Laurie Anderson ist eine von jenen avantgardistischen Künstlerinnen, die eine Brücke schlugen vom Pop zur Literatur und zum szenischen Experiment. Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen 2015 trat sie ebenso auf wie die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker und die Violinistin Isabelle Faust, berichtet Thomas Rothschild.

Ludwigsburger Festspiele

Rezzo Schlauchs Dilemma

Von den Ludwigsburger Schlossfestspielen 2015, Teil 1

Von Thomas Rothschild

Rezzo Schlauch, der einst für das Amt des Stuttgarter Oberbürgermeisters kandidiert hat und an einer SPD scheiterte, die beim zweiten Wahlgang lieber auf einem aussichtslosen eigenen Kandidaten beharrte als dem Grünen zum sicheren Sieg gegen den CDU-Konkurrenten zu verhelfen, sagte zu seinem Begleiter beim Verlassen der Karlskaserne: „Ideologisch würde ich das ablehnen, aber wenn man sich drauf einlässt, ist es nicht schlecht.“ Inzwischen ist Rezzo Schlauchs Parteifreund Winfried Kretschmann Ministerpräsident, und der hat keine ideologischen Schwierigkeiten, weder mit der Kirche, noch mit dem Berufsverbot, mit einer SPD, mit der er sich auf Gedeih und Verderb ins Bett gelegt hat, und noch nicht einmal mit seinem Vorvorgänger Günther Oettinger von der CDU.

Was Rezzo Schlauch ideologisch ablehnen würde, ist eine Performance von Laurie Anderson mit dem Schweizer Nik Bärtsch und dem Norweger Eivind Aarset hinter einem Meer brennender Kerzen, die einigermaßen wabernd und raunend daher kommt. In der Tat: von der ideologischen Position, die die Grünen einst vertraten, ist das ziemlich weit entfernt, und Rezzo Schlauch immerhin scheint sich an sie noch zu erinnern. Aber Laurie Anderson war auch eine Kultfigur seiner Generation, eine von jenen avantgardistischen Künstlerinnen, die eine Brücke schlugen vom Pop zur Literatur und zum szenischen Experiment. Jetzt stand sie im karierten Kittel über der Hose, nichts weniger als kapriziös, auf der Bühne jenes Raums, in dem einst Soldaten ihr Quartier hatten. So ein Besuch bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen ist schon etwas Besonderes, und Intendant Thomas Wördehoff hat ihn geschickt in sein nun schon traditionelles Konzept der Song Conversation eingebaut.

Neunzig Minuten lang improvisierten die drei Musiker übergangslos über eigene Lieder und Texte, ergänzt durch je ein Lied von Lou Reed, Leonard Cohen und, man höre und staune, von Alban Berg. Der Klang von Laurie Andersons elektrischer Violine, Nik Bärtschs Klavier und Eivind Aarsets Gitarre, die stark an Terje Rypdal erinnerte, plus viel Elektronik ebnete die Songs weitgehend ein. Der Effekt eines fast einheitlichen Werks anstelle eines Potpourris wurde durch die Stimme von Laurie Anderson verstärkt, die Ansätze zu kleinen wundersamen Erzählungen mehr deklamierte als sang.

Mit ihrer seit der Gründung verfolgten Politik des Ausbruchs aus den Konventionen des Klassikkonzertbetriebs passen die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker akkurat in die Konzeption von Thomas Wördehoff. Worin der besondere Reiz dieses Ensembles besteht, wurde blitzartig erkennbar in einer Zugabe: Ennio Morricones Hauptthema für Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“. Wie da zwei Celli die Mundharmonika nachahmen, wie sich die übrigen Musiker die komplexe Partitur teilen – das ist nicht nur technisch perfekt und virtuos, sondern auch faszinierend und komisch. Die meisten Stücke der 12 Cellisten, sei es aus dem E- oder aus dem U-Bereich, kennt man in ihrer Originalfassung. Was man bei ihnen genießt, sind die Arrangements, den verfremdeten und manchmal auch befremdlichen Klang der Uminstrumentierung. Sie nimmt sich die Freiheit, die Regisseure bei der Umsetzung von Bühnentexten beanspruchen. Ein Stück freilich, „Dodici für zwölf Violoncelli“ von Peter Eötvös, hervorgegangen aus dessen „Cello Concerto Grosso“, wurde speziell für das Ensemble bearbeitet, und da zeigte sich, welch großes Potential in dieser nicht alltäglichen und nur scheinbar homogenen Besetzung ruht.

Nicht alltäglich ist auch dies: dass eine international renommierte und gefeierte Violinistin auf einen Solopart verzichtet und ausschließlich als Teil eines Quintetts beziehungsweise, bei einer eingeschobenen „Überraschung“ von Haydn, eines Quartetts auftritt. Das macht die ohnehin sympathische Isabelle Faust noch sympathischer, dass ihr die Musik wichtiger ist als Selbstdarstellung. Sie ist ja nicht zum ersten Mal bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Ihre Interessen und ihr Repertoire sind weit gespannt. Diesmal beschäftigte sie die Form des Klarinettenquintetts, und zusammen mit Anne Katharina Schreiber an der zweiten Violine, Yoshiko Morita an der Viola, Emmanuel Balssa am Violoncello und Lorenzo Coppola an drei verschiedenen alten Modellen nachgebauten Exemplaren der Klarinette feierte sie sie an Beispielen von Mozart und Brahms. Selten sah man Instrumentalisten so ernsthaft und zugleich heiter in der Musik aufgehen, die sie da produzierten. Coppola wies auf den opernhaften Charakter von Mozarts Klarinettenquintett A-Dur KV 581 hin, das zwischen „Don Giovanni“ und „Figaro“ auf der einen und der „Zauberflöte“ auf der anderen Seite entstanden ist, und das wurde bei aller Sprödheit des Klangs eines kleinen Ensembles auch deutlich. Das Konzert im Ordenssaal war ausverkauft, das Publikum begeistert.

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erstellt am 26.5.2015

Laurie Anderson © Tim Knox

Die zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker

Isabelle Faust © Detlev Schneider