Der Blues sei wie die Liebe, erklärte Thomas Rothschild einst: immer das Gleiche, aber man kann nicht davon lassen. Jetzt hat Rothschild „Isoldes Abendbrot“ besucht, das Christoph Marthaler, der Großmeister des dramatischen Blues, in Basel auf die Bühne brachte.

Theater in Basel

Marthalers jüngster Streich

Von Thomas Rothschild

So funktioniert Komik. Der Pianist – bei der Premiere ist es Bendix Dethleffsen, der für den erkrankten Jan Czajkowski eingesprungen ist, – geht zum Pianino und legt seine Notenblätter auf der Notenablage am Klavierdeckel ab. Aber sie fallen immer wieder auf den Boden. Der Pianist klaubt sie zusammen und kommt nicht dazu, mit seinem Klavierspiel zu beginnen. Victor Borge lässt grüßen. Die Tücke des Objekts hindert den Menschen zu tun, was zu tun er gewillt ist.

So beginnt Christoph Marthalers neues Stück „Isoldes Abendbrot“. Duri Bischoff hat ihm eine hyperrealistische Mischung aus Raucher-Bar und englischem Club auf die Kleine Bühne des Basler Theaters gebaut, in der sich fortan alte Bekannte aus Marthalers Ensemble bewegen: Anne Sofie von Otter als Bardame und Raphael Clamer, Ueli Jäggi und Graham F. Valentine als deren Gäste.

Alle reden vom Ende des traditionellen Theaters, suchen verzweifelt nach Alternativen, flüchten sich in dilettantische Anstrengungen, alles vergessen zu lassen, was Jahrtausende der Schauspielkunst entwickelt und vervollkommnet haben. Christoph Marthaler schert sich nicht darum. In immer neuen Varianten zelebriert er sein eigenes Theater, in dem sich diverse Einflüsse und Verfahren zu einem atemberaubenden Ereignis mischen. Marthaler ist eins der wenigen wirklichen Genies im gegenwärtigen Theater, und mit einer sympathischen Sturheit ignoriert er all jene, die auf der konsequenten Beibehaltung einer nacherzählbaren Fabel beharren oder für seinen schrägen Humor keine Antenne haben.

Auch diesmal hangelt sich der zweistündige Abend an Songs ganz unterschiedlicher Provenienz entlang. Und wenn es nichts auf der Bühne zu sehen gäbe: die Musik und der Gesang für sich wären ein Hochgenuss. Wenn etwa Graham F. Valentine mit Kopfstimme und a cappella ein irisches Volkslied vorträgt, ist das ebenso grandios wie Anne Sofie von Otter mit „Le Tourbillon“, mit dem Jeanne Moreau in „Jules und Jim“ die Herzen erobert hat, oder mit Juliette Grécos frivolem „Déshabillez-moi“. Gustav Mahler steht neben Elvis Costello, Johann Sebastian Bach neben Léo Ferré.

Aber Marthaler erfindet zu und zwischen den Liedern Aktionen, die im extremen Gegensatz zur schenkelklopfenden deutschen Fernsehkomik stehen und gerade deshalb zum Brüllen komisch sind. Da sitzen die drei Herren fast unbeweglich in Lederfauteuils und strecken ihre Zeigefinger ohne erkennbaren Kontext von sich, eine Choreographie des nutzlosen Verweises, die in die Geschichte der Schauspielkunst eingehen sollte wie Fritz Kortners berühmter Zeigefinger. Marthalers Humor ist leise, minimalistisch. Umso wirkungsvoller erscheint dann das Zusammenklappen einer Figur nach dem Genuss eines wohl vergifteten Cocktails: Sie reizt die Technik des sich selbst im Wege stehenden Körpers aus, die Jacques Tati oder Michael Richards als Kramer in der Serie „Seinfeld“ zur Vollkommenheit entwickelt haben.

Marthaler kennt den Reiz automatisierter Abläufe und weiß, wann und wie man sie unterbrechen muss – etwa durch eine heftige Armbewegung in einer vokal erweiterten Variante von Ravels „Bolero“.

Am Schluss kreisen nur noch die im Stück verwendeten Kleidungsstücke auf den Barhockern um die Theke. Die Menschen sind verschwunden. Es geht im „Isoldes Abendbrot“ leitmotivisch ums Verschwinden. Aber anders als bei Franz Wittenbrink, dessen Liederabende immer eng am vom Titel vorgegebenen Thema bleiben, ist Marthaler zu sehr dem Dadaismus und dem Surrealismus verpflichtet, um sich der Geschlossenheit einer Anthologie zu unterwerfen. Seine Übergänge und Bezüge sind eher formaler als inhaltlicher Art, verdanken sich Gesten, Gängen, musikalischen Stimmungen. Running Gags sind Satzzeichen. Und was das Verschwinden angeht, so materialisiert es sich in einer Melancholie, die zur Komik nicht nur keinen Gegensatz bildet, sondern ihr inhärent zu sein scheint.

Das Publikum ist begeistert. Der Kritiker auch.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 20.5.2015

Anne Sofie von Otter, Bendix Dethleffsen, Raphael Clamer

Isoldes Abendbrot

im Theater Basel

Regie: Christoph Marthaler
Bühne: Duri Bischoff
Kostüme: Sara Kittelmann
Dramaturgie: Malte Ubenauf

Weitere Vorstellungen:

Anne Sofie von Otter

Ueli Jäggi, Anne Sofie von Otter

Raphael Clamer, Graham F. Valentine, Anne Sofie von Otter, Ueli Jäggi