Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Als Liebender abgewiesen zu werden gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Menschenleben verpfuschen, aber auch zu einer Quelle künstlerischer Kreativität werden können. Peter Henning hat in drei neuen Büchern von und über Jerome D. Salinger, den 2010 verstorbenen Schöpfer des „Fänger im Roggen“, diesen Zusammenhang ausgemacht.

Jerome D. Salinger
Jerome D. Salinger
Buchkritik

Brillantfeuerwerk der Worte

Von Peter Henning

„Ich liebe Dich, Oona. Mein ganzes Leben ist im Eimer.  Es ist Selbstmord, dich zu lieben! Mir wäre lieber, man hätte mir beide Beine amputiert, als dass ich deinen Weg gekreuzt hätte.“ 
 
Vier mit der ganzen Wucht seiner zwischen Hoffnungslosigkeit und stetem Verlangen oszillierenden Verzweiflung hervorgestoßene Sätze, die der angehende US-Schriftsteller Jerome D. Salinger in Frédéric Beigbeders wundervoller literarischer Pastiche „Oona und Salinger“ der Liebe seines Lebens regelrecht entgegenschleudert. Und zwar keiner Geringeren als der seinerzeit gerademal 15-jährigen Oona O`Neill, – der Tochter des Dramatikers Eugene, der 1936 den Literaturnobelpreis erhielt.

Salinger ist zu diesem Zeitpunkt 21, – und es sollen weitere elf Jahre vergehen, ehe 1951 sein Roman „Der Fänger im Roggen“ erscheint – und den schlaksigen Ein-Meter-neunzig-Mann für immer in die Annalen der amerikanischen Literatur einschreiben wird. Die Begegnung mit Oona aber, die entgegen Salingers Hoffnungen nicht in eine feste Beziehung mündet weil die junge Frau wenig später Charlie Chaplin heiraten und bis zu dessen Tod mit ihm zusammenbleiben wird, wird ihn lebenslang verfolgen – und ihn auf gewisse Weise zu einem traurigen Wiederholungstäter in Sachen Liebe werden lassen. Denn immer neu wird Salinger die Nähe junger, ihn an Oona erinnernder Frauen suchen, – getrieben von der irrationalen Hoffnung, das Trauma Oona dadurch irgendwann zu besiegen.
„Er hat sich von dieser früh erlittenen Niederlage nie mehr erholt, sie zieht sich durch sein gesamtes Werk“, sagt Frédéric Beigbeder. „Und es hat mich unheimlich gereizt, dieses im Grunde kaum bekannte Kapitel seines Lebens mit den Mitteln der Literatur aus – und nachzustellen.“

Beigbeder zeichnet in Sequenzen und Dialogen von magischer Dichte „Jerry“ Salingers zähes Ringen um die Gunst der jungen Frau nach, indem er mit seinen Schilderungen so nah an seine Protagonisten heranzoomt, dass man meint, mit im Raum zu sein, wenn die beiden ihre Brillantfeuerwerke der Worte und Gefühle abfeuern.
„Salinger hat einen Leser aus mir gemacht, ich war damals 15 und las nur Comics“, bekennt der 50-jährige französische Schriftsteller, Schauspieler und Drehbuchautor, der – welch Parallele zu seinem amerikanischen Idol – unlängst die 25 Jahre jüngere Lara Micheli heiratete. „Ich las alles von ihm, und wollte ihn unbedingt kennenlernen.“

Dieser Wunsch hat sich für den französischen Tausendsassa zwar nicht erfüllt, obgleich Beigbeder bereits vor Salingers Tür in Cornish, in New Hampshire stand,- es dann aber nicht wagte, zu läuten. Gleichwohl grundiert er mit seiner hinreißenden Imagination um Jerry und Oona stimmig die Atmosphäre der drei, soeben mit über 50-jähriger Verzögerung aus dem Nachlass Salingers publizierten Stories. Denn „Die jungen Leute“, so der Titel der kleinen Sammlung, atmet durchweg jene melancholische Verlorenheit, die sämtliche Arbeiten des zuletzt vollkommen zurückgezogen lebenden Autors bestimmten, nachdem Oona sich für Chaplin entschieden hatte. Es sind drei scheinbar lässig hin getuschte Momentaufnahmen, deren jugendliches Personal die Nähe zum anderen Geschlecht sucht -  und dabei über manch emotionales Geröllfeld muss.  Denn ob der junge Bill Jameson, der in der Titelstory nur Augen für eine kleine Schönheit hat, und dabei die ernsthaften Avancen einer weniger attraktiven Bewerberin um seine Gunst ungerührt ausschlägt; oder die exaltierte Helen, die in der Episode „Geh zu Eddie“ lieber dem süßen Leben frönt statt zu arbeiten – und damit zum Alptraum ihres Bruders Bobby wird: sie alle sind typische Salinger-Geschöpfe, haltlose kleine Tändler, deren Träume stets größer sind als ihre Fähigkeiten, sie auch tatsächlich zu leben.

„Holden`s Melancholie, die Angst vorm Älterwerden und die Furcht zu scheitern, all das zog und zieht mich bis heute an!“, sagt Frédéric Beigbeder.

Von all dem erzählt in mitreißenden Bekenntnissen zahllos dazu interviewter Zeitzeugen auch die große, ebenfalls soeben erschienene Salinger-Biographie „Salinger. Ein Leben“ der beiden U.S.-Autoren David Shields und Shane Salerno. Entstanden ist ein Buch wie ein filmisches Porträt aus Worten, das insbesondere mit Blick auf Salingers Oona-Trauma nachvollziehbar macht, wie aus dem einst vielgefeierten Literaturstar am Ende ein vereinsamter Eremit werden konnte. Denn heißt es darin doch einmal stellvertretend: „Er war ihr solange wie ein kleiner Hund gefolgt, bis er in ihren Augen zu einem geworden war.“
 

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 18.5.2015

Frederic Beigbeder
„Oona & Salinger“
Roman
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Piper Verlag
München 2015. 308 S.

Buch bestellen

Jerome D. Salinger
„Die jungen Leute“
Drei Stories
Aus dem amerikanischen Englisch
von Eike Schönfeld
Piper Verlag
München 2015. 68 S.

Buch bestellen

David Shields & Shane Salerno
„Salinger. Ein Leben“
Droemer, München 2015, 828 S.

Buch bestellen