Der Beamte des Hessischen Verfassungsschutzes Andreas Temme war anwesend, als der »Nationalsozialistische Untergrund/NSU« den 21-jährigen Halit Yozgat in dessen Internet-Café in Kassel erschoss, im April 2006. Im zweiten Teil seines Beitrags berichtet Johannes Winter über die Aufarbeitung des Falls durch den NSU-Untersuchungsausschuss im Hessischen Landtag.

Reportage

Die »Kasseler Problematik«

Neue Lieferung zur Aufarbeitung des NSU-Skandals in Hessen

Von Johannes Winter

Halit Yozgat
Halit Yozgat

Es war ein hochkarätiges Trio aus den Reihen von Polizei und Verfassungsschutz, das sich von den Abgeordneten befragen ließ. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages zur Aufklärung des Mordes an Halit Yozgat in Kassel sowie der Rolle der hessischen Gerichte, Ermittlungs- und Sicherheitsbehörden hatte, nach einer Reihe von Sachverständigen, zur ersten Anhörung von Zeugen geladen. Journalisten aus der ganzen Republik waren angereist.

Der 21-Jährige war am 6. April 2006 gegen 17 Uhr in seinem Internet-Café In Kassel erschossen worden. Das Besondere: Anders als bei den bisherigen Morden des NSU wurde dieser von einer bis heute nicht bekannten Person in Anwesenheit von Kunden verübt, unter denen sich ein weitere befand, deren Identität zunächst ungeklärt, nach zwei Wochen jedoch von der Kriminalpolizei aufgeklärt war. Es war der Verfassungsschützer Andreas Temme, als Beamter in Diensten des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz/LfV, sog. V-Mann- bzw. Quellen-Führer eines rechtsradikales V-Mannes. Temme wurde vorübergehend wegen Mordverdacht in Haft genommen. Als Tatzeuge hätte er sich bei der Polizei melden müssen, zog es jedoch vor, untätig zu bleiben. Warum?

Im Rahmen ihrer Ermittlungen hatte die Sonderkommission Café der Kasseler Kriminalpolizei zum Mittel der Telefon-Überwachung (sog. TKÜ-Maßnahme) gegriffen, mit dem sie Temme auf die Spur kam. Daraus ergab sich als Folge eine weitere Besonderheit. Die Polizei ermittelte gegen die Sicherheitsbehörde, indem sie verfassungsschutz-interne Gespräche abhörte. In einem der Telefonate zwischen Temme und seinem Chef, dem Leiter der Außenstelle Kassel des LfV, Frank-Ulrich Fehling, prägte dieser eine Formulierung, die den Kern des Verbrechens in der Stadt der documenta und des Herkules so kryptisch wie andeutungsreich bezeichnete.

Fehling erkannte in den Vorkommnissen und Verwicklungen um den Mord im Internet-Café nicht eine, sondern „die Kasseler Problematik“, und fuhr, an Temme gerichtet, so drohend wie vielsagend fort: „Da sitzt du ja ein bisschen drin, ne?“ Denn bei der Hausdurchsuchung habe er laut Kripo „ja vieles zugegeben“. Genau das sei „jetzt das Problem.“ Das bedeutete: Temme war Teil des Kasseler Problems. Er war wegen seiner Anwesenheit im Internet-Café erpressbar.

Indes hatte Fehling seinem V-Mannführer auch ein ausdrückliches Lob gezollt für sein „restriktives“ Verhalten gegenüber der ermittelnden Polizei. Anders als im Gespräch mit seinem obersten Chef Lutz Irrgang, Direktor des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, dem er offenbar „alles dargestellt“ habe. Was? Fehling am abgehörten Telefon: „Ich darf und will es nicht wissen“.

Bemerkenswert war schließlich, dass mit dem Datum vom 6.4.06 die Serie rassistischer Morde endete, der neun Menschen zum Opfer fielen, eine Serie, die bis heute allein dem Trio zugeschrieben wird, das als NSU/Nationalsozialistischer Untergrund bekannt wurde. Warum?

»Ausermittelt«?

Untersuchungsausschüsse in mehreren Bundesländern sowie der Prozess vor dem OLG in München bemühen und bemühten sich, die Verbrechensserie aufzuklären. Auch in Hessen, wo nach hartnäckigen Hinhalte-Versuchen der schwarz-grünen Landesregierung – Begründung: der Mord in Kassel sei „ausermittelt“ – ein Ausschuss des Landtages seine Arbeit aufnahm, zur „Kasseler Problematik“.

Die Sitzungen des parlamentarischen Gremiums folgen einem festen Ritual: Jede Fraktion hat das Recht, sich einen Zeugen 15 Minuten lang vorzunehmen, in einer ersten und in einer zweiten Runde. Dem folgt eine dritte Runde, die ohne feste Abfolge und zeitlich unbegrenzt verläuft. Nachdem der Ausschuss in den vergangenen Monaten etliche Sachverständige angehört hatte, befragte er Anfang Mai 2015 die ersten Zeugen.

Gegenstand der Anhörung war ein Telefonat von ca. 35 Minuten Dauer, das zwei Beamte des Hessischen Verfassungsschutzes im Mai 2006, etwa vier Wochen nach dem Mord, miteinander führten. Eine Kriminalpolizistin hatte den Mitschnitt, im Fachjargon, zu „verschriften“. Ihre Behörde, die Kasseler Kripo, saß mit in der Leitung – eine Delikatesse aus der Welt der Sicherheitsbehörden. Das Telefonat gilt heute als eine Grundlage für Beweisanträge, die die Anwälte der Nebenklage, der Eltern von Halit Yozgat, im Münchner NSU-Prozess stellten.

Mehr als sieben Stunden umkreisten die Abgeordneten die „Kasseler Problematik“. Sie ließen sich einzelne Passagen des Telefonats vorspielen, einzelne Aussagen. Zuweilen ging es heftig zu im Sitzungssaal des Wiesbadener Landtags, wenn die Rede war von Relevanz und Belanglosigkeit, von Bauchgefühlen und Wahrhaftigkeit oder von Ironie – Worte und Wortprägungen, die von den Zeugen aus der Welt der Ermittlungs- und Sicherheitsbehörden eingebracht wurden. Bisweilen muteten die Formulierungen an wie geschickt platzierte Nebelkerzen.

Die Sitzung des Ausschusses geriet zu einem Frage-Forum unter Leitung eines Juristen (CDU-MdL) der penibel darauf achtete, dass der Tellerrand des Vorhabens „Telefonat“ nur ja nicht ignoriert wurde. In ihrem Verlauf war die Anhörung ein Ringen von Politikern in ihrer Eigenschaft als professionelle Dilettanten, ein Wettbewerb in Deutung, Interpretation und Spracherkundung. Gestritten wurde um den Sinn von zwei inzwischen legendären Sätzen, die der damalige Geheimschutzbeauftragte des Amtes, Regierungsdirektor Hess, beim Telefonieren mit V-Mann-Führer Temme von sich gegeben hatte.

Eingeladen waren drei Zeugen, vorneweg Kriminaloberkommissarin Angela Schell, ihr folgten die beiden Ex-Verfassungsschützer Gerald-Hasso Hess und Andreas Temme. Letztere haben ihre berufliche Laufbahn im Landesamt für Verfassungsschutz (im Jargon „eL-eF-Vau“ oder „Amt“) bereits hinter sich. Hess trat als Pensionär auf, Temme als Ehemaliger, als dienstversetzter Beamter im Kasseler Regierungspräsidium. Differenzen zwischen den drei Zeugen zu erkennen, gestaltete sich als schwierig. Die Decke, unter der sie zu stecken schienen, war mit einem fein gestrickten Muster versehen, das wie ein Puzzle aus Erinnerungslücken und Detailkenntnissen anmutete.

Zeugin Nr. 1, KOK Angela Schell, berichtete über ihre Aufgabe, im Rahmen der Ermittlungen die Audio-Dateien abgehörter Gespräche zu verschriftlichen. Nach bestem Wissen und Gewissen. Aus den 35 Minuten filterte sie eineinhalb Seiten „Protokoll“ heraus, eine Art komprimierter Niederschrift, die mit „willkürliche Zusammenfassung“ genauer charakterisiert wäre. In der, wie Anwälte der Nebenklage beim Abhören des Mitschnitts festgestellt hatten, einer der beiden Sätze fehlte, um die seit seinem Bekanntwerden ein Deutungskrieg tobt. Die Frage stand im Raum, ob die Protokollantin den Satz bewusst unterschlug. Ob ihr erst die Anwälte auf die Schliche gekommen waren.

Es ging um den Satz „Ich sag ja jedem: wenn er weiß, dass irgendwo sowas passiert, bitte nicht vorbeifahren“, der den Anlass für die Zeugen-Anhörung gegeben hatte. Die Anwälte hatten darin einen Sinn entdeckt, der geradezu Sprengstoff in sich barg. Nämlich einen Hinweis darauf, „dass Temme [also der Verfassungsschutz] schon vor der Tat wusste, dass … so etwas passiert“ – dass er, entgegen den Anweisungen, aber trotzdem „hingefahren“ sei.

Schell begründete ihre Entscheidung, auf den Satz verzichtet zu haben, damit, dass er ihr „belanglos“ vorgekommen sei. Sie habe ihn „nicht ernst genommen“, ihm „keine Beachtung geschenkt“. Der Satz habe sich für sie „scherzhaft angehört“. Wegen „der Tonlage, dem Tonfall“. Anlass genug für die Abgeordneten im Ausschuss, sie in die Mangel nehmen. Trotz beharrlicher Nachfragen liefen sie ins Leere. „Was gefehlt hat, war nicht so dramatisch“, so die Kommissarin lakonisch. Ein Abgeordneter versuchte sich im Bau einer Eselsbrücke. Ob der von ihr wahrgenommene „Scherz“ gleich zu Anfang des – angespannten – Gesprächs vielleicht die Funktion eines „Eisbrechers“ gehabt haben könnte? Zustimmung. Das Telefonat sei, so Schells Eindruck, „schleppend in Gang gekommen“. Im Übrigen sei sie „ein kleines Rädchen“ gewesen.

Anschließend kam es vor den Ohren der Ausschuss-Mitglieder zu einer Doppel-Begegnung der beiden Protagonisten. Ihnen – und dem Saal – wurde zunächst der polizeiliche Mitschnitt vorgespielt, das 35-minütige, akustische Dokument des fernmündlichen Kontakts von Gerald-Hasso Hess, ehemaliger Regierungsdirektor des LfV, mit Andreas Temme, damals unter Mordverdacht stehender V-Mannführer. Eine Konserve. Sodann wurden die beiden als Zeugen zu ihrem Telefonat angehört. Live und jeder für sich.

Der Pensionär Hess stand Rede und Antwort in seiner Funktion als Geheimschutzbeauftragter des Landesamtes. Seine Funktion war es über viele Jahre, den Rammbock zu geben gegen Bedrohungen der Arbeit des Amtes von außen und von innen, auf der Grundlage sog. Geheimschutzrichtlinien, die jeder und jede Mitarbeiter(in) seiner Behörde strikt einzuhalten hat; diese Vorschriften unnachgiebig zu überwachen, eventuelle Ausreißer an die Kandare zu nehmen, um das Amt „vor Schaden zu bewahren“, seine Geheimhaltungspraxis unangetastet zu sichern.

Seinen prekären Einstiegssatz ins Telefonat mit V-Mannführer Temme – „Ich sag ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo sowas passiert, bitte nicht vorbeifahren“ -, diesen Satz verstand Hess auf Nachfrage als „wahrscheinlich etwas ironisch“. Basta. Um es vorwegzunehmen: Gesprächspartner Temme nahm ihn ernst, wertete ihn in der Anhörung als „unpassend“ und fügte hinzu, dass er zu „unsicher“ gewesen sei, im Gespräch seine Reaktion zu äußern. Er habe sich „nicht getraut“, dem hohen Vorgesetzten zu widersprechen.

Fazit: Aussagen wurden dem Ausschuss präsentiert, die sich ergänzten. Die bedingt plausibel klingen. Die etwas vorstellbar machen sollen. Eine Jonglage mit Ironie und Ernsthaftigkeit.

Ein Fall wie Temme – Verwicklung eines Verfassungsschützers in einen Mord – sei ihm, wie Hess betonte, in seiner Laufbahn noch nicht begegnet. Sämtliche Alarmglocken müssen im Amt geschrillt haben. Hess hatte Feuerwehr zu spielen. Zumal mit der Kriminalpolizei eine staatliche Behörde gegen Temme, also gegen das eigene Haus ermittelte. Das Ganze getoppt von der Abhörmaßnahme. Die Überwachung durch die Kripo: Eine dicke Nuss war da zu knacken. Wie damit umgehen? Mit welcher Strategie die Kontrolle übers Geschehen zurückgewinnen? Verdeckt wie öffentlich.

»Macht euch einen Reim draus«

Um Schäden einzudämmen, um weiteres Ungemach für das Amt zu verhindern, mussten zunächst Aussageverbote her, Aussageverbote für den V-Mannführer und für den V-Mann. Also kein Einblick in die Niederschriften der Kontaktgespräche zwischen Temme und dem Rechtsradikalen Benjamin Gärtner, seiner Quelle bzw. „Vertrauensperson (VP) 389“, Deckname „Gemüse“, wie von den Ermittlern gefordert. Keine Vernehmung Gärtners. Das Verbot lieferte der damalige Innenminister Volker Bouffier als oberster Dienstherr des Verfassungsschutzes. Der sich damit offen gegen die Ermittlungen der Polizei stellte.

Der Sinn des Hess-Anrufs bei Temme war also ein doppelter: Sprachregelung für das Abfassen einer Dienstlichen Erklärung, die dieser noch am Tag des Telefonats fertigstellte und seinem obersten Chef in Wiesbaden, Lutz Irrgang, zukommen ließ. Und: Verhaltenstipps für bevorstehende Vernehmungen durch die Polizei. Temme musste klar gemacht werden, dass er sich keinen weiteren Fehler leisten durfte.

Das Telefonat hörte sich an wie ein Beleg, dass und wie Hess den Untergebenen in dessen Eigenschaft als V-Mannführer für künftige Vernehmungen briefte. Er solle sich dabei „als dritte Person“ verstehen. Er solle den leidigen Fall „aus übergeordneter Warte“ (i.e. des Amtes) sehen. Die Wirkung der Einweisung war, wie sich zeigte und zeigt, erfolgreich. Fortan äußert sich Temme im Sinne des Amtes.

In Hess´scher Diktion – und hier formulierte er den zweiten prekären Satz, um den im Ausschuss wie in der Öffentlichkeit gerungen wurde und wird – in seiner Diktion hieß angemessen-taktisches Verhalten gegenüber der Polizei: „So nah wie möglich an der Wahrheit bleiben. Um Himmels Willen nichts anderes. Wenn man was nicht sagen möchte, … sagen: ´Möchte ich … kann ich net, bisschen Zeit lassen … Ich kann mirs auch net erklären, es is, wie es is. Mehr kann ich dazu net sagen. Macht euch einen Reim draus` … Der gesunde Menschenverstand hilft einem am besten weiter … Man muss das aus übergeordneter Warte sehen.“

Das klang nach professioneller Anleitung zum Lügen und war unterfüttert mit geheimdienstlicher Hochnäsigkeit. Oder war das Ganze mit Blick auf heimliche Mithörer eingefädelt?

Die Anhörung kreiste um diese Äußerung von Gerald-Hasso Hess. Der Ausschuss bemühte sich beharrlich um Aufklärung, um Verständnis. Herauskam nach Stunden die Erkenntnis: Wahrheit, ein hohes Gut und Fundament für vertrauensvolles Zusammenleben, hat in der Welt der Geheimdienste eine völlig andere Bedeutung. Sie hat eine Funktion.

Sie wurde dort unter dem Rubrum „ganze“ Wahrheit geführt. Wurde gewogen und zu leicht befunden, wenn das rote Licht der amtsinternen „Verschlusssachen-Anweisung“ aufleuchtete. Welche besagte, dass Dinge, die zur Aufklärung eines Verbrechens beitragen konnten, in dem Fall zu verschweigen waren, dass sie dem Amt „schadeten“. Oder zu einer „Erschwerung seiner Arbeit“ führten, wie der damalige hessische Innenminister Volker Bouffier (amtierender Ministerpräsident) formulierte. Funktionaler Umgang mit der Wahrheit, also auch mit Fakten, die zu „Fakten“ gebogen wurden, gehörte und gehört zum Repertoire.

Fortsetzung der Radio-Stunde. Das Telefonat nahm seinen Verlauf, bis der V-Mannführer auf die Mordszene im Café zu sprechen kam. O-Ton Temme, wie im Selbstgespräch: „Dass du da gewesen bist – schien mir ganz absurd. Im gleichen Raum passiert das – je mehr ich dachte, wurde es sicher: Mittwoch!“ Und einige Sätze weiter: „Bin drin gewesen, relativ zeitnah. Das ist mein Fehler. Hätte mich bei der Polizei melden müssen. Als ich rausging, war niemand von den Betreibern anwesend. Habe 50 Cent auf den Tresen gelegt und bin gegangen. Das einzig Auffällige: [Es] war niemand da.“

»Unmöglich, dass ich dort gewesen sein könnte«

Die Geschichte seiner Aussagen, ihrer zyklischen Abwandlungen zeigte: Dies war eine von mehreren Varianten. Mit ihr versuchte er, die heikle Klippe seiner Anwesenheit während des Mordes zu umschiffen, die die polizeiliche Auswertung seines im Café benutzten Computers nachgewiesen hatte. Die Ermittler hatten die zeitliche Kongruenz bis auf die Sekunde eingegrenzt. Das hatte er im ersten polizeilichen Verhör mit der Stempelkarte seiner Dienststelle bestätigt. Etwa 20 Minuten vor der Tat habe er sein Büro verlassen. Ab diesem Zeitpunkt, heißt es im Vermerk der Mordkommission, sei ihm bewusst gewesen, „dass er zur Tatzeit dort [im Café] gewesen sein muss“.

Später, offenbar unter Druck gesetzt, rückte er von dieser Version ab. Er dachte sich etwas Neues aus, fand zu einer Version, die er in seiner Dienstlichen Erklärung anbot: „Da ich mich an keine außergewöhnliche Begebenheit bei meinem letzten Besuch [im Café] erinnern konnte, schien es mir in meiner Vorstellung unmöglich, dass ich dort gewesen sein könnte, wenn nur wenige Meter von mir entfernt die Tat passiert sein musste“. Mit dieser Version erwarb sich Temme als Zeuge im Münchner NSU-Prozess das Prädikat „unglaubwürdig“.

Es war nicht seine letzte Lesart. Eine ziemlich komplizierte Variante gab er in der Wiesbadener Anhörung zum Besten. Temme auf nachhaltiges Fragen zu seiner Eigenschaft als Augenzeuge: „Ich weiß, dass ich die Leiche nicht gesehen habe“. Wie er dies erkläre? Seine Antwort hatte es in sich. Sie trug Züge einer Erfindung, die den Anschein von Glaubwürdigkeit hinterlassen sollte, zugleich aber für manchen Zuhörer nicht ohne Aberwitz war. Sie klang, als habe er eine Prise amtlicher Nachhilfe genommen.

Temme suchte sich seine Anwesenheit während der Tat schönzureden. Um aus der Bredouille zu kommen, erzählte er erneut, sich sicher zu sein, dass er am Mittwoch, dem Tag vor dem Mord, im Internet-Café gewesen sei. Reicherte die Erzählung mit einem Fundstück an, das er beim Kramen in seinem Gedächtnis entdeckt habe. Die Version stützen sollte der „Extratipp“, das kostenlose sonntägliche Anzeigenblatt, die einzige Zeitung im Hause Temme. Das Blatt hatte drei Tage später den Mord gemeldet. Den Mord vom Donnerstag.

Da er jedoch nun mal den Mittwoch im Gedächtnis abgespeichert habe, ja auf ihn fixiert gewesen war, löschte er den Donnerstag auf seiner inneren Festplatte, machte ihn ungeschehen. Behauptete, obwohl anwesend, habe er den Toten nicht gesehen. Aufzuklären wäre, ob das Augenzeuge-Sein wirklich „gelöscht“ ist. Oder ob es vielleicht wieder „abrufbar“ wäre.

Von außen betrachtet, mutete seine Erzählung, in deren Verlauf er einen Raumwechsel vollzog, an, als spalte er den einen Zustand, den eines (Chat-)Besuchers der virtuellen Welt, ab vom anderen, dem des Augenzeugen vor Ort. Als vollziehe er zugleich einen Personen-Wechsel. Wollte Temme sagen: „Ich war da und war nicht da“?

Sich im tagespolitischen Fundus bedienend, nahm Temme den bewährten Psycho-Mechanismus des „Blackouts“ zu Hilfe. Das klang zwar nach Notlüge, war aber nützlich. Genauso wie die vielfach bewährte Lebensregel, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Mit seinem Vorgesetzten einigte er sich darauf, ihr eine zweite beizugesellen. Er sei „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen. Bei Bedarf zitiert er sie, auch in Wiesbaden. Man möchte ihm zurufen: Erzähl doch keine Geschichten! Man könnte dabei seine nordhessische Heimat zur Zeugin nehmen, in der die Märchen der Brüder Grimm zuhause sind.

»Der Polizei das geben, was sie haben will«

Von vornherein schien klar, dass das Amt eine andere Darstellung vom Ablauf der Geschehnisse nicht hinnehmen würde. Die Chance, ihn unter Druck zu setzen, schien günstig, denn Temme war und ist von Ermittlungen von Kripo, Oberlandesgericht und Untersuchungsausschüssen geradezu umzingelt. Also bog er die Tatsache seiner Anwesenheit im Café zum „Fehler“ um, den einzugestehen ihm keine Mühe machte. Den er „überhaupt nicht in Abrede“ stellen wolle. An der langen Leine des Amtes gehalten, ließ er es, wenn nötig, menscheln. Tenor: Eer ist schon frei von Irrtümern, von Missgeschicken? Im Sinne von ´sowas kann doch jedem passieren`.

Zurück zum Telefonat, in dem Gerald-Hasso Hess seinem Schützling Verhaltensanweisungen und Formulierungstipps gab wie diese: „Schreiben Sie so … machen Sies so. Kucken mer mal, müssen warten, was die Polizei macht. Uns bemühen, ihnen das zu geben, was sie haben wollen … Die Polizei hat ja auch ihre Wünsche. Die haben wir (Zögern in der Stimme) erstmal erfüllt … Sie (die Polizei) ist schon bisschen zurückgegangen, war schon bisschen forsch. Das gibt sich mit der Zeit … Das ist ein Pingpong-Spiel.“

Schließlich die Hess-Aussage: „Wir gehen davon aus, dass alles, was Sie beitragen, entlastend ist … Durchatmen!“. Das klang in Richtung Polizei wie „Ätsch“. Und war eine starke Prise Zuversicht für einen, dem es darum ging, seine Haut zu retten.

Wenn Temmes Anwesenheit im Internet-Café unstrittig war – was hatte er dort zu suchen, was hatte er vor, was wollte er dort, wo ein Mord verübt wurde? Die Antwort verdankte sich seiner auch vom Amt gestützten Behauptung, er sei dort „privat“ gewesen, „nicht dienstlich“. Sein Dauerbrenner. Er habe sich in einem Erotik-Chat die Zeit vertrieben, wiederholte er stereotyp. Selbst hartnäckigsten Zweifeln, Fragen und Nachfragen der Abgeordneten hielt er stand, blieb bei seiner Erzählung, auf Biegen und Brechen.

Wenn er aber „privat“ im Café war, warum traktierte Gerald-Hasso Hess ihn dann so heftig mit dem wiederkehrenden Hinweis auf das Geheimdienst-Prinzip des „So-nah-wie-möglich-an-der-Wahrheit“? Einem Prinzip, das er ausschließlich auf „Dienstliches“ bezog. Das besagte, die Preisgabe der „ganzen Wahrheit“ sei an den Vorschriften des Geheimschutzes auszurichten. Im Ausschuss zeigte sich Hess als Meister des Verwirrspiels, als er den Parlamentariern mitteilte, beim Anhören des Telefonats habe er sich „gewundert, wie häufig ich ihn [Temme] daraufhin gewiesen habe, bei der Wahrheit zu bleiben.“

Als denkwürdige Radio-Stunde blieb die Unterredung zwischen Vorgesetztem und Untergebenem haften, die ebenso von Erfindungsgeist, Einfühlung und Verständnis wie von Kumpanei, Komplizenschaft und Protektion durchzogen war. Ein Abgeordneter sah darin ein Beispiel für „konspirativ-fürsorglichen Umgang“. Zu dem auch die aus dem Munde des Geheimdienstdirektors bemerkenswert häufig geäußerte Kooperationswilligkeit gegenüber der Polizei gehörte, nicht ohne einen höhnischen Zungenschlag. Das Auftreten der beiden männlichen Zeugen wirkte verstörend. Es hinterließ Beunruhigung.

In der FAZ fand ein Reporter für seinen Eindruck die sprachliche Form, einem Gespräch gelauscht zu haben, das „an manchen Stellen schematisch, gestellt“ gewirkt habe. Hess spreche da „für die Galerie, im Wissen um Mithörer.“ Das Telefonat – abgesprochen? Auch der Beginn deutete in diese Richtung. Mit „Hallo! Hess“ steigt der Geheimschutzbeauftragte so ungezwungen ein, als habe er sich eben erst mit dem Beschuldigten über die taktische Ausrichtung der bevorstehenden Unterhaltung verständigt.

»Wenn der ganze Spaß rum ist, dann kann ich dir das mal erzählen«

Geheimdienste sind in einer demokratischen Gesellschaft Fremdkörper, sie scheuen die Öffentlichkeit, sie mögen sie nicht. Fühlen sich von ihr gestört. Gerald-Hasso Hess hatte an der Anhörung erkennbar keinen Gefallen. Er gab sich mürrisch, sein Überdruss wuchs, er steigerte sich bis zu dem Satz, den er den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses hinwarf: „Ausschließen können Sie gar nichts, auch nicht, dass Sie morgen zum Mörder werden.“ War das „ironisch“ gemeint? Oder „aus dem Bauch“ heraus?

Ein Gefühl dieser Herkunft hatte Hess schon im Verlauf der Anhörung dazu gebracht, den Abgeordneten die Lesart einreden zu wollen, Temme habe sich, da sei er ganz sicher, am Tatort „privat“ aufgehalten. Mühsam gezügelte Empörung im Saal, die sich aus einem Maß an Unglaubwürdigkeit speiste, das für manchen Abgeordneten die Grenzen der Vorstellung zu sprengen schien.

Schließlich Andreas Temme als Zeuge Nr. 3. Legte seine Memory-Platte auf, die zahlreiche Kratzer hatte: „Keine eigene Erinnerung … bin mir nicht sicher … nicht, dass ich wüsste … kann es nicht sicher sagen … kann ich so nicht mehr sagen … nachgedacht, ob der Satz etwas in der Erinnerung wachruft … war für mich nicht präsent.“

Temme, ein vielgereister, ein erfahrener Zeuge in Sachen NSU. Berlin, München. Jetzt Wiesbaden. Nicht das letzte Mal, wie zu hören war. Ein Aussage-Profi, der die Linie hielt. Er wusste, welche Fragen kommen. Er war hochkonzentriert, wenn es ums Pendeln zwischen Erinnerungslöchern und Detailkenntnissen ging. Setzte diese und jene erkennbar geschickt ein. Wollte und will ja nicht vom Regen in die Traufe kommen. Die Fassungslosigkeit der Fragesteller, wenn sie denn auftrat, registrierte er, ihre Ungläubigkeit, ihr Entsetzen. Das gehörte für ihn offenbar dazu. Damit konnte er umgehen.

Zwischenresümee: aus dem Norden Hessens nichts Neues. Der Ex-Verfassungsschützer hat sich, in Treue gegenüber seinem Arbeitgeber, zum Affen gemacht. Um sich seinen Beamten-Status zu sichern, hat er sich den Dreien zugesellt, die nichts sehen, nicht hören, nichts sagen. Wenn das mal nicht schief geht.

Zu Erinnerung das Versprechen, das Temme einem Kollegen aus dem Amt gab, fernmündlich und von der Kasseler Kripo mitgeschnitten: „Wenn der ganze Spaß rum ist, dann kann ich dir das mal erzählen, das ist am Telefon bisschen schlecht. Auch wegen dem ganzen anderen Drumrum, von wegen, dass ja auch niemand außerhalb auch nur irgendetwas darüber erfahren darf … Da muss man ja bisschen aufpassen.“ –

Man kann gespannt sein auf die weitere Arbeit des Ausschusses in Wiesbaden. Das Interesse an dem, was Heribert Prantl in der SZ als „investigativen Parlamentarismus“ bezeichnet hat, ist da, es wächst.

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erstellt am 31.5.2015

Andreas Temme vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags
Ex-Verfassungsschützer Gerald-Hasso Hess