Im zweiten Teil ihrer Aufzeichnungen setzt Marion Gees ihre Erkundungen Neapels fort. Geleitet von der Lektüre neapolitanischer Schriftsteller und von Reminiszenzen der neorealistischen Filme, ebenso wie von geschichtlichen Überblicken, hat sie die Stadt erwandert und ihre Eindrücke festgehalten.

Originaltext

Neapel. Sichtbar Verborgen

Zweiter Teil

Von Marion Gees

Ein Junge mit einem Soldatenhelm auf dem Kopf kommt ins Bild, läuft durch eine menschenleere Straße. Rauchschwaden, zerstörte Fassaden, einge­fallenes Gemäuer, Pflastersteine überall, unheimliche Stille. Plötz­lich bleibt er stehen, erschrocken und zugleich neugierig. Die geöffnete Tür eines Palazzo, ein Gewehr liegt auf der Schwelle. Der Junge mit dem Soldatenhelm versucht das Gewehr an sich zu nehmen, ein Widerstand, es lässt sich nicht greifen. Er entdeckt, dass die Hand eines deutschen Soldaten, der im Eingang hinter dem Tor liegt, es fest umschließt. Dem Jungen gelingt es, der totenstarren Hand das Gewehr zu entreißen, er läuft verwirrt und zugleich kämpferisch davon. Bald darauf stirbt er bei einem letzten Gefecht.

Einige Straßen weiter errichten Männer mit lautem Geschrei Barrikaden. Später, nach mehrtägigem Kampf im September 1943, gelingt es ihnen, noch bevor die Alliierten am 1. Oktober die Stadt erreichen, die Deutschen zu ver­treiben. – Szenen aus dem Film »Le quattro giornate di Napoli« von Nanni Loy aus dem Jahre 1962.

Neapel im Kino. Drei Filme gesehen in den letzten Tagen. Hier entstanden die Werke von Roberto Rossellini, Nanni Loy u.a., die den europäischen Film revolutionierten. Die Unmittelbarkeit des Neorealis­mus als Reak­tion auf die illusionären und totalitären Bildwelten des Faschis­mus. Neorealis­mus auch als Versuch, das darzustellen, was die Gesellschaft zu verbergen versuchte.

Lese über »Le quattro giornate di Napoli« von Nanni Loy, der für zwei Oscars nominiert war, dass er 1963 in einem Erlaß des Auswärtigen Amtes der BRD als problematisch und als Gefährdung der deutsch-italienischen Beziehun­gen eingestuft wurde (wohl vor allem wegen einer im Film insze­nier­ten öffentlichen Erschießung eines Matrosen durch die Wehr­macht, die so angeblich nicht der Wirklichkeit entsprach und insgesamt wegen der nach Meinung einiger allzu hässlichen und Klischee beladenen Deut­schen in Uniform). Der damalige Bundesminister bat die italie­ni­sche Regierung, „wenn sie schon keine Möglichkeiten habe, die Herstellung derartiger Filme zu verhindern, sie doch wenigstens nicht materiell oder moralisch zu unterstützen.“ Die Vor­führung wurde zuerst verboten und dann nach langen Verhandlungen in einer letzten Instanz doch freigegeben.

»Neapel 44«. Las am gestrigen Abend das Tagebuch des britischen Nachrichtenoffiziers Norman Lewis, der von September 1943 bis Oktober 1944 in Neapel stationiert war. Er erlebte den bisher letzten Vesuvausbruch.

„Es war der grandioseste und schrecklichste Anblick, den ich jemals gesehen habe oder noch sehen werde. Der Rauch aus dem Krater erhob sich langsam zu einem mächtigen volumi­nösen Körper, der voll­kommen kompakt wirkte. (…) In der Nacht begannen die Lavaströme die Berghänge herabzurinnen. (…) Heute war der Himmel von Nebel überzogen, und Asche fiel, und alles – die Gebäude, Straßen und Felder – war halbinch­hoch bedeckt mit einer glatten grauen Schicht. In Sorrento und auf Capri und Ischia lag die Asche stellenweise schon mehrere Inches hoch.“

An der Küste, an der weiter im Norden Aeneas nach siebenjähriger Reise an Land ging, war Lewis um 7 Uhr abends im September 1943 mit den alliierten Truppen angekommen. Motorräder und schweres Gerät wurden mit Booten befördert. Die Invasion war die größte bis dahin. Vor den an Land gehenden Soldaten ein Wald, dahinter große Wiesen und die erhabenen Tempel von Paestum. Es schien ruhig, nur einige Rauch­säulen zeigten sich am Himmel. Daß der Feind anwesend war, zeigten die Leiber, die am Ufer lagen.

„Wenige hundert Yards von uns standen in einer Reihe die drei vollkommenen Tempel von Paestum, rot und glühend und großartig im letzten Sonnenlicht. Es geschah wie eine Erleuchtung, einer der großen Augenblicke des Lebens. Doch in dem Feld zwischen uns und dem Tempel lagen zwei gefleckte Kühe, die Beine himmel­wärts. Wir krochen zurück in die Tiefen des schutz­bietenden Walds, verbargen uns im Unterholz und schliefen, sobald die Nacht kam, ein. Irgendwann in der Nacht erwachte ich und hörte Geräusche von Bewegungen in den Büschen, dann Stimmen­gemurmel, darin ich deutsche Wörter erkannte. Die Stimmen wurden leise, und ich schlief wieder.“

Die „Verhurung Neapels“, so Malaparte, nahm unter zwei Besatzun­gen im Land ihren unaufhaltbaren Lauf, einer deutschen im Norden und einer alliierten im Süden, die, um eine neue Ordnung zu schaffen, mit einfluß­reichen Mafiosi kollaborierten.

Der Ich-Erzähler des Romans »Die Haut«, verfilmt mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle, begibt sich 1943 als Verbindungsoffizier zu den Amerikanern als Beobachter in die Bassi, die Wohnhöhlen der Altstadt Neapels. Die bittere Feststellung: Keine wirkliche Befreiung, sondern unvorstell­bare Demoralisierung zieht in die Stadt ein, eine Art moderne Pest bestimmt das Leben in den Armen­vierteln und nimmt den Neapolitanern jegliche Würde. Die tief katholischen Menschen prostitu­ieren sich in immer abgründigeren Formen. Eine ganze Liste von Perversionen wird im Roman in ausschweifenden Bildern, nicht ohne moralische Entrüstung, beschrieben.

Da werden auf einem Kindermarkt acht- bis zehnjährige Jungen von ihren Müttern an Soldaten verkauft oder stundenweise vermietet. Da kann für einen Dollar die Jungfräulichkeit junger Mädchen „mit dem Kopfputz der neapolitanischen Madonnen des 17. Jahrhunderts“ hinter roten Vorhän­gen besichtigt und deren Geschlechtsteil kurz berührt werden, bevor die nächsten Besucher, die draußen Schlange stehen, den Raum betreten. Da werden üppige blonde Perücken angeboten, mit denen Frauen ihre Scham und Schenkel bedecken, da es angeblich den dunkelhäutigen amerikanischen Freiern so sehr gefällt.

Ganz Europa ist so, räsoniert der Erzähler, „dieses andere verborgene Europa, von dem Neapel ein mysteriöses Abbild, das nackte Gespenst ist.“

Bei Pozzuoli in der Nähe eines Rastplatzes. Eine schöne dunkel­häutige Frau am Straßenrand. Sie versucht einen Klapp­stuhl aufzu­stellen, die leicht ver­boge­nen Metall­stangen in den Boden zu drücken, um sich dann vor­sichtig, dabei die Stand­festig­keit prüfend, darauf setzen zu können. Neben ihr eine Wasserflasche, eine Thermos­kanne, ein Schirm als Sonnenschutz.

Hinter ihr das Meer, dessen Farben in immer grellere Töne über­gehen. Am Küstenstreifen die im Wasser versunkenen Ruinen der Römerzeit. Neben dem Stuhl verwitterte Zeitungen, zer­tretene Plastik­­becher, Kü­chen­papier, modri­ge Papier­ta­schen­tücher, die der leichte Wind kaum mehr in Bewe­gung ver­setzt. Die auf­rech­te Hal­tung des Ober­körpers, den sie gelegent­­lich etwas wei­ter nach vorn schiebt, den Kopf in kurzen Abständen nach unten oder oben gereckt, so als ob sie sich strecken würde, um die Beweg­lichkeit ihrer Wirbelsäule und ihres Nackens aus­zu­loten, bis sie in ihre normale auf­rechte Sitz­haltung zurück­­kehrt. Ein Lächeln im Gesicht. Autos kommen vorbei, Menschen auf dem Weg zum Einkaufen in das Centro Commerciale oder auf die Stadtautobahn. Wie zufällig streift sie mit der Hand ihre Haare. Ihr rotes Ober­teil ärmel­los, ihre weiße Hose dreiviertel lang. Die Beine gelas­sen über­einander geschlagen, in die Landschaft blickend, die vor­bei fah­renden Wagen beob­achtend, sitzt sie und wartet.

Lichtblauer Himmel, silbernes Meer, glitzernder Horizont an Europas südlichem Rand.

Überbordende Sinnlich­keit, visionäre Traumbilder. Pasolinis filmische Visionen von Neapel als Ort noch einfachen Lebens. 1970 entsteht »Il Decameron«, der erste Teil einer Trilogie, nach acht Novellen aus dem gleichnamigen Werk von Giovanni Boccaccio. Pasolini selbst spielt einen Malerschüler Giottos.

„Mich faszinierte die Abbildung des Eros in einem menschlichen Klima, das kaum je von der Geschichte übertroffen wurde und immer noch (in Neapel, im Vorderen Orient) physisch gegenwärtig ist (…)“, so Pasolini. „IL DECAMERON drückt meine Sehnsucht nach dem idealen Volk aus, mit seinem Elend, dem Fehlen eines politischen Bewußtseins; einem Volk, wie ich es als Kind kennengelernt habe (…)“
Das volks­tümliche Neapel, das sinnenfrohe Leben im Mittelalter auf der Schwelle zur Renaissance sowie die Visionen des Malers Giotto, prägen die Bildwelt. Der Film gehöre zu seinen leichteren Filmen, und er habe sie gemacht, „um der konsumistischen Gegenwart eine jüngste Ver­gangen­heit entgegenzuhalten, in der der menschliche Körper und die menschlichen Beziehungen noch wirklich waren; obgleich prähistorisch, obgleich plump, waren sie dennoch wirklich und hielten diese Wirklich­keit der Unwirklichkeit der Konsumgesellschaft entgegen.“

Danach dreht er den 30minütigen Dokumentarfilm »Appunti per un romanzo dell’immondezza« (»Notizen für einen Roman über den Müll«).

„Seine Provokation sei ganz klar und absichtlich politisch“. So zitiert sein Biograph Nico Naldini eine Einschätzung des Freundes Paolo Volponi. „Er beklagte als Dichter, dass es keine Glühwürmchen mehr gäbe, beschuldigte aber zugleich unsere Führungsschicht, ein bestimmtes Entwicklungsmodell gefördert zu haben, unser Leben in einer bestim­mten Weise organisiert zu haben, unsere ländlichen Gebiete und unsere Städte verschmutzt zu haben. Und gleichzeitig, sah er, dass viele andere gesellschaftliche volkstümliche Faktoren verschwanden: bestim­mte Kulturen, bestimmte Möglichkeiten demokratischer Mit­sprache, das Leben in den Dörfern und Landkreisen, das von den Modellen des Zentrums brutal vergewaltigt wurde.“

„In dieser Nacht in Neapel bin ich nicht schlafen gegangen, ich bin herumgefahren wie ein Verrückter: Hier rekelten sich Menschen auf den Wiesen der Grünanlagen, dort wurde ein neues Café, ganz in Rot, das Caffé del Sole, eingeweiht, hier bandelten Matrosen vor Reihen dicht gedrängt ankernder Boote mit Frauen an, dort schaukelten Bürgerliche auf den Liegestühlen der glitzernden Bars. Drei- oder viermal bin ich hin und zurück nach Posillipo gefahren. Ich habe die Morgenröte erlebt, ich habe den Vesuv gesehen, so nah, dass ich nach ihm hätte greifen können, vor einem Himmel, der bald so rot aufloderte, als könne er das Paradies nicht länger verbergen.“ Pier Paolo Pasolini bei seinem Neapel-Besuch im Sommer 1959. Auch in späteren Jahren wird ihn der Süden Italiens immer wieder in Bann ziehen, hier sieht er noch eine erhaltene Welt im Gegensatz zum Norden und letztlich auch zu Rom.

„Napoli è ancora l’ultima metropoli plebea, l’ultimo grande villagio…“ „Neapel ist noch die letzte plebejische Metropole, das letzte große Dorf“. Er begründet in »Gennariello« (1975) seine Affinität mit dem Hinweis, die Stadt sei Ausdruck eines Widerstandes gegenüber den Entfremdungen der homogenen Moderne. Verein­heit­lichung habe sie bisher verschont. Arm und reich lebten unangepasst in der Altstadt von Neapel wie in einem Dorf auf engstem Raum zusam­men. Bürger, Adlige, das einfache Volk. Selbst Chaos, Schmutz und Verbrechen zeigten noch Seiten von Menschlichkeit. Der Neapo­li­taner sei noch unbeschadet von den Einflüssen der Vereinheitlichung und des Konsumismus der Moderne. Allerdings hatte der Konsumismus in den 70er Jahren Neapel schon erreicht, wie auch La Capria und andere Autoren betonen.

In »Lettere luterane« (1976) gesteht Pasolini aufgrund der immer offenkundigeren Missstände ein, dass auch die neapolitanische Resistenz langfristig zum Scheitern verurteilt und die Neapolitanità verloren sei. Was bleibt ist Pasolinis verblüffende prophetische Sicht zur zunehmen­den Herrschaft von Massenhedonismus und der Macht des Fernsehens. Das politische Argument wird ausge­tauscht durch das Bild.

„Pasolini hat mir gezeigt, wie man an das literarische Wort glauben kann, als Hoffnung, nicht nur Zeugnis. Besonders, wenn man über Macht schreibt. Ich wollte nicht nur denunzieren, anklagen. Das wäre zu eng gewesen. Es gibt die Hölle, und es gibt die Schönheit, und man muß versuchen, beidem getreu zu bleiben.“

Diese Verbindung von Hölle und Schönheit reflektiert Roberto Saviano an ver­schiedenen Stellen. In seiner Hommage an den Regisseur Vittorio de Seta betont er, das Geheimnis de Setas bestehe darin, “die Hölle des Menschen zu zeigen und gleichzeitig die wunderbare Ausstrahlung des Lebendigen. Weder das eine noch das andere aus dem Blick zu verlieren. Nie lediglich zu informieren und nie dem bloß ästhetischen Genuß nachzugeben.“ Die Filme de Setas zeigten gelebte Geschichte, sie seien Recherche, Reportage und Erzählung zugleich. In dem Film »Lettere dal Sahara« (»Briefe aus der Sahara«, 2006), der von der Ankunft einer Gruppe von afrikanischen Flüchtlingen an der italienischen Küste handelt, die sich daraufhin auf einer Odyssee von Sizilien über Neapel gen Norden begeben, plündert der Protagonist, ein Senegalese mit einem Profil aus Ebenholz, so Saviano, vor einem griechischen Tempel einen wilden Mandarinenbaum. „Er reißt Früchte gierig, aber nicht gewalttätig von den Zweigen, weil er Hunger hat und in der Nahrung Leben sieht, nicht weil er nur einfach etwas zum Essen will.“

Tor zum Orient. Es hat eine neue Qualität erlangt.

„In Wirklichkeit ist dieser Orient mit dem Hafen von Neapel so eng wie mit keinem anderen Ort der Welt verbunden. Hier hat der Orient nichts Fernes. Er liegt unmittelbar vor der Tür und müsste der Nahe Orient genannt werden.“ Die Waren, die dort verschoben werden, kommen aus Asien, aus Afrika, ihre Herkunft ist „multipel, Resultat von mehreren Kreuzun­gen“ (Roberto Saviano). Die Menschen, die hier illegal arbeiten in den teilweise leer stehenden Häusern und Hinterhöfen der Straßen, die vom Hafen abgehen, kommen aus Ghana, Senegal, Libyen, Nigeria, China, usw.

Die gesamte Meeresseite vom Hafen bis zur Mergellina liegt seit langem in den Händen von wenigen Clans. Seit einigen Jahren, so Gabriella Gribaudi, belebt sich der Hafen neu. Er ist Zentrum des internationalen Handels. „Nach den Terroranschlägen von New York, Madrid und London haben sich die Orte des illegalen Handels in das Mittelmeer­gebiet verlagert. (…) Seitdem ist Neapel zu einem der wichtigsten Kreu­zungspunkte des Drogenhandels geworden, nicht nur ein Umschlagplatz und Ort des Drogenkonsums, sondern auch der Verarbeitung und des Vertriebs. Das Ausmaß der kriminellen Wirtschaft wächst und inter­nationalisiert sich dabei zunehmend.“

T-Shirts, Plastik­spielzeug aus China und Bangla­desch, eine ganze Warenwelt mit den Aufschriften Vuitton, Gucci, Prada, Dior wird hier verfrachtet, neu verpackt, produziert, gefälscht und auf den europäischen Markt geworfen. Die genauen Wege rund um den Globus sind kaum mehr zu rekonstruieren. Die Europäer kaufen sie in billigen Super­märkten oder teuren Luxusläden.

Neapel, unvergleichlich und doch: „Ganz Europa ist wie Neapel.“ Malapartes provokante Einschätzung, die sich noch auf die Zeit der zunehmenden Verderbtheit und „Verhurung“ nach deutscher Besatzung sowie des Ein­zugs der Alliierten 1943 bezieht, erlangt brisante aktuelle Bedeutung. „Es ist Europas Schicksal, Neapel zu werden“!

Das Sichtbare und das Unsichtbare. Das Territorium des Spa­ni­schen Viertels. Auch die Gassen, die von der Via Toledo abgehen, werden von einigen wenigen Clans verwaltet.

„Die Beschreibungen aus den polizeilichen Ermittlungsakten sind äußerst ein­drücklich“, so Gabriella Gribaudi, „Scharen von jungen Clan-Angehörigen streifen mit arrogantem Gehabe auf Motorrädern und Motorrollern mit quietschen­den Reifen durch die Straßen und schüch­tern Ladenbesitzer ein; bis an die Zähne bewaffnete Wachposten sind vor den Wohn­häusern und an den strategischen Punkten des Viertels postiert.“

„Man könnte sie als Räuberbanden bezeichnen, die aus ihren Höhlen in die anliegenden Gebiete einfallen und diese den Nachbarn streitig machen. Für das Spanische Viertel erweist sich diese Metapher als besonders passend (…): Zu Füßen des Viertels liegt die Via Toledo, und auf der Via Toledo fallen sie von oben ein, wobei sie den Grenzen der anerkannten Gebietsherrschaften folgen und sich wie die Falken auf die Ebene stürzen, um sich die Beute zu beschaffen. (…)

Aber es handelt sich zugleich, so betont Gribaudi, „um sehr weitläufige Eliten, die ihre Geschichte und ihre Legitimierung im besonderen kriminellen und illegalen Gewebe der Metropole verankern, in weiten Territorien und Milieus. Diese entstanden in den entscheidenden Momenten der Stadt­geschichte und weiteten sich aus: in der Nachkriegszeit mit der alliierten Besatzung und der wirtschaftlichen und politischen Krise der Stadt, als der Zigarettenschmuggel von den Institutionen toleriert wurde (…), dann die Phase nach dem Erdbeben mit der Neuen Organisierten Camorra und der Neuen Familie und schließlich die Internationalisierung des Drogenhandels und des Schwarzhandels auf allen Ebenen.“

Via Toledo morgens um 9 Uhr. Polizei- und Militärfahrzeuge bilden einen Konvoi, der sich langsam durch die Straße bewegt; sie schützen Geldtransporter, welche die großen Bankhäuser anfahren, sie sichern eine vermeintliche Ordnung. Die Straße ist die pulsierende Ader der Altstadt und bis heute eine der beliebtesten auch bei Einheimischen. „Diese Straße“, so schreibt Stendhal bei seiner Ankunft im Januar 1817, „die belebteste und lustigste auf Erden, war eines der Hauptziele meiner Reise.“ Laute Pressluft­hammer dröhnen aus den Tiefen einer U-Bahn-Baustelle. Aus den Bars dringt beschwingte Musik und der Geruch nach frisch geröstetem Kaffee. Am Eingang der eleganten Galleria Umberto I. mit ihren erhabenen sakralen Glas­kuppeln patrouil­lieren Polizisten mit Maschinengewehren. Ein Geschäft mit dem Namen „Gentile“, vor dem ein riesiger Müllberg seit Tagen vor sich hin modert, zeigt auf einem Schild den Verkauf der Ladenräume an. Ein Mann, mit dem Aufdruck Cerruti auf seinem Hemd, beschleunigt kopfschüttelnd seinen Gang. Zwei junge Typen mit den Gesichtszügen alter Männer, beide ein Handy am Ohr, zischen auf einem Motorino vorbei. Große verwilderte Hunde, eine Art Stadtguerilla, liegen mitten auf Kreuzungen, beharren trotz der hupenden Autos auf ihren nach eigenen Gesetzen ausgesuchten Plätzen. In einer Seitenstraße des lebendigen und zugleich düsteren Spanischen Viertels hängt ein Fleischer Kälberhälften auf. Bald werden nord­afrikanische und asiatische Händler ihre gefälschten Waren auf dem Pflaster aufbauen, und so weiter. Ein Morgen voller Klischees. Und doch kein präpariertes Leben für Schaulustige, schreibt Maria Carmen Morese: „Die ganze Via Toledo bis Piazza Dante ist echt“.

Kommentare


wolfram schütte - ( 30-04-2015 06:23:41 )
Mit Bewunderung habe ich diesen sehr schönen Essay gelesen. Er weckte Erinnerngen - nicht an Neapel sondern an Nanni Loys Film, den ich jedoch bis heute nicht gesehen habe. Aber dennoch hat er dazu geführt, dass einmal die Jury des Internationalen Filmfestival von Mannheim "gesprengt" wurde, in der damals neben anderen die nachmalige Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer saß. Wie das ?
Loys "Vier Tage von Neapel" wurde bei seiner italienischen Premiere von der (west-)deutschen Presse sofort & mit empörten Tremolo sowohl als "kommunistisch" wie auch als "antideutsche Stimmungsmache" abqualifiziert. Wer in der Adenauer-Zeit gelebt hat, weiß was das hieß & bedeutete. Besonders hervorgetan haben sich in dieser Pressekampagne, die unisono von Stern bis FAZ entfaltet wurde, waren ältere Kulturredakteure, die bislang ihre nazistische Vergangenheit ruhen gelassen hatten, nun aber italienischen Antifaschismus flugs in "antideutsche Stimmungsmache eines Kommunisten" umzumünzen sich anschickten. Unter diesen Verteidigern der deutschen Ehre gegen die verräterischen Italiener tat sich besonders der Filmjournalist Erwin Goelz hervor. Er war Redakteur des Süddeutschen Rundfunks, Mitarbeiter der "Stuttgarter Zeitung" & in jenem Jahr Mitglied der Internationalen Jury der damals hoch angesehenen "Mannheimer Filmwoche".
Wir - eine Gruppe Frankfurter Studenten, die eine Zeitschrift,das "Filmstudio", machten - waren von einem emigrierten Filmkenner auf die skandalösen Arbeiten aus Nazuzeiten einiger hoch angesehener älterer Filmkritiker der BRD hingewiesen worden, z.B. vom FAZ-Feuilletonchef Karl Korn & von Erwin Goelz (der in der NS-Zeit sich zu "Maraun" pseudonomisiert hatte). Wir hatten unser Wissen über deren nazistische Belastungen für uns behalten & uns vorgenommen, es nur dann denunziatorisch hervorzuholen, wenn einer der durch eigenes Verhalten "Vorbelasteten" wieder "in die selbe Kerbe schlagen" würde. Das war nun durch die schamlose Kampagne gegen Nanni Loys filmische Erinnerung an das Massaker der SS in Neapel der Fall. Deshalb verfassten wir ein Flugblatt mit einer Dokumentation der Goelzschen Äußerungen zu Hipplers "Ewigen Juden", legten es in Mannheim aus & verlangten den Rücktritt dieses (west)deutschen Jurymitglieds. Daraufhin trat die gesamte Internationale Jury zurück, eine Preisvergabe fand nicht statt & das Festival geriet in eine Krise. Nanni Loy hat von diesen Neben-Wirkungen seines Films in der BRD wohl nie etwas erfahren. Aber seit damals fiel es in der BRD keinem Konservativen mehr so leicht, ausländische Kritik an dem nazistischen Deutschland als "antideutsch" zu verunglimpfen. Die Kampagne gegen Nanni Loys späten neorealistischen Film war ein letzter kollektiver Versuch der BRD -Medien, "ausländische" Kritik am faschistischen Deutschland vorauseilend mundtot zu machen. Loys "Le quatro giornate di Napoli" ist aber, anders als andere italienische Filme der Zeit, nicht in den westdeutschen Verleih gekommen. Wolfram Schütte

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erstellt am 28.4.2015