Wie blickt ein Künstler selbst auf sein Werk? Eine Antwort auf diese Frage erhalten wir selten, denn in der Regel wird eine Auswahl durch Ausstellungsmacher oder Museumskustoden vorgenommen. Bei Paul Klee haben wir den Glückfall vor uns, dass er selbst eine Auslese traf. Er markierte eigene Werke als unverkäuflich, bis er sie 1933 wieder freigab, allerdings zu höheren Preisen. Ein Forschungsprojekt der Universität Zürich um den Klee-Spezialisten Wolfgang Kersten hat die Sonderklasse-Arbeiten umfassend dokumentiert und in den Werkkontext gestellt. Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Zentrum Paul Klee, Bern, und dem Museum der bildenden Künste Leipzig. Es werden 130 Arbeiten und Dokumente gezeigt. Das Buch wird über das Ausstellungsende hinaus von nachhaltiger Bedeutung sein, als es auch einen ausführlich kommentierten Katalog der Werke umfasst und somit in den Bücherschrank aller Klee-Interessenten gehört.
Faust-Kultur bringt das zusammenfassende Resümee aus dem Haupttext des Katalogs von Wolfgang Kersten, Osamu Okuda und Marie Kakinuma. (bick)

Auszug

Der moderne Künstler als Selbstverwalter und Kurator

Paul Klees »Sonderklasse«

»Sonderklasse« – mit dem Begriff verbinden wir heute etwa die »S-Klasse«, die Mercedes-Benz 1972 unter dieser Bezeichnung für Luxuskarossen einführte. Und tatsächlich führte auch Klee unter solch einem Index besondere Blätter innerhalb seines Werks. Sie stammen aus den Jahren 1901 bis 1933. Insgesamt mindestens 297 Arbeiten, allesamt auf Karton aufgezogen, galt seine spezielle Wertschätzung. Es waren zweifellos Ausnahmewerke. Aber was bedeutete das genau – und was bedeutet das für uns? Diese Frage hat uns Paul Klee ebenso wie seine spezielle Werkgruppe hinterlassen. Mit der vorliegenden Publikation konnte nun die komplexe Bedeutung der Bewertungs- und Ordnungskategorie anhand von erstmals unter diesem Aspekt zusammengetragenen und ausgewerteten Materialien aufgearbeitet werden. Nicht nur, dass das rund 9.600 Arbeiten zählende Gesamtwerk von Klee aufgrund dieser von ihm gesetzten Kategorie systematisch durchforstet wurde und die »Sonderklasse«-Bilder so erstmalig eine Identifikation erfahren haben. Auch lässt sich erst jetzt verstehen, dass die Bestimmung solcher Werke nicht allein auf dem weiten Feld rein künstlerischer Parameter erfolgte. Mit der ihm eigenen künstlerischen Weitsicht erkannte Klee, dass ein besonderes, der Nachwelt zu übereignendes Kunstwerk das Ergebnis komplexer historischer Bewertungsprozesse sein würde. Öffentliche Meinung, privater Geschmack, kunstkritisches Urteil, Faktoren des Kunstmarkts, der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Geschichte sowie kunstschriftstellerische Würdigungen und kunsthistorische Analysen greifen dabei ineinander – das hatte er verstanden.

In unserer Zeit, die es durchaus gewohnt ist, dass Künstler den Kuratoren gelegentlich die konzeptionelle Federführung entreißen, ist es eine sensationelle Entdeckung, mit welcher Akkuratesse bereits ein Künstler der Klassischen Moderne sein Werk selbst ordnete, für den Kunstmarkt und für die Ausstellungskultur präparierte, um Kontrolle zu behalten über das, was die Kunstgeschichte schon längst zu annektieren gewohnt war. Und tatsächlich ist Klee eigentlich die postume Leitfigur dieser Publikation.

Etwas als Besonderes für den Markt auszuflaggen, qualitätvolle Dinge über den Gebrauchs-, Tausch- und Warenwert hinausgehend in den Status eines Fetisch zu transfigurieren, das funktioniert für luxuriöse Autos ebenso wie für großartige Kunstwerke, und daran haben wir uns als Konsumenten gewöhnt. Doch Klee hat mit der analysierenden Distanz des Künstlers eine weitaus raffiniertere Spielart dieses Systems des Anpreisens und des Weckens von Begehrlichkeiten erdacht und praktiziert. Mit als unverkäuflich ausgestellten Werken lenkte er den Blick auf sein Gesamtwerk. Er machte gerade durch das, was nicht zu haben war, umso neugieriger auf das, was er zu verkaufen gedachte. So hat Klee nicht nur eine Selektion von Werken zusammenwachsen lassen, die für ihn eine Quelle der Kreativität darstellen sollten – das wäre die unmittelbare Annahme, die den unerschütterlichen Glauben an die Schöpferkraft des Künstlersubjekts voraussetzt. Darüber hinaus – das wird erst jetzt erkennbar – hat Klee mit seiner »Sonderklasse« gezielt, vielleicht seinen Einfluss als Künstler sogar überschätzend, das System der Künste und des Kunstmarkts zu dirigieren versucht. Dieser unerhörte Optimismus, dieses künstlerische Selbstbewusstsein – es musste 1933 unter den historischen Vorzeichen einer politischen und persönlichen Katastrophe und Zäsur neu erfunden werden. Eine »Sonderklasse« zu bespielen war jetzt nicht mehr Klees Bestreben. Fortan sollte er sich verstärkt dem politischen Zeitgeschehen und seiner eigenen, ungebrochenen Produktivität widmen. So unermüdlich, stark und entschlossen wie zuvor, aber vielleicht nicht mehr so strategisch, spielerisch und auslotend, analysierend und faszinierend, wie es die »Sonderklasse« zugelassen hatte.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 08.5.2015

Paul Klee

Paul Klee. Der Niesen, 1915
Aquarell und Bleistift auf Papier
Kunstmuseum Bern

Paul Klee

Paul Klee: Vor den Toren v. Kairuan, 1914
Aquarell auf Papier
Zentrum Paul Klee, Bern

Ausstellung bis 25. Mai 2015

Museum der bildenden Künste Leipzig

Paul Klee, Sonderklasse unverkäuflich

Zum Museum

Paul Klee
Sonderklasse. Unverkäuflich
Marie Kakinuma, Wolfgang Kersten, Osamu Okuda
Hg. Zentrum Paul Klee, Bern, Museum der bildenden Künste Leipzig
Mit Texten von Stefan Frey
608 Seiten, 784 farbige Abb., 104 s/w Abb.
25 × 34,5 cm
Gebunden mit Schutzumschlag

Katalog bestellen