz Philipp, der später in Kassel regierende Landgraf Wilhelm IX., einen hölzernen Eremiten in die Grotte. Die Puppe konnte mit dem Kopf wackeln und einen Arm heben. Die Attrappe eines Rehs leistete ihr Gesellschaft.

Eine Veranstaltung bei Kerzenschein, die Grottenkälte stockte in den Knochen. Zaimoglu und ich diskutierten mit Heipe Weiss. Das heißt, wir hörten ihm zu. Heipe war Häuserkämpfer der ersten Stunde gewesen. Damals galt Frankfurt als Paradebeispiel für „Unwirtlichkeit“, siehe Mitscherlich. Angeblich war die Stadt „so unbewohnbar wie der Mond“. Siehe Zwerenz.

Das war natürlich Quatsch. Frankfurt groovte, die Prozesse der Desillusionierung hatten aus Heipe einen Ironiker gemacht. Man ahnte noch Emphase, Zynismus kam nicht vor. Vor unseren Augen vermaß Heipe die Ränder politischer Abgründe.

Heipe war dabei gewesen, als die Linke am Main ihre Militanzpotentiale ausgelotet hatte – „jeder Stein, der abgerissen, wird von uns zurückgeschmissen“. Er kannte die Zusammenhänge zwischen Fußball, Häuserkampf und Außenministerium.

10.9.2015

Kombattant im Kulturkampf XXVII

Feridun Zaimoglu traf Henning Mankell

auf der „Fear of a Kanak Planet“-Party

Henning Mankell versprach Unterstützung im Kampf gegen die „Pfeifer”-Rassisten. Er verlängerte einen Frankfurter Termin, um eine Lesung von Feridun Zaimoglu nicht zu verpassen.

Henning Mankell
Henning Mankell

Dichterstolz ist verräterisch. Ein Dichter kann auch dann nicht unter seinem Niveau formulieren, wenn er beleidigen und drohen will. Deshalb war es einfach, die Sturmspitze der „Stimmenrausch-“ aka „Max Pfeifer“-Rassisten zu identifizieren. Ich will heute noch nicht den Namen des „Negerlümmel“-Lyrikers nennen, um die Spannung hochzuhalten. Ich verspreche aber einen Knüller. Das war ein Star.

Ich pendelte zwischen Frankfurt und Berlin als Staatsratsvorsitzender von „Textland“. Eine Menge Leute rollten auf der Welle von Kanak Attak. DJ-Autoren lieferten dem gesellschaftlichen Augenblick einen Text, der nichts zu wünschen übrig ließ. Literatur & Musik wirkten wie die Druck stiftenden Komponenten einer Zange. Jedenfalls behauptete ich das. Zaimoglu und ich sahen Hannes Loh und Murat Güngör im Mousonturm – „Fear of a Kanak Planet“.

Loh und Güngör warnten vor einer nationalististischen Unterwanderung des Hip Hop. Der rechtsradikale Übergriff auf die Jugendkultur hatte sich seinen eigenen Untergrund geschaffen. An den demokratischen Rändern brachen Leute Lanzen für konservative Politiker.

Dass man mit Hip Hop Rassismus transportieren konnte, war ein Treppenwitz der Musikgeschichte. Wir erzählten das Kurt Wallander in der Mousonturmbar. Wallander verwandelte sich vor unseren Augen in Henning Mankell. Ich sah einen in absichtlicher Unauffälligkeit ergrauten Herrn. Er legte Wert darauf, die Durchschlagskraft seiner Prosa nicht als persönliches Verdienst angerechnet zu bekommen.

„Die Menschheit ist eine Geschichten erzählende Spezies.“

Es war Sommer, wir redeten über Kälte und Schnee. Mankell erinnerte sich an Krokodile in einem schwedischen Fluss. Er war ein Mann merkwürdiger Sätze. Eine halbe Stunde später notierte ich:

„In heißen Ländern wird nicht nur das Wasser, sondern auch der Schatten geteilt.“

In solchen Ländern trifft man Leute, die sich Schuhe auf die Füße malen, um ihre Würde zu bewahren.

Wir redeten über Mankells großes Thema: die Migrationsbewegungen aus Afrika Richtung Europa. Er war Aktivist, ein Mann, der nicht nur Zeuge seiner Zeit sein wollte.

6.9.2015

Milonga
Milonga
Kombattant im Kulturkampf XXVI

Feridun Zaimoglu las im Frankfurter Nachtleben

Ihrer Privilegien gewiss, verschränkte Jiménez Reiseerlebnisse mit Episoden einer weltläufigen Jugend. Sie leistete sich narrativen und touristischen Mutwillen. Sie verfügte über den Blick des routiniert Durchreisenden. In Buenos Aires entdeckte sie die Milongas.

Ich habe euch schon von Iris Jiménez erzählt. Ihre Erscheinung belebte Erzählungen von Abenteuerinnen vergangener Tage. Von Frauen, die mit Charme Passagen ergatterten und in afrikanischen Hinterhöfen Hof hielten. Nimmt man die Chronisten beim Wort, dann konnten sie einen Tiger Männchen machen lassen.

Jiménez war vierundzwanzig, ihr kam es auf engagierte Zeitgenossenschaft an. Sie bereiste die Welt, um „interessante Leute“ zu treffen. Sie berichtete mit der Kaltblütigkeit einer Kriegsberichterstatterin und der glanzvollen Naivität der höheren Tochter.

Zaimoglu und ich lasen mit ihr und Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden im Frankfurter „Nachtleben“. Jiménez las so munter wie zur Belustigung einer Geburtstagsgesellschaft. Sie traf den richtigen Ton.

Sie erzählte von Havanna, ein fantastisch gebauter Pedro suchte Anschluss, während Joe Cocker „You are so beautiful to me“ sang. Der entflammte Kubaner führte die Fremde durch seine Stadt.

Ihrer Privilegien gewiss, verschränkte Jiménez Reiseerlebnisse mit Episoden einer weltläufigen Jugend. Sie leistete sich narrativen und touristischen Mutwillen. Sie verfügte über den Blick des routiniert Durchreisenden. In Buenos Aires entdeckte sie die Milongas. Sie frühstückte auf dem Friedhof, eine Stadt für sich. In Hanoi besuchte sie ein Schlangenrestaurant.

Jiménez reagierte auf das Leben wie Kork in einer Strömung. Ihre Skepsis diente oft nur ihrer Gelenkigkeit zum Beweis. Sie streckte die Glieder, zeigte sich im Stimmungsspagat. Sie führte ihre Ungeheuer auf die Gasse und ließ sie da lachend stehen.

Nach der Lesung nahmen wir ein Taxi zur „Stalburg“. Der Garten war schon geräumt, der Wirt machte für uns eine Ausnahme. Wir polterten durch die Themen, van der Heijden hielt die Kunst der üblen Nachrede für eine „hitzige Form der Rechtsprechung“.

„Im Gegensatz zu Essen und Sex kennt Klatsch keinen Sättigungspunkt.“

Das Werk war so kolossal wie der Mann. („Einmalige Existenztotalität“, Andreas Isenschmid über van der Heijden)

Van der Heijden zog über die Literaturkritik her. Er glaubte, dass Kritiker seinen Text nur so buchstabieren konnten wie Asthmatiker Luft holen.

Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden
Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden

Es geschah dies zu einer Zeit, da ostdeutsche Dichter eine Moraldebatte angefangen hatten. Sie wollten moralische Lyrik und Prosa. Das war der letzte Schrei in Prenzlauer Berg. Ich erzählte das van der Heijden im Garten der „Stalburg“, er fasste sich an den Kopf. Die Moralisten bildeten Personalunionen mit rassistischen Lyrikern, die von Schlägern verstärkt wurden. Ich hatte meinen persönlichen Verfolger. Alle paar Wochen drohte er mir mit dem Tod. Er war absurd hartnäckig.

Noch in der Nacht fuhren Jiménez und ich weiter nach Darmstadt. Wir wollten uns am nächsten Abend Jerzy ?ukosz angucken. Das war einer, der sich nicht sperrte, wenn man ihn als Kulturvermittler ansprach. Er glaubte, dass der Westen den Osten mit frevelhafter Gleichgültigkeit verfehlte. Der über Thomas Mann promovierte ?ukosz argumentierte mit didaktischen Absichten. Das war überhaupt nicht unser Fall, Kanak Attak ging anders. Ich war aber entschlossen, die literarische Gegenwart zu sichten.

In einem semi-fiktionalen und semi-essayistischen Beitrag näherte sich ?ukosz Ernst Jünger. Er brach eine extravagante Lanze für den Dichter eines ganzen Jahrhunderts, der sich nach einem Wort von Benn den naturwissenschaftlichen Interessen zum Trotz, dem Raunenden und Vernebelnden verpflichtet fühlte. Schöner fand ich die Bemerkung von Heiner Müller, Jünger habe den Krieg vor der Liebe kennengelernt und deshalb ein Leben lang Angst vor Frauen gehabt.

Jiménez und ich aßen in der „Krone“, am Nebentisch erkannte ich Tzveta Sofronieva.

31.8.2015

Feridun Zaimoglu XXIV

Kombattant im Kulturkampf XXIV

Feridun Zaimoglu träumte von Rahel Varnhagen

Nicht erst die Surrealisten träumten künstlerisch wertvoll. Gestaltete Träume sind Ausdruck durchgreifenden Selbstgefühls. Rahel Varnhagen (1771-1833) träumte so. Sie schloss den interessantesten personellen Konstellationen einer Ära Räume auf. Dennoch blieb sie als Jüdin Außenseiterin.

Rahel Varnhagen
Rahel Varnhagen

Mit seinem „Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ lieferte er den Kritikern eines ungebremsten Wachstums in den westlichen Industrienationen die Argumentation. Hans Jonas (1903 – 1993) gehörte zu den hellen Köpfen einer Generation, deren Väter zugepackt und zu der Gründerzeit das Ihre beigetragen hatten. Die klugen Söhne, Walter Benjamin und Franz Kafka zum Beispiel, reagierten allergisch auf die tüchtigen Väter.

Die Vater-Sohn-Dissonanz wirkte sich auf das geistige Klima der ersten deutschen Republik aus und beeinflusste das akademische Selbstverständnis in Deutschland nach 1945. Das kam zur Sprache im Jüdischen Museum, wo Feridun Zaimoglu mit Christian Morgen über „Erinnerungen“ diskutierte. Rachel Salamander hatte „Erinnerungen“ aus Gesprächen mit dem an einer Autobiografie nicht interessierten Hans Jonas destilliert.

Morgen war Assistent am Lehrstuhl für Judaistik in Erfurt, er hatte die Fahrt nach Frankfurt am Main lädiert hinter sich gebracht. Typen hatten ihn zusammengetreten, die sich mit keinem optischen Signal von der Gesellschaftsmitte besonders unterschieden. Sie hatten Morgen ihre Begründungen geliefert, er sollte nicht im Unklaren bleiben. Er war entschlossen, die Sache nicht auf sich beruhen zu lassen und suchte unseren Rat am Rand der Diskussion.

Wir waren inzwischen versiert in Auseinandersetzungen mit Rassisten und erwogen ein Handbuch mit Abwehrvorschlägen zu veröffentlichen. Jonas Witwe Lore steurte Anektoden bei, die eine Epoche beleuchteten.

„Jungens, es geht nicht ohne Kampf. Wer sich nicht engagiert, wird engagiert.“

Das war ein Satz von Heiner Müller, Lore Jonas vergass nicht, die Quelle zu nennen. Sie nannten die intellektuellen Galionsfiguren eines Jahrhunderts beim Namen, als sei von Hinz & Kunz die Rede. Das ist Grandezza.

Den jungen Jonas beschwerte keine Erwerbsnot. Als Zionist fiel er aus dem Rahmen seines auf Unauffälligkeit bedachten und grundsätzlich reichsergebenen Milieus. Er studiert in Freiburg bei Husserl und in Marburg bei Heidegger. Jonas trug Heidegger nach: „Ein Philosoph durfte nicht hereinfallen auf die Nazisache.“

Er wurde beinah zum Geliebten und ganz zum Vertrauten von Hannah Arendt. Arendts Schönheit kam er einmal bis aufs Nachthemd nah. Nach Dreiunddreißig verließ Jonas Deutschland mit der Absicht, als „Soldat einer siegreichen Armee“ zurückzukehren. So geschah es.

Trotz allem hielt Jonas „die Welt niemals für einen feindlichen Ort“. Er wandte sich gegen eine fatalistische Geschichtsauffassung und beglaubigte den Optimismus mit einem gelungen Leben.

Wir verbrachten den Abend mit Lore Jonas und Christian Morgen im Café der Hannah Salomon. Es ging lange um Rahel Varnhagen, wie sie Literatur träumte. Nicht erst die Surrealisten träumten künstlerisch wertvoll. Gestaltete Träume sind Ausdruck durchgreifenden Selbstgefühls. Rahel Varnhagen (1771 – 1833) träumte so. Als Epochenfigur trug sie die Widersprüche ihrer Zeit in sich aus. Sie schloss den interessantesten personellen Konstellationen einer Ära Räume auf. Dennoch blieb sie als Jüdin Außenseiterin.

Mit zwanzig gründete die Berlinerin ihren ersten Salon. Clemens Brentano und Friedrich Schleiermacher kamen. 1806 marschierte Napoleon unter den Linden auf und Varnhagen begegnete ihrem Mann. Er war vierzehn Jahre jünger. Varnhagen erlebte mit ihm eine soziale Talfahrt, bevor sie wieder als gastgebende Hausherrin in der Französischen Straße Hof hielt.

In ihrem Tagebuch meldet sie ihre Träume, von denen fünf zentral sind. Sie wurden 1812 notiert. Im Briefwechsel mit Alexander von der Marwitz erscheinen die Träume wieder: „Hören Sie diesen Traum. Es war ein großes Diner, man hatte auch schon Licht, denn es war Abend.“

Zaimoglu konnte so was auswendig, Hannah Salamon hatte sich zu uns gesetzt. Wir waren allein mit der Security im Museum. Varnhagens Handschrift ist kaum zu entziffern. Hannah Arendt analysierte die mit sozialen Bedeutungen geladenen Schlafresultate als Sublimationen gesellschaftlicher Frustrationen.

„Was das Bewusstsein verdrängt, kehrt in der Nacht zurück.“

Varnhagen ließ sich im Alter von dreiundvierzig Jahren taufen. Sie wollte die Assimilation vergeblich. In den Träumen trat ihr Zorn auf: „Der Traum schreckt vor nichts zurück.“

Mit den gestalteten Träumen reagierte Varnhagen auf Gestaltungshemmnisse in ihrem Milieu. In diesem Punkt herrschte Einigkeit am Tisch. Zaimoglu bilanzierte: „So bleibt eine Produktion stetig. Nur so geht es. Wer nicht ständig unter Druck gerät, bringt nichts Erhebliches fertig.“

Ich achtete auf Lore Jonas`Reaktion. Sie schien mir einverstanden mit Zaimoglus Bilanz. Ich ging in den Museumsgarten. Für diesen Abend hatte ich genug Gesellschaft gehabt. Ein Tor war nicht geschlossen. Ich alarmierte einen Sicherheitsmann. Dass man in einer jüdischen Einrichtung immer mit dem Schlimmsten rechnen musste, war auch so eine Sache, die nach Solidarität rief. Auch hier waren Zaimoglu und ich einig.

21.8.2015

Orhan Pamuk
Orhan Pamuk solidarisierte sich mit uns gegen die Rassisten
Feridun Zaimoglu XXIII

Kombattant im Kulturkampf XXIII

Feridun Zaimoglu traf Orhan Pamuk am Rosenthaler Platz. Pamuk hatte Unterstützung im Kampf gegen die Rassisten versprochen

„Auf den schmutzigen Straßen, auf den verdreckten Plätzen … werden Millionen von Elenden mit ihren eigenen Erzählungen, die ihre Nimbusse des Unglücks umkränzen, trauervoll und somnambul herumwandern.“

„Kara Kitap“ – „Das schwarze Buch“ – Wir trafen Orhan Pamuk am Rosenthaler Platz, er hatte uns Unterstützung im Kampf gegen die Rassisten versprochen. Ich ließ mir mein Exemplar von Pamuks „Schwarzem Buch“ signieren, wir waren zu viert: Mara, Jiménez, Zaimoglu und ich. Pamuk stellte bürgerliches Betragen zur Schau, er verstand etwas von Widerstand. Er hatte erheblichen Kräften widerstanden, wir saßen in einer Bar, die von Hostel-Touristen überrannt wurde. Eine Szene wie in Istanbul. Das „Schwarze Buch“ spielt auf verschneiten Straßen und in verwinkelten Buden. Anwalt Galip sucht seine Frau Rüya. Eine einfache Namensmetaphorik eröffnete dem Vorgang einen doppelten Boden und erzeugte die Illusion eines magischen Raums.

Der Suchende heißt nach einem Verfasser mythischer Dichtung. Die konkrete Übersetzung seines Namens entspricht dem deutschen „Sieger“, während die Gesuchte „Vision“ oder „Traum“ heißt. Galip wird nur ihre Leiche finden, einen zerbrochenen Traum. Bis dahin ist es ein weiter Weg.

Der Roman setzt sich aus zahllosen ineinandergreifenden Geschichten zusammen, in denen zwei bis zum Schluss Abwesende Hauptrollen stemmen: „Traumfrau“ Rüya und der legendäre Kolumnist Celal, der das Ende des Buchs auch nicht überlebt. Anwalt Galip tappt durch Kriminebel, er passiert eine verhangene, phantasmagorische Kulisse, bevölkert von konturarmen, vor Kälte starren, ständig rauchenden Passanten, die sich in Kinos und Kaffeestuben aufwärmen.

Nur die Scheinwerfer amerikanischer Gangsterschlitten kegeln Licht ins Dunkel der Pamukschen Geistermetropole. Galip trifft einen obskuren Händler namens Alaadin, der illegale kommunistische Periodika und handfeste Pornografie bereit hält. Eine wandernde Moschee kommt vorbei, Jiménez exponierte, wie unbefangen Pamuk aus der europäischen Moderne schöpft: als böten Joyce, Proust und Kafka zur Verwertung freigegebene Gebrauchsmuster.

Es sind weniger die Methoden, die überraschen, als vielmehr der Anwendungsfall. Bei Pamuk nimmt der Transformationsprozess der Moderne in einem alten Prospekt eine neue, sofort überzeugende Wendung. Das „Schwarze Buch“ evoziert die Atmosphäre eines verödeten Istanbuler Sackbahnhofs, in den nach einer hundert Jahre währenden Reise ein Transkontinental-Literatur- und Kinoexpress einfährt. Aus der Lokomotive ragen vom Fahrtwind skelettierte Rümpfe.

Die mumifizierten Leichen in der Ersten Klasse lassen sich anhand vergilbter Besetzungslisten des film noir identifizieren. Die Inspektion der Ladung gibt dem Erstaunen Anlässe. Mara und Jiménez hatten sich mit der Glock 26 bewaffnet. Sie waren athletisch – Ninjas der Mathematik und der Literatur. Es sprach sich angenehm über Literatur & Widerstand an diesem Berliner Nachmittag mit Orhan Pamuk. Wenn Mara angefangen hätte, über ihre Gebiete zu reden, hätten alle anderen nur noch und & oder verstanden. Sie war der intelligenteste Mensch, den ich kannte. Sie hatte u.a. in Istanbul studiert und bei ihrer Anneanne gelebt. Die Oma rauchte wie ein Schlot, sie war feuerfeste Kemalistin. Sie hatte eine Stimme wie ein Reibeisen und eine enorme Autorität. Vor ihr erschien Mara als f?st?k k?z. Vor der Universität stand Militär und verwehrte Studentinnen mit Kopftuch den Zutritt. So war das damals.

21.8.2015

Feridun Zaimoglu XXII

Kombattant im Kulturkampf XXII

Viele Leute reisten kommod auf dem Multikulti-Ticket. Hätte es Feridun Zaimoglu nicht gegeben, wäre ihre Witzlosigkeit monströs sichtbar geworden

Im Ausland gab sich Petra „nur ungern als Deutsche zu erkennen“. Sie erzählte das vor einer Besenwirtschaft im Kahlgrund, ich hielt an mich, um nicht direkt der Petra aufs Hemd zu kotzen. Der Wirt hieß Hannes, er hatte den Hof, zu dem das Ausflugsziel gehörte, vom Vater übernommen, er arbeitete rund um die Uhr, blieb aber völlig entspannt. Er war sehnig und auf Draht wie ein Langstreckenläufer oder Radrennfahrer.

Sie bebte vor Engagement. Petra Hofen hatte über Heinrich Mann promoviert, sie wurde von einem Sendungsbewusstsein angetrieben, das sich wie eine Gleichgewichtsstörung auswirkte. Petra „bekannte“ sich zu Achtundsechzig. Sie war so alt „wie der Frieden in Deutschland“.

Wir hatten ständig mit solchen Frauen zu tun. Sie hielten den Multikultibetrieb in Gang. Wir waren für sie gefundenes Fressen. Es war selbstverständlich, dass sie sich verliebten, meistens in mich.

Mit der „deutschen Vergangenheit“ konnte sich die Petra „nicht aussöhnen“. Ich fand „aussöhnen“ verräterisch. Für mich klang das so, als sollte sich die Welt bei Petra entschuldigen. Es klang für mich noch ganz anders. Im Ausland gab sich Petra „nur ungern als Deutsche zu erkennen“. Sie erzählte das vor einer Besenwirtschaft im Kahlgrund, ich hielt an mich, um nicht direkt der Petra aufs Hemd zu kotzen. Der Wirt hieß Hannes, er hatte den Hof, zu dem das Ausflugsziel gehörte, vom Vater übernommen, er arbeitete rund um die Uhr, blieb aber völlig entspannt. Er war sehnig und auf Draht wie ein Langstreckenläufer oder Radrennfahrer.

Ich hatte über seinen Betrieb geschrieben, ich betrachtete Hannes als Freund und Ausgleich für diese defizitären Petras, die meine Bahnen kreuzten. State Trait, Aggression und Aggressivität/ Angst und Ängstlichkeit – eine üble Mischung stank zutage. Petra kam Hannes herablassend freundlich, er sah mich ratlos an. Wäre sie nicht mit mir da gewesen, hätte Hannes sie vors Tor gehauen. Daran kann kein Zweifel bestehen. Dieser Spessartbauer hatte von Haus aus nichts nötig. Der tat, was nötig war, „um den Hof zu erhalten“. Gemeinsam mit seiner Frau hoffte er auf Nachwuchs. Das ging ganz urig und elementar und reell vonstatten, die Frau ruhte in sich. Sie war enorm tüchtig. Ihr Kartoffelsalat war ein Gedicht, sie empfing mich stets so, dass ich fast ohnmächtig wurde vor Seligkeit.

„Die deutsche Schuld“ nagte an Petra wie eine persönliche Verfehlung. Überall auf der Welt sollte es besser und die Leute sollten toleranter sein als bei uns. Eine „starke Affinität“ hatte sie zur Türkei.

Um an mich zu halten, schrieb ich auf, was Petra von sich gab. Das wirkte bei mir natürlich und auf Petra wie eine Aufwertung. Sie kam aus „der Theaterstadt“ Meiningen, sie war in Aschaffenburg herangewachsen. Die Mutter hatte ihr Bestes allein gegeben, der Vater war im Krieg geblieben. In der Schule hatte der faule Zauber geherrscht, den Heinz Rühmann in der „Feuerzangenbowle“ mit altbackener Pennäler-Fidelität als Bewusstseinszustand darstellt. Auf die Knaben aller Klassen waren zwölf Mädchen gekommen, die mehr traktiert als gebildet wurden.

Zuhause hielt Mutter die Kultur hoch. Ein Radiokonzert galt als Mahlzeit. Ihre politische Sozialisation hatte Petra in Marburg. Sie beteiligte sich an einem Kinderdings und später in Hanau an einem Dritteweltdings. Da waren Jiménez, Zaimoglu und ich aufgetreten, wir hatten den Laden gesprengt. Nun war Petra süchtig nach unserer Energie, sie wollte unbedingt ein „Anschlussprojekt“. Sie stellte uns Superhonorare in Aussicht, die Petra aus einem öffentlichen Topf fischen wollte. Die Sache war nicht koscher, Petra ersehnte mich als Komplizen – den Steuerzahler linken als politische Maßnahme. Das war Petras Plan.

Ich wurde immer reservierter, so wie Petra sprachen uns Leute an, die uns für „Lümmel, Nigger und Straßenköter“ (zitiert nach „Stimmenrausch“, dem Organ der Linksrassisten) hielten, die die Kultur gekapert hatten. Solche wollten kapieren, wie man die Prisen einstreicht. Die sahen einen so gemeingefährlich von unten nach oben an. Die Wahrheit war: die Petras hatten Ämter und Funktionen erfunden oder eingenommen, die reisten kommod auf dem Multikulti-Ticket. Hätte es uns nicht gegeben, wäre ihre Witzlosigkeit monströs sichtbar geworden.

Petra leistete „der urbanen Multi-Kultur“ nach Kräften Vorschub. Sie zwinkerte mir zu. Sie füßelte, ich trat auf einen Fuß. Sie sagte: „Bis 1989 war das Zusammenspiel verschiedener Kulturen in (West-)Deutschland reibungsärmer.“

Zaimoglu und ich sangen davon ein Lied, seit wir von den lyrischen Linksrassisten in Prenzlauer Berg fast täglich bedroht, belehrt und beleidigt wurden. Die waren vollkommen gaga. Zu denen gehörte ein anonym-cholerischer Kapitalismuskritiker, den wollten wir zuerst identifizieren.

19.8.2015

Feridun Zaimoglu XXI

Kombattant im Kulturkampf XXI

Feridun Zaimoglu las mit Jana Simon um die Wette. Die beiden trafen sich in einer extremen Perspektive

Thomas Meinecke und Joachim Lottmann bestanden auf Zuständigkeit für Themen, die in den guten Zeiten des Kursbuchs zum westdeutschen Diskurshype taugten. Sie kontrollierten den Mittelstand. Ihre Prosa wirkte wie ein Radar, der Erneuerungsphänomene erfasste, die dem regulären Lauf der Dinge Energie zuführten.

Akustische Textaufnahme ist nicht jedermanns Sache. Die meisten Leute reden lieber selbst. Um sich was erzählen lassen zu können, muss man Eigenschaften so kultivieren wie eine Landschaft. Das Urwüchsige bleibt auf der Strecke. Auch das innere Gelände muss gerodet und mit Disziplin eingefriedet werden. Fortgeschrittene kontrollieren ihre Körpersprache. Sie stellen die Mimik ein und erscheinen undurchsichtig.

Das sieht man manchmal bei älteren Männern, wahren Loriotgestalten, die sich während einer Lesung vor der Umgebung abschließen, als wollten sie das mit ihrer Anwesenheit dokumentierte Interesse in der Art, anwesend zu sein, dementieren. Pensionierte Studienräte könnten sie sein oder Richter im Ruhestand. Ich stelle mir vor, dass sie auch dann mit Krawatte zu Tisch gehen, wenn sie allein essen.

Solche Leute traf man im letzten Jahrtausend im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters bei Veranstaltungen, die im Ganzen ein Publikum anzogen, das offenbar von jedem zeittypischen Gestaltungsaufwand verschont bleiben wollte. Die Termine gingen in prosaischer Foyeratmosphäre wie Kurkonzerte über die Bühne. Ein Schauspieler las aus einem Roman und damit hatte sich das.

Eines Abends las Michael Thomas aus „Januar“ von Iris Jiménez. Die Geschichte findet unter einem Wildlederhimmel statt. Am andalusischen Anfang kämpft ein wilder Hund mit einem Hofhund. Ein aristokratischer Salon-Republikaner auf der Flucht beobachtet den Kampf in Erwartung der Niederkunft einer zur Schwägerin aufgestiegenen Magd. Seine Empfindungen sind rustikal wie Eichenmöbel. Sein Bruder, der Edelbauer, ist verschollen. Francos Spanien ist ein Sack voll schmutziger Geheimnisse. Der Waffengang hat die Gesellschaft einen Blick auf ihren Grausamkeitsvorrat werfen lassen. Abgestiegener Adel arrangiert sich mit Emporkömmlingen, die in der franquistischen Etappe reich wurden; während andere „Sieger“ sich als Hanswürste im Rinnstein wiederfinden: wie jener Schuhputzer aus Salamanca, der seinen Namen mit einem „del“ eigenmächtig aufwertet. Mit dem Groll des Vaters in den Fäusten, gewinnt ein Sohn seinen ersten Kampf. Ein verfemter Arzt liest Romane in der leeren Praxis. Die Bäuerin gebiert, der Schwager tritt an die Stelle des Gatten. Er stirbt „kerngesund“ nach einer Zeit sturer Leidenschaft. Man war füreinander nicht vorgesehen gewesen, die sozialen Reflexe hatten auf der ganzen Linie versagt und folglich etwas Unerhörtes zugelassen.

Thomas zog die Wucht aus den Wörtern und zeigte sie vor. Das war ein Kraftakt, der Adern hervortreten ließ. Ich saß neben Iris, die zum Erbeben gut roch und nicht zeigen wollte, wie entzückt sie war, sich in einer anderen Sprache und Stimme zu hören. Am nächsten Abend las sie selbst in der „Alten Patrone“ am Judensand. Nach ihr traten Meinecke und Lottmann auf. Beide bestanden auf Zuständigkeit für Themen, die in den guten Zeiten des Kursbuchs zum westdeutschen Diskurshype taugten. Sie kontrollierten den Mittelstand. Ihre Prosa wirkte wie ein Radar, der Erneuerungsphänomene erfasste, die dem regulären Lauf der Dinge Energie zuführten.

Lottmanns Ende der Achtziger erstmals publizierter und damals sehr gelobter Roman „Mai, Juni, Juli“ war gerade noch einmal erschienen. Lottmann haderte mit sich und dem Podium. Zu seinem Personal gehörten „falsche Konfirmanden“, „real existierende Trauerklöße“ und „prä-pubertierende Individual-Anarchistinnen“, kurz „Krüppel im Krebsgang“.

Meineckes Helden kannten solche Leute auch, aber sie gaben sich mit ihnen nicht ab.

Christa und Gerhard Wolf
Oma und Opa - Christa und Gerhard Wolf

Das Veranstaltungsmotto lautete: „Kanaken, Ossis und andere Deutsche“. Zaimoglu las mit Jana Simon um die Wette. Die beiden trafen sich in einer extremen Perspektive. Ein paar Tage zuvor hatte ich Simons Opa besucht, der in der Steinzeit des literarischen Prenzlauer Bergs der neuen Lyrik publizistische Beine gemacht hatte, zu befragen. Simon las aus „Denn wir sind anders“. Sie erzählte, dass Ostberliner Gangs ihre Rituale aufeinander abstimmten. Hooligans, die eine DDR-Kindheit verband, grüßten sich wie „Ethnokids“ im Westberliner Melting Pot. Ich machte mir Notizen, in Zaimoglus „German Amok“ gab es Stichworte für eine exquisite Tirade. Ich war mir nicht sicher, wie gut ihm Iris gefiel. Er konnte sogar mir gegenüber verbindlich bis zur Undurchdringlichkeit sein.

19.8.2015

Feridun Zaimoglu XX

Kombattant im Kulturkampf XX

Feridun Zaimoglu – Von klugen Altvorderen hatte er gelernt, dass Darstellbarkeit ein Schlüssel zum Erfolg ist

Paola machte sich nichts aus Kiezkultur. Sie war eine Vagabundin mit rauen Manieren. Den Wegelagerer der Kunst packte das Tief am Schopf. Doktor Beer war so hingerissen vom eigenen Vortrag, dass er die wütende Paola kaum bemerkte. Der Dozent dozierte im Ledermantel. Er dozierte über „Torsi auf Sackleinen“ von „Finnland“ Orkan.

Orkan nannte sich ernsthaft „Finnland“. Er war der einzige bildende Künstler unserer Putztruppe, sah man von Zaimoglu ab, den ich als Maler nicht wahrnahm.

Die High Noon-Vernissage war eine Klapptischangelegenheit mit Saft und ein paar Gutwilligen. Den Leuten, die im Sturm ihre Einkäufe davon trugen, stand man im Weg. Nicht, dass Beer und „Finnland“ das interessierte. Im Weg zu stehen und seltsam zu erscheinen war ihr Plaisir, da waren die stolz drauf. „Finnland“ lebte erst drei Monate am Kollwitzplatz. Trotzdem hatte er es geschafft, den verpeilten Organisatoren der „Kiezkultur am Kollwitzplatz-Initiative“ seine Beteiligung einzureden. Nun stahl „Finnland“ den indigenen Ausstellern die Schau. „Finnland“ war so türkisch wie ein Pole, er hatte sich selbst zum Türken gemacht, ursprünglich aus Liebe. Die Liebe war gegangen, doch „Finnland“ war Türke geblieben. Er hatte Beer einen solchen biografischen Bären aufgebunden, dass Beer jetzt intellektuell auf den Göbekli Tepe und durch das Frühneolithikum stieg und von daher Verbindungen zu „Finnlands“ Kunst zog. „Finnland“ behauptete, aus der Gegend von Urfa zu stammen und in seiner Kindheit von steinalten Pfeilern fasziniert („angesprochen“) worden zu sein, die er damals schon (angeblich intuitiv) als vorgeschichtliche Kultgegenstände identifiziert hatte. „Finnland“ war noch nie in der Türkei gewesen. Mir gefiel seine Ethnisierung. „Finnland“ war wahnsinnig genug, unsere Sache voranzutreiben.

Paola teilte den Himmel in windhell und sturmdunkel. Sie drohte mit Sintflut. Beer schlug einen Bogen vom Neolithikum zur Funktionsmoderne. Die Huberei machte ihn blau. „Finnland“ stand da wie eine Statue und fand alles richtig. Die anderen Kollwitzplatz-Künstler produzierten lange Gesichter. Sie bildeten einen komischen Verein, der den Verkehr aufhielt.

Räder aller Gangarten weideten auf dem Pflaster. Paola ließ Luft aus Ballons, die an eine Feuerwehrautoleiter gebunden waren. Dem Tief waren für Donnerwetter und Wolkenbruch inzwischen genug Leute auf der Straße. Mütter flüchteten mit der Brut in einen Art-Truck von Mercedes. Mutierte Gießkannen begrüßten im Laster Genmanipulationen. Vielleicht waren sie auch gegen Genmanipulationen aufgestellt worden. Das war doch völlig egal. Die „Künstler“ waren blöd genug, sich bedeutend zu finden. Wären sie wenigstens wirklich wahnsinnig gewesen. So wie „Finnland“ und sein Dozent Doktor Beer.

Gerd Pappnasse triefte vorbei. Ich dokumentierte die Vorgänge um „Finnland“ für das KA-Archiv. Von klugen Altvorderen hatten Zaimoglu und ich gelernt, dass Darstellbarkeit ein Schlüssel zum Erfolg ist. Heiner Müller hatte zu uns gesagt, da war er fast schon ein toter Dichter: „Jungs, ich bau auf euch. Bleibt auch betrunken nüchtern. Schreibt einfach alles auf und alles wird gut.“

16.8.2015

Feridun Zaimoglu XIX

Kombattant im Kulturkampf XIX

Feridun Zaimoglu wurde bedroht und angegriffen

Ein gutes Beispiel für ethnische Komplexität liefert Hasan Dewran, Jahrgang 1958. Er gehört zu einer Gruppe, die in Siedlungsgebieten der kurdischen Minderheit eine Minderheit bildet. Erst in Deutschland lernte er Zazaki, die Sprache seines Volkes.

„Die sogenannten Ghettos“, sagte Zafer Senocak, „sind doch nichts anderes als zweite und dritte Ligen, in denen die Verlierer der Konsumgesellschaften landen, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit.“

Renan Demirkan behauptete, erst mit ihrem literarischen Debüt in „die Gruppe der Ausländer“ gerutscht zu sein. Ihr zweites Buch, „Die Frau mit Bart“, Kiepenheuer & Witsch 1994, bleibt ohne Hinweis auf die türkische Herkunft. Der Sound der westdeutschen Siebziger klingt darin an: das alte Lied von der Selbstverwirklichung und den Heilkuren mit strahlenden Steinen.

Senocak formulierte unsere Position, die lyrischen Linksrassisten vom Prenzlauer Berg rannten dagegen an. Zaimoglu und ich lachten uns schief, wir nannten das Syndikat um Gerd Pappnase „Pfeifer“. Der oberste Gassenhauer der „Pfeifer“ war ein Geck namens Günther. Monatelang lief der Günther hinter mir her. Ich glaube, er hätte lieber bei uns mitgemacht. Die Berliner Laborsituation wurde von der avancierten Migration früh gesehen und literarisch sondiert. Unsere Angebote zur Kodifikation ungeregelter Situationen im türkisch-deutschen Alltag liefen leer. Die deutschen Gegenstellen oszillierten zwischen Indifferenz, Abwehr und Folkloreerwartungen.

Wir waren immer noch scharf auf die Berliner Volksbühne – Migrantentheater in Brechtmanier. Sozialistischer Realismus in Farbe. Kanakster der Nacht sprühten „Heiner Müller ist einer von uns“*auf die Fassade des Berliner Ensembles. Ich hätte für Müller jederzeit Emine Sevgi Özdamar dem Prenzlauer Berg überlassen. Mir wurde schlecht, wenn sie wieder einmal jemand als „kulturelle Grenzgängerin“ und Verursacherin von „Schwellenliteratur“ bezeichnete.

*In Mecklenburg-Vorpommern wurde der heranwachsende Müller zum “Ausländer”. Die Racker vor Ort fesselten den Zugezogenen an ihre Marterpfähle und vergaßen ihn da. Sie rannten zur “Vierten Mahlzeit”. Die Fütterung der Raubtiere am Nachmittag war Müller unbekannt. Er kannte die “Vierte Mahlzeit” nicht, er war Außenseiter wie Zaimoglu.

Ein gutes Beispiel für ethnische Komplexität lieferte Hasan Dewran, Jahrgang 1958. Er gehörte zu einer Gruppe, die in Siedlungsgebieten der kurdischen Minderheit eine Minderheit bildete. Erst in Deutschland lernte er Zazaki, die Sprache seines Volkes. Er sah sich in einer Linie mit Heinrich Heine und Joseph Conrad.

Selim Özdogan - deutscher Autor/türkischer Staatsbürger
Selim Özdogan - deutscher Autor/türkischer Staatsbürger

„Man muss anfangen, neue Maßstäbe zu setzen“, verlangte Selim Özdo?an, Jahrgang 1971. Er wurde in Köln geboren. Trotzdem blieb Özdo?an Türke, mit der Konsequenz türkischer Wehrdienst. Zugleich sagte er:

„Ich schreib auf Deutsch, wie kann ich da behaupten, türkischer Autor zu sein.“

So ungerade waren die Zustandsbeschreibungen, zog man die Folie summarischer Betrachtungen ab. Özdo?an war in einer Person türkischer Staatsbürger und deutscher Schriftsteller. Seinen Standpunkt machte er zum Spitzentitel: „Die beste Rache ist ein gutes Leben“.

Im Gegensatz zu Özdo?an behauptete Renan Demirkan, erst mit ihrem literarischen Debüt in „die Gruppe der Ausländer“ gerutscht zu sein. Ihr zweiten Buch, „Die Frau mit Bart“, Kiepenheuer & Witsch 1994, bleibt ohne Hinweis auf die türkische Herkunft. Der Sound der westdeutschen Siebziger klingt darin an: das alte Lied von der Selbstverwirklichung und den Heilkuren mit strahlenden Steinen.

Ich präsentierte Zaimoglu als Anführer einer neuen Putzfraktion*.

* In der Tat besitzt Joschka Fischer eine ähnlich extreme Wandlungsfähigkeit, seit er von der Putzfraktion des Frankfurter Häuserkampfes über die Alternativszene bis zum geopolitisch ambitionierten Staatsmann emporgestiegen ist.

Aus der Berliner Zeitung vom 21.09.1998

Ich schrieb:

„Zaimoglu könnte gut und gern der nächste deutsche Außenminister werden.“

Ich will das nicht verschweigen. Für viele Kanakster verrauchten die Überschüsse an Möglichkeiten. Manche verrauchten ihre Überschüsse selbst. Ihre Chancenlosigkeit in der Mehrheitsgesellschaft kam als Drohung an. Aus ihren Reihen rekrutierten sich die üblichen Verdächtigen.

„Na und“, sagte Zaimoglu in einer Kreuzberger Bar. Er trank auch morgens um drei Kaffee. „Ohne diese Kanaksubidentitäten wären wir doch aufgeschmissen.“

Ich schrieb einmal wieder: Deutsche Schriftsteller mit herkömmlichen Biografien sind oft gezwungen, ihre Sprachempfindlichkeit literarischen Allgemeinplätzen auszuliefern. Sie haben kein Thema, das die Gesellschaft erreicht. Das mag den befriedeten Verhältnissen geschuldet sein, die ihre Hintergründe abgeben.

Ihre Umgebung war ruhig. Das konnte man von unserer Umgebung nicht behaupten. Wir wurden bedroht und angegriffen. Wir nahmen das als Beweis, richtig im Beat zu sein.

12.8.2015

Feridun Zaimoglu XVIII

Kombattant im Kulturkampf XVIII

Feridun Zaimoglu erklärte Berlin-Mitte zum Aufmarschgebiet der Poesie

Volksbühne
Volksbühne

Sturm und Übernahme – Zaimoglu schwebte die Volksbühne als Hochburg vor. „Wir inszenieren jetzt selber und zwar im großen Stil.“ Natürlich brauchten wir ein respektables Haus und keine Klitsche.

Die Lyrikabteilung von Kanak Attak erreichte Stadtmitte. Stadtmitte gab es nur einmal in Deutschland und zwar am Fuß des Prenzlauer Bergs.

Zaimoglu erklärte Berlin-Mitte zum Aufmarschgebiet der Poesie. Er verlangte Sturm und Übernahme, er dekretierte. Er blieb gemütlich in Kiel. Urbanität ist Kopfsache, dafür braucht man keine Großstadt, abgesehen von Istanbul.

Mara lebte damals schon in Amerika, sie besuchte mich in Frankfurt am Main. Wir flogen nach Berlin wegen einer Sache an der Volksbühne.

Sturm und Übernahme. Zaimoglu schwebte die Volksbühne als Hochburg vor.

„Wir inszenieren jetzt selber und zwar im großen Stil.“

Natürlich brauchten wir ein respektables Haus und keine Klitsche. Kombinationen von Migration mit Alternativ/ Sparte/ Nische waren alte Mode. Über der Volksbühne sollte die Fahne von Kanak Attak wehen.

Mara und ich trafen Zaimoglu in einer Kneipe an der Knaackstraße. Am Tresen stand der Ostlyriker Gerd. Wir nannten ihn Pappnase.

„Guck ma, Texas“, sagte Mara, „da steht Pappnase.“

Mara nannte mich „Texas“ nach dem Lone Star State. Zaimoglu und Pappnase ignorierten sich demonstrativ. Für Pappnase war Zaimoglu nicht „echt“. Im Gegenzug formulierte Zaimoglu: „Das ist doch die Kreatur von dem Anderen. Du weißt schon, wen ich meine. Diesem Eumel, der mit ner Walser tanzt.“

Pappnase war Cheflyriker eines Ossi-Kranzes, der bei uns „Pfeifer“ hieß. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir auf „Pfeifer“ kamen. Die „Pfeifer“ hatten interessante Spaltungen. Die hielten Hools in ihren Reihen und brachten Linkssein mit Rassismus in Einklang. Dann gaben sie gleich wieder den ostlinkskorrekten Max im Plural an der Volksbühne.

Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen. Es ging soweit drunter und drüber, dass mancher als Punk aufwachte und als Skin einschlief. Wie gesagt, die „Pfeifer“ waren fabelhaft gespalten. Mara hatte Literaturwissenschaftler und Soziologen ihrer Universität darauf hingewiesen, es gab bereits Untersuchungen.

Die „Pfeifer“ bildeten ein in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet (dem Prenzlauer Berg) marginalisiertes Milieu. Das Milieu funktionierte nur noch in Kneipen, aber da war es gut zu hören. Meine Idee war, unter dem Titel „Deutsche Einheit“, die Ostdichter mit ethnisch differenten Dichtern unter einen publizistischen Hut zu bringen und so aktuelle Abweichungsformate darzustellen. Kurz erwog ich, Pappnase darauf anzusprechen, Mara, die meine Gedanken lesen konnte, riet mit einem Blick davon ab.

„Das ist kein Freund von uns“, sagte sie.

„Aber für nen Feind ist Pappnase nicht kuhl genug“, gab ich zu bedenken.

„Da kann man doch was drehen“, warf Zaimoglu ein. Er litt unter dem schlechten Kaffee in der Kneipe. Kahve ve sigara – Coffee and Cigarettes, Jim Jarmusch machte später einen Episodenfilm, der so heißt wie Zaimoglu lebte. Dem Mann war kein Bier beizubringen.

9.8.2015

Wolfgang Ferchl
Wolfgang Ferchl fiel Zaimoglus erstes Manuskript in die Hände
Feridun Zaimoglu XVII

Kombattant im Kulturkampf XVII

Feridun Zaimoglu – Im Kampf der Kunst gegen die Kultur stand er einen historischen Augenblick an erster Stelle

Eben habe ich eine Zaimoglu-Pressemappe durchgesehen, die 1999 kursierte. Die Zuschreibungen kollabieren im Furor blinder Begeisterung und Verständnislosigkeit. Die Rezeptionsorgane waren auf Zaimoglu nicht vorbereitet, er traf sie wie aus dem Nichts.

„Ich bin nun mal keine starre Kreatur mit einer ewigen Sprechblase überm Haupt. Die einen sehen in mir einen Retter in der Not, die anderen einen flotten Straßengelehrten. Wieder andere hassen mich wegen meines losen Mauls. Ich war immer schon eine krause Figur.“

Die meisten hätten „krass“ gesagt und so Zaimoglus Spieltrieb heruntergespielt. Die Gemeinde, deren Sprecher Zaimoglu war, gab es nicht. Sie erschien trotzdem auf dem Schirm der Kritik als besonders wirkungsvolle Imagination. Drei Türken bei einer Zaimoglu-Lesung – und schon hatte man, was man wollte vom Ghetto bis zur Avantgarde. Das war ein magischer Vorgang. Die implodierte Mehrheitsgesellschaft dominierte mit ihren verwachsenen Fußnägeln, der Zahnseide im Rucksack und dem gedimmten Programm zum lebenslangen Feierabend jede Zaimoglu-Veranstaltung, hielt sich aber für den Zaungast, der jetzt mal etwas sehr Spezielles zu gucken kriegt.

Ich habe mich oft gekringelt. Immer stand einer auf und verkündete, nicht zu wissen, woran er sei. Immer sagte einer: „Man kriegt dich nicht zu fassen.“

„Entweder bin ich ein koketter Widerling, der sich unter keine Schablone legen will, oder einfach der Kastendeubel. Das zu entscheiden, liegt im Ermessen des Betrachters.“

Zaimoglu wollte nicht „nur“ Schriftsteller sein: „In diesem Land ist es so eine Sache mit der Seriosität. Man darf von Amts wegen nur eine einzige Disziplin ernsthaft betreiben. Hat man es mit zwei Talenten einigermaßen zum Künstler gebracht, gilt man als doppelbegabt. Das ist das höchste der Gefühle. Ich werde sprachlos, wenn man mich fragt, was nun meine eigentliche Profession sei: die Malerei oder das Schreiben oder die Politattacke oder die Musik oder der Film. Verdammt, für wie provinziell haltet ihr mich? Ist mir doch egal, wie der Verstand des Kleinbürgers pfuscht. Die Funktionshuber müssen endlich begreifen, dass man als Kunstschaffender heute keine Strikttrennungen mehr vornimmt wie zu Kaisers Zeiten. Am Ende zählt nur die Qualität der Bilder, der Bücher, des belichteten Materials.“

Im Kampf der Kunst gegen die Kultur stand Zaimoglu einen historischen Augenblick an erster Stelle. Seine Autonomie gestattete ihm ständige Kollaborationsbereitschaft. Er nahm alles auf und jedes Angebot zur Zusammenarbeit an. Er suchte die Heißsporne unter den Nicht-Implodierten, das Dauerfeuer und die kuhle Erregung. Er machte so weiter wie er angefangen hatte: mit einem Manuskript, das ohne Anschreiben abgeschickt worden war, um Wolfgang Ferchl (damals „Rotbuch“) in die Hände zu fallen. Eine Parole lautete: Scheiß auf schnieke, was schick ist, bestimmen wir.

2.8.2015

Feridun Zaimoglu XVI

Kombattant im Kulturkampf XVI

Feridun Zaimoglu – Am Anfang war das Wort, das man nicht kannte

Aysel Özakin deutete Entwurzelung als universelles Daseinsmerkmal in Industriegesellschaften. Aras Ören, Kemal Kurt, Güney Dal nahmen der Migrantenliteratur ihre Randständigkeit. Ich stellte fest, dass Zaimoglu das Programm der Avancierten nicht fortschrieb.

Kemal Kurt
Kemal Kurt

Osman Engin, Jahrgang 1960, melkt den Witz der Kommunikationsstörungen, kultureller Mißverständnisse, Ohnmachtserfahrungen auf Ämtern. Engin voran ging Sinasi Dikmen, Jahrgang 1945. In Dikmens Geschichten steckt wie Marzipan im Mandelhörnchen ein Erfahrungskern der Gastarbeiter. Am Anfang war das Wort, das man nicht kannte. Von der Sprache ausgeschlossen zu sein, in der herrschende Verhältnisse durchgekaut wurden, war eine schwere Lektion früher Deutschstunden. Sie zwang in eine Spannung, auf die Vereinzelte mit Kunstversuchen reagierten. Den ersten Schock verlängerte die Erfahrung, dass mit dem Erwerb der zweiten Sprache oft ein Verlust der ersten Heimat einherging. Eine Fremdheitsvertikale pfählte artistische Durchgänge noch, als vielen schon klar war, dass Deutschland den Schauplatz für das Weitere abgeben würde.

Migration ist andauernd. Man versteht korrespondierende Kunstanstrengungen nie nur als autonome Äußerungen, sondern immer auch als Komponenten eines Bewältigungsmoduls. Der sozialen Befrachtung verdankte Zaimoglu einiges. Er nutzte sie aus und rannte dagegen an in einem Doppelspiel, das manchen verwirrte. Zweifel mobilisierten eine Suche nach dem wahren Zaimoglu – am liebsten so eindeutig und „authentisch“ wie die Mehrheitsvorurteile.

Eine Phalanx unbefangener Erzähler hatte sich in den Siebzigerjahren im Dunst ethnischer und politischer Verzweigungen formiert. Das Reservoir füllten zugezogene Angehörige von Minderheiten in der Türkei oder sonst wo. Das Drastische der Geschichten verbarg sich gern im Ungeschick, die Prosa holperte. Unter Zuckergüssen aus Gefühlsworten flüchtete man zu antiken Floskeln. Ich erinnere an Saliha Scheinhardts „Drei Zypressen“, Express Edition 1984. Fortschritt kam mit eingewanderten Intellektuellen, die nicht erst im Deutschlanderleben zur Literatur fanden. Aysel Özakin deutete in „Die blaue Maske“ (Luchterhand 1989) Entwurzelung als universelles Daseinsmerkmal in Industriegesellschaften. Aras Ören, Kemal Kurt, Güney Dal nahmen der Migrantenliteratur ihre Randständigkeit.

Ich stellte fest, dass Zaimoglu das Programm der Avancierten nicht fortschrieb. Dass mit ihm nichts weiterging, vielmehr Zaimoglu sein eigener Anfang und daran nichts Allgemeines war. Zaimoglu stritt auf Podien mit Autoren, die ihn als ihren Erben und sich als seine Paten sahen. Die Darstellung einer Traditionslinie und ihre Verlängerungen in der Generationenfolge (eine Weitergabe des Stabs) war für die einen konstituierend, sie konnten sich in der geistigen Welt nicht anders denken, für den anderen aber egal.

Alle Schriftsteller sind Vereinzelte und ihre erste Heimat ist die Literatur. Zaimoglu garantierte Klarheit an dieser Stelle. Die Rezeption zeigte sich trotzdem blind. Man sah das Offensichtliche nicht, man zappelte an einer Leine der Agitation. Als hätte Brecht nie den Arbeiter gespielt.

Zaimoglu über den Frankfurter Häuserkampf und die Spontis:

„Was von unten kam, meinetwegen geduckter Mittelstand, wollte nicht immer nur bei Blockaden die Wasserfontäne abkriegen oder mit ner Widerstandsknarre im Unterschlupf hocken. Ich hab aber Achtung vor den Ausharrern. Es ist nichts einzuwenden gegen ausgeklönte Gegenmodelle und Rückzüge hinter die vertrauten Schanzen.

Ich red hier nicht als Lackfuzzi des Systems, ich red hier von der Notwendigkeit, gleich am Anfang einer Offensive die feinen Manieren hochzuhalten.“

1.8.2015

Feridun Zaimogl XV

Kombattant im Kulturkampf XV

Feridun Zaimoglu schickte ein Kulturbrückensprengkommando los

Während deutsche Verhältnisse für uns kaum Geheimnisse bargen, wussten Gegenspieler wenig bis nichts von unserem Hinterland: den familiären Enklaven auf zwei Kontinenten.

Spontis
Spontis

Wir waren im Vorteil. Mara wurde selten hämisch, sie konnte aber hämisch werden, sobald einer den Schwanz einkniff. Sie sagte: „Viele behaupten, sie seien so com-pe-ti-tive, aber wenn es jemand wirklich wissen will, laufen sie gleich weg.“

Wir verfügten über eine flottierende Anschauung von Herkunft und Differenz wie über einen Trumpf, der alles stach. Die Szenen, die sich aus den Herkunfts- und Generationszusammenhängen ergaben, waren an sich blass. Man musste ihnen Farben erfinden und sie wie Schwimmerinnen dopen, damit sie was hergaben und nach was aussahen. Die Erkenntnis setzte sich durch: Wir brauchen keine Freunde. Wir brauchen farbenfrohe Feinde.

Zaimoglu bat mich, Feinde aufzutreiben. Er hatte in Maßen Knatsch mit Benjamin von Stuckrad-Barre und Wiglaf Droste, der als Iglaf Borste semi-literarisch wurde. Die beiden brachten es aber nicht. Im Grunde ihrer Herzen wollten sie kuscheln. Sie waren neidisch auf jede ethnische Differenz.

Die Türkeiwahrnehmung der Kanakster fächerte sich vom Urlaubsziel über die poetische Fundgrube bis dort hinaus: einschließlich Verfolgung und Unterdrückung.

Abstammung als artistisches Agens – das kam vor, war aber nicht bildbestimmend bei Autoren, deren Eltern in der Türkei sich der Mehrheitsgesellschaft zurechneten. Da kam keine Kunst aus Spaltung und Abweichung. Diese Leute brauchten von den Deutschen keinen Segen. Manche spielten mit den Vermutungen zu Devianz & Delinquenz, dem Aleman ließ sich viel erzählen. Neben Autoren, die in Deutschland geprägt worden waren, produzierten Kollegen derselben Generation, die erst als Erwachsene nach Deutschland gekommen waren. Das Selbstverständnis im Einzelfall zählte.

„Ich bin Türkin, aber auch Deutsche“, sagte Zehra Cirak, Istanbulerin von Geburt. Aufgewachsen in Karlsruhe. Zuhause in Berlin. Sie träumte von einer „Mischkultur zwischen französischer Küche und japanischem Kino“.

Immer noch wurden ethnische differente Kunstschaffende als Kulturbrückenpioniere begrüßt. Offenbar sollte der Migrantennachwuchs der Frage nach gesellschaftlicher Relevanz von Literatur mit dreißigjähriger Verspätung endlich positiven Bescheid erteilen. Ein Kultusminister entdeckte „eine Poesie im Dienste der Völkerverständigung“. Wir begriffen das als einen Versklavungsversuch der Poesie und delegierten ein Kulturbrückensprengkommando.

„Deutsch ist die Sprache, in der ich mich zu meiner Zufriedenheit ausdrücken kann“, sagte Nevfel Cumart. Er rechnete seine Gedichte ohne Wenn & Ach zur deutschen Literatur. Das hielt ihn nicht davon ab, sein türkisches Erbe in die Pflicht zu nehmen, Bilder abzuwerfen.

Immer wieder sprach man Zaimoglu wie einen Verbandsvorstand an. Er gab sich Mühe: „Bevor man sich über sendungsgeschwängerte Plattenleger und rumänische Spike Lees ausschüttet, sollte man sich daran erinnern, wie die Politik hierzulande auf den Hund kam. Da waren zum einen die spontanen Kämpen, deren erklärtes Ziel es war, Struktur zu brechen. Während sie sich vom Pamphlet zum Manifest hochhangelten, saß die Sympathiegemeinde in Komitees fest. Der subversive Generalstab machte sich erst einmal ein Bild vom Klassenfeind.“

Frankfurt am Main war Hochburg der arrivierten Spontis – vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer. Spontis hatten die Grünen gekapert, ein Schimpfwort der Siebziger – Realpolitik – salonfähig und die Partei zum Vizekanzlerwahlverein gemacht. Ihre Schweinereien sah man ihnen nach, sie genossen Milieuschutz. Genug Leute konnten sich gegenseitig hochgehen lassen. Zaimoglu fand die Szene babylonisch, er kam gern nach Frankfurt. Frankfurt war die Stadt, in der Dinge in Deutschland auf den Punkt gebracht wurden.

24.7.2015

Feridun Zaimogl XIV

Kombattant im Kulturkampf XIV

Feridun Zaimoglu war eine „Lunte am Explosivkörper Migration“

Für die Beflissenen war Zaimoglus Ethnopop bloß Polit-Travestie. Sie sahen in Zaimoglu und Konsorten eitle Gecken. Der flotten Kanaille war das egal, sie überbot sich in der Kunst steiler Formulierungen. Wir brachten es dahin, von der Frankfurter Rundschau als „Lunten am Explosivkörper Migration“ eingestuft zu werden.

Solche Formulierungen jubelten wir Redakteuren unter, die uns ernsthaft für Beauftragte der Straße hielten. Das Ghetto wusste genau, wer Straße war, die Einfalt des Kulturbetriebs bleibt unfassbar. Zaimoglu hatte eine Kunstfigur namens Feridun Zaimoglu geschaffen, er war der Regisseur einer Inszenierung, die bundesweit über die Bühne ging und am besten als Oper zu begreifen gewesen wäre.

Doch niemand begriff.

Meine erste Suhrkampveröffentlichung verdanke ich einer Verwechslung mit Zaimoglu. Natürlich konnten mich die Lektoren, die nach einer Doppellesung nicht zu dem von seinen Leuten eingemauerten Zaimoglu durchdrangen, physisch unterscheiden, sie hielten mich aber für eine Dublette, die man genauso gut abgreifen und eintüten konnte. Im Gegenzug wurde mein „Morgen Land“ Zaimoglu zugeschrieben.

Zu der Anthologie hatte mich „Acid“ angeregt. „Acid“ war in meiner Jugend ein wichtiges Buch gewesen, die Streu trennte sich vom Weizen bei der Ausgabe, die man besaß. Die „Acid“-Herausgeber Brinkmann und Rygulla hatten dem Feuilleton zu der Neunundsechzig neuen amerikanischen Literatur Schlagwörter geliefert. Pop. Underground. Neue Sensibilität. Brinkmann und Rygulla kollaborierten lyrisch und in Prosa.

17.7.2015

Feridun Zaimoglu XIII

Kombattant im Kulturkampf XIII

Feridun Zaimoglu – Er war ein Enzensberger, immer einen Schritt schneller und einen Spagatsprung beweglicher als der Rest

Für die Staatsumstürzler in der Diaspora war Zaimoglu der „Kackkulturbengel“ oder „Kulturnegerlümmel“, die sprachen über die fiesen Listen des Feuilletons – dass Zaimoglu den Redakteuren volle Kante in die Falle gegangen sei. Das Gegenteil traf zu. Die Redakteure waren Zaimoglu auf den Leim gekrochen, er wickelte alle ein. Er spielte seine Rollen wie Enzensberger einst.

Hans Magnus Enzensberger
Hans Magnus Enzensberger

In den türkischen Akademikerverbänden war Zaimoglu „einer von uns, der es hier geschafft hat“. Das „hier“ war wichtig, die Akzeptanz der Mehrheitsgesellschaft. Diese Bedürftigkeit verursachte Zaimoglu Brechreiz. Der türkische Mittelstand hatte in Deutschland Imageprobleme. Da gab es genug Leute, die auf ihre eigenen Leute herabsahen und sie überhaupt nicht als ihre Leute ansahen von wegen ben bir türküm. War ich mit Mara in der türkischen Botschaft, bat uns der Botschafter zum Tee in die bel étage, während die Migration Parterre degradiert wurde. Maras Familie hatte neben einem Piraten auch zwei Politiker hervorgebracht, man war wer. Gebildete Türken waren viel gebildeter als normalerweise gebildete Deutsche, die Türken hatten internationale Schulen besucht, bei denen passte Europa in die geistige Westentasche. Die kriegten die deutsche Arroganz gar nicht mit, die waren viel arroganter. Zaimoglu war das nicht. Er hielt sich ans Volk, so war es ihm lieber. Immer gab es die Revoluzzer vor Ort. Staatsumstürzler in der Diaspora, für die war Zaimoglu der „Kackkulturbengel“ oder „Kulturlümmel“, die sprachen über die fiesen Listen des Feuilletons – dass Zaimoglu den Redakteuren volle Kante in die Falle gegangen sei.

Das Gegenteil traf zu. Die Redakteure waren Zaimoglu auf den Leim gekrochen, er wickelte alle ein. Er spielte seine Rollen wie Enzensberger einst. Er war ein Enzensberger, immer einen Schritt schneller und einen Spagatsprung beweglicher als der Rest. Zaimoglu wusste, dass er demnächst ganz anders werden musste. Dass eine Selbstneuerfindung anstand. Dass die Kanaksternummer dabei war, alte Mode zu werden.

Man erkannte das an den Nachahmern. Die wurden immer besser. Es kamen die Langsamen und Gründlichen an den Start, die alles noch besser wussten und machten als Zaimoglu. Pech nur, dass sie zu spät kamen. Der schönste Sattel nutzt nichts, wenn das Pferd erstmal tot ist.

Es gab Agenten im Mainstream, die uns sexy fanden, ohne auf Erklärungen besonders scharf zu sein. Den größten Interpetationshammer schwangen die fertigsten Funktionäre.

„Denen bieten wir eine singuläre Exotikfolie. Mal als halbgare Wilde mit Mission, mal als bloßer Haufen, dessen auffälligstes Zeichen es ist, schick angezogen zu sein.“

Die Zeit lief ab, das Deutungsmonopol für „KA“ konnte man gut anderen überlassen. Es wäre unrentabel gewesen, auf etwas zu bestehen. Es kam auch nichts an. Wir hatten vor Windmühlen gepredigt. Zaimoglu war immer noch „türkischer“ Schriftsteller. Blut war dicker als Schrift, das Verhältnis von ethnischer Differenz und kultureller Übereinstimmung wurde stereotyp behandelt. Der Witz war doch, hätte man einen Ostdeutschen unserer Generation neben Zaimoglu gestellt, hätte jeder Unbefangene unwillkürlich die größere Übereinstimmung mit den herrschenden Verhältnissen beim Ossi vermutet und den größeren Abstand zu den herrschenden Verhältnissen bei Zaimoglu. Tatsächlich war es genau umgekehrt. Der Ossi war das U-Boot mit kulturellem Dissens und ohne Hoheitszeichen. Wir hatten den gültigen (westdeutschen) Herrschaftstext verinnerlicht, die Ossis laborierten an ihrem kulturellen Dissens zur Mehrheitsgesellschaft.

Ich sagte zu Zaimoglu: „Das ist das nächste Fass. Das machen wir jetzt auf.“

Bürger gab es, die brachten es fertig, einen im selben Atemzug rassistisch zu beleidigen und moralisch zu belehren. Die mussten einen erst herabsetzen, um sich erheben zu können. Die begriffen überhaupt nicht, wie klein ihr Programm war. Ich zeigte Zaimoglu anonyme rassistische Lyrik, die extra für mich geschrieben worden war.

„Guck mal“, sagte ich. „Da steht „zusammenverrückt“. Zwei Konnotationen, räumlich und wahnsinnig. Da meint einer, die Vereinigung sei für Deutschland nicht gut gewesen. In diesem „zusammenverrückt“ steckt eine konservative Kritik am Status quo und eine größere Übereinstimmung mit den herrschenden Verhältnissen vor Neunundachtzig, als der Dichter vermutlich weiß. Das ist der Punkt, an dem Punkt können wir schrauben. Es geht um den Herrschaftstext. Kunst entsteht in der Lücke zwischen Prägung und entwickeltem Ich. So geht Heiner Müllers „Leben im Material“, anders geht es nicht. Dieser Anonymautor ist alter Ossi, der hat bestimmt mal gesagt: Sozialismus ja, aber nicht mit Honecker. Dem raubt die Gegenwart Identität, Identität kommt vor Effizienz. Der muss sich an Ansichten festhalten, die außer Kraft sind. Der westdeutsche Herrschaftstext ist für den bedrohlich. Deshalb kann er ihn nicht gelten lassen und folglich seinen Abstand dazu nicht korrekt bestimmen. Der schwimmt, der hat Einfälle. Der sitzt einem Kneipentribunal in Prenzlauer Berg vor. Der glaubt, er kann den Vorstellungen seines Kneipentribunals Gesetzeskraft geben.“

„Anonym ist feige Scheiße“, entgegnete Zaimoglu wie ein Staatsmann. „Was ist eine Demokratie anderes als eine Gesellschaft im Streit der Meinungen. Autorisiert werden die Meinungen von den Namen der Streitenden. Ich schätze, unsere Aufgabe besteht darin, den Anonymdichter aus der Anonymität in die Demokratie zu führen. Vielleicht können wir nen kleinen Bruder aus ihm machen.“

Das fand ich dann doch zu optimistisch.

15.7.2015

Feridun Zaimoglu XII

Kombattant im Kulturkampf XII

Feridun Zaimoglu – Keiner konnte so viele Bälle in der Luft halten wie er

Merhamet – Erbarmen war ein wichtiges Wort der internen Debatte. Die einen hatten Merhamet und die anderen waren erbärmlich.

Das Alte am Neuen zu erkennen, ist Chronistenpflicht. Zaimoglu entdeckte der Blenderin Jetztzeit die Rostflecken. Er blätterte Zeitungen im Supermarkt und nahm einen Kaffee im Stehen. Den Barhocker hielt er für „die Reliquie des 20. Jahrhunderts“. Er sah sich um, ein argloser Pflastertreter, konnte man glauben. Das R rollte norddeutsch.

„Ich bin überzeugter Schleswig-Holsteiner.“

„Die alten Männer spielen gern den Paten“, charakterisierte Zaimoglu die ersten Einwanderer in ihrem Herbst.

„Morgens binden sie die Krawatte, vielleicht denkst du, sie gingen ins Büro. Sie gehen aber ins Café. Na und, man hat was vor, das ist das Wichtigste.“

Ihr „niedlicher Heroismus, der Dorfvorsteher-Gestus“ war noch unbeschrieben. Ich verließ mich auf Zaimoglu, dass er dem „Duftreis Vergessen“ einen Textriegel vorschieben würde. Keiner konnte so viele Bälle in der Luft halten wie er. Nach zwei Jahren Komplizenschaft wusste ich immer noch nicht, ob Zaimoglu ein Kind kultivierter Leute oder ein Gossengenie war. Er spielte mit seiner Biografie, alles changierte und kam darauf an, wem gerade der Bär aufgebunden wurde. Zaimoglu fand Verachtung nicht schlimmer als Wohlwollen. Das Wohlwollen war ihm „ein Sumpf, in den man gezogen wird“. Sein bester Freund war waschechter Deutscher. Deutscher ging es nicht. Aber in den Gebieten und auf den Gassen hielten sich alle Ethnos an Zaimoglu als Ober-Ethno. Selbst wahre Gangster und fürwahr militante Kiez-Bürgermeister fühlten sich geehrt von seiner Erscheinung. Er hielt Reden vor Deutschen, die zum Kanakentum konvertiert waren. Er erzählte davon, nicht befreit vom Spott eines uneinholbaren Vorsprungs: „Sie sagen, ich bin ein mischiger Aleman, ich plündere alle Depots, ich bin ein Patron und kein Hipsterficker mit Abocard und Fraktionszwang. Diese Sorte Kanakster sind aufgeflottete Bastarde, man sollte einmal darüber nachdenken, was das bedeutet. Sie sind funky mit Charakter.“

Es ging um kulturelle Teilhabe, ethnische Differenz war wie gesagt ein Ticket. Die Mehrheitsgesellschaft kroch auf Legendenleim. So was konnte sich Zaimoglu in fünf Minuten ausdenken: ne Story, die dann die Runde machte und in öffentlich-rechtlichen Nachrichten Erwähnung fand.

Wir erfanden ganze Subkulturen nur auf Koffein und Nikotin. Im Stehcafé, an einer Bulettentheke. In Berlin oder Amsterdam, das war egal.

Zaimoglu reagierte „auf Menschen, die schräg zur Landschaft eingepflockt sind“.

Tolerante waren ihm suspekt. Sie kamen oft von hinten durch die Blumen. Mit camouflierter Abwehr. Sie konnten nicht einfach Arschloch sagen, für sie war Zaimoglu ein Narziss, dessen Bildungsüberlegenheit ihn glauben machte, er wäre überall mit Abstand der Gescheiteste. Die Toleranten waren oft Gekränkte, die hatten nie irgendwo abgesahnt und waren dann satt und gesegnet wieder abgezogen wie andere Goten oder Vandalen auch. Die Toleranten waren die Männer und Frauen von der Ausländerforschung, die nach Zaimoglu-Lesungen ohne Auftrag referierten. Sie standen auf, um zu reden, vorab sagten sie den Namen und die berufliche Hausnummer. Falls einer doch „Halts Maul“ sagte, waren sie konsterniert, als hätte noch kein Mensch je Halts Maul oder Halt die Fresse zu jemandem gesagt. Als wäre das unerhört. Die Toleranten bewahrte ein didaktisches Verhältnis zu ihrer Umgebung vor Einsicht. Natürlich behaupteten sie die Kulturhoheit und waren noch nie wo gewesen, wo so viel geraucht wurde. Fenster auf, Fenster zu. Wir spielten Spießruten, die Toleranten wollten partout überlegen bleiben. Dabei saugten sie an uns. Wir gaben ihnen Arbeit, Brot und Bedeutung.

Ich fragte Zaimoglu: „Wie fühlst du dich, wenn vor dir die Wände der Dummheit elektrisch hochgehen und du mit deinem merhamet – Erbarmen dagegen läufst?“

Und Zaimoglu sprach: „Bruder, das macht mich zur Narbensau.“

Feridun Zaimoglu XI

Kombattant im Kulturkampf XI

Und Feridun Zaimoglu sprach: „Den Kanaken kannst du dir nimmer aus der Visage wischen.“

Wirkt ein Beschleunigungselement auf die Trägheit der Verhältnisse, entsteht eine Aura. Ich erinnere Veranstaltungen, die bebten wie erregte Jungfrauen. Wir wähnten uns am Vorabend einer Revolution. Zaimoglu war kült –Kult. Alle standen unter tazyik – Druck. Wir hatten kuvvet – Kraft. Es herrschte dostluk – Freundschaft. Kavga – Kampf – war unsere Leidenschaft. Wir waren kampfgeil.

Ya?amak bir a?aç gibi tek ve hür /
ve bir orman gibi karde?çesine /
bu hasret bizim
Nâz?m Hikmet
(Being imprisoned is not the problem. The problem is how to avoid surrender.)

Kemal sagte: „Du zeigst mir eine Route zu meinen Wurzeln. Die liegen hier, nicht in Anatolien. Sie liegen bei dir.“

Die ganze Zeit sei er auf dem Sprung. Jeden Augenblick erwarte er eine herausfordernde Bemerkung. Er fühle sich angedreckt, zum Türken gemacht, wie eine Kreatur aus der Deutschlandretorte.

„Den Kanaken kannst du dir nimmer aus der Visage wischen.“

Ständig füttere man ihn „mit Feindschaft“, er jedoch könne sich „nicht dichtmachen“. Wie seine Freunde, befleißigte sich Kemal einer hausgemachten Minimalphilosophie: „Gedankenzeugs aus Unwirschem“, wie Zampano Zaimoglu nachtrug.

„Aber der Nettogehalt ist prächtig. Darin steckt ein Anfang.“

Auch die Söhne von Diplomaten kamen nun von unten, das war einfach kuhler. Das Unbehagen in einer Gesellschaft, die sich verschloss, sorgte für einen explosiven Ton. Etwas Forciertes steckte darin, wie in jeder sprachlichen Separation. Biblische Bildhaftigkeit und orientalischer Übermut kamen zusammen mit Luftblasenpoesie und Rotwelsch. Eingeladen waren „Bastarde aller Couleur“.

„Wichtig ist, dass meine Prosa Laune macht“, verkündete Zaimoglu. Sie sei „ein Angriff auf die Fettsteißigkeit im Denken der Türken und der Deutschen.“

„Es ist mein Job, ein Stück Fitness in die Modalitäten zu bringen.“

Wer sich mit den Steilheiten in Zaimoglus rabiaten Wortspielen aufhielt, war schon vorher bei Überflüssigem ertappt worden. Zaimoglu passte es in den Kram, die neuen Deutschen als eine Legion undurchsichtiger Verlierer mit Risikovisagen zu stylen. Alle liefen ihm immer genau da ins Meinungsmesser, wo er sie erwartete. Das war der Bogen, den er raus hatte. Er und ich wussten, dass Rassismus nicht unbedingt auf der Kehrichtschaufel rechter Anschauung zum nächsten Misthaufen getragen wurde.

Feridun Zaimoglu X

Kombattant im Kulturkampf X

Feridun Zaimoglu sprach: „Glaubt nicht, dass ihr nur in der Liga der Verdammten auflaufen dürft.“

Mara war zu Besuch, sie kam aus dem Kaukasus, wo die Tscherkessen ihrer Abstammung ursprünglich daheim waren. Wir setzten uns zu dem Rockabilly auf einen Tapeziertisch, der Billywilli verscherbelte kastenweise Bier an die Kulturidioten. Er hatte es nicht einmal nötig, sein Bier kalt zu halten, so verblödet waren diese Idioten.

Tscherkessen – Die Schneewittchen der Tscherkessen waren hochbegehrt als Odalisken osmanischer Herrscher.

Ein Vorwurf lautete, Zaimoglu und seine Epigonen und Glongonen verwerteten die Mitgift der Ursprungsgesellschaften ohne einen kulturellen Mehrwert für Migrantengemeinden zu schaffen.

Zaimoglu ging der Vorwurf nichts an. Er stellte sich jenen entgegen, die „ihr Gekränktsein zum Beruf machen“, um so doch nur auf der Höhe von Erwartungen „als Multikulti-Statisten zu fungieren“.

Zaimoglu wollte die eisernen Klammern türkischer Moralkodizes aufbiegen.

„Lasst die Vereinsmeierei“, hieß eine Parole. „Glaubt nicht, dass ihr nur in der Liga der Verdammten auflaufen dürft.“

Ethnische Begründungen grassierten. Vielen hielten sich an Zaimoglu, weil sie Volksgemeinschaft suchten. Die Tendenz zur Stammesbildung war fatal.

„Man zieht zu gern die Ausländerkarte.“

Wir tagten mit Spezialisten für Identitätsfragen unter der Überschrift „Fremd in der Heimat“ in Heidelberg und Rüsselsheim. Für uns waren diese Leute Krämer. Zaimoglu sprach: „Diese Krämer veranstalten Schnarchlesungen mit echten Türken und hören auf Uni-Campus-Asta-Kulturabenden Türk-Pop vom Tarkan, während Kanakster auf den Straßen der Republik als Komparsen im eigenen Stück für filmreifes Material sorgen.“

Zaimoglu behauptete, sich allein den Aktivisten im KA-Modus verpflichtet zu fühlen. Er begrüßte jede multimediale Aufforderung zum Tanz. Er suchte ein Emanzipationslabel, mit dem sich die Kulturhoheit der artikulierten Minderheiten in Parteien und Verbänden angreifen ließ.

Das Frankfurter Ostend wurde aufgemöbelt. Baumaschinen machten Straßenmusik. Der Hype zur Stunde war verspielter Minimalismus – der Tapeziertisch, fünfzig Kästen Bier und ein Rockabilly, der verächtlich die Marie der Kulturidioten einstrich. Das aktuelle Raumregiment ließ nur noch Kante und Kontur zu. Allerdings gab es überall Netze aus Wäscheleinen unter tropfenden Decken, das war im Augenblick die Kunst. Ganz weit vorne liefen die Leute mit der elektronischen Gegenübertragung. Ich erinnere eine ISDN-Live-Schaltung zwischen einer Frankfurter Lagerhalle (Galerie) und einer Galerie (Lagerhalle) in Hannover. In Hannover saß Zaimoglu und Hiltrud Hampel, die Ex vom Schröder, und redeten was. Man konnte ihnen Frankfurter Fragen stellen. Das Publikum kriegte sich außerdem selbst projiziert zu sehen, angeblich sah so die Zukunft aus. Ausnahmsweise ging es nicht um Integration und Schweißfüße, sondern um Kunst und Fußpilze. Der Witz bei der Sache war eine doppelte Vernissage. So weit war es mit uns gekommen: doppelte Vernissage mit Hillu Hampel-Schröder. Mara war zu Besuch, sie kam aus dem Kaukasus, wo die Tscherkessen ihrer Abstammung ursprünglich zuhause waren. Wir setzten uns zu dem Rockabilly auf den Tapeziertisch, der Billy hatte es nicht einmal nötig, für Kühlung zu sorgen. Die Schickeria soff sein warmes Bindingbier für siebzehn Mark den halben Liter. Das ist jetzt übertrieben. Jemand hielt einen Blutspendeausweis in die Kamera. Fußballergebnisse wurden ausgetauscht.

„Mainz 05 bleibt in der zweiten Liga.“

Dem Reichtum an technischen Möglichkeiten kam die totale Reaktionsarmut entgegen.

Ich sagte zu dem Rockabilly, der gerade Millionär geworden war: „Warmes Bier zu verkaufen, das, mein Sohn, ist eine Unverschämtheit.“

Der Rockabilly entgegnete: „Guck dich nur einmal um, Tuschick. Unverschämtheit ist doch das einzige, was hier geht. Außerdem ist warme Cola viel schlimmer als Warmbier.“

Aber am Schlimmsten ist Cola mit Apfelwein.

9.7.2015

Feridun Zaimoglu IX

Kombattant im Kulturkampf IX

Feridun Zaimoglu – Es gab Leute, die dachten weiter in Richtung Verschwörung und Management

Quadrophenia mit dem jungen Sting
Quadrophenia mit dem jungen Sting

I hope I die before I get old – The Who war unumstritten. Wir tanzten uns zu My Generation & The Kids Are Alright warm, bevor wir loszogen. Mara und ich sahen Quadrophenia und wollten sofort nach Brighton.

Brighton rief. Wenn irgendetwas auf der Welt wirklich international war, dann war das „KA“. Es gab Leute, die dachten weiter in Richtung Verschwörung und Management. Auf einem Geheimgipfel sollten die Claims abgesteckt werden. Tatsächlich stand auf der Verschwiegenheitserklärung „Claims Conference“. Im Jahr nach „Quadrophenia“ waren Mara und ich zum ersten Mal in Brighton gewesen.

England kam uns vor allem arm vor, der zahnmedizinische Standard lag hinter Timbuktu. Die Habitate sahen aus als sei der Krieg nie zu Ende gegangen, in den Bussen fuhr eine Depression mit übers Land wie in „Torn Curtain“, einem Hitchcock von Sechsundsechzig. Mit Paul Newman als Genie unter DDR-Geiern. Das Beste am Film ist eine Fluchtbusfahrt von Leipzig nach Berlin. England war weit weg von Swinging London. Der Commonwealth spielte auf einer Untertasse Get-together, Skins kamen direkt zur Sache. Mara war nicht nur europäisch, sie hatte ein schneeweißes Kirgisen-Erbe. Wir trainierten jeden Morgen in einer Bed & Breakfast-Bude, Liegestütze, Sit-ups. Wir dehnten uns gegenseitig, wir trugen Hosen zum Treten. Jeder hatte sein Springmesser, wir hätten uns niemals ergeben. In der Gesellschaft bulliger Glatzen (mit ruinierten Gebissen) nahmen wir unsere Mahlzeiten ein, ich mit dem Rücken zum Raum, Mara (das Mädchen) hielt die Stellung mit verschleiertem Überblick. Wir verständigten uns nur mit den Augen. Mara sah aus wie eine asiatische Madonna, ihre Muskeln waren definiert wie von Schiele. Ich konnte mit meinen Händen ihre Taille gürteln. Sie kam vom Ballett, entsprechend elegant trat sie.

Nun also wieder Brighton. Zaimoglu wurde gleich erkannt, die Konferenz platzte. Auf einer Mole erklärte Zaimoglu: „Im Kanak-Tiegel schmilzt die starre Repräsentationspolitik. Welt, schau mich an! Seh ich aus wie der Obereumel? Ich bin weder Kopf noch Dackelschwanz noch Hühneraugenpflaster noch Trau-dich-Motor eines Jungspund-Movements. Das fehlt noch, dass sich auf mich ein Haufen rich kids beruft, den es anödet vor Clubtüren zu versauern, wo er doch so gern mit seinem Plattensammlungsknowledge angeben möchte. So ein Haufen, der ab und zu auf groß und bewegt macht, wenn die Party schon in Gang gekommen ist. Was ich sage: Da draußen sind Bastarde in Verhältnissen ohne formschlüssige Befestigung, die brauchen und die machen kein Hula-Hula. Das sind Leute, vor denen sich sogar die Apachen fürchten. Um das klarzustellen: In Babel damals hat auch keiner nach einem diplomatischen Architekten gebrüllt, wohl aber nach einer weiteren starken Hand. Wir tanzen den Jungle-Boogie, ich schwirr durch die Kulturräume, die Bastarde sehen das gern, und so kommt man zusammen in der Liga der unbedingt Angestoßenen. Für die gilt: keine Rauschunterdrückung, kein Bürgerramsch und das Ghetto nicht als Aromatresor.“

„Wasis’n das?“ fragte wer, der in Funk und Fernsehen die große Welle machte und immer blau war.

Ich antwortete: „Das, mein Freund, ist Literaturagitation. Da liegt die Sprengkraft.“

7.7.2015

Tacheles
Tacheles
Feridun Zaimoglu VIII

Kombattant im Kulturkampf VIII

Feridun Zaimoglu – Zwischen Foxtrott und Ekstase

„Gerade Abiturtürken können mit beweglichem Verstand wenig anfangen“, erklärte Zaimoglu an einem Berliner Abend Journalisten aus ganz Europa. Eine schwarze Sonne stand über der Stadt, die Luft stand, die ZEIT hatte Zaimoglu zum Malcolm X der fortgeschrittenen Migration erklärt. Ich hatte es in der Frankfurter Rundschau bei einem Vergleich mit Rudi Dutschke belassen. Im Tacheles fand eine Massenlesung statt, eine echte Aufladung. Die Leute waren angestochen wie bei einer Demonstration, die historisch zu werden verspricht. Ein Aufstand der Poesie, der in den Körpern wie Drogen wirkte. Ich sah in Gesichter von Gläubigen. Es war so geil, Kanake zu sein, dass sich Geburtsdeutsche kanakisierten. Zugleich rudelten Hools auf den Gassen von B.-Mitte. Die Gemengelage war furios, alles war kurz vor Handgemenge. Es ging keiner mehr unbewaffnet unter Leute.

Zaimoglu: „Die deutschstämmigen Kanakster sagen richtig, wenn die Großstadtartikel vor meiner Haustür gestreut sind, wäre ich doch ein meschuggener Strizzi, suchte ich den Kitschmatsch des Ursprungs.“

Ethnische Differenz war plötzlich eine Eintrittskarte. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, Zaimoglus Amazonenbeat „Koppstoff“ trug zur Kreation eines neuen Sexappeals bei. Subversion konnte sich in der Bekleidungsabteilung des Lebens breit machen.

„Von einer gepflegten Erscheinung schließen die meisten auf Halbdunkel unterm Schädeldach. … Diese Strikttrennung zwischen Puderquaste und Hirn hat etwas mit Deutschen und Deutschland zu tun“, behauptet Sükran in „Koppstoff“. Sie bezeichnet sich als „mutierte Türkin“.

Belagert wie ein Superstar, diktierte Zaimoglu später am Abend im Café Orange, Orange war die Farbe des ambitionierten Augenblicks: „Koppstoff ist keine Aufbereitung von Weibsbildposen wie man sie aus Verlagsfrauenreihen kennt, von wegen die Dame von nebenan wird nach Schicksalsschlag zur Nikol Machiavella. „Koppstoff“ ist ein Angriff auf viele Mürbemacher: das System, Männerpopanztum, Katalogfraulichkeit, die Köpfe alten Stils und alter Mode, die Trautheiten der Experten, die keine Ahnung haben. Zwischen Foxtrott und Ekstase bleibt wenig Raum in der Provinzkiste, als die sich Almanya bisher den Kanakas enthüllt hat. Sie haben es satt, nach einem Skript zu leben. Das ist es, sie haben die Furniergemütlichkeit satt, das kommt in „Kopptuch“ zur Sprache.“

Zaimoglus eruptive Rhetorik wurde nachgeahmt, das war oft lustig und selten gelungen. Man sprach sich mit „Bruder“ an. Der ethnisch differente Mittelstandsnachwuchs übte eine ausgedachte Folklore stämmigen Betragens. Ich wollte nicht von jedem „Bruder“ genannt werden.

Meine Antwort auf die Frage, wie denn sonst, so nicht „Bruder“, wurde zum geflügelten Wort:

„Du kannst Herr Tuschick zu mir sagen.“

Es gab immer auch diesen Groll. Zaimoglus Freude an Furore mobilisierte Reserve. Man setzte ihn dem Vorwurf der Demagogie aus. Man denunzierte ihn als Verherrlicher eines prahlerischen Gangstertums, von dem er sich für seine Posen Accessoires geliehen hatte. Seine Ausgelassenheit, das Federnde und osmanisch Opulente der Performance, zerrte an den Nerven der Bemühten. Zaimoglu störte sämtliche Strategien der Konfrontationsvermeidung.

Kritisch festgestellt wurde, dass für die Mehrheit der Minderheit die Realität anders muckerte als für die Garde mit ihrem à plomp.

1.7.2015

Feridun Zaimoglu VII

Kombattant im Kulturkampf VII

Samuel Beckett schrieb Französisch. Der Godot-Satz We always find something to give us the impression we exist? ist eine Übersetzung in Becketts Muttersprache

Die Straße wusste Bescheid. Angeblich verbreiteten Tausende Kanakster Zaimoglus Namen und die Aufstandslosung „Kanak Attack“ in ihren Territorien.

Leoluca Orlando
Leoluca Orlando

„Das Adoptivkulturgut hat sich als Schrott erwiesen“, diktierte mir der Autor in einem Literaturhauscafé. Er war da, wo er sein wollte. Er stand auf, wenn ihn eine Frau begrüßte. Er nahm sich Zeit für die Langatmigkeit der alten Kulturmänner in ihren Leinenjacken, die nur noch für die Stunden des Weins lebten. Die alle gekannt hatten, die nun tot waren. Ihr Atem war so grau wie ihr Wesen. Ich ließ sie links liegen, Zaimoglu ließ sie Platz nehmen. Er gab den bürgerlichen Fantasien Nahrung, mit uns am Tisch saß Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo. Er war einer der am meisten gefährdeten Männer Europas und dabei vollkommen gelassen und charmant. Selbst er, der wusste, wie Gefahr schmeckt, nahm Zaimoglu die Riot-Attitüde ab.

Das Adoptivkulturgut, die Adoptivsprache – Samuel Beckett schrieb Französisch. Der Godot-Satz We always find something to give us the impression we exist? ist eine Übersetzung in Becketts Muttersprache. Auch Joseph Conrad und Vladimir Nabokov schrieben in einer Adoptivsprache … „Das Adoptivkulturgut ist das Alphabet der Schriftbesitzer“, führte Zaimoglu aus. „Mancher mag aus Abscheu vor dieser festgefickten Meinungskopulation sein Heil als Bühnenfellach zu finden versuchen, andere stopfen sich dämlich mit Heimatrelikten voll. Tatsache bleibt aber, die einzelnen, teils zugewiesenen, teils freiwillig konsumierten Nährschlämme machen nur dick. Und egal, wo ich bin: ich vergifte den unguten Brei.“

Die Identitätskrisen gebildeter Deutschländer waren für Zaimoglu „Zerrissenheit als Kunsthandwerk“. Ein halbes Dutzend türkischer Lektoren war weit gereist, um Zaimoglu an diesem Abend zu erleben. Ein Phänomen der Migration zeigte sich darin, dass die säkulare Elite der Türkei sich ausgewanderte Leistungsträger nicht nehmen ließ. Man schien in dem von jeher auf Deutsch schreibenden Zaimoglu eine Art Exportschlager zu sehen. Im globalen Dorf war plötzlich mehr möglich als bloß eine Verortung, die das Verhältnis von ethnischer Differenz und kultureller Extravaganz unverrückbar machte. Die Realität eilte den Debatten voran, Zaimoglu hatte gerade sein Frauenbuch „Koppstoff“ veröffentlicht, Fans sickerten schüchtern in die Situation. Das war Neuland für sie, an sich so unbetretbar wie der Mond. Doch hatte sich Zaimoglu wie ein Erdbeben auf sie ausgewirkt, sie wollten unbedingt dichter an den Dichter. Seine „Absicht, weibliche Lebensentwürfe mit literarischem Schmelz zu versehen, waren verstanden und begrüßt“ worden. Frauen würdigten „Koppstoff“ als „Kunstprodukt, nicht als ödes Abbild der Wirklichkeiten, sondern als Auffang von Stimmungen und atmosphärischen Trübungen.“

30.6.2015

Feridun Zaimoglu V

Kombattant im Kulturkampf IV

Feridun Zaimoglu – Da saßen die Pikierten vor laufender Kamera und taten: „als würde ich angebrütete Küken schlürfen“.

Paul Klee, Angelus Novus (Abb. wikipedia)
Paul Klee, Angelus Novus (Abb. wikipedia)

In der Hochzeit kanakischer Inszenierungen präsentierte Zaimoglu „die Riten und Makel“ einer ethnischen Subkultur in öffentlich-rechtlichen Studios. Das Fernsehen ließ sich als Disko der Gesellschaft deuten, jeden Abend herrschte Saturday Night Fever bei Sabine Christiansen. Zaimoglu verteilte vor allen Mikrofonen „das gepfefferte Wort“, ich hielt das für Performance. Man nahm ihn aber beim Wort und versprach sich davon Aufklärung. Es gab einen totalen Abfall vom Wissen, was Kunst ist, einen Rückfall, der kein Zufall war. Man sprach den Künstler wie einen Politiker an. Zaimoglu antwortete als Künstler und wurde wie ein Politiker verstanden, der gesellschaftliche Teilhabe für eine Minderheit organisiert. Für Leute, von denen man gar nichts wissen wollte. Sie waren das Produkt einer „irgendwie gescheiterten Einwanderungspolitik“, zitiert nach dem Volksmund.

Zaimoglu wollte Teilhabe vor allem für sich als einem ganz normalen Vorgang. „Für die chronisch Beleidigten in der Ghettogastronomie“ hatte er wenig übrig.

„Ich geb doch nicht den vollradikalen Tresenhalodri in der Siffpinne.“

Wolf Biermann sagte Zaimoglu „pfäffisches Gerede“ nach. Vermutlich ging Biermann mit dem Gefühl zu Bett, die Mauer niedergesungen zu haben. Überall trat der Affekt zu Tage und tarnte sich als kritische Bemerkung.

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“

Biermann fragte in „Drei nach neun“, was denn echt sei an Zaimoglu. Er sah ein Gespenst und zugleich Klees Angelus Novus so wie Walter Benjamin das Bild auffasst.

„Der Biermann hält mich für ein Polyesterwesen, das auf Budenmurks aus ist“, erklärte Zaimoglu im Jahr Achtundneunzig. Das Jahrtausend war weich in den Knien, Biermann sah mit trüben Augen eine Zukunft ohne sich.

Da saßen die Pikierten vor laufender Kamera und taten, „als würde ich angebrütete Küken schlürfen“. Später am Buffet wurde der Schulterschluss geübt. Schließlich weiß man nie und trifft sich immer zwei Mal im Leben. Womöglich war Zaimoglu doch so etwas wie der Informationsminister einer Untergrundpartei … einer neuen außerparlamentarischen Opposition, die in zehn Jahren die Regierung stellen würde.

Wer konnte das ausschließen? Zaimoglu nahm dankbar jeden Unmut entgegen. Zu Biermann diktierte er mir: „Der fühlt sich auf seine alten Tage richtig dufte ferkelig, wenn er Stasi-Leutnants Arschkrücken nennen kann. Er gehört zu einer Horde von abseitig daherlallenden Stubenmuckern, denen das Herz erloschen ist. Herz, Mann. Mit so einem Pathos kannst du den alten Revoltekarrieristen nicht kommen, aber andererseits: Die Worte dieses Ex-Flegels haben einen hohen Lapprigkeitsgrad. Und ich sage: Je glatter das Maul, desto fauler das Aas.“

Aus einem Interview, Zaimoglu gab mir das Interview im Oktober 1998

26.6.2015

Feridun Zaimoglu IV

Kombattant im Kulturkampf IV

Feridun Zaimoglu berief sich auf Ed Sanders' Kampfruf „Total assault on the culture“ -„Nur mit Kultur kann man heute die große Welle machen, nur mit Kultur geht Einfluss und Parteinahme.“

Sie nannten ihn Missouri-Man – Ed Sanders (geb. 1939) kam aus Kansas, Missouri, nach New York. Er gründete u.a. mit Tuli Kupferberg The Fugs.

The Fugs, Bildnachweis: zoamorphosis.com
The Fugs

„Kanak Sprak“ (1995) folgte „Abschaum – Die wahre Geschichte des Ertan Ongun“, Rotbuch 1997. Ongun, so verbreitete Zaimoglu, habe „Kanak Sprak“ im Gefängnis gelesen und daraufhin den Autor zu seinem Biografen bestimmt. „Die wahre Geschichte“ sollte auch Roman sein: vielleicht mit dem Kalkül, den unbefangenen Leser mit einem Authentizitätsversprechen zu kitzeln, ohne schon der Staatsanwaltschaft mit gerichtsfesten Informationen geholfen zu haben.

In seinem Kieler Kiez ist Ongun ein kleiner König. Er kämpft gegen amerikanische Soldaten und deutsche Rocker. Er schlägt sich gern.

„Weißt du, Alter, ich sag dir, Riesenschlägerei, pervers, alles auseinandergenommen. Musik aus, Licht an … ich natürlich ganz vorn.“

Er bedroht, erpresst, raubt, stiehlt und dealt. Er säuft, snifft, kifft und fixt. Gleichaltrige Landsleute, die etwas aus sich machen möchten, sind „Abiturtürken“. „Ehre“ und „Stolz“ sind wichtig. Doch bleibt dem Leser verborgen, was Ongun darunter versteht. Er nimmt und zahlt mit Brutalität; ein Verrücktblütiger, dem man seinen Mut besser glaubt als ihn zu prüfen. Seine Identität bezieht er von „der ganzen kriminellen Scheiße, die ich gebaut hab“.

Vom Leser verlangt das Buch Unterscheidungen zwischen den in Hollywoodmanier gestylten Episoden aus Onguns Alltag und dem Kunstwillen des „Biografen“. Zaimoglu versuchte die Spannung literarisch fruchtbar zu machen, in die Ongun von seinen Erfahrungen in einer Gesellschaft, die auf ihn nicht gewartet hatte, hineingezwungen wurde. Ongun begriff seine Vulnerabilität nicht. Sein Offenbarungsdruck entzündete sich an der Differenz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Man sieht ihn nicht richtig. Sieht man ihn überhaupt?

„Für den Bullen bist du immer ein Lügner. Du bist Kanake, du bist in deren Augen vorverurteilt. … Wenn sie nen Deutschen verhaften, tritt das Gesetz in Kraft, aber beim Türken, das sind Arschlöcher, das sind Lügner, primitives Pack und fertig aus“.

Ongun ließ sich als Zaimoglus Antipode deuten. Im Gegenlicht seiner „Biografie“ begann Zaimoglus artistisches Rollenspiel zu leuchten wie ein illuminiertes Schaukelpferd auf dem Rummelplatz. In seinem Eskapismus war Zaimoglu nicht sehr weit weg von der Aktionskunst eines Schlingensiefs. „Total assault on the culture“, lautete eine Sechzigerjahreparole von Ed Sanders. Euphorie und Ironie – Zaimoglu sagte: „Nur mit Kultur kann man heute die große Welle machen, nur mit Kultur geht Einfluss und Parteinahme.“

23.6.2015

Feridun Zaimoglu III

Kombattant im Kulturkampf III

Auf die Ethnie beziehen sich die Ausgebremsten

Almancilar – Deutschländer der ersten Stunde – Niemand dachte daran: zu bleiben, wo kein Pfeffer wächst

Wir erwarten Befruchtungen an sozialen, geografischen und ethnischen Rändern. Walter Benjamin vermutet „die letzten Erzähler“ in Bergwelten, wo Erfahrung noch von Mund zu Mund geht“. Viele Argumente der Aufnahme des Zaimoglu-Debüts stammten aus dem Arsenal des Wohlwollens, mit dem die „Gastarbeiterliteratur“, später „Migrantenliteratur“ in der Bedeutungslosigkeit versenkt wurde. „Migrationserfahrung“ war noch kein Ticket. Man sprach von Kulturbrückenpionieren, von räumlichen und intellektuellen Grenzüberschreitungen. Man eierte ungeheuer.

Ich hatte als „Regionalist“ angefangen. Die Zuschreibung traf harmlose Zille-Nachfolger, malende Berliner Laubenpieper. Adornos Vorwurf, Zille habe das Elend am Popo gestreichelt, bügelte ich in die andere Richtung. Idyllenmalerei aus Mutwillen, das gefiel mir. Ich wollte auch Zaimoglu zum Regionalisten machen, um ihn so weit wie möglich abzurücken von den Kandidaten der leidenden „Kulturdifferenz“. „Zerrissenheit“ war ein Standardmotiv, ein profitables Sujet.

Ich sah die Chancen doppelter kultureller Auswahl.

Ein Verständnis verbreitete sich, demnach Zaimoglu in „Kanak Sprak“ dem „deutschen“ Leser eine Terra incognita in der eigenen Gesellschaft entdeckte; den Sprach- und Lebensraum der Almancilar – Deutschländer. – Als einem Labor, in dem Wendungen des ländlichen Türkisch Allianzen mit deutschen und amerikanischen Metropolenidiomen eingingen. Angeblich beglaubigte die Expressivität des Jargons Verhältnisse einer ethnischen Subkultur kurz vor der Explosion.

Ich glaubte das keinen Augenblick. Zaimoglus Sprachgewalt rief nach Begründungen, die seine Person übertrafen. Zaimoglu erschien als Gemeindesprecher, er provozierte große Aufrisse. Bis hin zu der Behauptung, einen Auftrag von den „Brüdern“ in der Nachbarschaft erhalten zu haben. Zaimoglu folgte einer afroamerikanischen Informations- und Agitationsstrategie. Er rappte seinen Beat. („Rap ist das CNN für amerikanische Schwarze“. Chuck D., Public Enemy) Er bezeichnete seine Interventionen als „Edutainment“.
Specklose Bemerkungen kamen nicht mehr in Betracht. Die vehementeste Feststellung war, „Kanak Sprak“ sei aus lokalisierbaren Lagern der Rebellion in die Kultursphäre exportiert. Die Poesie in Zaimoglus Prosa stammte aber vom Autor, nicht von den Abgehörten. Mit der Chuzpe eines Fabulierers suggerierte Zaimoglu die Ergebnistreue des Feldforschers.
Nun sah man ihn bei Biolek. Zaimoglu fühlte sich auf dem elektronischen Stuhl „elektroaktuell“.

22.6.2015

Feridun Zaimoglu II

Kombattant im Kulturkampf II

Wir fragten: „Was bedeutet ethnische Differenz? Irgendwas Zwangsläufiges? Kann man nicht sein, was man will? Deutscher zum Beispiel

Sie nannten den Black Panther Tiger – Eldridge Cleaver (Foto) stammte aus Wabbaseka, Arkansas. Er bezog sich auf William Du Bois und dachte ihn weiter. In San Quentin näherte er sich den Standpunkten von Malcolm X. Er schrieb Soul on Ice in Folsom Prison. Zaimoglu las Cleaver zu seinem Vorteil, als Cleaver keine Mode mehr war. Die Konkurrenten im Betrieb jaulten auf, als Zaimoglu an den Start ging.

Der Literaturbetrieb war in den Neunzigerjahren eine Angelegenheit für pendelnde Profis. Sie bespielten Nischen und empfahlen sich auf publizistischen Flohmärkten. Sie besprachen die Bücher, die sie oder ihre Freunde geschrieben hatten und kündigten sich als Veranstalter von Lesungen selbst an. Aus ihren Reihen kam Häme, nachdem Zaimoglu an den Start gegangen war. Man mokierte sich über die Erscheinung des Kielers, Stichwort „Fotzenbart“. Man sagte: „Du machst uns doch auch nur den Four-Letter-Ali“. Man reagierte auf einen Fremdkörper. Man reagierte rüde.
Es wurde gejault wie bei jedem Aufmerksamkeitsentzug. Kein Kläffer hätte den Rassismusvorwurf gegen sich gelten lassen, „ich doch nicht“.
Doch gab es diesen Augenblick um das Jahr Siebenundneunzig, da bäumten sich „linke“ Autoren gegen Zaimoglu auf. Sie wollten keinen „Radikalen“ links von sich am Trog. Sie behaupteten, ihn durchschaut zu haben.
In einer Welt des Sekundären erzielt man Gewinn allein mit Primärkenntnissen. Ich wusste, dass Zaimoglu sich auf Eldridge Cleaver bezog, dass daher die Attitüde kam. Cleaver war außer Kurs gesetzt, das heißt verfügbar. Ich fand das klug, Zaimoglu ging geschickt vor. Er erreichte die Gesellschaft jenseits der Zirkel. Er hechtete von Lesung zu Lesung, er las vor zehn Leuten auf dem Dobel und vor dreihundert in Wuppertal. Er sagte: „Die meisten ziehen die Karte ihrer Ethnie.“
Das fand er schade und verkehrt. Er spielte mit dem Begriff „Mutant“, „uns mutiert die Zukunft“. Anderen sagte er: „Ihr habt Angst vor unserem Sperma.“
Das Wort Außenübertragung bekam zu dieser Zeit Bedeutung. Die üblichen Räume waren oft nicht groß genug für das Interesse, man versprach sich von Zaimoglu tatsächlich Zukunftsinformationen. Das war die typische Verwechslung eines Schriftstellers mit sonst wem. So wie man Heiner Müller immer zur DDR befragt hatte, als sei er im auswärtigen Dienst seines Landes tätig gewesen. So wie sich Müller ständig widersprochen hatte, widersprach sich auch Zaimoglu. Er war gewiss der einzige deutsche Schriftsteller seiner Generation, der gern Günter Grass las. Zaimoglu war viel bundesrepublikanischer als Leuten lieb war. Sie hatten den Türken mit dem „Fotzenbart“ im Fadenkreuz. Noch sagte jeder, der Zaimoglu ist Türke, also ist er auch türkischer Schriftsteller. Was denn sonst?
Dann ging das los, klarzumachen, dass Zaimoglu ein deutscher Schriftsteller ist, anders als Orhan Pamuk. Ich half.
Wir fragten: „Was bedeutet ethnische Differenz? Irgendwas Zwangsläufiges? Kann man nicht sein, was man will? Deutscher zum Beispiel.
Der Pöbel tobte. Deutsch könnt ihr auf keinen Fall sein, schrie der Pöbel.
Wir können doch besser Deutsch als ihr, entgegneten wir sachlich. Wir sind außerdem intelligenter und sehen besser aus.
So ging das zwei hitzige Jahre hin und her. Ein Teil von Zaimoglus Publikum stellte sich Außenstehenden als kompakte Gruppe dar. Es trat in Flensburg nicht anders in Erscheinung als in Rosenheim. Das waren unruhige Leute. Zaimoglu wusste, dass die Energie, die ihn beschleunigte, auch vom bösen Ende floss.
„Na und“, sagte er. „Mögen die Ethnoprolls auch allesamt bloß Spielothekenganeffs sein, man hört sie doch, Hand aufs Herz, sprechen und handeln.“

21.6.2015

Feridun Zaimoglu im Jahr 1998
Feridun Zaimoglu – Wie alles anfing

Kombattant im Kulturkampf I

Die literarische Arena betrat er als Promoter einer Sprache des Aufstands: „Kanak Sprak“, Rotbuch 1995. Er stilisierte sich als rappender Herold und gefiel sich in der Rolle eines Überbringers schlechter Nachrichten. Das Ghetto und seine Fiktionen waren die Referenzen des Debütanten.

Feridun Zaimoglu wurde 1964 in Bolu/Anatolien geboren. Mit den Eltern kam er nach Deutschland. Abitur in Bad Godesberg – ein gelangweilter Selbstläufer ohne Vorbild und Perspektive. Erst als ihn die ZVS 1984 nach Kiel schickte, wo er, dem Vater zuliebe, eine Weile Medizin studierte, geriet er, über Nacht und im Schleudergang, auf die Spur seiner Leidenschaften.
Nicht wenige erhofften Lebenshilfe von einem, der einen Fluch seiner Schönheit wegen anbrachte. Der bereit war, für eine Bizarrie am Ende eines narrativen Seitenweges einen Kolossalprospekt zu errichten. Zaimoglus Einlassungen zu disparaten Erwartungen oszillierten zwischen groteskem Humor, Emanzipationsrhetorik und einem Vokabular für kultische Handlungen. Gegenüber den Verwertern der Bewusstseinsindustrie bestand er auf street credibility. Das war natürlich lustig gemeint. Ich erinnere eine Zaimoglu-Lesung in einer Einrichtung der „Falken“ vor Jungen, die während des Vortrags mit Springmessern ihre Nägel scharf zogen. Sie wunderten sich ernsthaft, dass sie so ganz und gar unter sich blieben. Dass niemand mit ihnen spielen wollte. Sie hatten sich sowohl ein- als auch ausgeschlossen, ohne die Gründe dafür erkennen zu können. Zaimoglu gab glaubhaft den großen Bruder. Am nächsten Tag trat er in einem Literaturhaus auf. Nach dem Termin hatte er es eilig, eine Verehrerin meinte, sie müsse jetzt erst einmal vor die Tür, um zu weinen, da Zaimoglu gegangen war.
Zwei Jahre zuvor war alles noch ganz anders gewesen. Die Protagonisten des Kulturbetriebs hoben die Schultern, schlug man ihnen Zaimoglu vor. Plötzlich keimte Interesse. Plötzlich hieß: „Du kennst doch da diesen schreibenden Türken. Wie heißt der noch mal?“
In der nächste Stufe: „Gib mal die Telefonnummer von dem Zaimoglu.“
Man sprach den Namen zunächst undifferenziert aus. Auf einmal wussten deutsche Redakteure, was ein yumu?ak ge ist. Das g in Zaimoglu ist weich und müsste korrekt so geschrieben werden: ?.
Las Zaimoglu Deutschländern vor, ergaben sich sakrale Stimmungen. Man versicherte ihm: „Bruder, du bist meine Stimme.“
Er konnte Leute mit Worten ernähren.
„Du machst mich satt mit deinen Geschichten“, sagten sie. Nach den Lesungen drang man nicht mehr zu ihm durch. Die Begeisterung umringte ihn.
Er änderte Kurse. Nun sprach man über Einwanderung anders als zuvor. Zaimoglu meldete, dass die Nachkommen der Einwanderer weder aus einem Kanon der Ursprungsgesellschaften ihrer Eltern und Großeltern noch nach Maßstäben der Mehrheitsgesellschaft zu verstehen seien. In den „Kiezen der Metropolen“, so Zaimoglu, „mutieren sie zu Bruchkreaturen und Großstadtkanakbrocken“. Sie verletzen das Unauffälligkeitsdogma der Integrierten.
Der Aufstieg einer Beleidigung zur Ordenskategorie ging auf Zaimoglu zurück. Er verschaffte dem Schimpfwort Kanake eine Karriere. Kanakische Verhältnisse rückte er in Nachbarschaft der Modernisierungsverlierer mit deutschen Eltern.
„Es geht nicht um ethnische Differenz, sondern um soziale Probleme“.
Zaimoglu führte aus: „Ethnie ist eine Ware in der Politik.“
Soziale Probleme „werden ethnisiert“.

Kommentare


Michael Koschate - ( 26-11-2015 10:22:22 )
Bitte, bitte, mal bisschen was extra zu/über Alfred Edel.
Schöne Grüße
Michael Koschate

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erstellt am 12.6.2015