Georg Wilhelm Friedrich Hegel war so dem dialektischen Prozess verfallen, dass er auf den eigenen Widerspruch angewiesen war. Aber er war auch so sehr Meister seiner Gedanken, dass er – rauschhaft, wie Otto A. Böhmer versichert – den Widerspruch sogar leibhaftig spüren konnte.

Holzwege

Feuchte Vollmondträume

Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel saß beim Weine und hatte die Zeit längst vergessen. Vor dem Fenster seiner Studierstube balgten sich die Katzen. Ich sollte Wasser holen und die Viecher verscheuchen, dachte er, aber ich bin ersichtlich zu faul dazu. Und vielleicht auch zu – betrunken. Das muss ich mir einge­stehen. Dunkelheit umgab ihn; die Kerzen waren herun­tergebrannt, aber er konnte alles noch erkennen im schräg einfallenden Mondlicht, die drohende Bücherwand ihm gegenüber, die zerdrückten Foliohefte auf dem Schreibtisch und vor allem das Weinglas und die dazugehörige große Karaffe, die wie immer bereitstan­den, seine die Welt tragende, gnadenlos-versöhnliche Stimmung zu stärken und zu halten. Hegels Gedanken befanden sich auf dem Kreisgang; sie schoben Wache im bekannten Gelände, und sie gestatteten sich, längst müde geworden, wagemutige Höhenflüge ins Unbe­kannte, dem es noch bevorstand, von seiner gewaltig zupackenden Philosophie liebevoll, aber bestimmt ver­messen zu werden. Es ist Vollmond, dachte Hegel, er bringt für gewöhnlich die Schlafenden so durcheinan­der, dass sie entweder verstört im Bette herumliegen und kein Auge mehr zubekommen oder aber solche gehäuf­ten Absonderlichkeiten träumen, dass sie am nächsten Morgen wie gerädert und plattgeschlagen aufwachen und die wüsten Träume noch lange für die Wirklichkeit nehmen müssen. Der Vollmond ist der natürliche Feind aller Sackschläfer – darum gehe ich bei Vollmond erst dann zu Bett, wenn er schwächlich geworden ist, sich verausgabt hat, so dass seine böswilligen Strahlen keinen Schaden mehr anrichten können. Das ist gegen Morgen, wenn die Vögel in den Bäumen anfangen zu plärren und meine Frau im letzten Nachtschlummer aufseufzt, bevor der Tag sie wieder einholt und ihr die alten Flötentöne beibringt. Marie war zudem der einzige Mensch, der bei Vollmond besonders gut schlief; das fahle Licht, das ins Zimmer drang, schien sie tief in die Bewusstlosigkeit hinabfallen zu lassen, man hätte sie, die nur noch unmerklich atmete, mit Pauken und Trompeten wegtra­gen können, und sie wäre nicht wach geworden. Hegel schenkte sich Wein nach; ein gutes und treues Weib, dacht er, das ist sie, zweifellos; ich habe seinerzeit, lang ist es her, ganz zu Recht um sie geworben: Sie hat mich erhört, was blieb ihr auch anderes übrig; in ihrem Blick / der Liebe Wiederblick erkennen, / o Wonne, o höchstes Glück! Hegel musste lachen; die Zeit der Liebesgedichte war vorbei, das allermeiste hatte sich gelegt, aber ihm, dem im Grunde Glücklichen, hatte man statt dessen strengste Zufriedenheit verordnet.

Der Philosoph nahm einen kräftigen Schluck und lehnte sich im Sessel zurück; ja, das liebte er, wenn ihm die Gedanken zufielen wie aus dem Weinfass gezogen. Er war und blieb ihr Meister, ihm oblag die Intendanz für den Spielplan dieses ganz und gar zwanglosen Denkens, das sich zwar nicht der von ihm sonst immer geforderten Anstrengung des Begriffs verdankte, dafür aber eigene seltsame Wahrheiten zutage förderte. Kreisgang. – Er trank, schloss die Augen. Bilder zogen ihm durch den Kopf; es war zwecklos, sie festzuhalten – sie kamen und gingen nach einer Gesetzmäßigkeit, die seines bestimmenden Zuspruchs nicht mehr bedurfte. „Das Bild für sich ist vorübergehend“, hatte er, Hegel, einmal geschrieben, „und die Intelligenz selbst ist als Aufmerksamkeit die Zeit und auch der Raum. Die Intelligenz ist aber nicht nur das Bewusstsein und Dasein, sondern als solche das Subjekt und das an sich ihrer Bestimmungen; in ihr erinnert, ist das Bild, nicht mehr existierend, bewusstlos aufbewahrt.“ – „Jawoll“, rief der Philosoph, „die Intelligenz müssen wir uns als einen nächtlichen Schacht vorstellen, in welchem eine Welt unendlich vieler Bilder und Vorstellungen aufbewahrt ist, ohne dass sie im Bewusstsein wären . . .“ „Welch ein Unfug!“ brüllte da auf einmal eine un­freundliche Stimme, und der Philosoph fühlte sich von kräftigen Händen gepackt und emporgezogen. „Ich habe doch gar nichts getan“, jammerte Hegel, und die unfreundliche Stimme antwortete: „Das ist es ja gerade, du hast nie etwas getan, immer nur Gedanken ausgeheckt, in die andere, Unschuldige, hineingetappt sind. Dafür wirst du nun zur Rechenschaft gezogen.“ – Ich muss kämpfen, dachte Hegel, sonst geht es mir schlecht. „Zeig dich, du feiger Hund“, rief er. „Was für eine groteske Anmaßung, einem vernünftigen Menschen als Unsichtbarer den Prozess machen zu wollen.“ – „Du bist nie vernünftig gewesen“, donnerte die Stimme, „sondern immer nur versessen auf Belohnungen.“ – „Ja“, murmelte der Philosoph, „also soll­test du, der du es noch immer nicht wagst, dich zu erkennen zu geben, mir nicht mit dreisten Vorhaltungen kommen, sondern eher an ein geschmackvolles kleines Geschenk denken, das du mir alsbald überreichen könn­test.“ – „Vielleicht ein Fass Wein“, höhnte die Stimme, „alle Welt weiß, dass du ein Trunkenbold bist, der sich in der Maske des Philosophen gefällt.“ – „Es muss kein ganzes Weinfass sein“, sagte Hegel, „mir würden schon einige hundert Flaschen reichen, mit denen du mir meinen Weinkeller wieder auffüllen könntest.“ – „Unverschämter Geselle!“ schrie die Stimme, und der Philosoph erhielt einen Schlag auf den Kopf. Er plumpste zu Boden und fand sich vor seinem Sessel wieder. Der Mond schien ihm ins Gesicht; die Katzen waren verstummt. Seufzend erhob er sich; schon wieder ein Kampf, den ich siegreich bestanden habe, dachte er. Wer Höchstes gedacht hat, wie ich, muss sich wehren. Indem das Ich seinen großen unbekannten Feind, der es ein Leben lang heimlich begleitet, erfasst, wird dieser von der Allgemeinheit des Ich zugleich vergiftet und verklärt, verliert sein verein­zeltes, selbständiges Bestehen und erhält ein geistiges Dasein. Dafür genügen in den einfachen feuchten Voll­mondträumen schon ein paar Widerworte und gewöhnliche Bosheiten. Man darf sich nur nichts gefal­len lassen. Der Geist ist wesentlich nur das, was er von sich selber weiß . . .

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erstellt am 14.5.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel
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