Der Komponist John Cage hatte gegen Ende seines Lebens die Entscheidungsfindung per Zufallsoperation innerhalb vorgegebener Parameter, wie Musikeranzahl und Dauer des Stücks, so perfektioniert, dass er sie einem Computerprogramm anvertrauen konnte, das auch nach seinem Tod neue Kompositionen von John Cage generierte. Das 1991 entstandene und gerade auf CDs veröffentlichte Two 3, das Hans-Klaus Jungheinrich hier bespricht, gehört nicht dazu.

CD

Liebling der Wohlgesinnten

Schönes von John Cage: „Two 3“ für 2 Spieler

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Liebenswert, freundlich, humorvoll – stellt man sich so einen Exponenten der Moderne vor, einen Generationsgenossen des grimmigen und schrillen Salvador Dalí, einen Gottseibeiuns der „klassischen“ Konzertveranstalter? Ich erlebte als Jugendlicher, wie Cage 1958 die Darmstädter Ferienkurse aufmischte mit seinem sanft daherkommenden Anarchismus und einer Radikalität, die sich so völlig anders vermittelte als die Unterweisungen der theoriegespickten, mit unendlichen Zahlenkolonnen und Rechenprozeduren operierenden Serialisten, insbesondere als der eifernde Karlheinz Stockhausen mit dem deutschen Messiasblick und der pedantische Pierre Boulez. Die amerikanische Relaxtheit Cages wirkte bei diesem Erstauftritt auf einem europäischen Avantgardeforum so durchschlagend „exotisch“, dass ein damaliger Vordenker der Serialisten, der Adornoschüler Heinz-Klaus Metzger, ihn flugs für eine konsequent „herrschaftsfreie“ Musikart vereinnahmte und so, gewissermaßen als Erzengel auf hauchdünner Nadelspitze, für die aktuelle europäische Ästheten-Scholastik kompatibel und interessant machte. Cage hatte dafür sein unergründliches Chinesenlächeln. Er kapierte Metzgers Ideen wohl ebensowenig wie das taoistische Orakelbuch „I Ging“, auf das er sich bei seinem künstlerischen Umgang mit dem Zufall dann oft ominös berief. Nichts gegen Missverständnisse vonseiten produktiver Künstler – sie führten immer schon zu wunderbaren Ergebnissen, die sich die Schulweisen nicht träumen ließen. Im übrigen genoss er seine wachsende Berühmtheit und ließ sich gerne feiern. Einen unvergesslichen späten Auftritt hatte er, Freund unter Freunden, 1991 beim Musikfest in Metz, als er eines Morgens im dortigen Bahnhofsbuffet ein „Happening“ realisierte – es bestand aus nichts anderem, als dass er, persönlich und mit behutsamer Manneskraft, die Tische nach spontanem Gusto aus der Ordnung brachte und ohne großen Lärm verrückte. Sanfte und unangestrengte Verrücktheit, eine nette Einladung zwischen leiser Irritation und einverständiger Wohlgesinntheit.

Also wurde Cage allmählich zur Leitfigur einer von den schwer klirrenden europäischen Traditionsketten sich befreienden Musik. Das dezidiert Nichteuropäische an Cage wurde gerade in Europa vielfach als wohltätig empfunden. Dieser Good Boy of Music verkörperte offenbar eine Moderne, der man bei einiger ästhetischer Lässlichkeit die Wohlgesinnung schwer versagen konnte. Während alles sonst immer schwieriger und komplexer wurde (Boulez, Xenakis, Ferneyhough und tutti quanti – eine Musik für gesottene Fachleute), war Cage schlicht und einfach. Freilich, er machte sich damit auch eines gewissen Dilettantismus verdächtig (Schönberg etwa sprach ihm die Begabung zum Komponieren ab), aber sein weitgehender Verzicht auf eine musikalische „Grammatik“, auf Zusammenhang und Semantik, kurz gesagt, auf alle „erzählerischen“, durchartikulierten Elemente der Musik, hatte auch etwas Einleuchtendes, Erleuchtendes. Das Ohr konnte nun von Klang zu Klang und von Nichtklang zu Nichtklang flattern wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte. Da es bei Cage nicht viel zu „verstehen“ gab, vor allem keine tonsetzerische „Syntax“, geriet Cage auch leicht zu einem „Gesamtkünstler“, erreichte bei Malern und Literaten mindestens die gleiche Beliebtheit wie bei avancierten Musikexperten. Vielleicht ist es gar nicht so falsch, wenn man Cage als den „Lieblingskomponisten der Unmusikalischen“ apostrophiert. Auf jeden Fall appelliert er an einen Enthusiasmus für die Moderne, der sich zwar dem traditionellen Konservatismus überlegen fühlt, gleichwohl auch seinerseits hohle Stellen (und ein Quantum von uneingestandenem Konformismus) hat.

Cage sann im Alter zunehmend darauf, „schöne“ Musik zu machen. Mit dieser Absicht (die er auch als Bekenntnis formulierte) ging er ein verwickeltes Problem mit einem Befreiungsschlag an – man muss folgern, dass diese Art der Problemlösung nur von einer äußerst begrenzten „Verbindlichkeit“ für den Fortgang der Musikentwicklung bleiben konnte. Cage, kaum ein Pionier, mehr ein kurios-erratischer Sonderfall (aber sind das nicht die meisten „großen“ Künstler?). Wer abseits vom heutzutage ungelösten oder unlösbaren Schönheitsproblem „schöne“ Musik wahrnehmen möchte, dem dürfen sich die „Number Pieces“ empfehlen, an denen Cage von 1987 bis zu seinem Tode 1992 arbeitete. Die Konzeption der „Number Pieces“ zeigt im übrigen, wie es sich der nach und nach mit Aufträgen überhäufte Künstler leicht machen konnte mit der Generierung einer tendenziell unendlichen Werkreihe. Nehmen wir zum Beispiel das rund 100 Minuten dauernde Stück „Two 3“ (die ausgeschriebene Zahl bedeutet die Anzahl der Spieler, die Ziffer dient der Durchnummerierung der Stücke in der gleichen Besetzungsgröße) für Sho und fünf mit Wasser gefüllte Muscheln. Die Besetzung deutet auf einen exquisiten Klangcharakter. Die Interpreten der Wergo-Aufnahme, Stefan Hussong und Wu Wei, benutzen freilich nicht die japanische Mundorgel Sho, sondern ihr chinesisches Äquivalent Sheng sowie ein klanglich verwandtes Akkordeon; beide bedienen sich dazu noch der klingenden Muscheln. Es entsteht dabei eine erstaunlich homogene Klanglichkeit, die von den zart sich aufwölbenden und nur gelegentlich von Klopfgeräuschen skandierten akustischen Schlieren und Bändern hergestellt wird. Wie Wolkengebilde schieben sich die Klänge in- und wieder auseinander, verdichten sich anschwellend, verschwinden im Unhörbaren. Dazwischen viele „Pausen“, die gleichsam dem Nachhören Gestalt geben. Im schwebenden Flirren entstehen Reize, lassen sich auch Intervallspannungen ausmachen, auch das Zusammentreten von „schönen“ Konsonanzen, die von mehr einfärbenden als beißenden Dissonanzen abgelöst werden. Bei alldem gibt es ein Flimmern und Fluktuieren zwischen dem puren Materialaspekt der ineinander verschwimmenden Klangquellen (wie Wolken lassen sie ihre Konturen und Konsistenzen kaum erkennen) und dem diskreten „Geheimnis“ der waltenden „Zufälligkeiten“ des Zusammenklangs. Diese finden ihr Korrektiv freilich in der Sensibilität und dem Reaktionsvermögen der beiden virtuos „antivirtuosen“ Spieler, die das Unpersönliche des Zufallsprinzips in die moderaten Bahnen einer „schönen“ Zweierbeziehung einlenken. Auch das hat der listige Komponist im Ansatz durchaus vorgegeben: mit dem scheinbar so simplen Generaltitel „Two“.

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erstellt am 16.5.2015

John Cage, Frankfurt 1986, Foto: Andreas Pohlmann

John Cage (1912-1992)
Two 3 (1991)
Stefan Hussong, Akkordeon
Wu Wei, Sheng (beide: fünf wassergefüllte Muscheln)
Wergo WER 6758 2