Seinen Arztberuf hatte er aufgegeben, weil der Anblick menschlichen Leidens ihm unerträglich war. Aber auch die sozialen Unterschiede machten Franz von Baader zu schaffen, die er mit christlicher Nächstenliebe beglichen wünschte. Otto A. Böhmer sah allerdings das Streben des Sozialreformers in Gesellschaft mit einem Geizhals und einem Bettler auf eine harte Probe gestellt.

Holzwege

Ein gerecht denkender Mensch

Der Philosoph Franz von Baader

Von Otto A. Böhmer

Der Philosoph Franz von Baader hielt die Nase in den Wind – vor­sichtig, denn es bestand die Gefahr, dass sie ihm weggerissen wurde in diesem verödeten Landstrich, in dem die Kälte ein- und aus­ging und das Rauschen, welches vom Meer her schlug, an die Große und Ewige Flut erinnerte, die mit dem Stapellauf der Arche Noah einst begonnen hatte und mit dem Jüngsten Gericht noch lange nicht zu Ende war. Baader befand sich auf dem Gut seines Freundes Boris von Uexküll in der Nähe von Riga, wo er, der Not gehorchend, auf eine Einreisegenehmigung wartete, die ihn dazu berechtigte, nach Russland weiterzureisen. Das Dokument jedoch ließ auf sich warten, und so wartete auch der Philosoph; fröstelnd, aber noch immer guten Mutes, denn er hatte es sich zur Lebensmaxime ge­setzt, das Beste aus den Tagen und Nächten zu machen, die der Herrgott ihm überantwortete – hier wie dort und auch wohl anderswo. Anderswo, Baader musste es zugeben, wäre er jetzt gerne gewesen, im heimischen Bayern etwa, in München, wo die Sonne schien und der Spaziergang im Freien eine einschmeichelnde Angelegenheit war, beileibe kein Abenteuer der naturgroben Art oder gar eine Exkursion ohne Wiederkehr. Die Nase des Philosophen, als hervorragendes Organ besonders den Stürmen ausgesetzt, hatte sich bereits rot eingefärbt; zudem tropfte sie dezent, während ihr Besitzer, in einen langen Mantel gehüllt und mit einer derben pommerschen Kappe auf dem Kopf, seinen kleinen Gang fortsetzte, der ihn bislang kaum mehr als zweihundert Schritte vom Hauptge­bäude des Uexküllschen Gutes hinweggeführt hatte. Er sah den Him­mel über sich, ein Schlachtfeld, unerhört weit, über das die vom Wind versammelten Wolken zogen; nach Norden zu, dort wo es heller wurde, stieß das Land weit ins Meer vor, ein möglicherweise verführerischer Ort, wie der Philosoph dachte, dem es schon in den Sinn gekommen war, einen einzigen langen und tollkühnen Marsch dorthin zu wagen, aber dann hatte er sich doch über seinen eige­nen, zuletzt sehr ungewohnten Mut lustig gemacht: Wie sollte er jenen fernen Vereinigungspunkt erreichen, wenn es ihn hier schon so mächtig schauderte, im Bannkreis des Guts, über dem nun eine kleine Rauchfahne stand, Wärme und Behaglichkeit verheißend, denn dort, im Kamin seines Wohnhauses, ließ der Hausherr heizen, unge­achtet der Jahreszeiten, die hier ohnehin allesamt unwirtlich blieben.

Der gute Uexküll. Ein freundlicher, ein guter Mensch war er zweifelsohne, wenn auch ein wenig geizig, wie es Menschen oft sind, die zuviel der irdischen Güter beiseite geschafft haben; er litt, mit anderen Worten, keinerlei Not, konnte sich Luxus, wie er in diesen schweren Zeiten noch möglich war, leisten, aber er hielt seine Besitztümer beisammen – kleingläubig und gelegentlich an einen eingebildeten Verfolgten gemahnend, der nur noch leibhaftige Verfolger sieht. Seinen Geiz, den er, wohlwollend betrach­tet, eher wie eine Schrulle betrieb, ließ er, dies musste zu seiner unumgänglichen Ehrenrettung gesagt werden, nie und nimmer an seinen Gästen aus, die er pfleglich, ja zuvorkommend und liebenswürdig behandelte, so dass es ihnen, vom Frühstück angefangen bis hin zum späten Nachtmahl, in der Regel an nichts fehlte. Uexkülls Geiz bekamen andere, ihm ferner Stehende, zu spüren, im besonde­ren Bettler, die der Baron ganz und gar nicht ausstehen konnte. „Ich gebe nichts“, pflegte er zu sagen, wenn ihm ein Bettler in die Quere kam. „Ich gebe nichts, denn ich bin ein gerecht denken­der Mensch!“ Auf die Frage Baaders, was das wohl für eine merkwürdige Denkungsart wäre, die ihre Gerechtigkeit eher im Geize denn in der Freigiebigkeit sähe, hatte der Baron geantwortet: „Das verstehen Sie ganz falsch, mein Lieber. Sie mögen sich für barmherzig halten, wenn Sie einem arbeitsscheuen Bettler, der in der Regel noch unverschämt ist, etwas zustecken; ich jedoch denke, dass Sie dabei nur dumm sind, verzeihen Sie wohl, – dumm, da Sie dazu beitragen, einem offensichtlichen sozialen Übelstand, und das ist die Bettlerei nun einmal, Fortdauer zu verleihen. Wären hingegen alle so hartherzig wie ich, was ich hingegen nur gerecht nenne, dann gäbe es schon bald keine Bettler mehr, da die Mitglieder dieses Berufsstandes wegen anhaltender Erfolglosigkeit nach einer anderen, einer wirklichen Beschäftigung Ausschau hal­ten müssten.“

Der Philosoph lächelte; er dachte daran, wie er noch versucht hatte, den Baron mit einer wohlausgedachten Rede über die Vorzüge christlicher Nächstenliebe in Kenntnis zu setzen – vergeblich. „Lieben Sie, wen Sie wollen“, sagte Uexküll, „lieben Sie die Alten und Schwachen, lieben Sie Kinder, die Kunst und das Schöne, lieben Sie das Göttliche und das Gute, das sollten Sie sogar, lieben Sie Ihre Frau, denn die ist wachsam – nur die Bettler müssen Sie nicht lieben, denn sie sind mühsam wandelnde Abbilder eines vom Bösen gestifteten, einträglich schlechten Ge­wissens!“ Baader machte kehrt, er war weit genug gegangen, fand er, um zurückkehren zu dürfen ins vorgewärmte Haus. Sein mutiger Entschluss wurde bestärkt durch den Umstand, dass mittlerweile noch kolossalere Wolken am Himmel aufgezogen waren, sackartige schwärzliche Gebilde, die sich schon bald mit sintflutartigem Regen oder gar dem allerersten Schnee des Jahres entladen würden.

Als der Philosoph auf den Haupteingang des Wohngebäudes zuging, hörte er auf einmal eine Stimme. „Gnädiger Herr, nur eine Frage!“ Ein zerlumpter Mann unschätzbaren Alters stand neben ihm; unerfindlich, woher er gekommen sein mochte. „Wie gesagt nur eine Frage, der Herr“, sagte der Mann, der wie ein Bettler aussah, dem schon bessere Tage beschieden waren. „Sie sind doch der bekannte Philosoph Professor Franz von Baader, aus Bayern stam­mend?“ „Ja doch“, rief Baader. „Aber woher wissen Sie das?“ „Ich weiß es eben“, sagte der Mann, „und ich weiß auch, dass Sie ein bedeutendes Werk geschrieben haben mit dem eingängigen Titel ‚Über das dermalige Missverhältnis der Vermögenslosen oder Proletairs zu den Vermögen besitzenden Klassen der Sozietät in betreff ihres Auskommens, sowohl in materieller als intellektueller Hin­sicht, aus dem Standpunkte des Rechts betrachtet‘.“ „Sie erstau­nen mich, mein Bester!“ meinte Baader. „Vielleicht könnten Sie Ihr Erstaunen durch eine mich anerkennende milde Gabe unter Be­weis stellen!?“ sagte der Mann. „Ich habe selbst nicht viel“, erwiderte der Philosoph. „Aber ein guter Freund, der Besitzer dieses Anwesens, wird sich Ihnen gegenüber möglicherweise erkenntlich zeigen. Kommen Sie.“ Baader nahm den Mann mit ins Haus, wo alsbald Uexküll auf der Bildfläche erschien. „Ein Bettler!“ rief der Hausherr voller Ent­setzen. „Ich gebe nichts. Raus!“ „Sie sind sehr liebenswürdig“, sagte der Mann. „Möge es Euch ergehen wie Abraham, Isaak und Jakob!“ „Das ist ja ganz etwas Neues“, sagte Uexküll. „Ein elender Schnorrer – und höflich dazu! Er segnet mich sogar.“

„Wer spricht hier von Segen“, entgegnete der Bettler. „Ihr scheint die Bibel nicht recht zu kennen, elender Geizhals. Was ich Euch wünsche, ist, dass Ihr umherirrt wie Abraham, blind wer­det wie Isaak und hinkt wie der unselige Jakob! Ich empfehle mich, meine Herren.“

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erstellt am 28.4.2015

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Franz von Baader
Franz von Baader