Als einen Mikrokosmos eines unsichtbaren Europa hat die Literaturwissenschaftlerin Marion Gees die süditalienische Metropole Neapel erlebt – und beschrieben. Auch im dritten (und erstmals) letzten Teil ihrer Aufzeichnungen verwebt sie literarische und filmische Reminiszenzen mit geschichtlichen Überblicken, um einen Eindruck von dieser höchst problematischen Stadt zu vermitteln.

Originaltext

Neapel. Sichtbar Verborgen

Dritter Teil

Von Marion Gees

Hitler beobachtet bei seinem Staatsbesuch in Rom und Neapel vom 3. bis 9. Mai 1938 zusammen mit Mussolini das bisher größte Manöver im Golf von einem Schlachtschiff aus. Im Hafen rüstet sich eine gigantische Kriegsflotte.

„Neapel grüßt den Führer“, berichtet die Wochenschau. „Die großen Flotten­manöver bilden den Höhe­punkt des Staatsbesuches Adolf Hitlers in Neapel. An Bord des Admiralschiffs Cavour nahm der Führer, begleitet von Kaiser und König Viktor Emanuel und vom Duce, die Parade ab. 200 Einheiten der italienischen Marine, darunter 90 Unterseeboote zeugten von der gewaltigen Seemacht des faschistischen Italiens. Es waren die größten Manöver, die das Mittelmeer je gesehen hat. (…).“

Eine grosse Gruppe begleitete Hitler bei seinem Staatsbesuch. Prinz Philipp von Hessen hatte als Sonderbeauftragter in Italien den Besuch mitorganisiert. Als Schwiegersohn des Königs Vittorio Emanuele, von dem die Einladung ausgegangen war, nutzte er seine verwandt­schaft­lichen Verbindungen, die ihm später zum Verhäng­nis werden sollten, und vermittelte zwischen dem von Hitler wenig geschätzten König und Mussolini, dessen Gunst es über Jahre zu gewinnen galt.

Ein eigens gestaltetes Damenprogramm nutzten etwa Magda Goebbels, Ilse Heß, Magda Himmler. Eva Braun stieg erst in München in einen der drei Sonderzüge aus Berlin zu und hielt sich, sozusagen als blinder Passagier, während der ganzen Reise fern von allen offiziellen Anlässen. Das Manöver im Golf hat sie evtl. aus der Ferne gesehen. Nach der Abreise Hitlers verbringt sie, die Italienliebhaberin, Ferien auf Capri. In den ersten Kriegjahren fliegt Hitlers Flugkapitän Hans Bauer sie zusammen mit ihren Schwestern Ilse und Franziska sowie einigen Freunden nochmals nach Italien, sie besucht neben Florenz die Riviera, Capri, Pompeji, den Vesuv. Die ganze Reise über filmt sie mit einer Agfa und Farbfilm vor allem romantische Strandszenen und die üblichen touristischen Sehens­würdigkeiten.

Joseph Beuys’ Faszination von Neapel und Capri. Er besuchte die Gegend bis kurz vor seinem Tod regelmäßig, verweilte länger in der Stadt und auf der Insel. 1943 war er zum ersten Mal als Soldat dort, dann wieder 1971, um auszustellen. Nach dem Erdbeben von 1980, das über 3000 Tote forderte, entsteht die Installation „Terremoto in Palazzo“ (Erdbeben im Palast), die heute im Museum MADRE zu sehen ist.

Beuys ist begeistert von der Stadt, dem Golf, der Natur. „Hier fühle ich mich zu Hause!“ Bei einem Besuch auf Capri entsteht der Prototyp der „Capri-Batterie“ sowie die Skulpturen »Skala Napolitana« und „Skala Libera“. Eine Leiter, die er auf Capri zufällig im Gebüsch fand, inspirierte ihn.

Bei einem Genesungs­aufenthalt im September 1985 in Neapel und auf Capri entwirft Beuys seine Installation „Capri-Batterie”, die er im Oktober in Neapel in der Galerie Lucio Amelios in einer Vitrine präsentiert – seine letzte Ausstellung. Es ist das einzige Ausstellungs­stück, das danach in einer Serie von 200 Stück produziert wird. Die Allegorie der deutschen Italomanie wird nun zu einem Multiple. Der Goethe-Lieb­haber Beuys zieht hier eine Verbindung zur Farben­lehre Goethes: „Sie führt in ihrer höchsten Reinheit immer die Natur des Hellen mit sich und besitzt eine heitere Eigenschaft. Es ist die nächste Farbe am Licht.“

„Wenige Monate vor seinem Tod“, so Heribert Schulz, „löst sich Beuys durch die Verwendung der intensiv leuchtenden gelben Farbe der Capri-Batterie vom gedank­lichen Gegenbildprozess. Er verlässt das Grau des Filzes und die dunk­len farblosen Materialien. Die Capri-Batterie ist durch ihr Energie­potenzial eine Wärmeplastik und gleichzeitig ein sinnliches, zeitloses Gegenbild, dessen Energie immer wieder erneuert werden kann.“

Das Erdbeben am 23. November 1980 wird von den Neapolitanern als weiterer großer Einschnitt wahrgenommen. „Die ersten Monate, die darauf folgten“, so Fabrizia Ramondino „waren wie ein ewiges '43, ohne Ende noch Anfang, wie die schicksalhaften Erdbeben und die ‚logischen Kriege’“.

Wie viele Bewohner der Altstadt muß auch sie ihre Wohnung in einem Palazzo verlassen. Erst nach Jahren kann sie diese wieder beziehen. Die Menschen leben auf der Straße und versuchen ihr nicht zerstörtes Hab und Gut zu retten. Weihnachten und Neujahr nach dem Erdbeben wurden die in Neapel so beliebten Feuerwerke verboten wegen der Einsturzgefahr der Häuser. Zum ersten Mal kein Licht am Himmel an diesen Festtagen. Bald darauf zogen die Clans der Camorra in das Stadtviertel San Lorenzo ein und übernahmen Häuser und ganze Straßenzüge, die von da an zu ihrem festen Territorium gehörten.
„Wie hatte ich“, so Fabrizia Ramondino, „wie hatten wir alle so viele Jahre lang vergessen können, dass die Führer des Touring-Clubs von Neapel, von Pompeji und von den Phlegräischen Feldern und selbst der Abschnitt, der in Goethes »Italienischer Reise« Neapel gewidmet ist, nicht mit einer Beschreibung der Landschaft beginnen, sondern mit der Beschaffenheit des Untergrunds?“

Beuys und Warhol. Sie lernen sich 1979 in Düsseldorf kennen und treffen sich bald darauf, am 1. April 1980, in der Galerie von Lucio Amelio in Neapel, wo Warhol die Porträts in der Ausstellung „Joseph Beuys by Andy Warhol“ zeigt. 1985 entsteht Warhols Serie „Vesuvius by Warhol“. Eines der Bilder hängt heute im Museum MADRE in Napoli, das seit einiger Zeit wegen Kürzungen im Kulturetat von der Schließung bedroht ist …

MADRE, das Museum in einer Gasse hinter dem Dom. Zeitgenössische Kunst, Konzeptkunst, Arte Povera. Ein restaurierter Palazzo mit weiß getünchten Räumen inmitten der Altstadt. In den Nebenstraßen verfallene oder ausgebrannte, ehemals herrschaftliche Palazzi. Verkohlte Bretter schieben sich aus hohen morschen Fenster­rahmen in die Gasse. Reste von Ockergelb auf herrschaftlichen Fassa­den, die ihre Ornamente verlieren. Mauerrisse, aus denen sattgrüne Sträucher wachsen. Im ganzen Viertel Fresken, deren Risse von Holzleisten und Pflastern ähnlichen Klebe­streifen zusammen­gehalten werden.

Faszinierender Mythos der Porosität, des Kaputten, der charmanten Sorglosigkeit? Oder nur noch das Ergeb­nis schwacher, gleichgültiger Behörden und Institutionen, deren Verwaltung in andere Hände übergegangen ist?

Das getrocknete Blut des San Gennaro, Januarius, Bischof von Neapel und Benevent, der unter Kaiser Diokletian in Pozzuoli Enthauptete. Sein Blut verschlossen in einer Phiole, das, wenn alles gut geht, wenn Gott es so will, dreimal im Jahr im so genannten Blutwunder flüssig wird, zum Fest der Translation der Überreste des Märtyrers, am 1. Mai, dem Festtag des Heiligen, dann wieder am 19. September und schließlich am Gedächtnistag des Vesuvausbruchs im Jahr 1631, am 16. Dezem­ber.

Seit dem 13./14. Jahrhundert wird San Gennaro mit Prozessionen gedacht. Das Blut kann die Lava zum Versie­gen bringen und auch sonstiges Unheil verhindern. Nicht immer hat es sich verflüssigt, z.B. vor dem Erdbeben von 1980, vor blutigen Kriegen der Camorra-Clans, besonders häufig aber in der Zeit, als Diego Maradona in Neapel spielte.

Manche behaupten, die Flüssigkeit ähnle altem Ketschup oder Balsa­mico-Essig. Es ist sehr dunkel, zu dunkel für Ketschup. Noch einige Tage nach der Verflüssigung dürfen die Neapo­litaner das Blut aus der Nähe betrachten und die Ampulle küssen. Es sind zumeist Frauen, die kommen und demütig, oft auch mehrmals, die Treppen zum Altar heraufkommen, um das Gefäß mit dem flüssigen Blut zu küssen.
Auch staunende Kinder werden herangeführt, Schüler in einheitlichen Uniformen, die noch unter­würfig niederknien und denen die Phiole nach unten zum Kuß gereicht wird.

„Ein Bischof, der das Reliquium – bewacht von Maschinenpistolen haltenden Carabinieri – hielt, sagte zu einem Kind, das den silbernen Behälter der Phiole küsste, in dem sich das Blut des Schutzheiligen von Neapel befinden soll, küß nicht den Silberbehälter, das Glas, in diesem Glas befindet sich das hochheilige Blut!“ (Josef Winkler: „Friedhof der bitteren Orangen”)

Die Lust auf die Katastrophe. Otto Julius Birnbaum betont 1902 auf seiner Reise nach Neapel mit dem Automobil: „Der Vesuv raucht noch immer nicht, und ich werde mich, sobald ich ausgehen kann, bei Herrn Cook beschweren. Ich verlange ja keinen direkten Ausbruch, aber bloß so dazustehen wie jeder andre Berg, ohne die geringste Rauchsäule, das ist für einen allgemein anerkannten und im Baedeker mit zwei Sternen versehenen Vulkan entschieden zu wenig.“

Auch Walter Benjamin blickt enttäuscht auf seinen Aufenthalt im Jahre 1924 zurück: „Wenn mein größter Wunsch je in Erfüllung gegangen wäre, ein hässlicher Wunsch, aber ich hatte ihn nun einmal – einen Ausbruch des Vesuvs zu erleben (…). Acht Monate habe ich in der Gegend gesessen und immer gewartet.“

„Der Liebhaber des Vulkans”. Womöglich ist es gar nicht die zerstörerische Kraft des Vulkans, die das größte Gefallen erregt“, so heißt es in Susan Sontags Roman, „obwohl jeder eine Feuersbrunst genießt, sondern die Tatsache, dass er dem Gesetz der Schwerkraft trotzt, dem jede anorganische Materie unter­worfen ist. Was uns beim Anblick der Pflanzenwelt auf Anhieb gefällt, ist das vertikal nach oben Weisende. Deshalb lieben wir Bäume. Vielleicht erregt ein Vulkan durch sein In-die-Höhe-Streben unsere Auf­merksamkeit wie ein Ballett. (…) Der Reiz liegt darin, dass sich der Berg selbst in die Luft sprengt, auch wenn er danach wie der Tänzer wieder auf die Erde zurück muß; wenn er auch nicht einfach hinabsteigt – er fällt, fällt auf uns. Doch zuerst steigt er empor, fliegt. Während alles andere nach unten drängt, unten zurück­bleibt. Unten.“
Hamilton war ein „Kenner von Ruinen, wie sein Freund Piranesi in Rom, denn was war der Berg anderes als eine große Ruine? Eine Ruine, die lebendig werden und noch mehr Ruinen entstehen lassen konnte.“
Der Vulkan als herausfordernde Ruine in Natur und Kunst. Zerstörung zugleich als bedenkliche Mythologie. Die Ruine als Folie produktiver Melancholie und Kreativität, die Emphase für Porosität, die Faszination am Brüchigen, die sich gegen perfekte Technologien zu widersetzen scheint, ist zugleich Lust am Verfall, die heimliche Sehnsucht nach dem Vulkanausbruch, Sehnsucht nach der Apokalypse.

Die häufigsten Fragen an das heutige »Osservatorio Vesuviano«, an die dort forschenden Vulkanologen, die den brandgefährlichen Berg beobachten, sind auf der Homepage des Instituts aufgelistet:
Ist es möglich die nächste Eruption des Vesuvs oder der Campi Flegrei vorherzusagen?

Welche Phänomene treten bei einer Eruption zuerst auf?

Wie werden die neapolitanischen Vulkane (Vesuv, Campi Flegrei, Ischia) überwacht?

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erstellt am 14.5.2015