Sabine Scholl erforscht als Literaturwissenschaftlerin seit vielen Jahren Werke, die über Kulturgrenzen hinweg entstanden sind. Mehrjährige Auslandsaufenthalte in den USA, Japan und Portugal sowie Reisen in diverse osteuropäische Staaten haben ihren Blick geschärft und prägen die eigenen Publikationen. Beharrlich sucht Sabine Scholl darin nach einer Sprache, die klischeegeprägte Vereinfachungen meidet. Über ihr jüngstes Buch – „Nicht ganz dicht. Zu örtlichen Verschiebungen und Post-Literaturen“ und ihre aktuelle Funktion als Jurorin beim „Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt“ sprach Andrea Pollmeier mit der inzwischen in Berlin lebenden Autorin.

Internationaler Literaturpreis 2015 © Santiago Engelhardt
Internationaler Literaturpreis 2015 © Santiago Engelhardt
Gespräch mit Sabine Scholl

Transnationale Weltliteratur

Sabine Scholl, Sie haben als Jury-Mitglied die gerade veröffentlichte ILP-Shortlist mit ausgewählt. Gibt es ein literarisches Kennzeichen, das die Autoren jenseits der Basiskriterien verbindet?

Grundsätzlich überzeugen sie durch Vielfalt in thematischer und formaler Hinsicht. Die kommt nicht zuletzt deshalb zustande, weil eine zunehmend unüberschaubare Welt die Literatur nötigt, auch strukturell neue Möglichkeiten zu entwickeln, um sich verändernde existenzielle Voraussetzungen überhaupt noch in Sprache fassen zu können. Die konventionellen Formen und Genres werden gesprengt.

Sie setzen sich in Ihrem aktuellen Buch, das den Titel „Nicht ganz dicht” trägt, mit Autoren auseinander, die nicht monokulturell geprägt sind. Gemeint sind Personen, die sich wie u.a. Teju Cole, Taiye Selasi oder Olga Grjasnowa in verschiedenen ästhetischen Welten zuhause fühlen. Das Phänomen, das Schriftsteller kulturübergreifende Einflüsse verarbeiten, ist nicht neu. Was ist aus Ihrer Sicht heute anders, warum haben Sie sich dem Thema zugewandt?

Ich habe das Buch geschrieben, weil ein sachgerechter Umgang mit „transnationaler Literatur“ im deutschsprachigen Raum bisher noch fehlt. Ich spreche hier von „transnational“, weil Literatur weder durch einen Ort definiert wird, noch auf nationale Grenzen beschränkt ist. Im Zuge von Globalisierung, Mehrsprachigkeit und Wanderungsbewegungen werden Grenzen überschritten, der nationale Begriff greift zu kurz. Das Wort „international“ passt aber auch nicht mehr. Der Begriff beschreibt Beziehungen zwischen den Nationen und entstammt einer Zeit, in der die nationalen Grenzen noch fester waren. Neue Medien, Internet und Billigflüge haben die Begrenzungen gelockert, heute kann man sich auch körperlich viel mehr von Ort zu Ort bewegen. Doch gilt es, die Begrifflichkeit je nach Autor am Einzelfall zu klären.

In Ihrem Buch analysieren Sie solche Einzelfälle. Sie blicken in die Werke von rund zwanzig Autoren und ergänzen die Einzelstudien anhand übergreifender, auch historisches Wissen einbeziehender Essays. Dieses Wechselspiel erzeugt eine komplexe Vorstellung von „transnationalen“ Literaturwelten. Als ILP-Jurorin haben Sie nun gerade 136 Werke in den Blick genommen, die aus 23 Sprachen ins Deutsche übertragen worden sind. Was verbindet und was unterscheidet diese Texte?

Der Internationale Literaturpreis zeichnet Texte aus, die zwar alle aus einer anderen Sprache ins Deutsche übersetzt worden sind, jedoch auf ganz unterschiedliche Art grenzüberschreitend funktionieren. Ein Werk, das aus dem Finnischen übersetzt ist, kann zum Beispiel ausschließlich über einen abgegrenzten regionalen Bereich in Finnland erzählen. Es gibt also den monokulturellen Text, der sich nur innerhalb der Kultur eines Landes bewegt. Wir sind in der diesjährigen Jury jedoch übereingekommen, dass wir Texte, die zu sehr auf die eigene Kultur konzentriert sind, weniger berücksichtigen.
Neben den monokulturell geprägten Werken gibt es Texte, die sich aus der Herkunftskultur heraus bewegen und in die Fremde gehen. Eine Familie begleitet beispielsweise den Vater, der aus beruflichen Gründen mehrere Jahre nach Liberia gezogen ist. Diese Erfahrungen können in einen Roman einfließen, ebenso die Erlebnisse eines Kindes aus Vietnam, das als „Boatpeople“ mit den Eltern nach Frankreich kommt und dort lebt, oder – umgekehrt – die Erfahrungen eines Franzosen, der als literarischer Reporter nach Kambodscha reist.
Außerdem gibt es den typischen Immigrationstext, in dem ein Protagonist von einem Entwicklungsland in ein Einwanderungsland der „Ersten Welt“ zieht. In diesem Bereich hat sich das Niveau sehr entwickelt. Es ist interessant zu sehen, wie Autoren die Denkweisen beider Länder und deren jeweilige Ästhetik verarbeiten, bei diesem Prozess entsteht tatsächlich etwas Neues.
Einen besonderen Bereich bilden Texte aus der jüdischen Tradition. Amerikanische oder israelische Autoren beispielsweise arbeiten die Geschichte des Zweiten Weltkriegs oder auch die vorangehende Zeitphase auf. In jenen Jahren hat es so viele Verschiebungen und Verwerfungen gegeben, dass es weiterhin Erfahrungen auszuleuchten gilt. Die Auswirkungen der Shoah in manchen südosteuropäischen Gebieten sind nicht ausreichend historisch aufgearbeitet, also übernimmt auch die Literatur diese Aufgabe, wie z.B. die in der Shortlist genannte Dasa Drndic. Und bei diesen Themen ist die deutsche Geschichte dann immer auch mit im Blick.
Abschließend seien noch die Texte genannt, die in einer für uns fremden Kultur angesiedelt sind und eine Region betreffen, die hier wenig wahrgenommen wird. Ich denke zum Beispiel an Texte aus Ruanda oder Nigeria oder aus den arabischen Ländern. Während man von dort in der Regel nur Krisennachrichten hört, erhält man über die literarischen Werke auch auf einer menschlichen Ebene Einblick.

Ist ein literarisches Werk, das sich ausschließlich auf Nigeria bezieht, nicht auch monokulturell und müsste es nach den oben genannten Ansprüchen eher zurückgestellt werden?

In Nigeria werden, wie in den meisten afrikanischen Ländern, sehr viele verschiedene Sprachen gesprochen. Ein solcher Text ist also nicht monokulturell wirksam. Weltweit gibt es wahrscheinlich mehr mehrsprachige als einsprachige Menschen, denken wir bloß an Rumänien, Indien, Sri Lanka und Indonesien. Mehrsprachigkeit ist eine Möglichkeit, agiler zu sein und sich in verschiedenen Systemen zu behaupten.

Bleibt die Auswahl, die die Jury für einen in Deutschland ausgeschriebenen Preis trifft, primär dem westlichen Blickwinkel verhaftet?

Wir versuchen, zu differenzieren. Ich selbst denke immer die Produktionsbedingungen mit, unter denen ein Werk verfasst wurde. Unter den Einreichungen war beispielsweise ein einziges Buch aus Malaysia. Aus diesem Land gibt es bei uns so gut wie gar keine Literatur. In diesen wie in anderen Fällen scheint es mir wichtig, zu klären, unter welchen Rahmenbedingungen dort Literatur produziert wird, wie weit Frauen Zugriff zur Bildung haben, in welchem Ausmaß man sich frei äußern und publizieren kann und welchen Anspruch der Autor oder die Autorin selbst beim Schreiben hatte. Was war das Ziel, wie weit konnte es realisiert werden? Ich versuche also, all diese Aspekte bei der Beurteilung zu berücksichtigen und ein Werk nicht nur nach den Kriterien westlicher Ästhetik zu betrachten.

Sie erwähnen in Ihrem Buch „Nicht ganz dicht“ den Begriff der „Neuen Weltliteratur“. Was ist damit gemeint?

Die Kriterien sind sehr komplex. Das Wesentliche ist, dass Werke aus unterschiedlichen Regionen der Welt nicht nur mit Hilfe der reinen Textwissenschaft erschlossen werden können. Es gilt, soziologische, ethnologische und eventuell auch wirtschaftliche Aspekte mit zu berücksichtigen. Eigentlich müsste ein interdisziplinärer Zugang stattfinden, wenn man adäquat über diese Neue Weltliteratur sprechen will.
Aus Japan, wo ich auch Zeit gelebt und gearbeitet habe, kommt beispielsweise wenig übersetzte Literatur zu uns. Japanische Kollegen meinen, dass es in Japan andere Erzählweisen gibt, die nicht so einfach mit westlichen Erzählweisen zu vereinbaren und sprachlich schwer adäquat zu übertragen seien. Aus diesem Grunde würden vor allem japanische Autoren übersetzt, die sich wie Haruki Murakami an westlichen Vorbildern orientieren. Die Leser der übersetzten japanischen Werke halten diese dann für die typisch japanische Literatur. Die Entscheidung von Verlagen für Übersetzungen ist also oft am westlichen Erwartungsbild orientiert, und so kommt nur ein bestimmter Typus aus einer anderen Welt zu uns.

Eine Hürde bei der Vermittlung außereuropäischer Literatur ist auch, dass der zeitliche Aufwand für solche Übersetzungen nicht annähernd adäquat honoriert wird. Bezahlt wird in der Regel nicht der zeitliche Aufwand, sondern die übersetzte Seite. Das aber geht selbst bei geübten Übersetzern aus dem Englischen um ein Vielfaches schneller als beispielsweise aus dem Japanischen oder Arabischen. Übersetzer dieser Sprachen leben trotz maximaler Arbeitsauslastung oft am Existenzminimum. Der Spielraum, aus diesen schwierigen Sprachen mehr Texte auf Deutsch lesen zu können, ist also sehr eingeengt.

Dann müsste man eigentlich schon hier, bei differenzierteren Übersetzerhonoraren ansetzen, wenn man den Literaturaustausch mit solchen Sprachräumen stärken will.

Beobachten Sie noch in den Feuilletons, in den Verlagen oder in der Literaturwissenschaft die Vorstellung, ein weltweit ausgerichteter Literaturpreis sei karitativ und verkörpere eine Art kulturelle Entwicklungshilfe?

Ja, es gibt dieses Manko noch, deshalb habe ich „Nicht ganz dicht“ geschrieben. Ich hatte bei Besprechungen mit konventionellen Kritikern das Gefühl, dass das Wissen fehlt, um adäquat über transnationale Literatur sprechen zu können. Autoren oder Autorinnen, die so ein Label angeheftet bekommen haben, erleben, dass sie kaum auf ihr Buch, sondern vor allem auf ihre persönliche Familiengeschichte angesprochen werden. Da ist in der Literaturvermittlung Fortbildung angesagt. Man sollte sich informieren, welche Kriterien es noch gibt, um über ein solches Buch zu sprechen, da es um andere Weisen der Welterfahrung geht, die nicht über das Label „exotisch“ abqualifiziert werden dürfen. Ich denke aber, dass die Literaturwissenschaften mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum beginnen, sich präzisere Instrumente anzueignen.

Auch die Literaturkritik sollte also interdisziplinärer werden und ihre national geprägte Herangehensweise hinterfragen. In Ihrem Buch sprechen Sie von einem „Verrat an der Komplexität“.

Diesen Verrat erleben alle, auch die in deutscher Sprache verfassten Bücher. Gute Literatur transportiert immer mehrere Erzählebenen, diese Vielfalt wird im Zuge von Besprechungen enttäuschend oft vernachlässigt. Transnationale Texte jedoch benötigen mehr Kontextwissen, wenn man ihren Stellenwert erfassen will. Sie sind darum besonders leicht reduzierten oder gar fragwürdigen Bewertungen ausgesetzt.

Wie schafft es die Jury, diesem komplexen Anspruch gerecht zu werden?

Es gibt Bereiche, die einzelne Juroren jeweils verstärkt vermitteln können, so verteilt sich das geographische Hintergrundwissen. Die Islamwissenschaftlerin Leila Chammaa kann zum Beispiel den arabischen Sprachraum erläutern, die Sinologin Sabine Peschel den asiatischen Raum. Der Schriftsteller Marko Martin hat oft zur Begegnung mit dem Fremden publiziert, der Journalist Jörg Plath hat sich mit ost– und südosteuropäischer Literatur auseinandergesetzt. Michael Krüger kennt als Verleger und Autor die Spitzenvertreter der deutschsprachigen Literatur persönlich, die ZEIT-Journalistin Iris Radisch schätzt besonders den Blick auf die westeuropäischen Literaturen. Ich selbst habe in Japan und den USA gelebt und mich mit dem postkolonialen Afrika sowie Mittel-und Südamerika befasst. Durch meine Herkunft gibt es eine besondere Nähe zu Mittel- und Osteuropa.

Ist es nicht auch ein Glücksspiel für einen Autor, ob zur Jury eine Person gehört, die gut über die eigene Welt orientiert ist?

… oder, ob jemand zu einer der zwei, drei Welten einen Bezug hat, mit der ein Autor oder eine Autorin transnationaler Literatur meist verbunden ist. Zum Glück gehört auch, ob jemand gut und schnell übersetzt wurde. Ich habe mir einmal aufgeschrieben, was für mich beim Lesen von Literatur wichtig ist, das sind u.a. auch die allgemeingültigen Regeln: Wie ist ein Text konstruiert, wie schlüssig ist er, wie sind die Figuren aufgebaut, welche Motivation wird erkennbar, wie ist die Inhaltsebene erzählt, wie wird sie eingebettet? Gibt es geschichtliches Wissen, wird der Text gegebenenfalls mit historischem Wissen überladen? Oft wird der Faktor der Innovation in den Blick gerückt, oder die realpolitische Relevanz eines Textes, z.B. wenn er in der jetzigen Zeit aus Syrien kommt. Die Lektüre ist jedoch nicht nur analytisch geprägt, wichtig ist auch, ob ein Text nachwirkt. Ich frage mich, was hat ein Buch mit mir gemacht, was bleibt nach drei Tagen als Eindruck haften, wie waren die Produktionsbedingungen vor Ort. Gelten die Kriterien der westlichen Welt oder können andere Aspekte in die Beurteilung mit einbezogen werden? Wenn am Ende nur wenige Werke übrig bleiben, spiegeln sie sich gegenseitig. Dann werden die Erzähl- und Vermittlungsweisen genauer betrachtet. Ein Text über den Völkermord in Ruanda z.B. vermeidet es, über Grausamkeiten zu sprechen, er umkreist das, worüber man noch nicht sprechen kann und erzeugt auf seine Art beredtes Schweigen. Demgegenüber steht ein Werk eines ehemaligen amerikanischen Soldaten im Irakkrieg, das direkt in das Geschehen hineinführt und konkret beschreibt, wenn jemandem das Untergesicht abgeschossen wird. In beiden Texten geht es um versehrte, grausam zugerichtete menschliche Körper, aber es sind zwei völlig unterschiedlich Weisen, in denen darüber berichtet wird.

Schriftsteller, die in einem anderen Land geboren wurden, aber hier aufgewachsen sind, fühlen sich vom Literaturbetrieb oft nicht als vollständig zugehörig betrachtet. Welche Mechanismen führen zur Ausgrenzung von Autoren?

Diese Autoren erleben, dass man in Beiträgen über ihre literarischen Werke immer wieder personalisiert und die Familiengeschichte aufgreift. Man blickt weniger auf soziologische oder gesellschaftspolitische Zusammenhänge, es wird das Anderssein betont und der Autor so exotisiert. Manchmal wundert man sich, wie gut der Autor Deutsch spricht, oder bittet ihn, in seiner Heimatsprache zu sprechen. Diese Mechanismen sind alle ziemlich platt.

In Ihrer Analyse heißt es: „Man wird nicht zum integralen Bestandteil der Literaturgeschichte“ – ist das bei uns noch so?

Ich glaube, dass sich das im deutschsprachigen Raum seit drei/vier Jahren langsam ändert. Olga Grjasnowa, Saša Stanišić oder Terézia Mora erleben eine andere Form der Zugehörigkeit. Mir fällt hierzu auch Michael Stavarič ein, der in Tschechien aufwuchs und als Kind nach Österreich kam. Mittlerweile ist er im Literaturbetrieb akzeptiert und nimmt, indem seine Bücher ins Tschechische übersetzt wurden, zudem eine wichtige Mittlerposition zwischen den Kulturen ein. Das wird inzwischen wahrgenommen und anerkannt.
Berührungspunkte mit anderen Sprachen und Kulturen gibt es übrigens nicht nur in den Großstädten, sondern auch auf dem Land. Früher dachte ich, ich selbst wäre in meinem Heimatdorf monokulturell aufgewachsen, doch als ich nachdachte, ist mir bewusst geworden, dass ununterbrochen Fremde vor Ort waren, Gastarbeiter, Vertriebene. Meine Cousine hat beispielsweise einen DJ aus Barbados geheiratet. Man hat jedoch immer so getan, als wäre nichts verändert, als wären da immer nur „wir”. Unbewusst habe ich diese Einflüsse als Bereicherung wahrgenommen, das hat mich motiviert, mich für andere Kulturen zu interessieren.

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier

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erstellt am 28.5.2015

Sabine Scholl, Foto: privat
Sabine Scholl, Foto: privat

Sabine Scholl
Nicht ganz dicht
Zu örtlichen Verschiebungen und Post-Literaturen
100 Seiten
Verlag Sonderzahl, 2015

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136 Originaltitel, übersetzt aus 23 Sprachen, haben deutschsprachige Verlage 2015 für den Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt eingereicht. Am 1. Juni 2015 wurde die Shortlist bekanntgegeben.

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