Während ihres Studiums entdeckte Anne Lina Billinger Beton als künstlerisches Material für sich. Die Abdrucke, die dieses Material ermöglicht, haben sie fasziniert. Billinger lässt die Schwere des Betons in Vergessenheit geraten, meint Eugen El, der die Künstlerin in ihrem Frankfurter Atelier besucht hat.

Künstlerporträt

Poetisches Potenzial

Atelierbesuch bei Anne Lina Billinger

Von Eugen El

Distel, 2013. Foto: Wolfgang Günzel

Wie sich Dinge wandeln können. Eigentlich ist Beton ein Baumaterial mit einem denkbar schlechten Image. In der Architektur der Moderne besonders oft eingesetzt, wirkt er schwer und undurchdringlich, grau und anonym. Am wenigsten mag man mit Beton Poetisches verbinden. Dass man mit ebendiesem Baumaterial auch spielerisch umgehen und ihm dabei Leichtigkeit abgewinnen kann, zeigt das Werk der 1983 geborenen Frankfurter Künstlerin Anne Lina Billinger.

In ihrem Atelier im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen mischt Billinger den für ihre Kunst benötigten Beton selbst und nach eigener Rezeptur. Zu diesem eher unüblichen künstlerischem Material kam Billinger während ihres Studiums an der Städelschule. Ausgehend von der Beschäftigung mit Collagen hatte sie, um die Technik zu erweitern, zuerst mit Polyesterharz experimentiert. Dann haben sie die Abdrucke, die Beton ermöglicht, fasziniert. Zugleich interessierte sie sich für die Verbindung des Feinen mit dem Groben.

Dass Billinger zur Finanzierung des Studiums nebenher bei einem Restaurator für Stein gearbeitet hat, kam ihr dabei zugute. Mittlerweile kann sie sehr dünne und trotzdem haltbare Betonplatten herstellen. Für ihre künstlerischen Arbeiten experimentiert sie mit unterschiedlichen Druckverfahren. So gießt sie Beton auf Druckvorlagen, bei denen es sich zum Beispiel um Abbildungen aus Printmedien handelt. Löst man das Papier vom getrockneten Beton, so bleibt die Druckerschwärze haften, was genuin malerische Effekte erzeugt. Zuweilen druckt Billinger auch ganze Stoffe oder Objekte auf dem Beton ab. Auch hier ergeben sich, wenn man den Beton trocknen lässt und die Vorlage abzieht, ungeahnte Effekte. Die Struktur des Stoffes, seine Falten, abgedruckte Muster werden sichtbar. Manchmal lässt Billinger ganze Objekte in den Beton ein, oder sie mischt Materialien wie Glas oder Polyesterharz hinzu. Im Arbeitsprozess entstehen auch unerwartete Ergebnisse. Die Künstlerin ist sich dessen bewusst. Sie möchte die Kontrolle abgeben, Dinge geschehen lassen. Man könnte von künstlerischen Versuchsanordnungen mit offenem Ausgang sprechen. Mit ihren Arbeiten sprengt Billinger die Grenzen zwischen den gängigen Gattungen. Skulptural sind sie ebenso wie malerisch, manchmal wirken sie wie Assemblagen, zugleich sind sie auch Drucke. Ihre Arbeit sieht die Künstlerin selbst als eine Verbindung von Collage und Malerei.

In ihrem Atelier sind indes nur wenige Werke zu besichtigen. Einige ihrer Arbeiten lagern in der Kölner Galerie Schmidt & Handrup, von der Billinger vertreten wird. Andere wurden bereits verkauft. Die Künstlerin genießt es nach eigenen Worten, wenn die fertigen Arbeiten erst einmal weg sind. So entsteht nicht nur mental Raum für neue Vorhaben. Auch die Platzverhältnisse entspannen sich. Den finanziellen Aspekt darf man dabei ebenfalls nicht außer Acht lassen. Verkaufte Werke verschaffen einen zeitlichen Freiraum für die künstlerische Arbeit. Ansonsten kommt auch Billinger nicht ohne Nebenjobs aus. Dass man diese in Frankfurt leichter findet als anderswo, hat sie ebenso dazu bewogen, dort zu bleiben, wie die gute Anbindung der Stadt.

Mit ihrem künstlerischen Ansatz leistet Anne Lina Billinger etwas Wichtiges. Indem sie die Schwere des Betons in Vergessenheit geraten lässt und daraus ein lebendiges Material macht, erinnert sie uns an das poetische Potenzial, das den scheinbar alltäglichsten Dingen innewohnt.

Eine frühere Fassung dieses Beitrags ist in der Tageszeitung »Frankfurter Neue Presse« erschienen.

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erstellt am 21.5.2015

Anne Lina Billinger vor einer Betonskulptur in ihrem Atelier. Foto: Eugen El

Carrera Go, 2014. Ausstellungsansicht. Foto: Anne Lina Billinger

Regensonne, 2013. Beton, 47,5 cm x 38 cm. Foto: Wolfgang Günzel

IMG_8207, 2013, 145 cm x 111 cm, Beton, Holz. Foto: Wolfgang Günzel