Ensemble © Stuttgarter Ballett
Ensemble © Stuttgarter Ballett

Öffentliche Kultur zeigt sich nicht in dem, was man braucht, sondern in dem, was man will. Wenn also Städte ein Tanztheater anbieten, dann nicht deshalb, weil sie es sich »leisten« können, sondern weil sie es wollen. Thomas Rothschild ist aus aktuellem Anlass glücklich, dass John Cranko Stuttgart ein Vermächtnis hinterließ.

Ballett

Cranko und Gauthier

Von Thomas Rothschild

John Cranko
John Cranko

In Berlin tobt zurzeit ein Theaterstreit, in dessen Zentrum die Frage steht, ob Häuser mit einer prägenden Tradition an dieser festhalten oder, auch um den Preis eines radikalen Bruchs, auf Erneuerung setzen sollen. Für das Stuttgarter Ballett existiert diese Alternative nicht. Es bekennt sich zu John Cranko, der vor 42 Jahren auf dem Rückflug von einem Gastspiel in den USA ums Leben gekommen ist und dem die Truppe ihren internationalen Ruhm verdankt.

Der Verankerung in der Gegenwart hat diese Treue zu Cranko nicht im Wege gestanden. Crankos eigene Choreographien „funktionieren“ nach wie vor, und seine Schüler gehören heute zu den führenden Repräsentanten des Balletts. Es überrascht also nicht, wenn der jüngste Abend den Titel von einem tatsächlich widerwärtig konservativen Unternehmen, dem Wiener Opernball, ironisiert. Statt „Alles Walzer“ heißt es hier: „ALLES Cranko!“ Und das ist wörtlich zu nehmen, denn getanzt werden vier Klassiker des Meisters, jenseits seiner abendfüllenden Handlungsballette.

Am Anfang und am Ende des Abends stehen Crankos Choreographien zu Mozarts Konzert für Flöte und Harfe und zum 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms. Beiden Balletten liegt die gleiche Idee zu Grunde, die die musikalische Form des Konzerts bestimmt: der Dialog zwischen kleiner und großer Besetzung. Aber Cranko illustriert nicht einfach die Musik. Eine direkte Zuordnung von Tänzern zu Instrumenten findet nicht statt. Beim Konzert für Flöte und Harfe stehen, in biedermeierlichem Weiß, einem rein männlichen Corps de ballet zwei Paare gegenüber, beim Brahms verschiedene Erste Solisten dem gemischten Corps de ballet. Cranko hat diesem Stück den Titel „Initialen R.B.M.E.“ gegeben. Wie Thomas Bernhards „Ritter, Dene, Voss“, beziehen sie sich auf reale Personen: die zur Zeit der Uraufführung 1972 überaus populären Tänzer Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen, in deren Rollen nun exzellente Nachfolger mit falschen Initialen schlüpfen.

Zwischen der Entstehung der beiden Ballette liegen sechs Jahre. Sie zeigen den Cranko, der dem klassischen Ballett durchaus verbunden ist, aber es durch groteske Einschübe, durch minimale Abweichungen vom Schema relativiert. Er hat keine Scheu vor Eleganz, vor Anmut, vor Virtuosität, vor der Leichtigkeit von Sprüngen und dem Eros melancholischer Annäherungen. Gleichzeitig aber mit dem Mozart-Ballett entstanden die anderen zwei Stücke des Abends, zu drei Sätzen von Griegs Suite „Aus Holbergs Zeit“ und zu Anton von Weberns Passacaglia für Orchester, op. 1. Es sind zwei kürzere Pas de deux, wobei interessanterweise das früheste der vier Ballette, „Opus 1“ zugleich das „modernste“ ist. Eine Entwicklung weg vom klassischen Muster findet nicht statt. Schon Cranko also hat offenbar in der Pflege der Tradition und im Experiment mit neuen Formen keinen Widerspruch gesehen – wie übrigens Grieg in seiner Holberg-Komposition oder auch Strawinski in seiner „Pulcinella“ auf das frühe 18. Jahrhundert rekurrieren, ohne deshalb hinter den Stand ihrer Zeit zurückzufallen.

Am selben Abend wie die Premiere von „ALLES Cranko!“ fand im Stuttgarter Theaterhaus die Premiere des aus acht Stücken bestehenden Abends „Infinity“ von Gauthier Dance statt. Unter den Gästen wurde Birgit Keil gesichtet – während drüben im Staatstheater Anna Osadcenko in „ihrer“ Rolle bezaubern durfte. Zwei ausverkaufte Häuser – insgesamt also 2400 Besucher – an einem Abend: Stuttgart darf sich mit Stolz eine Tanztheaterstadt nennen. Vielleicht kommt eine Zeit, wo man auf Reisen bei Erwähnung des Städtenamens danach und nicht nach Mercedes gefragt wird.

Der Kanadier Eric Gauthier war 1996 von seinem Landsmann Reid Anderson zum Stuttgarter Ballett geholt worden und hat seine Fähigkeiten dort nicht zuletzt in Cranko-Rollen bewährt. Wohin der Weg seit seiner Gründung einer eigenen Compagnie im Jahr 2007 geführt hat, lässt sich nun bei einem Vergleich der beiden Premieren sehr deutlich wahrnehmen. Der auffälligste Unterschied ist der Verzicht auf Spitzenschuhe. Meist wird barfuß getanzt, einmal sogar mit hohen Absätzen, nämlich in Hans van Manens „Black Cake“ von 1989, das auch bei Gauthier Dance eine Brücke schlägt zum klassischen Ballett und sogar zum Gesellschaftstanz und dafür ironischerweise nicht eine der zahlreichen Ballettkompositionen Tschaikowskis, sondern eine seiner Symphonien wählt. Witz ist auch bei Cranko schon eine Zutat, bei Gauthier aber – oder vielmehr: bei den Choreographien, die der sympathische Impresario einlädt – ist er häufig das konstitutive Stilmittel. Gauthier selbst begrüßt sein Publikum gerne in charmantem Denglisch und kokettiert mit direkter Kommunikation, die zwar auch Reid Anderson liebt, die er aber im Opernhaus nicht so ungeniert ausleben kann. Auch andere Unterschiede verdanken sich dem Ambiente und einem Teil des Publikums, das auf dieses Ambiente fixiert ist. Dass sich Gauthier kein Orchester leisten kann und auf Musik aus der Konserve angewiesen ist, ergibt sich notwendig aus der Finanzierungslage. Dass man aber schon beim Betreten des Theaterhaussaals und in der Pause, kaum hat sich der Vorhang geschlossen, aus den Lautsprechern beschallt wird, ist das Resultat missverstandener Jugendkultur. Stille scheint hier ein ähnliches Vergehen zu sein wie der Verzehr eines Steaks bei einem Veganer-Kongress.

Aus den insgesamt überzeugenden acht Stücken von „Infinity“, von denen vier im Theaterhaus uraufgeführt wurden, seien drei hervorgehoben: das mitreißend vitale „Infinite Sixes“ von Janice Garrett & Charles Moulton, in dem das komplette inzwischen auf 15 Mitglieder angewachsene Solisten-Ensemble – ein Corps de ballet gibt es bei Gauthier nicht – mitwirkte; „Floating Flowers“ von Po-Cheng Tsai, in dem die kleine Garazi Perez Oloriz zunächst ihren Partner Maurus Gauthier unter ihrem Rock verhüllt, dann, auf seinen Schultern sitzend, seine langen Beine zu den ihren macht, um ihn schließlich als zweiten Tänzer freizugeben – ein bisschen Ballett, ein bisschen Zirkus, ein bisschen „Entr'acte“ von René Clair; und „Pacopepepluto“ von Alejandro Cerrudo zu Songs von Dean Martin, uraufgeführt in Chicago von der wunderbaren Hubbard Street Dance – eine sonderbare Symbiose aus Crooner und Nacktkörperkultur oder, unfreundlich formuliert, von US-Schnulze und Leni Riefenstahl.

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erstellt am 02.5.2015

Tänzer: Alicia Amatriain, Jason Reilly © Stuttgarter Ballett
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Tänzer: Jason Reilly, Ensemble © Stuttgarter Ballett
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Tänzer: Friedemann Vogel, Ensemble © Stuttgarter Ballett
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Tänzer: Anna Osadcenko, Alexander Jones © Stuttgarter Ballett
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Tänzer: Ensemble © Stuttgarter Ballett
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Tänzer: Infinite Sixes © Theaterhaus Stuttgart
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Tänzerin: Garazi Perez Oloriz, Foto: Regina Brocke © Theaterhaus Stuttgart
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