Nicht nur Annette Kolb, René Schickele, Oskar Schlemmer und Anton Tschechow, die dort lebten und litten, nicht nur Georg Schramm und Rüdiger Safranski, die dort leben, gehören zum Mythos Badenweiler, sondern auch die legendären Römerbad Musiktage, die ihr künstlerischer Leiter Klaus Lauer 1973 gründete. Wie er sie heute gestaltet, berichtet Hans-Klaus Jungheinrich.

Badenweiler Musiktage 2015

Keine Bagatellen

Formate französischer Musik um Bruno Mantovani bei den Musiktagen Badenweiler

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Badenweiler ist, sagen wir mal, ein mythischer Ort. Von dieser südwestlichen Schwarzwaldbastion aus schaut man mühelos auf französisches oder helvetisches Territorium (und guckt der Fondation Beyeler mit ihrer aktuell spektakulären Gauguin-Ausstellung im Basler Vorort Riehen sozusagen ins Foyer). Imaginäre Blicke können sich aber auch in weite Entfernung richten, etwa nach Russland oder Indien, woher einst berühmte Gäste kamen: der Dichterarzt Anton Tschechow zum Beispiel oder die Angehörigen einer mit ehrwürdigen Namen ausgestatteten indischen Politikerfamilie (die klangvollen Namen waren Nehru und Gandhi, und am allerklangvollsten davon der Vorname Jawaharlal. Der Schönheit dieses Namens im realen Politikmachen zu genügen, wäre aber auch unendlich zuviel verlangt gewesen). Von musikalischem Russlandverstehen oder Indiensuchen diesmal aber nichts; Klaus Lauer, der spiritus rector der um den Maifeiertag herum gruppierten „Badenweiler Musiktage“, richtete seine Aufmerksamkeit auf Frankreich und ersann unter dem Motto „…à la francaise…“ vier Konzertprogramme mit dem Komponisten Bruno Mantovani im Mittelpunkt und einem Panoramaschwenk auf französische Musik der drei letzten Jahrhunderte, die Rainer Peters in den opulentesten, materialreichsten und unterhaltsamsten aller Werkeinführungen, die von Veranstaltern landauf, landab geboten werden, mit Gusto kommentierte (auch damit nimmt Badenweiler einen Sonderstatus ein).

Bruno Mantovani, trotz seines italienisch klingenden Namens ein Franzose und trotz seines erst gerade erreichten mittleren Alters bereits „Directeur du Conservatoire de Paris“ (mehrfach wurde während der Konzerttage erwähnt, wie diese Institution seit ehedem in ihrem Habitus von Verknöchertheit zu ehrlicher Zeitgenossenschaft mutierte), gehört zu einer Generation, die – wie er selbst es wohl sieht – ohne zwangshafte Verpflichtung auf einen scheinbar unhintergehbaren Materialstand frei schalten und walten und mit Tradition (oder ohne sie) umgehen kann. Das macht die Sache vielleicht nicht leichter, da, halbwegs metaphorisch ausgedrückt, außer dem leeren Blatt nichts da ist, woran man sich halten kann – vor allem keine prästabilisierte „Technik“, kein vorgeprägter „Stil“. Und also auch nicht die so bequeme Situation, in die sich mancher Künstler auch heute noch versetzt wähnen könnte, dem sein Überich morgens einflüstert: „Nun schlaf‘ dich aus und marter‘ dir nicht den Kopf, dein Stil tut’s schon ganz alleine für dich.“ Die Konzertfreunde konnten sich in Badenweiler davon überzeugen, dass jedes Stück von Mantovani anders klingt. Immer wieder beginnt dieser hellwache Musikerfinder gleichsam am Nullpunkt. Und seine Devise könnte lauten: Nur keine Bagatellen! Keine Musik für den Klingelbeutel. Auch bei mäßiger zeitlicher Ausdehnung immer wieder Erkundungen im Äußersten. Musik im gefährlichen Gelände.

Da wird dann auch die spieltechnische Messlatte ganz hoch gehängt. Die Komposition „Le livre de Jeb“ (2009) verlangt dem Pianisten ein aberwitzig virtuoses Vermögen ab – als könnten die Grenzen des mit zwei Händen Erreichbaren nochmals hinausgeschoben, hinweggestemmt, fortgerissen werden. Gerade die richtige Kost für den in Exaltationen exzellierenden Klavierspieler Jean-Efflam Bavouzet, der auch Debussys „L’isle Joyeuse“ zu einem Akrobatenstück hinaufzusteigern verstand. Bei seinem Streichquartett Nr.2 von 2014 hat Mantovani gewissermaßen einen ganz anderen poetologischen Ansatz. Hier geht es nicht um demonstrative Selbstüberbietungen, eher um ein Kollektiv-Projekt, das zur Verwirklichung paralleler Anstrengung bedarf, weshalb auch nur wenig vom traditionellen Dialogisieren der vier verschiedenen „Stimmen“ durchkommt, vielmehr die Wucht eines geballten, konsistenten Streicherklangs herrscht. Im „Quintette pour Bertolt Brecht“ (2007) für Harfe und Streichquartett wird die ursprüngliche Idee einer Schauspielmusik verlassen zugunsten einer immer mehr sich verdichtenden, sich überdies von jeder literarischen Assoziation weit entfernenden Diktion, die das dramatische Element ganz unmittelbar und kaum „dialektisch“ einsetzt. Wiederum anders zeigt sich Mantovanis Handschrift in dem von amerikanischer hyperrealistischer Malerei inspirierten „Blue girl with red wagon“ von 2005, wo sehr subtil Chicago-Jazz aus dem 1920er Jahren angetönt wird. Als manuell versierter, dabei relaxt seiner Phantasie Auslauf lassender Improvisator zeigte sich Mantovani in einem Konzert, wo er Melodiefragmente der unmittelbar vorausgegangenen 2.Violinsonate von Gabriel Fauré verarbeitete und anspitzte (wobei er auch die Marseillaise und das Deutschlandlied in finaler Wirkung pointierte). Bruno Mantovanis Anwesenheit als composer in residence erbrachte vertiefte Einsichten über ein Oeuvre, dem sich Klaus Lauer bereits in seiner Veranstalter-Interimszeit in Bad Reichenhall nachdrücklich gewidmet hatte.

Neben dem in Deutschland manchmal noch unterschätzten Fauré (der mit seinen beiden Violinsonaten und dem 1. Klavierquartett figurierte) und den beiden französischen Pfeilern der frühen Moderne, Debussy und Ravel, stand César Franck auf dem Programm mit seinem immensen und gedankenreichen (einzigen) Streichquartett von 1889, dessen Wiedergabe eine vierfache Herkulesarbeit ist, der sich kaum ein tourneegeplagtes Ensemble unterzieht. Für die an mehreren Badenweiler-Abenden beteiligten Herren des Quatuor Danel war dies nur eines von vielen probenintensiven Konzert-Präsenten. Ein weiteres Stück, das anderswo kaum jemals auftaucht, war George Antheils atemberaubend bruitistische und rhythmisch verquere 2. Violinsonate von 1923, mit größter Gelassenheit gespielt von Isabelle Faust und Alexander Melnikow. (Der amerikanische „bad boy of music“ mochte als Boulanger-Schüler und „American in Paris“ durchgehen). Hervorragende interpretatorische Akzente setzten des weiteren die Harfenistin Sarah O’Brien (mit Debussy und Ravel betreute sie Werke, in denen, um mit Boulez zu sprechen, die Harfe nicht mehr bloß so klang, als würde sie gerade abgestaubt) und Mitglieder des Ensemble Modern.

Der zunehmende Erfolg der Kammermusik-Festtage im schönen Badenweiler Kurhaussaal veranlasste den künstlerischen Leiter dazu, ein zweites jährliches Vier-Tage-Programm zu konzipieren – zum erstenmal im kommenden November unter dem Titel „Herbstlied“ und u.a. mit Schuberts „Winterreise“. Anlässlich des gerade vonstatten gegangenen Maizyklus gedachte Klaus Lauer in einem seiner Grußworte des am 25. Februar 2015 überraschend verstorbenen FAZ-Musikkritikers Gerhard Rohde, der mit französischer Musik und mit der Arbeit Lauers besonders verbunden war. Lauer ließ die „zwei Gesichter“ Rohdes nicht unerwähnt – den persönlich eher vergrummelten „Hagestolz“, der in seinen veröffentlichten Arbeiten dann immer voller Einlässlichkeit, ja Enthusiasmus war. Ein unbeirrbarer Kämpfer gegen Kulturabbau im allgemeinen, administrierten Orchestermord (Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg) im besonderen. Nein, ein lauterer und innovativer Veranstalter wie Klaus Lauer kann Musikjournalisten nicht als „Feinde“ betrachten. Und diese können ihm den Respekt nicht versagen.

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erstellt am 12.5.2015

Bruno Mantovani © Pascal Bastien
Bruno Mantovani © Pascal Bastien