Der Philosoph Ernst Bloch dozierte nicht nur wie ein barocker Kanzelprediger, er dachte wohl auch so. Und selbst als er, der aus seinen humanistisch ausgreifenden Synthesen aus Marx, Christus und Müntzer die unverwüstlichen Begriffe „konkrete Utopie“ und „das Prinzip Hoffnung“ destilliert hatte, auf einem einsamen Spaziergang die Rede kommen spürte, hörte ihm nicht nur Otto A. Böhmer zu.

Holzwege

Gut gebrüllt

Der Philosoph Ernst Bloch

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Ernst Bloch war mit dem Zug ein Stück weit ins Land gefahren; er wollte wandern, Ruhe finden, die Erinnerungen abschleifen im unbehausten Gelände. Die Gegend, in der er sich befand, kannte er nur vom Hörensagen – eine karge Hochfläche, über die, wie es hieß, immer ein kalter Wind wehte. Der Philo­soph hatte sich also warm angezogen; er mochte es nicht, wenn er fror wie der Helfer im Beinhaus. Für alle Fälle hatte er noch ein Fläschchen dabei, mit dem er der hündischen Kälte, falls sie denn kam, zu Leibe rücken konnte. Bloch ging aufs Geratewohl los; er wusste, dass er ankommen würde. Der kalte Wind, fand er, war gar nicht so kalt, zudem kam er von hinten und schob den Philosophen förmlich an. Mühelos nahm er die Anstiege; wellig war das Land, wie von rauher Götterhand ausgelegt. In der Ferne wuchsen schwarze Wälder auf; der Himmel leuchtete und fiel zur Erde. Obwohl er keineswegs fror, gönnte sich Bloch einen Schluck aus dem Fläschchen; er fühlte sich wie berauscht von der süffigen Luft, der Weite, dem faulen Zauber der Landschaft.

Er war allein, aber alles andere als einsam; befeuernde Gedanken stiegen in ihm auf, die er nur zu gut kannte, obwohl sie ihm nun fast wie neu vorkamen – wie frisch ausgeheckt. Es war ihm, als ob er eine Rede halten müsste, die nur ihm selber galt; der Wind war bereit, sie verwehen zu lassen. „Nun haben wir zu beginnen“, rief Bloch und lachte. „Es ist genug. In unsere Hände ist das Leben gegeben. Für sich selber ist es längst schon leer geworden. Es taumelt sinnlos hin und her, aber wir stehen fest, und so wollen wir ihm seine Faust und seine Ziele werden. Was jung war, musste fallen, aber die Erbärmlichen sind gerettet und sitzen in der warmen Stube. Der Triumph der Dummheit, beschützt vom Gendarm, bejubelt von den Intellektuellen.“

Was für eine schöne Rede, dachte Bloch, sie ist es wahrlich wert, nicht gehört zu werden. Ihm kam es vor, als ob er Schritte hinter sich hörte; sollte ihm jemand folgen – in dieser Hocheinsamkeit? Er blieb stehen und drehte sich langsam um: Tatsächlich, ein Mann war ihm nachgestiegen, ein grünuniformierter Mensch mit derbem Schuhwerk, der nun zu dem Philosophen auf­schloss. Der Gendarm, dachte Bloch, das muss der Gendarm sein, den ich mir vorhin aus gutem Grund ausgedacht habe. Nun will er mich verhaften wegen meiner unbotmäßigen Rede.

„Guten Tag“, sagte der Mann, der bei genauerem Betrachten eher wie ein Förster aussah. Oder wie ein modisch herausgeputzter Jäger? Auf jeden Fall hatte er ein Gewehr über der Schulter. „Guten Tag“, sagte der Philosoph, der sich nun doch sehr aufgeschreckt fühlte. „Sie haben vorhin so schön laut vor sich hin gesprochen. Als wenn Sie eine Rede einüben wollten“, sagte der Mann. „Das ist nicht verboten“, erwiderte Bloch. „Gewiss nicht“, meinte der Mann. „Es hat mir ja auch gefallen. Ich meine: Es passte in diese Landschaft, in diese wunder­bare und, wie Sie sehen, auch widerrufbare Einsamkeit, die ich nicht weniger schätze als Sie. Können Sie nicht einfach weitermachen mit Ihrer Rede?“ Der Philosoph musste lachen. „Sie sind mir ein Kauz“, sagte er. „Wenn ich Sie recht verstehe, soll ich weiter meines Weges gehen, und Sie folgen mir unauffällig.“ „Ich möchte neben Ihnen gehen, wenn’s recht ist“, sagte der Mann. „Ich gehe neben Ihnen, und Sie fahren fort mit Ihrer Rede; Sie brüllen sie aus.“ „Das Brüllen ist nicht so mein Fall“, sagte Bloch und dachte an das Gewehr, das diesem seltsamen Oberför­ster oder Hochflächenjäger zur Verfügung stand. „Also gehen wir“, sagte der Mann. „Schön, dass Sie einverstan­den sind.“ „Eigentlich wäre ich lieber allein“, sagte der Philosoph. „Kommen Sie“, sagte der Mann. „Sie haben keine Wahl.“ So setzten sie denn gemeinsam ihren Weg fort. Bloch fühlte sich beobachtet; der Uniformierte ging schweigend neben ihm her, der Lauf seines Schießprü­gels zeigte zum Himmel. „Ich höre“, sagte der Mann. – „Ich höre Ihre Rede.“ „Aber ich habe doch noch gar nicht wieder angefangen“, sagte Bloch. Alle Leichtigkeit war von ihm gewichen; die Schritte wurden ihm schwer, und die sanften Anstiege machten ihm Mühe. „Fangen Sie an“, sagte der Mann.

Ich muss mich denn wohl in das Unvermeidliche fügen, dachte der Philosoph. „Das Rechte zu finden“, rief er dann, „um dessentwillen es sich ziemt, zu leben, organisiert zu sein, Zeit zu haben – dazu gehen wir, hauen wir die phantastisch konstitutiven Wege, rufen, was nicht ist, bauen ins Blaue hinein, bauen uns ins Blaue hinein und suchen dort das Wahre, Wirkliche, wo das bloß Tatsächliche verschwindet.“ „Aus­gezeichnet“, sagte der Mann. „Machen Sie bitte weiter.“ „Ich würde gern Rast machen“, sagte Bloch. „Ich bin müde.“ „Auf einmal“, sagte der Mann. „Das sieht mir eher nach taktischer Müdigkeit aus. Aber da vorn ist eine Bank. Da können Sie sich ein wenig ausruhen. Zuvor allerdings möchte ich noch etwas von Ihnen hören.“

„Also gut“, sagte Bloch. „Fahren und Erfahren. Der Reiseplan des Wissens; Seele, Tiefe, über allem ausge­spannter Traumhimmel, gestirnt vom Boden bis zum Scheitel – es entrollen sich die wahren Firmamente, und unaufhaltsam zieht unsere Straße des Ratschlusses bis zu jenem geheimen Sinnbild hinüber, auf das sich die dunkle, suchende, schwierige Erde seit Anbeginn der Zeit zubewegt.“

„Gut gebrüllt, Löwe“, sagte der Mann, und da hatten sie auch schon die Bank erreicht; der Philosoph ließ sich fallen, die Augen wurden ihm schwer. „Jetzt wird noch nicht geschlafen“, sagte der Jäger; Bloch wußte nun, dass es ein Jäger war, ein Menschenjäger, dessen Stimme von weit her kam. „Aber ich bin doch so müde“, murmelte Bloch.

Als er erwachte, saß er allein auf einer Bank und fror. Vor ihm tat sich der schwarze Wald auf. Mühsam erhob er sich; der Wind blies ihm nun frech und kalt entgegen. Ich bin der, von dem man nie mehr loskommt, dachte Bloch. Erst sehr weit hinaus ist alles, was einem begeg­net und auffällt, das Selbe.

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erstellt am 08.6.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Ernst Bloch