Der in Frankfurt lebende Komponist Rolf Riehm ist keiner ästhetischen Schule zuzurechnen, sondern ein Künstler, der in unserer Kultur zuhause ist, was mit einschließt, dass er sich mit dieser Kultur permanent kritisch auseinandersetzt. In dem Band „rolf riehm | texte“, der in der Edition der ‚Neuen Zeitschrift für Musik’ erschien, sucht die Musikjournalistin Doris Kösterke Antworten auf die Frage, warum sich Riehm als politischer Komponist versteht.

Rolf Riehm

Komponieren – wozu?

Von Doris Kösterke

Rolf Riehm versteht sich als politischer Komponist.

Wie man sich dies vorstellen kann, war die Frage der Rezensentin an das von Marion Saxer bei Schott herausgegebene Buch „Rolf Riehm, Texte“.

Es lässt den 1937 in Saarbrücken Geborenen vorrangig selbst zu Wort kommen, in Texten über sich, das Komponieren im Allgemeinen, einzelne Werke im Besonderen und in Interviews. Nur gut ein Zehntel des Buches besteht aus Texten über ihn: von Isabel Mundry, Bernd Leukert, Marion Saxer und Jörn-Peter Hiekel.

„Das gehört zu meinen zentralen Haltungen: eine Musik zu schreiben, die in sich nicht evident ist. Man könnte sagen unlogisch, unlinear, im Prinzip nicht verstehbar.“ Was Rolf Riehm über seine Musik sagt, gilt auch für seine verbalen Äußerungen. Viele seiner Sätze glaubt man intuitiv zu verstehen und befindet dann beim Hinterfragen, sie doch nicht wirklich verstanden zu haben, etwa: „Komponieren: den Bestand an emotionaler Sensibilität sichern“ (1982). Und doch lassen sich die über Jahrzehnte versprengten Äußerungen zu einem Bild fügen:

„Für mich ist ein politischer Komponist derjenige, der seine kompositorische Praxis insgesamt auf das öffentliche Kommentieren der Zeitläufe einstellt“ schrieb Rolf Riehm 1973, drei Jahre vor Gründung des „Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters“, in dem er Altsaxophon spielte.

Schon in dieser Zeit hatte er mit einer „In-Dienst-Stellung der musikalischen Tätigkeit“ „nichts am Hut“ – „weil das Bedürfnis, etwas in der Kunst widergespiegelt zu finden, getränkt ist davon, in der Komplexität unserer Gegenwart eine Orientierung zu finden“.
Gegenüber einer solchen Orientierung will Riehm „Fähigkeiten sich verschaffen, eine erweiterte, notwendige Realitätserfahrung sich … erarbeiten“. In seiner Musik geht es ihm darum, den „Wahrnehmungsapparat anzuschärfen“, die „Ingredienzien, wodurch ein politisches Bewusstsein genährt wird, zur Verfügung zu halten“ und um eine „Verfeinerung des intuitiven Apparats“.

Das Spontanistische im „Sogenannten Linksradikalen Blasorchester“ scheint ihn bis heute zu prägen, etwa wenn er über eine Textauswahl sagt: „ich bin sehr kindhaft vorgegangen, nach so einem Kribbeln im Gemüt. Packt mich ein Text oder packt er mich nicht?“

Zunehmend kreist Rolf Riehms Schaffen um die Interpretation von antiken Mythen. In ihnen sieht er „«Hüllkurven» individuellen und gesellschaftlichen Handelns, die einfach stimmen, solange Menschen miteinander in Beziehung treten“. Die Aktualität etwa der Odyssee ist für ihn „eine Erfahrung, die mich einerseits erschreckt, andererseits aber auch sicher macht. Sicher in der Hinsicht, daß wir … noch so etwas wie ein kollektives Gedächtnis besitzen. … Ich wollte gern an der Auffüllung dieses kollektiven Gedächtnisses mitarbeiten, was hier konkret bedeutete, den alten Stoff gegenwärtig zu halten und ihm meine Erfahrungsnuance hinzu zu tun.“

Ein direkter körperlich fühlbarer Bezug bildet die Brücke von seiner Wahrnehmung der Realität zu seiner Musik: „Ich beobachte an mir selbst, welches Gesicht mache ich, was kontraktiert in mir, wo finden relaxations statt. Versuche, das in der Musik zu inszenieren“.

Das Buch belehrt nicht, sondern macht den Leser zum Zeugen einer Suche.

Wie aufrichtig seine Suche ist, meint man zu erkennen, wenn Rolf Riehm in verschiedenen Texten wiederholt um die gleichen Themen kreist, ohne in der Formulierung redundant zu werden. Oder wenn er in seinem Arbeitsheft vermerkt: „mir wird allmählich klar, was ich da komponiere“.

Das große Verdienst dieses Buches ist, an diesen Überlegungen und dem Weg dorthin nichts zu glätten. Das einzige, das man sich angesichts der spontanistisch-rhapsodischen Abhandlung verschiedenster Themen noch gewünscht hätte, ist ein Register. Doch insgesamt möchte man über das Buch sagen, was Jörn-Peter Hiekel über Riehms Komposition Hamamuth schrieb: „eine spannende, zu Interpretationen stimulierende Angelegenheit“.

Doris Kösterke, Musikwissenschaftlerin und Journalistin, lebt in Wiesbaden.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 12.6.2015

Rolf Riehm. Foto: Hans Kumpf
Rolf Riehm. Foto: Hans Kumpf

Rolf Riehm | Texte
Herausgegeben von Marion Saxer
Broschur, 300 Seiten
ISBN: 978-3-7957-0868-9
Schott Music, Mainz 2014

Buch bestellen