Aufklärung kann weh tun, wenn sie lieb gewonnene, unverzichtbare Illusionen und verknöcherte Konventionen zerstört. Diese Ambivalenz gilt für Tennessee Williams' „Endstation Sehnsucht“, ebenso wie für Mozarts „Così fan tutte“. Thomas Rothschild hat sich neue Inszenierungen der beiden Stücke in Stuttgart und Basel angesehen.

Bühne

So tun sie es in Stuttgart und Basel

Von Thomas Rothschild

1997 hat André Previn aus „Endstation Sehnsucht“ eine Oper gemacht. Schon 14 Jahre davor, 1983, hat John Neumeier auf der Grundlage von Tennessee Williams' Erfolgsstück für die Stuttgarter Compagnie und für Marcia Haydée ein Ballett choreographiert. Jetzt wurde es wiederaufgenommen.

Bei John Neumeier beginnt die Geschichte mit ihrem Ende: Blanche Du Bois, auf dem hohen Niveau von Marcia Haydée getanzt von Alicia Amatriain, sitzt zitternd auf der Kante des Betts in einer psychiatrischen Klinik. Sie erinnert sich. Die Vergangenheit auf dem Südstaaten-Anwesen Belle Rève, bei Tennessee Williams nur verbal beschworen, füllt den ersten Teil des Balletts. Nach der Pause kontrastiert New Orleans mit der zugleich vornehmen und morbiden, zum Untergang verurteilten Eleganz des Elternhauses. Das Corps de ballet liefert mit Jazz, von Mücken geplagten Straßenmädchen, Matrosen und marschierenden Fahnenträgern – eine Parade der Heilsarmee? eine Demonstration von Arbeitern? – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn den Hintergrund zum Kammerspiel der Solisten.

Hier kommt es, wie im Theaterstück, zu einem Höhepunkt, als Mitch den Papierlampion beseitigt und im Licht der nackten Glühbirne Blanches wahres Gesicht sieht. Es ist ein Bild der Aufklärung – in ihrer buchstäblichen Bedeutung. Im Französischen heißt „Aufklärung“ Lumières. Mitch zerstört Blanches (Lebens-)Lüge. Bei Tennessee Williams sagt er, er wolle „nur realistisch“ sein. Und Blanche erwidert: „Ich mag keinen Realismus! Was ich will, ist – Magie!“

Mitch handelt aufklärerisch, aber zugleich grausam – und das kommt in Neumeiers Ballett ganz ohne Worte fast noch besser über die Rampe als in Tennessee Williams' vulgärpsychologisch überfrachtetem Text. Aufklärung kann weh tun, die Wahrheit schmerzlich sein, wenn sie lieb gewonnene, unverzichtbare Illusionen und verknöcherte Konventionen zerstört. Diese Ambivalenz der Aufklärung ist auch die Essenz eines äußerlich völlig anderen Werks, von Mozarts „Così fan tutte“.

Einen Tag später: die vierte und vorletzte Premiere der Saison an der Stuttgarter Oper. Seit der letzten Premiere sind mehr als drei Monate vergangen. Die Intendanz Jossi Wieler ist mit berechtigtem Lob überhäuft worden. Sprechen wir einmal von den Defiziten. Die unter Klaus Zehelein begründete und von Albrecht Puhlmann beibehaltene Reihe „zeitoper“, in der experimentelle Formate zeitgenössischen Musiktheaters ausprobiert werden konnten, wurde, anders als die ebenfalls verdienstvolle „Junge Oper“, gestrichen. Der versprochene Ersatz wurde bis heute nicht gefunden. Das ist bedauerlich – für das interessierte Publikum, aber zumindest ebenso sehr für gegenwärtige Komponisten. Und: fünf Premieren in einer Spielzeit sind für eine Institution dieser Größe einfach zu wenig. Mit „Così fan tutte“ und dem noch bevorstehenden „Rigoletto“, das kann man prognostizieren, lässt sich das Haus fast beliebig oft mühelos füllen. Weniger Risiko war selten. Aber Auslastung kann für einen subventionierten Betrieb nicht das einzige Kriterium sein (auch wenn die Politik meist kein anderes kennt). Stuttgart besitzt nicht, wie Berlin oder Wien, mehrere Opernhäuser. Die ganze Last der kulturellen Versorgung auf dem Gebiet des Musiktheaters ruht auf dem einen Staatstheater. Da würde man sich doch ein breiteres Angebot wünschen.

Nun also „Così fan tutte“. Bei Regisseur Yannis Houvardas, der die Handlung in unser Jahrhundert und in eine kleinbürgerliche Umgebung verlegt, sind alle sechs Protagonisten fast ständig auf der Bühne. Es gibt für sie also kein Geheimnis, keine Verschwörung, keine undurchschauten Tricks. Sie sind, wenn man die physische Anwesenheit realistisch interpretiert, wofür Bühnenbild und Inszenierungsstil ein starkes Argument liefern, über die Intrige informiert. Das ist, wie fast alle Einfälle dieses Abends, nicht neu. Es lag der Salzburger Fassung von Karl-Ernst und Ursel Herrmann von 2004 als Konzeption zugrunde. Und wie bei ihnen, so schafft es auch bei Houvardas mehr Probleme, als es löst. Die angestrebte und geschichtsblinde Ehrenrettung der Frauen sabotiert die dramaturgische Konstruktion. Nicht nur sind die Frauen in das Ränkespiel eingeweiht, auch Guglielmo und Ferrando lauschen aus einem Nebenzimmer den Phrasen ihrer Bräute.

Der Chor besteht aus lauter Klonen von Fiordiligi (Mandy Friedrich), Dorabella (Diana Haller), Guglielmo (Ronan Collett) und Ferrando (Gergely Németi). Klar: Così fan tutte (und tutti). Aber sie sollen Soldaten sein und sehen aus wie Handlungsreisende, die sich von ihren Ehefrauen verabschieden. Wie man Alfonso (Shigeo Ishino) und Despina (Yuko Kakuta) begreifen soll, bleibt bei dieser sozialen Anordnung ein Rätsel. Die Damen dieser Inszenierung haben sicher weder eine Kammerzofe noch einen Hauslehrer.

In der Verkleidung sehen Guglielmo und Ferrando dann wie zwei Vorstadtstriezis vom Rummel aus. Lange bevor für die beiden Betrüger „die Entscheidung naht“, liegen sie ziemlich unzweideutig auf den Damen. Und die pathetische Frage „Grausame, warum fliehst du“ erweist sich angesichts der szenischen Ausführung als besonders drastische Variante des Coitus interruptus.

Die „Spielleiter“-Funktion Don Alfonsos wird verdeutlicht und zugleich ironisch gebrochen, wenn der ins Orchester das Zeichen zum Einsatz eines Trommelsignals gibt. Seine Komplizin Despina darf später den Chor dirigieren.

Zu den vielen „Einfällen“, die längst Konvention bei „Così fan tutte“ sind, zählt das Misstrauen gegen den Schluss. Houvardas findet dafür die Lösung, dass alle in hysterisches Lachen ausbrechen, ehe sie, wie in Gogols „Revisor“, zu einem Tableau erstarren. Wäre da nicht die hohe sängerische Qualität – man müsste, dem Schlussapplaus bei der Premiere zum Trotz, konstatieren: eine ziemlich fade Angelegenheit.

Es gehört zum Repertoire der moralisierenden Kulturkritik, dass Don Alfonso, der Initiator der Intrige und Manipulator der Frauen als der Böse in „Così fan tutte“ verstanden wird. Dabei übersieht man gemeinhin, dass sein grausames Spiel, wie gesagt, einem Ziel dient: die Augen zu öffnen für die menschliche Natur und diese anzuerkennen, statt sie zu vergewaltigen. Ja, „Così fan tutte“ handelt von einem Menschenexperiment. Aber man kann es auch als pädagogisches Exerzitium verstehen. Mit seiner Versuchsanordnung, seiner „Erziehungsdiktatur“ steht Don Alfonso in der Tradition der Aufklärung und eines Humanismus, der auch menschliche Schwächen, wenn es denn welche sind, akzeptiert.

Mozarts und Da Pontes nüchterner Blick auf Liebe und Treue hat noch vor gar nicht langer Zeit zu dem idiotischen Urteil verführt, „Così fan tutte“ sei eine schwache Oper, ihr Libretto missglückt. Im übrigen gilt das Verdikt keineswegs, wie der Titel suggeriert, nur für Frauen. Schon lange bevor die enttäuschten Liebhaber der getäuschten Bräute zu ihrem Urteil gelangen, singt Despina: „Alle aus gleichem Stoff sind diese Männer;/ Flatterndes Espenlaub, wechselnde Winde,/ Die sind beständiger, treuer als sie./ Lügende Tränen, gleißende Blicke,/ Schmeichelnde Worte, heuchelnde Tücke,/ All' diese Künste verstehen sie gut./ Sie lieben nichts in uns als ihr Vergnügen,/ Und sie verachten uns, weil wir erliegen!/ O, den Barbaren ist Mitleiden fern.“

In Basel hat Calixto Bieito unter Zuhilfenahme von Textfragmenten von Michel Houellebecq und anderen, in französischer und englischer Sprache, die skeptizistisch-aufklärerische Sicht von „Così fan tutte“, die ja nicht teilen muss, wer den täglichen Hollywood-Kitsch vorzieht, in die Gegenwart verlängert. Nicht Don Alfonso, sondern Despina steht bei ihm im Zentrum der Bühne und des Interesses, und nicht die Anklage der Untreue, sondern das Recht auf Selbstverwirklichung wird verhandelt. Dass sie nicht gelingt, lässt das Unternehmen zutiefst tragisch erscheinen. Das ist es, genau betrachtet, schon bei Da Ponte und in Mozarts Musik. Man muss nur das aufgesetzte, scheinbar glückliche Ende wegdenken. Was bei Mozart und Da Ponte noch als romantische Liebe erscheinen mag, ist in Basel unverklärter lasziver Sex. Die Verführung ist in Gestalt der Despina, knallig verkörpert (ja, verkörpert!) von Noëmi Nadelmann, ständig anwesend. Die Verzweiflung auch.

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erstellt am 01.6.2015

„Endstation Sehnsucht“ am Stuttgarter Ballett
© Stuttgarter Ballett

Ballett

Endstation Sehnsucht

Ballett von John Neumeier nach Tennessee Williams

Stuttgarter Ballett

„Così fan tutte“ an der Oper Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer

Oper

Così fan tutte

Von Wolfgang Amadeus Mozart

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling
Regie Yannis Houvardas

Oper Stuttgart

„Così fan tutte“ an der Oper Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer

Oper

Così fan tutte

Projekt von Calixto Bieito mit Musik aus W.A. Mozarts gleichnamiger Oper und Texten von Michel Houellebecq

Theater Basel