Was bedeutet „Deutschsein” heute, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung? Vier Autoren gehen dieser Frage bei Faust-Kultur aus eigener, biographischer Sicht nach. Für Annegreth Schilling ist ihre DDR-Erfahrung ebenso wichtig wie das Bewusstsein für Deutschlands materiellen Reichtum und kulturelle Pluralität.

Being German

Mit ostdeutschem Migrationshintergrund

Von Annegreth Schilling

Ich heiße Annegreth Schilling, bin Theologin und arbeite als Dozentin an der Universität in Bochum. Ich bin verheiratet, habe einen entzückenden Sohn und liebe das Leben in Deutschland und anderswo. Ich habe drei Geschwister und bin mit ihnen und meinen Eltern in Dresden aufgewachsen.

Dresden – Moment, wo liegt das nochmal? Ach so, da im Osten. Also Ostdeutschland. Aber ich bin ja nicht in Ostdeutschland geboren, sondern in der DDR. Das Land gibt es nicht mehr. Schon komisch, sich das vorzustellen: Du bist in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt.

Dazu eine kleine Anekdote: Als meine Mutter 2002 entdeckte, dass in meiner Geburtsurkunde ein Buchstabe in meinem Nachnamen fehlte, ging sie zum Standesamt, um das ändern zu lassen. Das Verrückte daran: Meine DDR-Geburtsurkunde wurde ungültig gestempelt und einbehalten. Stattdessen bekam ich einen kleines DIN-A5-Blatt mit dem Stempelvermerk Freistaat Sachsen, Landeshauptstadt Dresden – ein westdeutscher Ausdruck einer DDR-Geburtsurkunde. Zum Glück habe ich noch meinen DDR-Impfpass.

Ich bin 1981 geboren. Jetzt bin ich 33 Jahre alt. Als die Mauer fiel, war ich in der 2. Klasse. Es wird Euch nicht schwerfallen zu erraten, dass ich keine Bürgerrechtlerin gewesen bin. Ich war also 1989 acht Jahre alt. Und seitdem wünschte ich mir nichts anderes als aus West-Berlin zu kommen. Aus dem Osten zu kommen, fühlte sich für mich irgendwie komisch an, wie, als wäre die Welt bei uns stehengeblieben. Vielleicht fühlte ich mich zurückgeblieben, unterentwickelt.

Und dann auch noch das Sächsisch. Klingt nicht grade sexy. Also war eine meiner ersten Vorhaben auf dem Weg, eine Westdeutsche zu werden, mir das Sächsisch abzugewöhnen. Das hat dann wohl auch geklappt: Denn als ich 14 war und neu in eine Jugendgruppe kam, sagte einer zu mir: „Was, Du bist aus Dresden? Das hört man ja gar nicht. Du klingst eher so wie aus … Hessen. (Ohne Witz!) Ich dachte, Du wärst ‚zugereist’.“

Yeah, dachte ich mir, ich hab's geschafft.

Aber natürlich lebten wir damals immer noch zu sechst in einer riesengroßen, lausig kalten Wohnung mit Kohleheizung, abbröckelnder Fassade, natürlich ohne Telefon und Fernseher (in Dresden gab es keinen Empfang für Westfernsehen) und auch ohne Internet (aber das gab’s ja damals im Westen auch noch nicht).

Diese DDR-Erfahrung gehört zu meinem Deutschsein dazu. Und ich hab lange gebraucht, um darin einen Wert zu sehen:

- Dass ich weiß, wie es ist, wenn ich den Nachmittag nicht mit meiner besten Freundin verbringen darf, weil sie zum Pioniernachmittag geht und meine Eltern auf keinen Fall wollen, dass ich da mit hingehe.

- Dass ich mich noch genau an die erste Westreise mit meiner Familie erinnern kann, und an die Toilette von der Autobahnraststätte in Bebra, die für mich aussah wie das Badezimmer in einem Luxushotel.

- Dass ich mich daran erinnern kann, wie meine Geschwister und ich in einer Reihe am Obstladen anstanden, um ein Kilo Orangen zu bekommen.

Wegen dieser und anderer Erfahrungen habe ich mich im Beisein von gleichaltrigen westdeutschen Freunden immer minderwertig gefühlt. Minderwertig, weil wir weniger besaßen, minderwertig, weil ich nicht mitreden konnte mit dem, was (scheinbar) der Mainstream war. Weil ich eine ganz andere Kindheit verlebt hatte als sie. Vielleicht sind einige unter Euch, von denen ein oder sogar beide Elternteile ursprünglich nicht aus Deutschland kommen. Vielleicht klingt manches ähnlich. Würdet Ihr sagen, das ich eine Frau mit Migrationshintergrund bin? Eine Frau mit ostdeutschem Migrationshintergrund?

Being German – das heißt für mich anzuerkennen, dass Deutschland 40 Jahre lang geteilt war. Being German bedeutet auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung geteilte Geschichte(n), und zwar im doppelten Sinn des Wortes: getrennte Geschichten, die aber dennoch miteinander verbunden sind und erzählt, miteinander geteilt werden wollen.

Nach dem Abi konnte es für mich nicht weit genug weggehen: nach Paraguay nach Lateinamerika. Dort habe ich ein Jahr als Freiwillige in einer Kindertagesstätte gearbeitet. Die Kinder kamen alle aus sozial schwachen Familien mit vielen Geschwistern, meistens waren ihre Mütter alleinerziehend. Viele Familien wohnten nahe am Fluss, in einfachen Bretterhütten, fünf Leute teilten sich zwei Betten, das Klo war ein Bretterverschlag.

Der Kulturschock kam eigentlich erst, als ich wieder nach Deutschland zurückgekehrt bin. Das Staunen über die Ausstattung der deutschen Kindergärten, die Sauberkeit auf den Straßen, die Stille in den Zugabteilen, das Angebot an teuren Waren, das funktionierende Sozial- und Gesundheitssystem.

Being German – das heißt für mich anzuerkennen, dass Deutschland eines der reichsten Länder der Welt ist. Welche Verantwortung erwächst uns daraus? Wie können wir an der Seite derer stehen, die wenig, die nichts haben? Wie relativ ist unser Reichtum hier? Woran sind wir arm? Die Theologin Dorothee Sölle sagte einmal: „Der Reichtum des Menschen liegt in seinen Beziehungen zu anderen, in seinem Dasein für andere.“ (Rede in Vancouver, 1983). Sie versuchte, sich ein „Leben in seiner Fülle“ für alle Menschen vorzustellen. Wie könnte so eine Fülle des Lebens aussehen, die nicht nur uns in Deutschland voll macht, sondern alle Menschen erfüllt? Was brauchen wir dazu?

Als ich aus Lateinamerika nach Deutschland zurückkehrte, habe ich begonnen, in Berlin Theologie und Lateinamerikanistik zu studieren. Der Grund, weshalb ich mich entschieden habe, Theologie zu studieren, lag nicht nur darin, mehr über die Bibel und die Tradition des Christentums zu erfahren, sondern mir auch Gedanken zu machen, wie wir heute, im 21. Jahrhundert, als Christen unseren Glauben leben. Aus meiner Sicht hat sich viel im Vergleich zur Generation meines Großvaters verändert, denn wir leben heute in einer religiös pluralen Gesellschaft. Die Rede vom christlichen Abendland fand ich immer etwas verstörend. Denn auch das Judentum gehört doch seit jeher nach Europa, und den Islam gibt es hier auch schon seit dem 8. Jahrhundert. Das Theologiestudium hat mir vor allem die Augen geöffnet für den jüdisch-christlichen Dialog, den Umgang mit der Geschichte des Holocaust und des Rechtsextremismus. Erst in den letzten Jahren habe ich begonnen, mich mehr mit dem Islam zu beschäftigen.

Wie verändert die Wahrnehmung und Anerkennung anderer Religionen mein Christsein? Es ist vor allem das Bild des dominanten, anderen Religionen überlegenden Christentums, das ich hinter mir lassen möchte. Die jüngste Vergangenheit zeigt gute Beispiele, wie Menschen verschiedener Religionen friedlich miteinander leben.

Being German – das ist nicht Pegida! Being German – das heißt für mich anzuerkennen, dass das Christentum nicht die einzige Religion ist, die unsere „deutsche“ Kultur in Geschichte und Gegenwart geprägt hat und prägt. Wir verdanken anderen Religionen so viel. Sie sind Teil unserer Kultur, unseres Lebens geworden. Und wir müssen uns gemeinsam auf den Weg machen, unsere Gesellschaft zu gestalten.

Annegreth Schilling, geboren 1981, ist Theologin und Dozentin an der Universität Bochum.

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erstellt am 31.5.2015

Die Wiedervereinigung 1990 haben die heute 14- bis 19-Jährigen nicht miterlebt. Gibt es aber trotzdem etwas, woran sie bei der Feier von 25 Jahren Deutsche Einheit in Frankfurt am 3. Oktober 2015 anknüpfen können? Ist es das eigene „Deutschsein”? Was bedeutet das überhaupt heute?
Die Auftaktveranstaltung des Projektes „Being German, Deutschsein, Alman Olmak…“ der Jugendkulturkirche Sanktpeter Frankfurt und der Evangelischen Akademie Frankfurt in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Thüringen fand am 24. März 2015 statt. Ziel war das Erarbeiten von vier Thesen, die das „Deutschsein“ von Jugendlichen beschreiben. Dazu wurden vier Referenten (Eugen El, Isil Yönter, Nina Yao, Annegreth Schilling) eingeladen, die einen Einblick in die eigene Geschichte und das eigene „Deutschsein“ gaben. Nach den Impulsreferaten wurde im methodischen Teil ein Austausch über das Thema gewagt, bis dann später im Plenum vier Bedeutungen eines „Deutschseins“ gefunden werden konnten.
Diese vier Thesen werden im zweiten Teil der Veranstaltung von den Schülern gemeinsam mit vier Künstlern auf unterschiedliche Art und Weise gestaltet. Die Ergebnisse werden im Oktober in einer Ausstellung vorgestellt, bei der die Teilnehmer der Ev. Akademie Thüringen aus Erfurt auch dabei sein werden. Die Eröffnung der Ausstellung findet am 2. Oktober 2015 um 19.00 Uhr in der jugend-kultur-kirche sankt peter, Stephanstr. 6, 60313 Frankfurt statt. Sonja Kruse

Faust-Kultur dokumentiert die vier Impulsvorträge des Projektes „Being German, Deutschsein, Alman Olmak…“ in loser Folge.

Annegreth Schilling (damals Strümpfel; im gestreiften T-Shirt) mit dem DDR-Kinderferienlager auf Westreise in Augsburg im Juli 1990. Foto: privat