Peter Fitz' und Otto Sanders Darbietung von Samuel Becketts Kurzroman „Mercier und Camier“ wurde 1982 vom Schweizer Radio als Hörspiel produziert. Die Aufnahme liegt nun ungekürzt auf zwei CDs vor. Sie ist geeignet, alles, was als Hörbuch kursiert, in den Bereich der Belanglosigkeit zu verweisen, meint Thomas Rothschild.

Hörbuch

Ein Traumpaar

Von Thomas Rothschild

Sie waren eins der genialen Schauspielerpaare: Peter Fitz und Otto Sander. Es fällt schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie beide schon tot sind. So präsent waren sie im Leben des Theaterliebhabers, so unauslöschlich haben sich die Rollen, die sie im Lauf der Jahre verkörpert haben, ins Gedächtnis eingegraben.

Zu den Höhepunkten ihrer gemeinsamen Arbeit gehörte eine Darbietung, die gar nicht für die Bühne geschrieben war: Samuel Becketts „Mercier und Camier“. Wer Peter Fitz und Otto Sander einmal erlebt hat, wie sie diesen Text vortrugen, hat das gewiss nie vergessen. Nun liegt das ungekürzte Ereignis auf zwei CDs gebannt für die Ewigkeit vor. Und ist geeignet, alles, was als Hörbuch kursiert, in den Bereich der Belanglosigkeit zu verweisen.

Der Präzision von Becketts Sätzen entspricht die Präzision von Fitz' und Sanders Sprechtechnik. Der – durch Mikroports und den Einfluss des Fernsehens geförderten – Annäherung der Bühnensprache an das „natürliche Sprechen“ ist Sprechen als Kunst, die Mühe des Artikulierens weitgehend zum Opfer gefallen, wie denn auch in anderen Bereichen das Artifizielle in Verruf geraten ist. Peter Fitz und Otto Sander zelebrieren Sprache wie Musik, der eine eher spitz, überdeutlich, der andere mit seinem sonoren Bass fast singend. Beide haben begriffen, dass weniger mehr ist. Wenn vom Brüllen die Rede ist, sprechen sie leise. Sie illustrieren nicht im Tonfall, was die Worte besagen. Im Vergleich zu ihnen wirken die meisten Schauspieler und Hörfunksprecher wie chargierende Amateure.

„Mercier und Camier“ ist kein Theatertext, sondern ein Kurzroman, den Beckett französisch geschrieben und später selbst ins Englische übersetzt hat. Aber er besteht zu einem großen Teil aus Dialog. Peter Fitz und Otto Sander haben die Vorlage diskret bearbeitet und sprechen den Dialog in der großartigen Übersetzung von Elmar Tophoven mit verteilten Rollen, die sie aber vorübergehend auch wechseln. Und sie sprechen auch den Erzähltext mit. In Mercier und Camier kann man Vorläufer von Wladimir und Estragon aus „Warten auf Godot“ erkennen. Wie diese profitieren Mercier und Camier aus der Scheinlogik von Clownsszenen, die heute im Film weiterleben – etwa bei Jim Jarmusch. Anders als Kalle und Ziffel in Bertolt Brechts „Flüchtlingsgesprächen“, verzichten sie weitgehend auf Pointen. Komisch sind sie nur insofern, als sie die Alltagslogik ad absurdum führen. Gegenstände – ein Regenschirm, ein Fahrrad – entwickeln ein Eigenleben, das an den frühen Slapstick denken lässt. Immer wieder scheint sich so etwas wie eine Fabel aufzubauen, aber sie bildet keine äußere Welt ab, sondern schafft sich eine eigene Welt – aus Sprache eben. Sie sind, wenn man so will, das literarische Gegenstück zum Amüsierspiel eines Jack Lemmon und eines Walter Matthau. Das soll hier nicht schlecht geredet werden – es ist auf seine Art ebenfalls genial –, bei Beckett jedoch erhält es nicht unbedingt eine philosophische, wohl aber eine existentielle Dimension.

Die 1982 vom Schweizer Radio produzierte Aufnahme (Regie: Katja Früh) verzichtet auf jedes Brimborium. Lediglich ein paar Klaviertakte aus den „Gymnopédies“ von Erik Satie leiten einzelne Abschnitte ein.

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erstellt am 05.6.2015

Samuel Beckett
Samuel Beckett

Samuel Beckett
Mercier und Camier
Hörspiel. Sprecher: Otto Sander, Peter Fitz
2 CD, 88 Minuten
ISBN 978-3-85616-790-5
Christoph Merian Verlag, Basel 2015

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