Als Wimmelbilder kennt man kleinteilige, ereignisüberhäufte Kinderbuchdarstellungen. Künstler nutzen deren Ästhetik zuweilen zwecks Idyllbrechung. Mehrheitlich allerdings wollen sie an den archaisierenden Effekten des Wimmelbildes teilhaben, meint Christian Janecke.

Maschen der Kunst

Wimmelbildnerei

Von Christian Janecke

Als Wimmelbilder kennt man ereignisüberhäufte Kinderbuchdarstellungen, gern doppelseitig, um ein möglichst großes Format kleinteilig füllen zu können. Vorzugsweise von erhöhtem Standpunkt, seltener strikt vogelperspektivisch darf der kindliche Blick über bunt angefüllte Landschaften schweifen – obwohl es kaum Muße zum Schweifen, dafür aber unzählige Anlässe zum Innehalten und Einsammeln der auf Abwechslungsreichtum hin angelegten Szenerien gibt, die mehr oder weniger lehrreich und unterhaltsam das Motivrepertoire eines thematischen Ensembles wie etwa ›Zoo‹ oder ›Bauernhof‹ ausschöpfen.

Dass die Häuser zum Hintergrund hin kaum kleiner werden, die Bächlein nie versiegen und Ereignisse fast gleichverteilungshaft die Bildfläche füllen, ist keine nostalgische Reverenz an vorneuzeitliche Weltlandschaftlichkeit, an die wuchernde Phantastik Boschs oder die vielteilige Erzählweise mancher Bilder Breughels. Vielmehr soll einfach überall noch etwas sein, das vor der kindlichen Aufmerksamkeit besteht.

Auch Paradoxien der Zeitlichkeit finden sich: das an ›kontinuierende Darstellung‹ noch eines Memling erinnernde, bisweilen bezugslose Nebeneinander von vergleichzeitigtem Nacheinander, das von Schlachtenpanoramen her bekannte Niemals-enden-Können zu vieler augenblickshaft eingefrorener Handlungen. Doch scheinen diese Zeitparadoxien schlichtweg sublimiert zu sein oder gar nicht erst zum Zuge zu kommen in der pragmatischen, da höchst selektiven Nutzung solcher Wimmelbilder durch Kinder.

Für dem Kindesalter entwachsene Künstler hingegen bietet die oberflächlich kindgerechte, harmlose Ästhetik der Wimmelbilder diverse Ansatzmöglichkeiten. Zunächst die der Idyllbrechung, so dass irgendetwas inhaltlich dieses Genre Konterkarierendes zutage tritt, das vom harmlosen Format des Wimmelbildes niemand erwarten und das folglich erst auf den zweiten Blick sichtbar würde. Mehrheitlich allerdings steht den Künstlern der Sinn nicht nach Parodie bzw. Subversion, ja geht es ihnen nicht um das Genre des Wimmelbildes. Desto ungenierter aber wollen sie an dessen archaisierenden Effekten teilhaben. Das kann sich steigern bis zur Installation aus unzähligen Zeichnungen, die nicht länger mit einem Blick erfassbar sind, in denen man sich suchend eher verliert.

Aufsehen erregten Jake & Dinos Chapmans modelleisenbahnerisch aufgezogene Landschaften der Apokalypse, der Marter und des Krieges, deren Neuauflage als Fucking Hell seit 2008 in der umgebauten Zollstation Venedigs präsentiert wird. Bedingt durch die eng durchschreitbare Vitrinenpräsentation sind die kleinteiligen Szenerien jeweils nahansichtig zu bestaunen. Recht bekannt wurden auch die bizarren, von perverser Freude an sadistischen, vor sexuell interpenetrativen Details strotzenden Pandämonien eines Ralf Ziervogel. Der Kunstbetrieb sieht sich nicht satt daran. Und während sich die manieristisch perspektivischen Rückgriffe eines Tübke oder vor Jahrzehnten noch eines Salvador Dalí stets dem Kitschvorwurf ausgesetzt sahen, profitieren die Vertreter der Wimmelbildnerei davon, dass die gesamte Moderne in ihrer Betonung der Flächigkeit eher Anschlüsse an mittelalterliche denn an zentralperspektivisch neuzeitliche Räumlichkeit gesucht, dass sie eher in der ehemals sogenannten primitiven als der unmittelbar umgebenden Kultur Seelenverwandtschaft empfunden hatte. Im Strom dieser Tradition dümpelt die heutige Wimmelbildnerei, wenn sie ihre gewollt linkischen Archaismen mit unverdächtig moderner Flächenklappung amalgamiert.

Dennoch ist solche Kunst aversiv; ihre Vision ist der Krieg, der ihr unterm delirierenden Zeichenstift zum Scharmützel, zum unentwirrbaren Handgemenge – und dieses wiederum metonymisch zur Friemelei der zeichnenden Hand! – wird, so dass sich das zurechenbar Beabsichtigte ins organisch Wuchernde verkehrt. Geschichte wird in Natur zurückgestoßen. Der Künstler der Wimmelbildnerei sucht mit spitzer Feder die nimmer endende Verkettung von Handlungen zu protokollieren und verhöhnt darin moderne Folgenabfederung und befriedende Instanzen der Mittelbarkeit. Die unter Kunsthistorikern beliebte authentizitätssüchtige Rede von der psychografischen Zeichenkunst kommt dem Wimmelbildner dabei nicht ins Gehege, sondern zupass: lässt sich doch so ein Barbarentum der unverbildeten, ungezähmten, manisch zeichnenden Hand feiern.

Auch die betuliche Disproportion zwischen riesigem Format und winzigster Figürlichkeit ist Masche: Denn bar der Einbettung des heutigen Menschen in religiöse oder mythische Ordnungen wird die neuerlich bemühte alte Weltlandschaftlichkeit zur hohlen Formel. Das Verhältnis des Künstlers zu seinen Bildfigürchen ist dann ähnlich willkürlich wie das eines mutwilligen Blödians zu hilflosen Ameisen. So wie diese Tiere jederzeit durch Anpusten oder einen Luftzug von außen versprengt und ihre Wanderung, ihre Absichten mit einem Mal Makulatur wären, genauso vermöchte ein riesiger Zeichenkarton sich der auf ihm eingeschriebenen winzigen Gestalten jederzeit zu entledigen. So erinnert uns die Wimmelbildnerei daran, dass auch Maßstabsfragen ethisch bedeutsam sind.

Aus: Christian Janecke: Maschen der Kunst. Mit freundlicher Genehmigung © Zu Klampen Verlag, Springe

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erstellt am 31.5.2015

Aus vielen Lebensgebieten kennen und schätzen wir womöglich sogar das Instituierende und Kreativitätsersparende des wie auch immer Vorgestanzten. Niemand käme auf die Idee, gewisse ‘Maschen des Anmachens’, ‘Maschen der Werbung’ o.ä. zu leugnen oder auch nur besonders verwerflich zu finden. Mitunter zollen wir dem, der die ‘Trickkiste’ eines Gebietes wie z. B. Fußball beherrscht, sogar besonderen Respekt.

Auch die hehre Kunst hat sich längst in einer stattlichen Zahl von ‘Schubladen’ eingerichtet. Und die artigen Vertreter von Kunstwissenschaft und -kritik belassen es oftmals dabei, das eine oder andere Stück daraus hervorziehen, um es im Verhältnis zur direkten Nachbarschaft zu begutachten – statt über die Schubladen, eben einschlägige Maschen zu reden: über je nachdem offenkundige oder verborgene Muster der Effekterzielung, über zuweilen verengende, mitunter aber durchaus produktive Routinen der Kunst.