Die Skeptiker prüften einst alles, was über das sinnlich Erfahrbare hinaus ging, mit peinlicher Gründlichkeit. Dagegen argumentierte George Edward Moore mit seiner rechten und linken Hand, deren sichtbares Vorhandensein schon die Existenz einer externen Welt beweise. Otto A. Böhmer sah nun, wie das Argument zur leeren Geste verkam, weil ein Schüler sich als der Meister des Philosophen erwies.

Holzwege

Gar nicht so unbegabt

Der Philosoph George Edward Moore

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph George Edward Moore hatte sich zu seinem Waldspaziergang aufgemacht, den er an jedem zweiten Samstag im Monat zu absolvieren pflegte. Moore, ein Mann, der die Natur schätzte, ohne sie je mit allzu neugierigen Beobachtungen über Gebühr trak­tiert zu haben, stapfte auf gewohnte Weise durchs Unterholz: Er schrammte an Bäumen entlang, stolperte über aufragendes Wurzelwerk und tappte bereitwillig in jedes am Pfad lauernde Schlammloch. So war er eigent­lich immer durch den Wald geeilt; er brauchte ein gewisses Tempo, um mit dem beschleunigten Gang seiner Gedanken Schritt halten zu können, die in dieser Umgebung schon immer zu großer Form aufgelaufen waren. Den Kopf hielt der Philosoph gesenkt; es sah so aus, als folgte er den Falllinien des Erdreichs, aus deren Vertrauensbereich ihm, einem Wanderer erklärter Tief­sichtigkeit, die Botschaften des schlichten Nachfragens aufstiegen, die so verdächtig-einsichtig geworden waren, dass ihnen inzwischen keiner mehr so recht trauen mochte. Der Weg führte in leichter Kehre hügelabwärts, und Moore, der einigermaßen grimmig drein­blickte, nahm unfreiwillig Fahrt auf. Er strauchelte ein wenig, hielt aber die Bahn; wer ihn dahineilen sah, durfte sich Sorgen um ihn machen: dem Philosophen jedoch war im Walde noch nie etwas zugestoßen; er konnte auf fast vier Jahrzehnte unfallfreien Gehens zurückblicken. Es mochte früher Nachmittag sein: Am Himmel lagerte eine eher matte Sonne, deren Licht, trägem Glanze gleich, durch die Wipfel der Bäume fiel; von der Seite blies der bewährte britische Wind, der jeder Wärme zu Leibe rückte, auch einem versehentlich angerichteten Überschwang der Gedanken im Kopf. Im Wald, den intensiver zu beäugen er nie für nötig befun­den hatte, fühlte Moore sich wohl; er galt ihm als Reservat gewachsener Normalität, in dem das Natürli­che ein längst offenbartes Geheimnis blieb. Nach einiger Zeit hatte der Philosoph, allen Überlegungen zum Trotz, mächtigen Durst. Er schlug einen Seitenpfad ein, der den Wald hinter sich ließ und zu einem kleinen Landgasthaus führte, in dem er schon einmal eingekehrt war. Der Wirt, ein freundlicher junger Mann, verstand es, ein feines dunkles Starkbier zu zapfen, dem man zusprechen konnte. Moore war dieser junge Mann zudem sehr bekannt vorgekommen, und er hatte über­legt, ob es sich nicht um einen seiner ehemaligen Schüler handeln konnte, eine Vermutung, die ihm dann doch zu abwegig vorgekommen war: Ein Philosoph wird schließlich Philosoph, aber er wird nicht Wirt, obwohl dies im Prinzip nicht verboten ist. Diesmal werde ich ihn fragen, dachte Moore, als er das Gasthaus betrat. Der junge Mann schien auf ihn gewartet zu haben; er begrüßte ihn wie einen alten Bekannten und brachte ihm ohne zu zögern ein Bier. „Entschuldigen Sie“, sagte Moore. „Aber ich kann mich des merkwürdi­gen Eindrucks nicht erwehren, dass ich Sie von irgend­woher kenne.“ „Das ist gut möglich“, meinte der junge Mann. „Ich war einer Ihrer Studenten, – Richards.“ „Richtig“, rief der Philosoph. „Ich erinnere mich. Sie waren gar nicht so unbegabt. Und da ist Ihnen nichts anderes eingefallen, als Kneipier zu werden?“ „Werter Herr Professor“, sagte Richards und lächelte auf einmal nicht mehr. „Eine Kneipe zu haben bedeutet unter anderem auch Arbeit. Ich stehe nicht nur hinter der Schankmauer und schlürfe mein eigenes Bier.“ „Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten“, meinte Moore. „Tun Sie auch nicht“, sagte Richards. „Aber ich glaube nicht, dass Sie zum Beispiel so ohne weiteres die Arbeit eines Wirts machen könnten.“ „Da mögen Sie recht haben“, meinte Moore. „Während ich mir jederzeit zutrauen würde“, fuhr Richards fort, „wieder die Arbeit eines Philosophen zu machen.“ Moore lachte. „Die Arbeit eines Philosophen! Sie machen mir Spaß“, sagte er. „Aber lassen wir es auf einen Versuch ankommen. Sprechen wir über etwas scheinbar ganz Einfaches.“ „Zum Beispiel über Ihre rechte Hand“, sagte Richards. „Zum Beispiel über meine rechte Hand“, sagte der Philosoph. „Ich behaupte, dass ich nicht direkt meine Hand wahrnehme, sondern etwas, was, in einem ange­messenen Sinn, meine Hand repräsentiert, nämlich einen bestimmten Teil ihrer Oberfläche.“ „Wenn ich jedoch weiß“, sagte Richards, „dass dies Teil der Oberflä­che einer menschlichen Hand ist, was weiß ich dann über das fragliche Sinnesdatum? Weiß ich in diesem Falle tatsächlich, dass es selbst Teil der Oberfläche einer menschlichen Hand ist?“ „Zunächst würde ich noch ergänzen wollen“, sagte Moore, „dass ich zwar meine Hand nicht direkt wahrnehme, einen Teil ihrer Oberflä­che aber sehr wohl direkt sehe.“ „Das wiederum würde bedeuten“, meinte Richards, „dass unser geheimnisvolles Sinnesdatum selber Teil Ihrer Handoberfläche ist, und nicht bloß etwas, was diesen Teil repräsentiert.“ „Und was folgern Sie daraus?“ fragte Moore amüsiert. „Dass der Sinn“, sagte Richards, „in dem ich den Teil der Handoberfläche wahrnehme, nicht selber wieder ein Sinn sein kann, der durch Bezug auf einen dritten, noch fundamentaleren Sinn von ‚wahrnehmen‘ definiert wer­den darf.“ „Welcher dann der einzige Sinn wäre“, sagte Moore, „in dem die Wahrnehmung direkt genannt werden könnte.“ „Genau“, sagte Richards. „Und deswe­gen müssen wir wohl die weitverbreitete Ansicht aufge­ben, dass unsere Sinnesdaten immer wirklich die Eigen­schaften haben, die sie uns in ihrer sehr sinnfälligen Erscheinung zu haben scheinen.“ „Junger Mann“, sagte Moore lächelnd. „Be­geben Sie sich bitte wieder an den Bierhahn. Sie haben mich überzeugt. Ich weiß nun, dass man Philosoph und Wirt in einem sein kann, und dem Wirt in Ihnen rufe ich zu, dass ich Durst habe. – Im übrigen: Man muss wohl seiner Berufung folgen, um den Beruf höchst eindrucksvoll verfehlen zu können. Walten Sie also Ihres ersten Amtes, lieber Richards, und bringen Sie mir noch ein Bier – wenn möglich, auf Kosten des Hauses.“

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erstellt am 22.5.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

George Edward Moore
Foto: Filobotfil. Quelle: Wikimedia Commons