Der Tanz ist eine der flüchtigen Künste, und dann ganz besonders gefährdet, wenn seine Schöpfer nicht mehr da sind. Seit langem diskutieren Tanzwissenschaftler, Tanzkünstler und Tanzinteressierte darüber, wie man mit dem Tanzerbe umgeht. Es gibt nicht die eine Methode, zeigt Regina Heidecke am Beispiel des Falls Pina Bausch.

Essay

Das Tanzerbe von Pina Bausch

Wem gehört das Werk der großen Choreographin?

Von Regina Heidecke

Eine mit roten Nelken übersäte Bühne, auf der atemlos und tanzversessen Dominique Mercy in Frauenkleidern seine Pirouetten dreht. Oder Pina Bausch selbst, traumverloren zwischen einem Berg von Stühlen und Tischen. Eine große, überaus zarte und verletzbare Gestalt, die fast durchsichtig erscheint in ihrem hellen Unterkleid. Unvergesslich auch die Laientänzer, die ihrem unendlichen Verlangen nach Nähe, Zuwendung und Berührung ganz professionellen Ausdruck verleihen, als stünden sie schon ein Leben lang auf der Bühne. Diese und viele andere Bilder scheinen auf, sind in unserem kulturellen Gedächtnis verankert. Auch sechs Jahre nach Pina Bauschs plötzlichem Tod, 2009, werden ihre Stücke weiter aufgeführt und, vor allem im Ausland, nach wie vor begeistert aufgenommen. Und doch fragt man sich, wie lange dieser Zustand noch zu halten ist, was einmal wird aus dem Tanztheater Wuppertal? Denn die unvergleichlichen Tänzerpersönlichkeiten, mit denen Pina Bausch das „Tanztheater Wuppertal“ zu einem unschlagbaren Label entwickelt hat, sind längst in die Jahre gekommen, und die meisten von ihnen tanzen nicht mehr. Es ist kaum vorstellbar, dass ohne sie der Betrieb am Tanztheater Wuppertal überhaupt aufrecht zu erhalten ist. Sie studieren das Repertoire mit den neuen Tänzern ein, sehr aufwendig, mit Hilfe von Videos und Aufzeichnungen, aber vor allem ihre Erfahrungen sind es, die Authentizität der Stücke garantieren. Aber wie lange noch? Und kann das überhaupt das Ziel der Kompanie sein, muss das nicht direkt in eine Art museale Erstarrung führen?

Droht die Sakralisierung von Pina Bausch?

Vor mehr als 40 Jahren löste die Tanzästhetik à la Pina Bausch eine wahre Revolution aus. In den 70er-Jahren wurden ihre Tanzabende heftig kritisiert und von Teilen des Publikums sogar ganz abgelehnt. Aber schon bald zog das Tanztheater einen Schwarm von Gleichgesinnten nach sich. Es ließ nicht lange auf sich warten, dass andere Choreographen diesen Stil nachahmten oder sogar weiter entwickelten. Tanztheater als Genre boomte und eroberte die Bühnen. Und Pina Bausch war dessen ungekrönte Königin. Inzwischen hat sich diese Ästhetik abgenutzt, ist oft nur noch ein Alibi für Politiker, um kleinere, kostengünstige Ballettensembles an den Theatern zu etablieren. Mehr als 30 Jahre lang war Tanztheater ein Synonym für Pina Bausch. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass sich Tanzstile, wenn sie zu lange ohne Veränderung beibehalten werden, abnutzen können. Spätestens nach dem Tod von Pina Bausch machte sich ein gewisses Unbehagen breit, tauchten Bedenken auf: Wie lange lässt sich diese Abschottung des Werks aufrechterhalten? Natürlich sprechen die Verkaufszahlen im Ausland eine deutliche Sprache, aber spricht nicht Pinas Werk selber dagegen? Ein Werk, dessen Arbeitsweise doch ausdrücklich geprägt war vom Prinzip der Offenheit, in der das Prozesshafte im Vordergrund stand, warum sollte sich diese Qualität nicht nutzen lassen für die Zukunft? Die Diskussion über das Erbe von Pina Bausch war eröffnet. Bis heute gibt es aber nur unbefriedigende Antworten, von zukunftsweisenden Visionen ganz zu schweigen. Die Welle der Bestürzung über den Tod von Pina Bausch erfuhr mit Wim Wenders' Dokumentarfilm PINA paradoxerweise eine Art Läuterung. Dieser Film, mit seiner aufwendigen 3D-Optik und ungewöhnlichen Schauplätzen, weckte erneut das Interesse an Tanztheater. Ob der Film aber nicht eher zur Klischeebildung beigetragen hat, darüber scheiden sich die Geister. Umso bedauerlicher ist es, dass in den Archiven des Pariser Verlegers Rudolf Rach, der die Urheberrechte von Pina Bausch vertritt, einzigartige Filmschätze lagern, die um vieles besser geeignet scheinen, die Authentizität von Pina Bauschs Arbeit und Werk zu bezeugen. „Es sind damals, unter der künstlerischen Leitung von Pina, mit einem speziell ausgesuchten Team, wirklich großartigen Leuten, Aufzeichnungen entstanden von Stücken in den 80er-Jahren, die eben auch in den Originalbesetzungen gespielt wurden, die meiner Meinung nach kulturhistorisch von großer Bedeutung sind,“ sagt der Verleger. Doch die Bausch-Stiftung blockiert deren Veröffentlichung. Eine Stiftung, die sich darauf verlegt hat, zu archivieren, digitalisieren und die bislang, so scheint es, mehr verhindert als ermöglicht.

Welche Rolle spielt die Pina Bausch Stiftung?

Nach dem Tod von Pina Bausch fiel das Erbe an ihren Sohn Salomon und dessen Vater. „Die ganzen Urheberrechte an den Stücken, Choreographien von meiner Mutter“, sagt Salomon Bausch, „sind alle von mir in die Pina Bausch Stiftung eingebracht worden, eine gemeinnützige Stiftung. Und die hat sich zur Aufgabe gesetzt, dieses Werk für die Zukunft zu erhalten. Dazu gehört in erster Linie, dass die Stücke weiterhin präsent sind, aber wir bauen auch ein großes Archiv auf, mit den ganzen Materialien.“ Zunächst geht es also um Urheberrechte, aber auch um Aufführungsrechte der Stücke durch andere Kompanien. Zwischen den Beteiligten schwelt darüber eine heftige Kontroverse. Denn neben Pina Bauschs Sohn Salomon, der die Pina Bausch Stiftung vertritt, hat auch der Verleger Rudolf Rach mitzureden. Er sieht die Lage völlig anders. „Wir sind Verleger, wir verbreiten Werke, und das ist auch der Wortlaut und der Sinn und Geist der Verträge, die wir mit Pina abgeschlossen haben“, sagt Rudolf Rach. Erst im nächsten Jahr, also sieben Jahre nach Pina Bauschs Tod, sollen nun zum ersten Mal wieder Aufführungsrechte an eine andere Kompanie vergeben werden. FÜR DIE KINDER VON GESTERN, HEUTE UND MORGEN wird, wenn alles gut geht, 2016 durch das Ballett der Münchner Staatsoper aufgeführt werden. Pina Bausch selbst hatte die Aufführungsrechte von ORPHEUS und EURYDIKE und FRÜHLINGS ERWACHEN bereits zu Lebzeiten an die Pariser Oper vergeben.

Wem „gehört“ das Werk?

Wenn Choreographien wiederaufgenommen oder an andere Kompanien zur Aufführung gegeben werden, dann verändert das ein Werk. Mit dieser Tatsache leben alle Choreographen, deren Stücke an anderen Theatern einstudiert werden. Aber was geschieht, wenn die Choreographen selber die Umsetzung nicht mehr abnehmen können? Wer ist Garant für die Werktreue, und geht es überhaupt darum? Ist nicht auch Freiraum geboten für Interpretationen, speziell im Werk von Pina Bausch? Wie viele verschiedene Tänzer sind nicht schon in die Rollen ihrer Stücke geschlüpft, die ganz andere Protagonisten einst kreiert und uraufgeführt haben? Das Ensemble des Tanztheater Wuppertal besteht längst nicht mehr aus den Tänzern, die mit Pina Bausch zusammen gearbeitet haben. Im besten Fall, und üblicherweise, vermitteln die ehemaligen Tänzer das Werk an die neuen. Aber auch sie verändern mit ihrer Persönlichkeit jedes Stück. Um welche Werktreue wird also gerungen? Geht es nicht eigentlich um etwas ganz anderes? Geht es nicht auch um Rechte der ehemaligen Tänzer? Gerade Pina Bauschs Stücke basieren auf dem individuellen Charakter der Tänzer, mit denen sie diese unvergesslichen Geschichten, die Rollen, die Figuren, Bewegungen geschaffen hat. Leider ist Pina Bausch selber nicht ganz freizusprechen von dem Vorwurf, dass sie ihre Tänzer an ihrem Werk nicht beteiligt hat. Über Pina Bauschs Arbeit mit den Tänzern, und wie sie die Stücke entwickelt haben, darüber gibt es viele Filme, Bücher, Beschreibungen. Und natürlich hat diese ganz besondere Arbeitsweise Begehrlichkeiten geweckt, immer wieder haben Tänzer versucht, ihre Miturheberschaft an den Stücken zu reklamieren. Der Verleger Rudolf Rach hat Pina Bausch frühzeitig vorgeschlagen, die Tänzer an den Rechten zu beteiligen. Pina habe darüber nachgedacht, sagt er, und es dann aber abgelehnt. Am Ende waren die Tänzer kostbare Instrumente, die in den Händen einer genialen Choreographin mit hervorbrachten, was als das Wunder von Wuppertal gelten kann. Und was macht die Stiftung heute? Sie legt allen jemals beteiligten Tänzern Abtretungserklärungen vor, ein Unding sagen Urheberrechtsexperten, da eine kommerzielle Verwertung nur gegen eine angemessene Vergütung erfolgen kann. Worauf wird also spekuliert, auf Loyalität, Naivität, falsches Vertrauen? Eine Mitstreiterin der ersten Stunden, die viel über das Innenleben der Kompanie zu erzählen weiß, über den Schmerz und das Glück mit Pina zu arbeiten, ist die australische Tänzerin Josephine Ann Endicott. Sie war 40 Jahre lang Mitglied der Kompanie, hat viele der prägenden Hauptrollen getanzt und gehörte zum engen Kreis um Pina Bausch. Jo, wie sie genannt wird, war Pinas Assistentin und studiert noch heute viele der alten Stücke für Wiederaufnahmen ein. In ihren sehr persönlichen Büchern und Aufzeichnungen kann man nachlesen, wieviel Eitelkeit, Kränkung, und vor allem Abhängigkeit eine Rolle gespielt haben in dem kreativen Kosmos von Wuppertal.

Wie geht es weiter?

Während die Pina Bausch Stiftung mit kräftiger finanzieller Hilfe der Bundeskulturstiftung und eines privaten Mäzens sein Archiv aufbaut, ist auch sechs Jahre nach Pina Bauschs Tod keine Lösung in Sicht für das Tanztheater Wuppertal. Nach wie vor wird es interimistisch geleitet, seit 2013 von dem ehemaligen Tänzer Lutz Förster. Eigentlich war für die kommende Spielzeit geplant, dass ein neuer künstlerischer Leiter das Tanztheater Wuppertal in die Zukunft führen sollte. Doch jetzt heißt es, dass Lutz Förster die Leitung für eine weitere Spielzeit übernimmt. Währenddessen wird, und das auch schon seit geraumer Zeit, an einem Wunschtraum der Stiftung gebastelt: an der Idee des Internationalen Tanzzentrums Pina Bausch. Es ist zu befürchten, dass es sich bei diesem Projekt um eine Art Weihestätte für Pina Bausch handeln könnte. Vor allem, wenn man sich das Umfeld von Wuppertal ansieht. Nicht weit entfernt existiert in Essen mit dem PACT ZOLLVEREIN bereits ein internationales Zentrum für Tanz und Performance, ein überaus renommierter Platz für den Tanz. Und ausgerechnet Stefan Hilterhaus, der rührige Direktor des PACT ZOLLVEREIN und ehemals enger Vertrauter von Pina Bausch, hat ein künstlerisches Konzept vorgelegt. Das wäre sinnvoll, wenn sein Bericht zur Abgrenzung dienen würde. Vielleicht aber stecken ganz andere Interessen und Absichten dahinter, das alles ist ziemlich intransparent. Inzwischen hat der Bund Geld gegeben für eine Machbarkeitsstudie, die Ende 2015 fertiggestellt werden soll. Wenn es je zu einem solchen Zentrum kommt, wird das auf jeden Fall viel Geld kosten, denn man müsste das marode Wuppertaler Schauspielhaus, das mangels Geld geschlossen wurde, erst einmal sanieren und aufwendig herrichten. Es ist hinlänglich bekannt, wie knapp die Stadt Wuppertal bei Kasse ist, und die Zuschüsse für das Tanztheater sind mit 2,5 Millionen Euro jährlich sicherlich am Limit. Aber das Tanztheater ist nun mal der einzige kulturelle Leuchtturm, der vor allem weithin über die Stadt strahlt. Wenn nicht bald eine Lösung für die Zukunft des Tanztheaters gefunden wird, die von Offenheit, Freude am Experiment und radikalem Neubeginn geprägt ist, dann sieht es ganz so aus, als würde das Erbe von Pina Bausch eher zu einer Tanzsäule erstarren, anstatt weithin zu leuchten.

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erstellt am 21.5.2015