Verlegen in Namibia, das mit Deutschland seit den Zeiten von Imperialismus und Kolonialismus eine gemeinsame Geschichte teilt, erfordert Mut und Zuversicht. Bryony van der Merwe bringt beides mit. Bruno Laberthier stellt den 2012 von ihr gegründeten Verlag Wordweaver vor.

Wordweaver Publishing House
Wordweaver Publishing House
Internationale Literatur

Verlegen in Namibia

Ein Porträt des 2012 gegründeten »Wordweaver Publishing House« aus Windhoek

Von Bruno Laberthier

Verlegen in Namibia, dem zweieinhalbmal so großen Flächenstaat im südwestlichen Afrika, der mit Deutschland seit den Zeiten von Imperialismus und Kolonialismus eine gemeinsame Geschichte teilt und heute knapp zweieinhalb Millionen Einwohner zählt, ein halbvolles Bundesligastadion davon Deutschsprachige – verlegen in Namibia erfordert Mut und Zuversicht.

Beides bringt Bryony van der Merwe mit. Die Upstart-Verlegerin von Wordweaver, eine blonde, zupackend-energische Person mit einnehmendem Lachen und kräftigem Händedruck, hat was vom jungen Klaus Wagenbach: nur in weiblich und afrikanisch. Beim Cappuccino in einem kleinen Caféhaus-Garten im weißen Vorzeigestadtteil der namibischen Hauptstadt Windhoek erzählt sie von der Vision, mit der sie ihren 2012 gegründeten Verlag etablieren wollte, und mit der sie das Vorhaben heute, drei Jahre später, auf vielleicht noch nicht maximalen Gewinn einspielende, aber immerhin und immer noch sehr vielversprechende Weise eingelöst hat.

Das Programm von Wordweaver ist inzwischen nicht mehr nur auf fiction ausgerichtet, so wie in den ersten zwei Jahren. Verlegerisches Kalkül brach sich danach Bahn und brachte die Entscheidung zu einer Zweigleisigkeit mit sich, bei der zukünftig Textbücher für den Schulunterricht das Standbein sind, um das weitaus ambitioniertere Spielbein, die schöngeistige Literatur, auf dem Markt zu platzieren.

In der Belletristik-Sparte von Wordweaver tummeln sich englischsprachige Publikationen von Nachwuchsautorinnen wie Sharon Kasanda, die in Namibiakrimis macht und mit Dante International ein Debüt hingelegt hat, das es 2013 immerhin auf die Longlist des renommierten Commonwealth Book Prize gebracht hat. Daneben hat es literarisch anspruchsvolle Kurzgeschichtensammlungen auf Deutsch und eine Short-Story-Anthologie der südlich-afrikanischen Schriftstellerinnen Isabella Morris und Sylvia Schlettwein gegeben, die auch in Mitteleuropa breit(er) rezipiert werden könnten.

Vignetten von Windhoek

Gut drei Dutzend Prosa-Vignetten über die namibische Hauptstadt (und den Sitz des Verlags) versammelt ein aufwändig mit eindrucksvollen Foto-Illustrationen von Christine Skowski versehener Band. Hauptsache Windhoek zeigt dabei schnell, dass es die Kapitale des letzten unabhängig gewordenen Staates in Subsahara-Afrika nicht aufnehmen (und das auch gar nicht will) mit den Megacities Afrikas, von Nairobi bis Lagos, oder den Urban Tales-geeigneten Molochs aus der zweiten Reihe wie Harare in Simbabwe oder Pretoria in Südafrika. Man sieht es der der Vierhunderttausendeinwohnerstadt an, dass es im Stadtzentrum mal eine Art Kolonialimport eines deutsches Dorfes war, und den ehemaligen Townships im Nordwesten, die heute den vibrierenden Teil Windhoeks ausmachen, dass sie auf stadtplanerischen Entscheidungen südafrikanischer Apartheidsrassisten beruhen, die bis 1989 das Sagen hatten in Namibia.

„Ich glaube, ich behandle Windhoek wie eine Angestellte“, sagte sie nachdenklich. „Ich sehe sie nur, wenn ich sie brauche, nehme ihre Dienstleistungen in Anspruch und beschwere mich, wenn etwas nicht klappt. Und in Windhoek klappt doch fast alles – die Müllabfuhr, die Straßenbeleuchtung, das Wasser, es gibt gute Geschäfte und Restaurants […]. Alle Ecken Windhoeks sind schnell erreichbar, der Verkehr nicht dicht, und wenn ich um fünf Uhr nachmittags drei Ampeln lang warten muss, weil 30 Autos vor mir stehen, beschwere ich mich nicht.“

Dieser Eindruck von Erika von Wietersheim (aus „Seelenlos“) ist durchaus repräsentativ für die Beiträge in der Anthologie. Weißnamibier und deutschsprachige schwarze Schriftstellerinnen ergänzen sich dabei, nehmen aber sonst – auch dies eine Nachwirkung auf die erst vor einem Vierteljahrhundert endende südafrikanische Besatzung – unterschiedliche Blickwarten auf ihr Windhoek ein. Beeindruckend geraten hier Monica Nambelelas märchenhaft überformte Erzählung aus dem alten Township, in der ein Hund seiner notleidenden Familie unverhofft zu einem Augenblick des Glücks verhilft, oder die absichtlich entlang der Dichotomie von Dystopia versus Utopie choreographierten Stories von Sylvia Schlettwein („Am Wendekreis des Schakals“, mehr dazu gleich) und Wendula Dahle. Und nicht unerwähnt bleiben sollten außerdem die Five-Finger Exercises der Windhoek-Flaneure Bernhard Jaumann, der es mit seinem Namibia-Roman Die Stunde des Schakals hierzulande im Jahr 2011 zum Krimipreis-Träger brachte, und Henning Melber, der nicht nur unter Politikwissenschaftlern als einer der renommiertesten Namibiakenner der Gegenwart gilt.

Kurzgeschichten-Meisterschaft

Einen Leseblick wert ist auch eine Geschichtensammlung, die Wordweaver in englischer Sprache herausgebracht hat. Bullies, Beats and Beauties versammelt Short Stories von (wiederum) Sylvia Schlettwein und (überaus entdeckenswert) der südafrikanischen Autorin Isabella Morris.

Für das tierische Bestiarium ist vor allem die mehrfach preisgekrönte Namibierin Schlettwein zuständig, in deren luftig arrangierten und lustvoll generische Grenzen überschreitenden Stories sich vor allem Schakale tummeln. Als Chiffre für ein naturgesättigtes Land, dem auch in den Städten die Domestizierung von Fauna (und bisweilen die der Mitmenschen) nicht immer gelingt, steht der Schakal sinnbildlich für das mal bedrohliche, mal unterdrückte Andere der Zivilisation: so in der dystopischen Skizze „At the Tropic of Jackal“ (in deutscher Übersetzung auch in Hauptsache Windhoek) über ein Namibia, dessen Bevölkerung bei einem Atomunglück auf 5000 Einwohner dezimiert wurde, in der pointiert eine Art Mad Max im afrikanischen Wüstensand zur Darstellung gelangt, oder in der kurzen Fabel „Mother of the Beast“, in der weniger der sprechende Schakal für das Abgründige sorgt, sondern eher die subtil angedeutete Ehe-Hölle seiner Deutschnamibier-Pflegeeltern.

Hier ist es der Ehemann, der sich als Bully entpuppt: vielleicht gar nicht mal als Tyrann, aber doch als jemand, der zu unsensibel ist, um seine Handlungen nicht als Schikane dastehen zu lassen. Von Typen dieser Sorte wimmelt es, nun Geschlechtergrenzen übergreifend, auch in den meisterhaft dicht komponierten Kurzgeschichten von Isabella Morris.

„Obsession“ präsentiert gleich zu Beginn mit der so bigotten wie intriganten Ich-Erzählerin ein Prachtexemplar von Neighbourhood Bully. Die namenlose Protagonistin hetzt in einer an Thornton Wilder erinnernden südafrikanischen Kleinstadt die Mitbewohner gegeneinander auf: rachsüchtig, gnadenlos und mit der Legitimation sämtlicher Bibelsprüche außer dem vom Balken im eigenen Auge. Ebenso lesens- und empfehlenswert: die ungeschminkt und zugleich einfühlsam geschilderten letzten Stunden einer an Krebs im Endstadium erkrankten Figur, die ihrem Partner und den Nachkommen ein an entscheidenden Stellen unaufgeräumtes Familienleben hinterlässt. Der Partner sitzt zwar am Sterbebett, die Zeit allerdings, in der Worte noch gewechselt werden konnten, ist verstrichen:

Of course I can’t possibly ask you what’s wrong, the morphine has blunted the pain, but it’s also anaesthetised my arms, so I can no longer use the white board to write you messages. I blink three times to show I am concerned, but you look away. I know you saw me wanting to communicate, your quick glance away was intentional – you do not want to talk. My throat emits a tangled sound of frustration, but you do not ask me if I need my pillows fluffed or my catheter bag changed, or some ice to soothe my cracked lips.

In „Last Rights“ (so der Titel der Story) kommt exemplarisch alles zusammen, was Isabella Morris zur Meisterin in der Sparte Kurzprosa macht: das präzise Arrangement der tiefenscharf gezeichneten Figuren, dazu der Reiz und die zeitlose Relevanz des Themas – Morris ist die „existenziellere“ der beiden in Bullies, Beasts and Beauties anthologisierten Schriftstellerinnen. Schließlich das gekonnte Beherrschen der für Short Story Writing unerlässlichen Ökonomie, bei der Figurenkonstellationen und Atmosphären und Handlungsvortrieb gerade nicht in epischer Breite, sondern besonderer Verdichtung zur Darstellung gelangen müssen. Familiendramen, Milieukonflikte und nicht verheilte Wunden an Körper(n) und Seele(n): Morris schiebt es unter das Okular ihrer bei aller Ökonomie enorm exakten Schreibe.

Ausnahmeerscheinungen

Im Wordweaver-Verlagsprogramm zählen Hauptsache Windhoek und Bullies, Beasts and Beauties nicht unbedingt zum Mainstream: Bryony van der Merwe setzt auf viele Sparten und Genres und scheut sich nicht, ganz junge Nachwuchsautorinnen ebenso zu verlegen wie Kinder- und Jugendliteratur-Titel. Oder auch schon mal, wenn es denn sein muss, Shades of Grey -Epigonen aus dem südlichen Afrika. Breit aufgestellt ist der Verlag auch, was den Vertrieb und die Promotion angeht: Zuletzt war das zu beobachten auf der Frankfurter Buchmesse, wo Wordweaver mit einem kleinen Stand vertreten war. Wenn dies Schriftstellerinnen wie Schlettwein und Morris oder den in der Hauptstadtanthologie versammelten Talenten hilft, von Namibia aus auch in Europa wahrgenommen zu werden, ist das nur zu begrüßen.

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erstellt am 02.6.2015

Die Verlegerin
Bryony van der Merwe
Die Bücher

Sylvia Schlettwein, Erika von Wietersheim (Hg.)
Hauptsache Windhoek
Fast drei Dutzend Geschichten und Gedichte
ISBN: 978-99916-889-1-6
Wordweaver Publishing, Windhoek 2013

Isabella Morris, Sylvia Schlettwein
Bullies, Beasts and Beauties
ISBN: 978-99916-878-0-3
Wordweaver Publishing, Windhoek 2012

Weitere Informationen

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