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Nur im Dschungel eines von Marktgesichtspunkten, Eitelkeiten und Bildungsverzicht durchwirkten Kunstfeldes konnte die Tugend der Sorgfalt, des Fleißes in Verruf geraten. Stattdessen wuchert eine Metaphysik des Skizzismus, vor deren Hintergrund jede Ausgestaltung eines Einfalls auf den Vorwurf der Pedanterie gefasst sein muss, meint Christian Janecke.

Maschen der Kunst

Skizzismus

Von Christian Janecke

Substantiviert man das kaum mehr gebräuchliche Adjektiv ›skizzistisch‹, so entsteht Skizzismus, und damit bezeichne ich ein Profitieren von willkommenen Effekten prinzipieller oder buchstäblicher Skizzenhaftigkeit in der Kunst.

Die Skizze, primär verwirklicht im Medium der Zeichnung als dem schlanken Instrumentarium der Idee wie der Vision, gibt den flüchtigen Entwurf nicht nur wieder, ist ihm nicht bloß hastiges Mittel zum Zweck. Vielmehr setzt die Skizze ihn in Verfassung, ja ist sie in gewissem Sinne dieser Entwurf. Jedenfalls wenn man es von heutiger Warte betrachtet, also nachdem die Geschichte der Kunst längst erwiesen hat, dass die Skizze in der Zeichnung, aber auch als Bozzetto der Bildhauerei, als literarische oder musikalische Skizze vieles und bisweilen mehr zu leisten in der Lage gewesen war, als man sich anfangs von ihr hätte erhoffen können. Wie bei verwandten Wertschätzungen, etwa des Nonfinito, der Ruinenfaszination und auch einer Modellhaftigkeit als Gestus, ist es gegenüber der Skizze heute eine grundsätzlich romantische Begeisterung, die uns an ihr das überschwänglich Suchende, das Temperament, das irreduzibel Individuelle und Handschriftliche bewundern lässt (und wohl weniger das in Renaissance und Barock verschiedentlich der Skizze attestierte virtuose Moment, mit wenigen Strichen viel zu geben). Es wäre zu ergänzen, dass mit der Moderne eine gewisse Skizzenhaftigkeit dann nicht nur im Einzelfall, sondern als regelrechte Programmatik Erfolg verbuchen konnte, und zwar zunächst innerhalb einzelner, tendenziell expressiv veranlagter Kunstrichtungen und ›Ismen‹, sodann aber als obsessives Leitbild sowohl der Deutung von Kunst, das heißt innerhalb des Faches Kunstgeschichte, als auch in der künstlerischen Lehre. Will heißen, dass Skizzenhaftigkeit den Studierenden manch einer Kunsthochschule immer noch als ›produktive Unentschlossenheit‹ nahegelegt wird oder sie ein Gütesiegel bei Bewerbungsmappen blieb (weshalb sich professionelle Mappenberater im Umfeld von Kunsthochschulen auch darauf verlegt haben, klaren, treffenden Einfällen ihrer jugendlichen Klientel einen Firnis aus stammelnder Verzagtheit oder auch stürmisch sich zuallererst ans Licht ringender Ur-Ideenhaftigkeit anzuempfehlen, von dem sie annehmen dürfen, dass er den Geschmack der Aufnahmekommission treffen wird). Und was das Fach Kunstgeschichte betrifft, so wurde es mit den anschaulichkeitsversierten, besonders von Max Imdahl und später Gottfried Boehm dominierten Ausrichtungen zur einschlägigen Figur, in krakeligen Strich- oder Farbsetzungen etwa eines Cy Twombly nicht allein höchste Kunst am Werke zu sehen, die qua Skizzenhaftigkeit Sinn überhaupt erst generiere, sondern ihr zu bescheinigen, sie induziere auch beim Betrachter ein der Skizze korrespondierendes, also aus wenigen kraftvollen Motiven emporströmendes Erahnen bzw. Nachvollziehen des Gemeinten. Und so können per Titel lancierte Sujets, denen im Bild wenig mehr als verhuschte Andeutung (womöglich nur die Andeutung von Buch­taben des in das Bild geschriebenen Titels) entspricht, nach dieser Argumentationsfigur viel überzeugender erscheinen als jede andere, ausführlichere Form der künstlerischen Annäherung, weil sie, so der Deutungsglaube, eine Kommunion aus künstlerischem Impuls und betrachterlicher Fortsetzung, gar Vollendung begünstige.

Man muss sich, um die verhängnisvolle Tragweite solcher Überbewertungen von Skizzenhaftigkeit richtig einschätzen zu können, die ganze Angelegenheit nur einmal auf ein anderes Gebiet, zum Beispiel das der Sprache, übertragen vorstellen. Nur Schwärmer würden dort der Einsicht Walter Benjamins, die Rede erobere den Gedanken, die Schrift beherrsche ihn, trotzen und die Gedankeneroberung schon als das Optimum hinausposaunen – weshalb sich die Masche des Skizzismus auch nicht mit der von Roland Barthes favorisierten ›Kleinen Form‹ schönreden lässt, die in der Literatur das Knappe meint, die den »Keim eines Satzes entstehen lassen« will und dies freilich durch Schärfe, nicht durch Unschärfe erreicht.

Nur im Dschungel eines von Marktgesichtspunkten, Eitelkeiten und Bildungsverzicht durchwirkten Feldes der Bildenden Kunst konnte die von Alberti geforderte diligenza als eine Tugend der Sorgfalt, des Fleißes (der, wie Alberti fordert, auch etwas zu Ende bringe) in Vergessenheit oder gar in Verruf geraten und stattdessen eine Metaphysik des Skizzismus wuchern, vor deren Hintergrund jede Ausgestaltung eines Einfalls auf den Vorwurf der Pedanterie gefasst sein muss. Dem Skizzismus hingegen gelingt es dank seiner mangelnden Spezifizierung der künstlerischen Aussage und mithin seiner Produktion spontaner Vieldeutigkeit, einer begehrlichen Betrachtersubjektivität die insgeheim verlangten Anknüpfungspunkte zu bieten. Und vielleicht belegt nichts das Beharrungsvermögen des Skizzismus eindrücklicher als der Umstand, dass eine Alternative zu ihm für viele Zeitgenossen nur noch als Zerrbild des exakten Gegenteils vorstellbar wird: Betont minutiöse, von handwerklicher Finesse und inhaltlichem Überborden geprägte Arten der Durcharbeitung liebäugeln dabei mit ihrem eigenen Anachronismus und ernten Sympathie.

Die hier aufgeführten Verbeugungen vor der Skizzenhaftigkeit in Lehre, Ausübung und Deutung von Kunst sind zwar selbst mittlerweile in die Jahre gekommen, wirken aber in Legitimationsdiskursen immer noch nach. Anbindung findet hier jene Variante des Skizzismus, die es noch ganz ungebrochen mit einer ekstatischen Moderne hält und deren nach Kräften übers Ziel hinausschießender Pentimentismus im Zeitalter der Fotomalerei niemand mehr so recht glauben will, bis hin zum entwerferisch sich gebenden Berserkertum der ungestüm gestischen Spur. Mitunter ist Skizzismus auch nur mehr probate Beikost eines im Übrigen alles andere als skizzenhaften Werkes, wie etwa im Falle des von Wolfgang Ullrich einmal so treffend glossierten expressiven Kabelsalats bei Videoinstallationen.

Im Skizzismus wird nach Kräften projektiert. Doch im Unterschied zu einem betont subjektlos das Künftige modellierenden Projektieren, dominiert hier ein Impetus auf Künftiges, der dieses Künftige doch kassiert, indem es ganz an die skizzierend erzeugende Subjektivität gebunden bleibt. Eben dies macht den Skizzismus so attraktiv für Künstler, denen der projektive Gestus als solcher schon ausreicht.

Joseph Beuys hat, wie so vieles, auch dies vorgemacht: mit seiner großspurigen Politpostkarte La Rivoluzione siamo Noi (Großschreibung des »Wir« durch JB) und grandios mit seiner von den Deutschen über alles geliebten Intuitionskiste von 1968, deren zarte Inschrift ihnen Aufbruch – nein, eigentlich nur Aufbruchshaftes – ist. In der porösen Bleistiftnotation des im Titel dieses Multiples gegebenen Begriffes mit dazu gezeichneten, inhaltlich frei befüllbaren Streckenabschnitten in der Manier Technischer Zeichnung zeigt sich, was ein auf dem Kunstfeld gut beleumundeter, in die Rezeptionsvorlieben unauslöschlich eingesenkter Skizzismus zu initiieren in der Lage ist: dass wir Betrachter und Bedenker uns zu Kongenialen dieser bezeigten und – so will es die Ereignismetaphysik – ineins geschehenden ›Intuition‹ machen.

Hochansteckend also gibt sich der Skizzismus in der Kunst. Und deswegen ist er ein in der Hand der Künstler ruhender Schlüssel zu jener Sorte von Betrachtern, die auf Affizierung als Infizierung nur warten.

Von hier aus ist es kein großer Schritt, Skizzismus probeweise gleich ganz aufseiten der Betrachter zu verorten. Man denke nur an die im Kunstbetrieb nie völlig aus der Mode kommenden Raum-im-Raum-Andeutungen aus dünnen Metallstecksystemen mit semitransparenten, vielleicht aus Spannfolie improvisierten Wänden, die dann irgendjemand nutzen soll. Hätte man unter einer die 1990er Jahre dominierenden, an den Peinlichkeiten von ›Kunst als Dienstleistung‹ geschulten Perspektive noch trefflich streiten können über die Praxisrelevanz versus bloße Modellhaftigkeit oder gar nur Bildlichkeit solcher Angebote, so tut sich qua Skizzismus unverhofft eine weitere Option auf: dass nämlich die Andeutungshaftigkeit solcher Gebilde selbst schon bewohnbar geworden sein könnte. Dass der Verzicht auf Refugium, der hier ein Behausen ohne Substanz vorträgt, bereits einer skizzistischen Disposition von Benutzern korrespondiert, die sich im ballastfrei permanenten Selbstentwurf gerieren, die sich also im Skizzismus der Werke wie Fische im Wasser bewegen können.

Aus: Christian Janecke: Maschen der Kunst. Mit freundlicher Genehmigung © Zu Klampen Verlag, Springe

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erstellt am 29.4.2015

Aus vielen Lebensgebieten kennen und schätzen wir womöglich sogar das Instituierende und Kreativitätsersparende des wie auch immer Vorgestanzten. Niemand käme auf die Idee, gewisse ‘Maschen des Anmachens’, ‘Maschen der Werbung’ o.ä. zu leugnen oder auch nur besonders verwerflich zu finden. Mitunter zollen wir dem, der die ‘Trickkiste’ eines Gebietes wie z. B. Fußball beherrscht, sogar besonderen Respekt.

Auch die hehre Kunst hat sich längst in einer stattlichen Zahl von ‘Schubladen’ eingerichtet. Und die artigen Vertreter von Kunstwissenschaft und -kritik belassen es oftmals dabei, das eine oder andere Stück daraus hervorziehen, um es im Verhältnis zur direkten Nachbarschaft zu begutachten – statt über die Schubladen, eben einschlägige Maschen zu reden: über je nachdem offenkundige oder verborgene Muster der Effekterzielung, über zuweilen verengende, mitunter aber durchaus produktive Routinen der Kunst.