Architektur

Verlust für das Ganze –

Das Werk des Architekten Paul Bonatz

Von Isa Bickmann

Nein, so betont das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt, die Retrospektive Paul Bonatz 1877-1956 sei kein Statement zu dem umstrittenen Bahnprojekt „Stuttgart 21“. Die Ausstellung sei seit 2006/2007 in der Planung, die erste Idee stamme aus dem Jahr 2003. Bewusst habe man die Diskussion um den Teilabriss des 1914 begonnenen und 1928 vollendeten Stuttgarter Bahnhofs in der Präsentation ausgeklammert. Doch kann sich ein Museum, dessen Aufgaben es nach den eigenen Statuten vorsehen, sich den Diskussionen zu stellen, zu sammeln, zu bewahren und zu vermitteln, verweigern, Position zu beziehen und sich allein einer historischen Aufarbeitung widmen? Ja, so sollte es sein, indessen ist abseits der proklamierten Neutralität eine Parteinahme zu spüren:

Katalogumschlag und Plakat zeigen das Stuttgarter Gebäude in einer düsteren Aufnahme von 1928, im Nebel versunken, man könnte fast meinen, wie dem Untergang geweiht. Und wenn man in der Ausstellung vor dem Modell der Studenten Yagmur Kocak Happold, Michaela Mey, Luis Eduardo Traesel und Ewa Tulaczko des Instituts für öffentliche Bauten der Universität Stuttgart steht und das Gesamtgebäude en miniature betrachtet, dann wird einem bewusst, wie der Verlust der Seitenflügel das Gesamtbild beschädigt. Dass auch die Statik des Turmes leiden könnte beim Abriss des noch verbliebenen Südflügels, deutete der Kurator der Ausstellung, Wolfgang Voigt, beim Presserundgang an.

Unwahrscheinlich ist indessen, ob eine früher angesetzte Ausstellung, z. B. zum 50. Todestag des Architekten 2006, das Bahnprojekt in Stuttgart aufgehalten hätte. Weder die Denkmalpflege, die in Baden-Württemberg dem Wirtschaftsministerium (!) untersteht und darüber hinaus 2005 mit einer Umstrukturierung geschwächt worden ist, noch Protestnoten wie z. B. die des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker vom März 2010 mehr haben dem Schutz des Bonatz-Baus dienlich sein können. Der Erhalt des Gebäudes wurde auch in der beginnenden Diskussion von den Stuttgart-21-Gegnern nie an allererster Stelle genannt. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass das Gesamtwerk des Architekten Bonatz weitgehend unbekannt geblieben ist.

Die Frankfurter Ausstellung zeigt Paul Bonatz als innovativen, gleichzeitig gegenüber den avantgardistischen Strömungen zurückhaltenden, auch kritischen Architekten, der mehr hinterließ als das markante Bahnhofsgebäude in Stuttgart, das in Pathos und Sublimierung die Idee des 19. Jahrhunderts von der „Verkehrskathedrale“ steigerte und noch heute dem Bahnreisenden das Gefühl gibt, an einem besonderen Ort zu sein. Dieser „Tempel eines unbekannten Kultes“ (Ilja Ehrenburg, 1929) ist deutlich inspiriert von sakralen Bauformen des Islam, wie Marc Hirschfeld in dem die Ausstellung begleitenden, mit einer Fülle von lesenwerten Texten, Bildmaterial und einem Werkverzeichnis aufwartenden Katalog deutlich macht. Auf einer Ägyptenreise 1913 hatte es Bonatz besonders die Sultan-Hassan-Moschee in Kairo angetan, mehrere Zeichnungen aus seiner Hand zeugen davon. Die Iwane genannten Hallen an den Seiten des Hofes der Moschee überführte Bonatz in den Profanbau, der wiederum später zum Vorbild für einige Kirchenbauten in Deutschland wurde und somit erneut in einen sakralen Kontext überging.

Frühe Erfolge begünstigten Bonatz’ Karriereweg, wie der Gewinn des Wettbewerbs für das neue Gebäude der Sektkellerei Henkell in Wiesbaden-Biebrich (1907-09), der Bau der Universitätsbibliothek Tübingen (1908-12), die Nachfolge auf den Lehrstuhl seines einflussreichen Lehrers Theodor Fischer (der auch Ernst May, Martin Elsaesser und Erich Mendelsohn unterrichtet hatte) an der TH Stuttgart. Steigende Studentenzahlen zeugen von dem Erfolg der sogenannten „Stuttgarter Schule“, jener Architekturlehre unter Bonatz und Paul Schmitthenner, die sicherlich prägend, jedoch nicht stilbildend war. Zu einer neoklassizistischen Hommage an den Sandstein wurde das Kunstmuseum Basel (1931-1936), das 2015 einen Erweiterungsbau bekommt, weil die Sammlung größeren Raumbedarf hat.

Unter der Nazidiktatur zeigte sich die Unentschiedenheit Bonatz. Er selbst charakterisierte seine Stellung 1935: „Mein Leumund ist so eben um den Nullpunkt. Von manchen Stellen werde ich geholt und ausgezeichnet, von andern wegen früherer Dinge sehr beanstandet.“ Ein Denunziant brachte ihn schon im Sommer 1933 in Schwierigkeiten. Bonatz hatte während einer Jurytätigkeit in der Schweiz geäußert: „Hitler bringt uns um 100 Jahre zurück.“ Engagements im Arbeiter- und Soldatenrat von Württemberg 1918 und eine kurzzeitige Mitgliedschaft in der SPD machten ihm zudem Schwierigkeiten. Andererseits stand der Wunsch zu bauen, der Drang an den Großprojekten „mitzuspielen“ im Vordergrund. Schon 1926 trat er in einen gleichberechtigten Dialog mit den Bauingenieuren, als die von ihm entworfenen Neckarstaustufen umgesetzt wurden. 1934 schließlich wurde er – ohne das Parteibuch zu haben – künstlerischer Berater beim Reichsautobahnbau. Die Rheinbrücke Köln-Rodenkirchen (1937-41), 1945 zerstört, Anfang der fünfziger Jahre wiederaufgebaut und Anfang der neunziger Jahre verbreitert, wird noch heute befahren. Bonatz wurde in ein Hitlerprojekt involviert, über das er später in seinen Erinnerungen (S. 180) schrieb: „Wenn Maßlosigkeit das Zeichen des Niedergangs ist, wie wir das früher gelernt hatten, dann waren wir mittendrin.“ Es ging um den neuen Münchener Hauptbahnhof, der nach dem Willen Hitlers von einer auf 285 Meter ausgedehnten Kuppel überragt werden sollte, ein größenwahnsinniges und ingenieurstechnisch bis heute nicht verwirklichtes Luftschloss. Bonatz wurde bei der Sache unbehaglich und nutzte die günstige Gelegenheit, 1944 siebenundsechzigjährig in die Türkei zu gehen, und hinterließ dortwo bis 1954 zahlreiche Spuren: das Opernhaus Ankara (1947) zum Beispiel, die Wohnsiedlung Saraço_lu in Ankara mit 453 Wohnungen, wo er einheimische Werkstoffe und seldschukisch-osmanische Gestaltungselemente einband. Er wurde sogar zu einer „Leitfigur“ der „Zweiten Nationalen Architekturbewegung“ in der Türkei, wie Burcu Dogramaci im Katalog schreibt. Obwohl Bonatz’ Zeichnungen durch Brände infolge des Luftangriffs am 20. Oktober 1944 in Stuttgart – sowohl Wohnhaus als auch Büro wurden getroffen – zum größten Teil verloren sind, kann diese Retrospektive einen umfassenden Einblick in das Schaffen des Architekten geben, das zwischen lebenslanger Auseinandersetzung mit neoklassizistischer Reduzierung, retrospektiver Formaneignung und einer moderaten Moderne oszilliert.

Vielleicht kann diese Retrospektive dazu beitragen, dass künftig ähnliche Projekte wie Stuttgart 21 auch aus der Sicht des Erhalts wahrgenommen werden, denn, wie der ehem. Landeskonservator Manfred F. Fischer, Bamberg, gerade in der Kunstchronik (Heft 1, Januar 2011, S. 39) schreibt: „Die Welt der Denkmale ist unteilbares Erbe aller Menschen; jeder Verlust eines Teiles ist auch ein Verlust für das Ganze.“ Große Beachtung wird der Ausstellung sicherlich noch einmal zuteil, wenn sie zur nächsten Station, der Kunsthalle Tübingen, wandert und am 26.3.2011, dem Vorabend der Landtagswahl in Baden-Württemberg, eröffnet wird. Reiner Zufall ist dieser Termin, der aufgrund einer mehrwöchigen Verschiebung durch die verspätet abgeschlossene erste Renovierungsphase des Frankfurter Architekturmuseum geschuldet ist, die der Erneuerung der technischen Einrichtungen und des Brandschutzes diente. Doch Aufmerksamkeit hat noch keinem Museum geschadet und sie ist dieser Ausstellung zu wünschen.

Isa Bickmann

Zum Stuttgarter Bahnhofsprojekt hat das Museum folgende Veranstaltungen angesetzt:

1. Februar 2011, 19 Uhr
Transformation des Hauptbahnhofs Stuttgart
Christoph Ingenhoven stellt seinen Ausführungsentwurf für das Projekt „Stuttgart 21“ vor; Eintritt frei

15. Februar 2011, 19 Uhr
Oben bleiben! Kopfbahnhof 21 als Alternative zu Stuttgart 21
Peter Conradi, Architekt und Ex-MdB, spricht über die Kritik an Stuttgart 21 und das Projekt „K21“; Eintritt frei

erstellt am 03.2.2011

Bauten von Peter Bonatz:

Hauptbahnhof in Stuttgart, 1911-27 © DAM
Hauptbahnhof in Stuttgart, 1911-27 © DAM
Hängebrücke über den Rhein bei Köln, 1939-41 © DAM
Hängebrücke über den Rhein bei Köln, 1939-41 © DAM
Kunstmuseum in Basel, 1932-36 © DAM
Kunstmuseum in Basel, 1932-36 © DAM
Skizze der Sultan Hassan-Moschee, Kairo, 1913 © DAM
Skizze der Sultan Hassan-Moschee, Kairo, 1913 © DAM
Staustufe bei Neckarsteinach, 2010 © Rose Hajdu
Staustufe bei Neckarsteinach, 2010 © Rose Hajdu

PAUL BONATZ 1877–1956
Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus
22.01.2011 – 20.03.2011 in Frankfurt

DAM Frankfurt