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Buchstaben können Tönen, Singen, Hauchen und Klingen. So hat es zumindest die Jury erlebt, die in diesem Jahr im Namen der Kriegsblinden den Ehrenpreis für das beste Hörspiel 2015 vergeben hat. Den ersten Preis erhielt der Versuch, eine vor 500 Jahren von Valentinus Ickelsamer verfasste erste „Teütsche Grammatica“ als Musikhörspiel zu bearbeiten. Worte werden darin zur Musik und umgekehrt. Petra Kammann stellt die Preisträger und zwei nominierte Hörspiele des diesjährigen Wettbewerbs vor.

Hörspielpreis der Kriegsblinden

Geschichte(n), Zukunftsmusik und eine

Klangexpedition ins Reich der Buchstaben

Ein Bericht von Petra Kammann

Das Hörspiel lebt. Ausgesprochen vielfältig in Thema und Umsetzung waren die 22 Produktionen aus dem vergangenen Jahr, die von deutschen, österreichischen und schweizer Sendeanstalten plus einer Jurynominierung für den „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ eingereicht wurden. Nachdem das Hörspiel als Genre in der Hochzeit der Hörbücher schon fast für tot erklärt wurde, erfreut es sich nun selbst bei arrivierten Autoren und Regisseuren äußerster Beliebtheit. Sonst wären unter den Urhebern nicht so klingende Namen gewesen wie Elfriede Jelinek mit ihrem irrlichternden Flüchtlingsdrama „Die Schutzbefohlenen“ (BR), das sich an die Aischylos-Tragödie „Die Schutzflehenden“ anlehnt; Daniel Kehlmann reichte sein erstes Hörspiel „Der Mentor“ (MDR) ebenso ein wie auch Ingo Schulze „Das Deutschlandgerät“ (MDR), das sich u.a. mit der Reinstallation von Reinhard Muchas „Deutschlandgerät“ im Düsseldorfer K21 auseinandersetzt, während sich der deutsch-türkische Autor Feridun Zaimoglu im Rahmen des breitangelegten hr-Bibelprojekts mit „Paulus“ und dessen verzweifeltem Versuch, die Einheit des Christentums zu erhalten, als Hörstück beschäftigte. Der renommierte US-amerikanische Regisseur, Theaterautor, Maler, Lichtdesigner, Bühnenbildner, Videokünstler und Architekt Bob Wilson wiederum lässt in „Monsters of Grace II“ Diven wie Lady Gaga, Isabelle Huppert, Gertrude Stein oder Isabella Rossellini zu Wort kommen: ein Sprach-Babylon nach Wilson’scher Manier.
Doch ist das Renommee eines Autors noch lange nicht der Garant für ein exzellentes mediengerechtes Hörspiel, welches die „Möglichkeiten der Kunstform“ auch wirklich ausschöpft. So manches Stück ist eher für die Bühne geeignet, andere wiederum wären besser in einem Essay umgesetzt.

Nominiert

Klaus Barbie – Begegnung mit dem Bösen

Peter F. Müller, Felix von Manteuffel (Mitte), Leonhard Koppelmann
Peter F. Müller, Felix von Manteuffel (Mitte), Leonhard Koppelmann
Ex-Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie
Ex-Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie (1987)

Was die ästhetischen und medialen Möglichkeiten des Hörspiels angeht, so waren jedoch alle drei für den „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ nominierten Stücke herausragend. Wie der Regisseur Leonhard Koppelmann in dem Dokudrama Klaus Barbie – Begegnung mit dem Bösen Zur Hörprobe (2. Preis) die Geschichte des „Schlächters von Lyon“ (hervorragend von Felix von Manteuffel gesprochen) erzählt und mit O-Tönen aufbereitet, lässt einem ob der Perfidität von Klaus Barbies Argumentation schier den Atem stocken. Dabei gingen die Ergebnisse einer zweijährigen Recherche zur Geschichte des Nazi-Schergen der Journalisten Peter F. Müller und Michael Müller ein. Anhand von bisher unveröffentlichten Interviews und Selbstzeugnissen Barbies zeichnen die Autoren die Beweggründe dieses „überzeugten“ Massenmörders nach, der sein Handwerk nach Kriegsende in Südamerika als Berater diktatorischer Regime fortsetzte. Barbie empfindet sich in Bolivien als Retter des Landes. Facettenreich und mittels einer raffinierten Zeitstruktur wird seine Biografie an manchen Stellen aus der Ich-Perspektive dargestellt.
Eindrucksvoll macht Koppelmann anhand von eingeblendeten Interviews und bislang unveröffentlichten Selbstzeugnissen des reuelosen Massenmörders die „Banalität des Bösen“ hörbar. Dem SS-Schergen war es 1951 gelungen, über die sogenannte „Rattenlinie“ und mit Hilfe der westlichen Geheimdienste nach Bolivien zu entkommen, wo er als Klaus Altmann eine erstaunliche politische „Zweitkarriere“ begann. Barbies Stimme im O-Ton klingt nicht etwa grausam, sondern geradezu harmlos jovial, wenn Barbie sagt: „Die Leute verlangen von mir, dass ich sie schule, dass ich sie unterrichte“. „Ich habe hier für Bolivien sehr viel getan“ … „Das ärgert ja die Juden, dass ich hier bin, dass ein SS-Mann es wagt, über die Straße zu gehen“.

Erst 1983 gelingt es dem bolivianischen Journalisten und Politiker Gustavo Sánchez (Carlos Lobo), die Auslieferung des Massenmörders nach Frankreich zu bewirken. Der Mainzer Historiker Peter Hammerschmidt hat sich wissenschaftlich mit der Frage beschäftigt, welche Rolle Geheimdienste spielten, die Barbie protegierten, und hat zusätzliche Verstrickungen aufgedeckt. Denn der junge Mainzer Historiker hatte Einblick in bislang verschlossene Akten der Geheimdienste bekommen. Dabei war es ihm gelungen, die eigenhändigen Memoiren des Kriegsverbrechers Klaus Barbie aufzuspüren. Das historische Tableau gewinnt nicht zuletzt eine atmosphärische Tiefe durch die eingespielte Musik, die zusätzlich dafür sorgt, dass trotz der Länge des Stückes von fast drei Stunden die Spannung nicht abnimmt. Hier wird die Geschichte sinnlich greifbar und rüttelt den Zuhörer auf.

Nominiert

Lebensabend in Übersee

Hermann Bohlen (Regie)
Hermann Bohlen (Regie)

Ganz anders gelagert ist das Thema des Hörspiels „Lebensabend in Übersee“ der Hörspielmacher Hermann Bohlen und Judith Lorentz, das ein Zukunftsszenario entwirft, in dem Altern und Sterben nicht mehr Teil unserer Gesellschaft sind (3. Preis). Zur Hörprobe
Unsere Rentner werden ganz weit weg ausgelagert, zum Beispiel nach China. Schon der Untertitel Sha Ji Jing Hou (Ein Huhn schlachten, um die Affen einzuschüchtern) deutet an, wie unsentimental und skurril die Zukunftsvisionen über Alter und Altersarmut sind, wenngleich die Einfälle der Hörspielmacher durchaus an der Realität orientiert sind mit allen Mitteln spielen, die die elektronische Gegenwart bereithält.
Das Alter kann man nur noch anderswo, im Ausland, erleben, ob in Polen oder in China. Poldi (Ulrich Pleitgen) und Gretchen (Christine Schorn), deren Stimmen ganz nah und natürlich wirken, haben nicht die laut „Gesetzesnovelle zur Vermeidung von Altersarmut“ nötigen 487.800 Euro angespart, um ihren Lebensabend in Deutschland verbringen zu dürfen. Auch ihre monatliche Rente neben dem Gesparten reicht dafür nicht. Immerhin hat Poldi es geschafft, eine zertifizierte Altersheim-Anlage in Polen zu buchen, wohin er auch seinen geliebten Bienenstock mitnehmen kann, während sich Gretchen nur eine Seniorenresidenz in der hinterletzten Provinz der Volksrepublik China leisten konnte. Die jeweiligen Landessprachen, Polnisch bzw. Chinesisch, sprechen die beiden nicht, sodass ihre Kommunikation für Alltägliches – akustische Eindrücke geben bisweilen Rätsel auf – nicht immer gesichert ist.

Die Produktion beginnt mit dem chinesischen Lied „Ein bisschen Ordnung machen hier“. Gretchen beschwert sich telefonisch, weil der Service nicht funktioniert. Unsinnsdialoge folgen. So fragt eine Telefonstimme mit chinesischem Akzent: „Was kann ich für Sie tun?“ „Mein Bett war wieder nicht gemacht“. „In Ordnung“. „Nein, nicht in Ordnung“. Gretchen holt sich bei Poldi in Polen Trost per Skype, worüber sie zwar noch mit ihm in Kontakt ist, jedoch manchmal auch nicht. Hier, so begründete die Jury, wird „ein aktuelles Thema satirisch zugespitzt mit traurig-komischen Szenen wie dem völlig unverständlichen Chinesisch-Unterricht, dem Versuch, mit Robotern sinnvoll zu kommunizieren, dem Kampf gegen die Einsamkeit mit allem, was IT zu bieten hat.“ Ihre Dialoge werden konterkariert mit Äußerungen junger Menschen „Ich find’s geil, dass die Rentner von der Straße sind“ ? oder abschätzigen Bemerkungen ehemaliger Altenpfleger aus Polen. Diese bitterböse Hörspiel-Satire nutzt die akustischen Mittel zeitgenössischer Medien und führt die mit ihnen verbundenen Möglichkeiten teilweise ad absurdum.

Hörspielpreis der Kriegsblinden

Ickelsamers Alphabet

Collage zu „Ickelsamers Alphabet“
Collage zu „Ickelsamers Alphabet“
Katharina Bihler und Stefan Scheib, Foto: P. Metzinger
Katharina Bihler und Stefan Scheib, Foto: P. Metzinger

Eine wahre Klangexpedition ins Reich der Töne ist „Ickelsamers Alphabet” (SR) Zur Hörprobe vom Liquid Penguin Ensemble, welches in diesem Jahr zu Recht mit dem „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ ausgezeichnet wird. Bereits seit 1997 entwickeln die Performerin, Autorin und Regisseurin Katharina Bihler und der Komponist und Bassist Stefan Scheib unter dem Namen Liquid Penguin Ensemble in Saarbrücken Projekte als Zusammenspiel aus Neuer Musik, Hörspiel, Theater und Neuen Medien.
Experimentierfreudig und reflektiert, wie die beiden sind, haben sie den Preis verdient, waren sie doch auch schon in der Vergangenheit in die engere Wahl gekommen, etwa mit ihrem poetischen Hörspiel „Bout du monde“, der Hörspielreise ans „Ende der Welt“, ans normannische Cap la Hague, wo der französische Weltumsegler Louis-Antoine de Bougainville, der so lange von seinem zierlichen Holzstuhl aus aufs Meer hinaus schaute, bis er bei seinen Horizontbetrachtungen auf neue Gedanken kam. Zum Jubiläumsjahr der Elysée-Verträge wurde das „Liquid Penguin“-Hörspiel „Radio Elysée“, die „Geschichte und Zukunft zweier Raumfahrernationen“, Deutschland und Frankreich, sehr positiv von der Jury bewertet.

In „Ickelsamers Alphabet“ beschäftigt sich das Saarbrücker Künstlerduo mit dem Klang der deutschen und der französischen Sprache, mit dem Bilden von Lauten und Wörtern, wie sie der Grammatiker Valentinus Ickelsamer vor fast 500 Jahren in seiner ersten „Teütschen Grammatica” festschrieb. Darin lehrt er in die subtile Kunst, „die Buochstaben recht nennen (…) und wie man's mit den natürlichen Organis und Gerüst im Mund machet”, eine Schule also für Sprecher und solche, die lesen lernen. Diese Anleitungen machen sogar den größten Teil des Textes aus.
Welchen Spaß die Hörspielmacher am Spiel mit Lauten und Wörtern haben, das überträgt sich unmittelbar auf den Zuhörer. Was die Schüler dabei lernen, sind allerdings nicht die Laute, sondern die Bezeichnungen der Buchstaben. Denn in „Ickelsamers Alphabet“ treten die Buchstaben als launische Charaktere auf. Würde man sie einfach nur durcheinanderwürfeln, würde man gar nichts verstehen. Nimmt man sich hingegen in einem Text lautlich Buchstabe um Buchstabe vor, so wäre auch dies bar jeden Sinnes. Erst Grammatik, Wortschatz und das klingende Alphabet ergeben ein Ganzes und werden zur verständlichen Sprache. Davon erzählt das Hörspiel auf ganz sinnliche Weise. Das rollende R, das der Sonnenkönig im Lande verbat, das gehauchte H der Franzosen oder die Rachenlaute der Deutschen, sie alle klingen im Gaumen noch lange nach.

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erstellt am 07.5.2015

Seit 1952 wird alljährlich der renommierte Hörspielpreis der Kriegsblinden an ein für einen deutschsprachigen Sender konzipiertes Original-Hörspiel verliehen, „das in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform ausschöpft und erweitert“. Die nicht dotierte Auszeichnung wird vom Bund der Kriegsblinden gemeinsam mit der Film- und Medienstiftung NRW vergeben. Die mit blinden und sehenden Kritikern paritätisch besetzte Jury nominierte drei herausragende Hörspiele für den Preis: Leonhard Koppelmanns „Klaus Barbie – Begegnung mit dem Bösen“ (WDR), Judith Lorentz und Hermann Bohlens „Lebensabend in Übersee“ (DLR) und „Ickelsamers Alphabeth“ (SR/D-Kultur) von Liquid Penguin, welches ausgezeichnet wurde. Die von Ute Saldierer moderierte Preisverleihung findet am 12. Mai 2015 im Deutschlandfunk in Köln statt.