Der schottische, 1936 in Kilmarnock geborene Krimiautor William McIlvanney begründete den sogenannten „Tartan Noir“: jene Spielart des britischen Kriminalromans, die in den späten Siebzigerjahren das Urbane samt seinem steten Fressen und Gefressen-Werden neu ins Zentrum rückte. Nun wird McIlvanney wiederentdeckt, unter anderem von Peter Henning.

Porträt

»Schwarz wie eine Mülltonne«

William McIlvanneys Jack Laidlaw-Krimis

Von Peter Henning

Totgesagte leben bekanntlich länger. Ein Sprichwort, das umgehend auf den Schrotthaufen der Klischees gehörte, steckte darin nicht jenes besondere Gran Wahrheit, das sich auch und nicht zuletzt immer wieder im weiten Land der Kriminalliteratur bewahrheitet. Denn oft genug schlummerten einst vielgefeierte Krimigrößen vergessen Six Feet Under, ehe es sie zumeist per Zufall Jahrzehnte später wieder an die Oberfläche spülte – und das Gelärm der Kritiker und Leser augenblicklich groß war über die glücklich gemachte Wiederausgrabung.

So zuletzt geschehen im Fall des schottischen, 1936 in Kilmarnock geborenen Krimischreibers William McIlvanney, den Kenner des Genres unumwunden als Begründer des sogenannten „Tartan Noir“ preisen; jener besonderen Spielart des neueren britischen Kriminalromans, der in den späten Siebzigerjahren in den Gossen und aus dem Dreck der englischsprachigen Metropolen finster-funkelnd erblühte, indem er das Urbane samt seinem steten Fressen und Gefressen-Werden neu ins Zentrum rückte. Die Arbeiten solch schottischer Krimi-Größen wie Caro Ramsey, Stuart McBride oder Malcom Macky nahmen dort ebenso ihren Ausgang wie die von Schottlands Krimi-Exportschlagern Ian Rankin oder Val Mcdermid. Eingeleitet und angestoßen aber wurde diese Bewegung der erzählerischen Erneuerung und Umorientierung des britischen Kriminalromans hin ins Soziale von dem knorrigen Ex-Lehrer William McIlvanney, dessen fabelhafte, in den späten Siebzigern entstandene Glasgower Trilogie um den passionierten Schwarzseher Jack Laidlaw sich in der Tat liest, als hätten dereinst Raymond Chandler und der große schottische Apokalyptiker Alexander Trocchi gemeinsame Sache gemacht.

Doch beschwor der 1984 in London gestorbene Trocchi in Romanen wie dem mit Tilda Swinton verfilmten „Young Adam“ Existenzen am Rande des Untergangs und deren Verlierergeschichten, so setzt McIlvanney in seinen Romanen auf die Beschreibung der sinistren Bewohner und Betreiber jener resistenten Parallel- oder Unterwelt, in welcher die Tagesgeschäfte in einer anderen, ungleich härteren, weil blutigen Währung getätigt werden. Zudem frönt McIlvanney, dieser philosophische Existenzialist, der gern schon mal Wittgenstein oder Pascal zitiert, einem chandler`esken Erzählton, der Metaphernblüten gebiert, die den Meister lässig toppen – und seine Geschichten zugleich in ein anhaltend sarkastisches Schummerlicht tauchen.

„Ohne McIlvanney wäre ich wohl kein Krimiautor geworden“, bekannte dereinst demütig Ian Rankin, dessen Inspector Jon Rebus bisweilen anmutet wie ein netter laxer Plauderton uns eine Zeitlang in Sicherheit zu wiegen scheint. Gleichwohl aber nnit im Zentrum steht. Vielmehr bevölkernung Verwandter des Grüblers Laidlaw. „Denn McIlvanney“, so Rankin weiter, „wandte sich dem urbanen, zeitgenössische Krimi zu und zeigte, dass das Genre große moralische und soziale Fragen angehen konnte.“

Tatsächlich lesen sich die beiden ersten, nun vorliegenden Laidlaw-Ermittlungen „Laidlaw“ und „Die Suche nach Tony Veitch“ mehr wie tiefschürfende, sich furchtlos ins dunkle Herz der schottischen Gesellschaft vortastende Schuld-und-Sühne-Romane denn als ausgemachte, hartgekochte Genrestücke der gängigen Sorte, in denen das sogenannte „Who-dunnit“ im Zentrum steht. Es sind knallharte Sozialstudien, deren verführerisch laxer Plauderton uns eine Zeitlang in Sicherheit zu wiegen scheint. Gleichwohl aber bevölkern McIlvanneys Romane durchweg Wesen, die von jeher gegen ihr soziales Absinken anschwimmen im reißenden Großstadtfluss,- kleine gewaltbereite Opfer, die schon mal den besten Freund verpfeifen, wenn dabei etwas für sie herausschaut, dass ihr eigentlich kümmerliches Dasein noch eine Zeitlang verlängert.

So entführen uns McIlvanneys Bücher in einen oberirdischen schottischen und, wie es im neuen Roman heißt, von „urbanen Beduinen“ bevölkerten Hades, dessen Bewohner „aufgrund der Orientierungslosigkeit des Alkohols ständig ihren Standort ändern.“ Dabei erweisen sie sich regelmäßig als Spaziergänge durch die schottische Seele,- verdichtet in schwarzgeränderten Snapshots kleiner fieser Machenschaften.

So auch und bereits im ersten, nach seinem Protagonisten betitelten „Laidlaw“-Fall, der seinen Ausgang bei einer Frauenleiche nimmt, die im Glasgower Kelvingrove Park gefunden wird – und Laidlaw und seinen schottischen „Watson“ Harkness in die Kloake der Stadt führen. Und als Bud Lawson, der Vater des Opfers, seinen ganz eigenen Rachefeldzug gegen Unbekannt beginnt, sieht sich Laidlaw urplötzlich an zwei Fronten agieren: gegen Lawson und all jene, die von dem mächtigen Gangsterboss John Rhodes ins Rennen geschickt werden, um sich den Skalp des Mörders als erste zu holen. Dass sich der Täter am Ende als verwirrter junger Mann erweist, den seine sexuelle Indifferenz und Unsicherheit zum Mörder werden ließen, ist nur eine der vielen überraschenden Winkelzüge des Romans, der uns immer neu tiefenscharfe Bilder einer von ihren sozialen Gegensätzen geknebelten Welt offenbart, die unter die Haut gehen. McIlvanney zoomt sich mit seinen Sätzen in die viel zu engen Wohnungen der Kleinen Leute, macht uns ihr sich stetes Anstemmen gegen Niederlage und Verlust fühlbar. Und wenn sich im zweiten, und aktuellen Fall die beiden Tode eines stadtbekannten Penners und der eine Verbrechers aus dem mittleren Segment kreuzen, so illustriert dies nur eindrucksvoll, wie eng das eine mit dem anderen verzahnt ist. Denn die Besetzung in dieser zweiten schwarzen Glasgow-Oper ist wieder dieselbe: Hell kämpft gegen Dunkel, Oben gegen Unten. Ganz wie im richtigen Leben. Festgehalten in langen, eindrucksvollen Kamerafahrten.

Was das Schreiberduo Sjöwall/Wahlöö dereinst für den skandinavischen Krimi war und bedeutete, oder Jean-Patrick Manchette für den französischen, das repräsentiert William McIlvanney für den britischen: seinen modernen Gründervater, seinen Erneuerer. Denn dass er nicht nur soziales Feldstudium bestreibt, sondern darüberhinaus Sätze schreibt, die den Kopf in einen schwülen Kinosaal verwandeln, das macht diesen Autor so unwiderstehlich. Auch und gerade, weil er natürlich weiß, dass man „Verbrechen oft nicht aufklärt, sondern unter Fakten begräbt.“

Einmal heißt es in „Die Suche nach Tony Veitch“: „Als sie raus auf die Straße traten, blickte Harkness in einen Himmel so schwarz wie eine Mülltonne.“ Von der ganz speziellen Schwärze dieser „Mülltonne“ erzählen William McIlvanneys fabelhafte Romane.

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erstellt am 09.6.2015

William McIlvanney
William McIlvanney

William McIlvanney
Laidlaw
Übersetzt von Conny Lösch
304 Seiten
ISBN 978-3-88897-967-5
Verlag Antje Kunstmann, München 2014

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William McIlvanney
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Eine Jack Laidlaw Ermittlung. Übersetzt von Conny Lösch
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Verlag Antje Kunstmann, München 2015

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