Max Annas’ Debütroman „Die Farm“ zeichnet ein scharfsichtiges Porträt der südafrikanischen Gesellschaft, eingebettet in eine hochspannende Story, findet Kirsten Reimers.

Buchkritik

Eine zerrissene Gesellschaft voller Hass

Von Kirsten Reimers

Südafrika, eine Farm im Nichts. Und aus diesem Nichts heraus wird sie ohne Vorwarnung beschossen. Die Bewohner, eine langansässige weiße Familie, deren Angestellte und zufällig Anwesende – unter anderem Handwerker, ein Paketbote, ein korrupter Polizist – flüchten ins Haus und versuchen, sich irgendwie zu wehren. Kein Mobilfunknetz, die Festnetzleitung unterbrochen, abgeschnitten von der Außenwelt, sind die Anwesenden ohne jede Möglichkeit, Hilfe zu holen.

Es gibt etwas Geld im Haus, ein paar Waffen, doch nichts, was den Überfall wirklich rechtfertigen würde. Andererseits sind Überfälle auf Farmen mit weit weniger Besitztümern alles andere als eine Seltenheit in diesem Land, das sozial völlig zerrissen ist, in dem verzweifelte Armut neben großem Reichtum herrscht. Und dass der Farmbesitzer Franz Muller Dreck am Stecken hat, das ist sicher. Oder geht es um seinen Sohn Zak, der die Tochter eines der Angestellten vergewaltigt hat? Oder um die Tochter, die sich am Unfalltod eines Taschendiebs schuldig fühlt? Ist das Motiv Rache? Oder etwas anderes?

Konzentriert und intensiv

Rund acht Stunden, von 17:32 bis 2:49 Uhr, so lang dauert die Belagerung in Max Annas’ Roman „Die Farm“. Das Geschehen – mit exakten Zeitangaben versehen – wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, teilweise parallel, sich überschneidend, sich ergänzend. Das Figurenensemble ist begrenzt, die Geschehnisse auf die Farm und ihre nächste Umgebung – von wenigen Ausnahmen abgesehen – konzentriert. Annas gelingt auf diese Weise ein pointiertes, scharfsichtiges Porträt der südafrikanischen Gesellschaft.

Das Motiv für den Überfall bleibt lange Zeit im Dunklen – und es verliert zudem immer mehr an Gewicht. Denn angesichts der tiefen Wunden, die die Apartheid gerissen hat, scheint eine Explosion der Gewalt unausweichlich: gesellschaftliche Abhängigkeiten, unverhohlene Rassendiskriminierung, gnadenloser, gärender Hass zwischen den verschiedenen ethnischen und sozialen Gruppen.

Pointiertes, scharfsichtiges Gesellschaftsporträt

Durch die konzentrierte und aufs Wesentliche reduzierte Darstellung schildert Annas dies in hoher Intensität, ohne Betroffenheitsgetue, moralischen Zeigefinger und verkürzende Schwarz-Weiß-Zeichnung, eingebettet in eine hochspannende Story.

Dafür wurde der Autor mit dem Deutschen Krimi Preis (Platz 3 in der Kategorie National) ausgezeichnet. Der gebürtige Kölner arbeitet derzeit an einem Forschungsprojekt zu südafrikanischem Jazz an der University of Fort Hare in East London, Südafrika. Zuvor war Max Annas freier Journalist und Sachbuchautor mit zahlreichen Veröffentlichungen zu Popkultur, Politik und anderem. „Die Farm“ ist sein erster Roman.

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erstellt am 29.4.2015

Max Annas
Die Farm
Klappenbroschur, 192 Seiten
ISBN 978-3-03734-701-0
Diaphanes Verlag, Berlin/Zürich 2014

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